DAAD-magazin: Ein diplomatischer Dissident

Asghar Farhadi, iranischer Regisseur und ehemaliger Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD, ist Mitglied der Jury der Berlinale 2012. Im vergangenen Jahr war er in Berlin mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet worden, in diesem geht sein Film „Nader und Simin – Eine Trennung“ als bester fremdsprachiger Film ins Rennen um einen Oscar. Einen Golden Globe hat er schon im Januar gewonnen.

Die Frage ist womöglich leichter zu beantworten als jene nach der Henne und dem Ei, knifflig und vertrackt ist sie dennoch: Wer hat dem jeweils anderen mehr zu verdanken, die Filmemacher oder die Filmfestivals? Die Berlinale hat Asghar Farhadi viel Glück gebracht. 2009 hat er für „Alles über Elly“ einen Silbernen Bären als bester Regisseur erhalten. Zwei Jahre später gewann „Nader und Simin – Eine Trennung“ den Goldenen Bären als Bester Film und je einen Silbernen für das weibliche und das männliche Darstellerensemble. Aber Farhadi hat auch der Berlinale Glück gebracht. 2009 bereicherte sein Film einen eher mittelprächtigen Wettbewerb, und 2011 setzte er einem sehr schwachen Wettbewerb ein Glanzlicht auf. Nun sitzt er selbst vom 9. bis 18. Februar in der Jury und wird diesem Amt gewiss große Ehre machen: All seine Filme setzen sich mit dem Problem des Urteils auseinander, beleuchten es aus verschiedenen Blickwinkeln und nähern sich ihm mit großer, präziser Umsicht. Die Jurytätigkeit ist freilich auch ein Indiz für die enge Verbindung, die er in den letzten Jahren zu Berlin geknüpft hat.

Berlin gibt Impulse

Die Idee zu „Nader und Simin“ kam ihm 2009, als er „Alles über Elly“ in Berlin vorstellte. 2011 hat er als Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern mehrere Monate in der Stadt gelebt. Das Projekt, mit dem er sich für dieses Stipendium beworben hatte, handelt von Immigranten in Berlin. Er wollte sich auseinandersetzen mit dem Thema Auswanderung und deren Konsequenzen. Dafür war es ihm wichtig, die deutsche Kultur besser kennenzulernen und, wie er in seiner Begründung schrieb, „den Menschen näher zu kommen“. Dieser Wunsch fasst sein filmisches Werk trefflich zusammen: Es ist geprägt von einer vorurteilslosen Neugierde auf die Charaktere und die Verhältnisse, in denen sie leben. Während seines Aufenthalts in Berlin hat er sich in der Öffentlichkeit rar gemacht – auch, um seine Familie abzuschirmen gegen die Anforderungen einer plötzlich errungenen Berühmtheit.

Der Goldene Bär für „Nader und Simin“ war der Ausgangspunkt eines beispiellosen weltweiten Triumphzuges. Farhadis Film hat nicht nur in seiner Heimat Besucherrekorde gebrochen, sondern wurde in Europa, vor allem in Frankreich, zu einem enormen Erfolg an den Kinokassen. Seither hat er zahllose Preise gewonnen und geht als Favorit in das Rennen um den Oscar für den besten fremdsprachigen Film.

Entlarvende Genauigkeit des Blicks

In den Filmen des 1972 im iranischen Khomini Shar geborenen Regisseurs erfährt man fast beiläufig, wie nebenbei, viel über die Grenzen, die der Freiheit in seiner Heimat gesetzt sind. „Wer verstehen will, was den Revolutionen in Tunesien und Ägypten vorausging“, schrieb der „Tagesspiegel“ emphatisch, „braucht nur ‚Nader und Simin‘ zu sehen.“ Wie eng die Grenzen der künstlerischen Freiheit im Iran sind, zeigen die sechsjährigen Haftstrafen, mit denen Farhadis Kollegen Jafar Panahi und Mohammed Rasoulof belegt wurden. In Berlin hat er seine Solidarität mit den beiden Freunden wiederholt bekundet, sich aber nicht hinreißen lassen zu lautstarken Angriffen gegen das Regime. Er ist ein Dissident, aber ein diplomatischer. Seine Filme will er nicht auf ihre politische Aussagekraft reduzieren lassen. Diese Lesart würde sie einengen. Seine Filme erzählen von der Zerrissenheit seines Landes, dem Widerspruch zwischen Tradition und Aufbruch, indem sie präzise das Milieu der gebildeten Mittelklasse schildern. Politische Sprengkraft ersetzen sie nicht durch einen unverbindlichen Humanismus, sondern eine Genauigkeit des Blicks. Wo andere Filmemacher nur Eindeutiges erkennen, entdeckt er Vielschichtigkeit.

Mutige Gratwanderungen
Diese Genauigkeit des filmischen Blicks wurde nicht zuletzt geschärft durch Farhadis vorherige Theaterarbeit. Nachdem er in den 1980er-Jahren fünf Kurzfilme gedreht hatte, begann er in Teheran mit dem Studium der Theaterwissenschaften. Drei selbstverfasste Stücke hat er seitdem inszeniert, die beeinflusst sind von Ibsen und Tschechow und seiner Bewunderung für den Theatermagier Peter Brook. Die Bühnenarbeiten öffneten ihm die Tür zum Fernsehen und ermöglichten es ihm bald darauf, seine ersten Langfilme zu inszenieren. Sie schildern die Konflikte zwischen traditioneller, religiös geprägter Lebensweise und dem Selbstbewusstsein einer urbanen Mittelschicht, die weltoffener ist und dadurch zur Triebfeder einer gesellschaftlichen Erneuerung werden könnte. Sie stellen eine mutige Gratwanderung dar. Sie überlisten die Zensur, indem sie ihre Aussagen kunstvoll in Untertönen, in der Atmosphäre offenbaren. In seinem nächsten Projekt, über das er diskretes Schweigen bewahrt, könnte sich die Fluchtbewegung fortsetzen, die sich zu Beginn von „Nader und Simin“ ankündigt: In der ersten Szene sagt die Ehefrau vor dem Scheidungsrichter, sie wolle nicht, dass ihr Kind unter den aktuellen Bedingungen in diesem Land aufwächst. Sein sechster Film handelt dem Vernehmen nach von einer Iranerin, die ihre Heimat verlässt, um in Frankreich einen Mann zu treffen, den sie über das Internet kennengelernt hat. Die Figur wird womöglich neugierig und weltoffen sein wie ihr Regisseur. Aber vielleicht ist sie sich ihrer Wurzeln auch ebenso gewiss wie Asghar Farhadi. „Meine Zukunft“, sagt er zuversichtlich, „liegt im Iran.“Apropos Berlinale: Das Berliner Künstlerprogramm des DAAD vergibt auch 2012 – wie seit 2006 regelmäßig – einen Kurzfilmpreis. Der Preis beinhaltet einen dreimonatigen Aufenthalt als Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD, bei dem der Preisträger seiner kreativen Arbeit nachgehen kann. Den Preisträger kürt dieselbe dreiköpfige Jury, die auch die anderen Kurzfilmpreise der Berlinale vergibt. Im vergangenen Jahr hatte die chilenische Regisseurin Maria José San Martín den Preis für ihren Debütfilm „La Ducha“ gewonnen.

Posted on 17. Februar 2012, in Empfehlungen, Film, Interview, Literatur, Medien, Meinungen, Politik and tagged , , , , , , , , . Bookmark the permalink. 1 Kommentar.