Leben im Sarg – geschrieben von Abbas / Abolhassan Rahimian

Leben im Sarg

In der islamischen Republik Iran als Politiker oder Politikerin festgenommen und ins Gefängnis gesteckt zu werden bedeutet das Gleiche, als würde man lebendig begraben.

Man hat keine Rechte und muss alle Hoffnung fahren lassen, wieder herauszukommen.

Erinnerungen eines Gefangenen

Den Menschen gewidmet, die für die Freiheit gestorben sind.

30/10/2010

geschrieben von Abbas / Abolhassan Rahimian

Vorwort 4

Die Verhaftung am 20 September 1981. 5

Im Politikergefaengnis Evin  8

In der Folterkammer: Wo sind deine Waffen?  9

Eine verhängnisvolle Nacht auf dem Flur 12

Tränen und Schreie von Müttern und Kindern  15

Endloses Warten im Trakt 3 oben  17

Jeder Gefangene erzaehlt seine Geschichte  20

Der glaeubige alte Schechi, der Leiter der Zaehlkommission  21

Wir richten uns in Ghezel Hesar ein  32

Bei der damaligen Demonstration waren viele Leute vom  Geheimdienst anwesend. Auch viele Fotografen waren dabei und viele fremde Leute, die ich nicht kannte. Im Evin-Gefängnis gab es einen Diaprojektor, mit dem Bilder von Demonstrationen an die Wand geworfen wurden. Man versuchte auf diese Weise, Leute aus der Masse zu identifizieren. Viele Leute wurden auf diese Weise erkannt und später festgenommen. So konnte man sie wegen ihrer Teilnahme bei bestimmten Aktionen zur Rechenschaft ziehen. 33

Der 14 jaehrige Ali wird verhört 51

Unsere Fahrt zurück  nach   Evin: 53

Tabvab Behzad Nezami und die jungen Gefangenen  58

Inhaftierte Künstler mussten Portraits an die Waende malen  60

Wie es den Mitgliedern der Tudehpartei erging  61

Farzad Jahad, Schahrukh Jehangiri,  Gholamresa Khasei, Khosro Lotfi, Mohamad Behrami, Nezhad Abolfelz  Behrami Nezhad waren auch Armeeangehörige. Sie waren politisch aktiv und Mitglieder der Tudehpartei im Iran. Daher galten sie als Spione. Sie waren vor das Militaergericht gestellt und von Rei Schari, dem Armeestaatsanwalt und Henker, zum Tode verurteilt worden. Dann waren sie nach Evin gekarrt worden, wo sie noch einmal verhört wurden. Direkt nach dem Verhör wurde normalerweise die Hinrichtung durchgeführt. Ladjeverdi hatte vor, die, die nicht hingerichtet wurden, kleinzukriegen und eventuell umzuerziehen. Das war Teil der Strategie, das islamische System zu erhalten. Die Taktik war, dass die Gefangenen sich anpassten und verbogen,  um nicht getötet zu werden. 61

Ausbildungskarriere zum Tabvab und zum Unterdrücker 63

Djewad,  21 Jahre alt, war auch Volksmudjahedin. Ich hatte ihn schon vor vier Jahren kennengelernt. Damals, 1981, war er erst 17 und hoffte, bald freigelassen zu werden(Trakt3) IN Evin . Später, 1985, kam er in die Schneiderei,  aber er war ganz kaputt, völlig kopflos. Die Tabvab machten  Spaeße mit ihm, piesackten und beschimpften ihn übel. Manchmal saß er strampelnd auf dem Boden und heulte wie ein Schlosshund. Er war nur  kurze Zeit bei uns. Als sein Zustand sich rapide verschlechterte und er immer verrückter wurde, holte man ihn aus unserem Trakt 2 (Shule)  heraus. 65

Eigene Überlegungen zum islamistischen System   65

Das Gefaengnis Evin: das Paradies auf Erden von heute! 67

Ein französischer Journalist von „Le Monde“ erkundigt sich… 69

Neue Einzelzellen in Evin zum Ausruhen! 70

Junge Frauen „müssen“ vor ihrer Hinrichtung vergewaltigt werden  71

Ein hartnaeckiger Journalist 73

Die Kommunisten um Hossein Riahi Tadjmir 75

Der Schneider Herr Abbas Rushansade  76

Andere Mithaeftlinge: Willkür ohne Ende  83

Freitagsgebet und der Zwang zum Schneidersitz  85

Aufstehen! Als kaeme der Prophet persönlich. 88

Interviews der Gefangenen für das Guten Morgenprogramm   90

Das „Ichwillnochleben“ Ritual 94

27. September 1986: „Abbas, steh auf!“  97


Vorwort

Im Jahr 1950 wurde ich in Ramzar, am Kaspischen Meer im Norden Irans,  geboren. Die Schule besuchte ich in meiner Heimatstadt und in Rascht, wo ich den gymnasialen Abschluss erhielt. Im Jahre 1970, während des Wehrdienstes, wurde mir durch meine Kameraden und durch eigene Studien die politische Lage in meinem Herkunftsland und die Weltpolitik bewusst.

Nach der Beendigung des Wehrdienstes begann ich in Täbris das Studium im Fachbereich „Französische Sprache und Literatur“. Ich war stark in studentischen Bewegungen aktiv und wurde deshalb 1973 verhaftet. Nach der Freilassung aus dem Gefängnis wurde ich der Universität verwiesen. Man entzog mir „auf ewig“ die Erlaubnis zum Studium im Iran.

Ab 1974 arbeitete ich in verschiedenen Firmen in Teheran. Ab 1976 bis zu meiner Verhaftung im Jahr 1981 arbeitete ich bei der „Zaderat Bank“. 1978 heiratete ich. Meine Frau hat zwei Kindern das Leben geschenkt. Weil ich mich nicht wie meine Frau zum islamischen Fundamentalismus entwickelte, wurden wir 1995 geschieden. Von 1989 bis 1998 arbeitete ich wieder bei der Zaderatbank.

Nach der Februar-Revolution (1978) wurde ich 1981 wegen politischer Aktivitäten verhaftet und verbrachte fünf Jahre, bis 1986, in verschiedenen Gefängnissen. Nach der Freilassung wurde ich ständig bedrängt und war von Festnahme bedroht. Als mehrere meiner politischen Freunde verhaftet wurden, entschloss ich mich 1998, zu fliehen.

Ich habe immer nach einer Möglichkeit gesucht, um die verbrecherischen Handlungen des islamischen Regimes in den Gefängnissen an die Öffentlichkeit zu bringen. Aus diesem Grund schreibe ich hier in Deutschland meine schrecklichen Erlebnisse aus dem Kerker nieder.

Ich bin kein Literat und habe keine besondere literarische Begabung. Was ich in diesen Erinnerungen schildere, ist die reine Wirklichkeit, die ich als Augenzeuge berichte.

Im Jahr 1999 fing ich an, dies Buch zu schreiben. Zuerst schrieb ich es mit der Hand auf persisch auf. Ich hatte so viel Schlimmes erlebt. Aber viele Menschen glaubten mir nicht, was ich erlebt hatte. Sie glaubten, ich würde lügen, um mich zu rechtfertigen. Zehn Jahre nach meiner Flucht und erst recht nach der Betrugswahl im Iran begannen immer mehr Menschen, zu begreifen, was für ein grausames System die Islamische Republik Iran ist. Es hat sich seit meiner Flucht noch mehr zum Schlimmen  entwickelt.  Fast scheinen meine Berichte harmlos zu sein.

Ich bedanke mich bei allen, die mir bei dieser Arbeit geholfen haben. Ich habe die Hoffnung, dass wir dadurch dazu beitragen können, dass die Menschen im Iran frei werden.

Abolhassan (Abbas) Rahimian


Die Verhaftung am 20 September 1981.

Es war Mitte 1981, im Iran schrieb man das Jahr 1360. Abends, am 29. Shahrivar (20. September) befand ich mich in Teheran. Es war in der Innenstadt, an der Kreuzung Rezai Nawab. Ein Bediensteter der islamischen Polizei (Pasdar) packte mich und zerrte mich mit Gewalt in einen Peugeot. Dort saß ich vorne zwischen dem Fahrer und einem andren Pasdar, während sich drei weitere Pasdar im hinteren Bereich aufhielten. Einer war ein so genannter Haci. Das bedeutet, er war in seinem Leben mindestens einmal in Mekka gewesen. Das war der Chef der Gruppe.

Der Pasdar, der mich ins Auto gezerrt hatte, setzte sich vorne neben mich und drückte mir unvermittelt ein Maschinengewehr an die Brust. Ununterbrochen wurde ich mit Fragen bombardiert: Was ich denn hier zu suchen hätte, ob ich Mahmud kennen würde, welches meine Pläne seien. Natürlich war ich total überrumpelt und hatte große Angst. Die Fragen des Haci waren begleitet von Schlägen, die mir  der Mann hinter mir versetzte. Während seine Hände gegen meinen Hinterkopf hämmerten und ein anderer das Maschinengewehr immer wieder heftig gegen meine Brust stieß, versuchte ich meine Gedanken zu sortieren. „Nein, ich kenne keinen Mahmud. Ich bin kein Politiker. Nein, ich habe kein besonderes Vorhaben. Ich bin lediglich auf der Suche nach einer Mietwohnung für mich und meine Familie!“ brachte ich heraus.

Die Besatzung des Peugeots registrierte bei ihrer Fahrt die Kennzeichen von Autos und versuchte, gestohlene Autos, in denen vielleicht linke Politiker waren, herauszufinden. Die Stimmen der wurden immer lauter, und die Fragen der Polizisten kamen immer schneller, so dass ich keine Chance hatte,  zu antworten. Wollte man überhaupt eine Antwort von mir? Was sollte das alles? Ich fragte den Mann mit dem Maschinengewehr, warum er mich bedrohte und was mir eigentlich zur Last gelegt wird.

Meine drei Freunde Mahmud Babai, Hassan Djalali und Loghman Madaen waren gleichzeitig verhaftet worden. Die Polizisten versuchten, einen Zusammenhang zwischen uns herzustellen. Wieder betonte ich, keinen dieser Leute zu kennen. Pausenlos löcherten sie mich mit ihren Fragen. Meine Angst wurde immer größer. Sie lachten böse. Es ging mir durch und durch. Ich hörte, wie sie fragten:

Wollen wir ihn sofort umbringen oder erst noch ausquetschen?“

Es entwickelte sich jetzt ein Dialog zwischen dem Mann, der mich mit dem Gewehr bedrohte und dem Haci.  „Haci, lass es uns zu Ende bringen!“ rief er ihm zu. „Die Gelegenheit ist günstig. In dieser ruhigen Umgebung können wir ihn erschießen und einfach aus dem Wagen werfen, hier ist ein guter Platz dafür. Beenden wir es!“ Er verwendete ein iranisches Sprichwort. Es heißt übersetzt soviel wie: „Schade um das Brot.“ Das wiederholte er viermal. Aber der Haci ließ sich von ihm nicht dazu bewegen.

Mir fiel das Gesetz ein, das der Revolutionsstaatsanwalt  Musavi Tabrizi erwirkt hatte: Im Iran durfte ein potenzieller Straftäter an Ort und Stelle hingerichtet werden, wenn man ihn festgenommen hatte. Weder eine Verhandlung noch ein Urteil waren erforderlich. Es lag einzig im Ermessen der Pasdar. Wieder schlug der Mann dem Haci vor, die ganze Sache zügig zu beenden, was der Haci jedoch ablehnte: „Lass nur. Wir werden uns diesen schmutzigen Kommunisten noch vorknöpfen. Er wird alle unsere Fragen beantworten.“

Wir waren jetzt ungefähr eine Stunde mit dem Peugeot unterwegs gewesen, während ich die ganze Zeit den Tod vor Augen hatte. Ich hatte keine Orientierung mehr und die Angst saß mir im Nacken. Immer noch im Auto, schlugen die Männer mich mit Fäusten und stießen Schimpfwörter aus.

Wir fuhren unter lautem Gezeter der Männer weiter die staubige Straße entlang. Jetzt begann auch noch der Fahrer des Wagens, mich mit dem Ellenbogen in die Rippen zu stoßen. Da! Er traf jetzt mit seinem Ellenbogen meine Magengrube. Vor Schmerz stöhnte ich auf. Ob er sich für seine Loyalität dem Haci gegenüber einen guten Platz im Paradies erhoffte?  Während mir dieser Gedanke durch den Kopf schoss, fuhren wir auf einen Parkplatz vor dem früheren englischen Konsulat. Das Gebaeude gehörte früher dem Schahregime. Heute ist es ein Gebaeude des Islamischen Komitees.  

Schließlich, im  Hof des Komitees, wurde ich aus dem Auto herausgeschubst.

Ich sah einen jungen Mann mit langem Bart. Mit seinen chinesischen Sportschuhen tänzelte er provozierend vor mir herum und bedrohte mich mit den Fäusten. Schließlich gab er mir harte Fußtritte und drückte mich mit den Fäusten gegen die Wand. Es sah so aus, als hätte er Kung-Fu geübt. Ich selbst hatte ja kurz nach der Revolution, als fast alles wieder verboten worden war, einige Monate zusammen mit einigen anderen Maennern, heimlich bei einem Kung Fu Meister diesen Kampfsport gelernt.

Der junge Mann dachte wohl, dass er in seiner Sache Meister sei und wollte seine Pasdaran-Brüder beeindrucken. Sie schlugen mich etwa eine halbe Stunde und banden mir dann die Augen zu. Sie brachten mich in einen Saal. Es könnte ein Theatersalon gewesen sein. Ich stolperte mit der Binde vor den Augen einige Holzstufen herauf und wurde auf einen Klappstuhl aus Metall gesetzt.

Jemand sagte mir: „Setz dich, mal sehen, ob du hier hingerichtet wirst oder im Evin-Gefängnis“. In dieser Zeit begannen meine starken  Körperschmerzen, vor allem am Kopf. Die Nervenbelastung wurde unerträglich. Dieses Dunkel um mich herum machte mir Angst. Ich hörte, dass jemand leise in meine Naehe kam. Er sagte leise in mein Ohr: „Du bist ein Scheißkommunistenschwein!“ Plötzlich prasselten seine Schlaege auf mich lief er weg.

Danach fiel ich mit dem Stuhl etwa einem Meter tief herunter. Wahrscheinlich hatte ich vorher direkt am Rand der Bühne gesessen.  Dann schrie mich jemand anders  an: „Was bildest du dir ein? Warum gibst du uns keine Informationen? Willst du dich selber umbringen?“ Wahrscheinlich dachte er, ich hätte eine Zyanur-Tablette im Mund. Das war jedoch nicht der Fall. Ich war so überrumpelt, dass ich ncht schnell genug antworten konnte. Voller Ungeduld schlug er, zusammen mit anderen, auf mich ein. Sie traktierten mich mit Fausthieben und Fußtritten. Die Schläge trafen mich am Kopf, mitten im Gesicht, überall. Ich hatte wahnsinnige Schmerzen am ganzen Körper. Dabei schimpften sie lauthals und gaben wüste Beleidigungen von sich.  Meine Augen waren immer noch zugebunden. Im Innern hoffte ich, dass sie keine Beweise gegen mich vorbringen konnten und ich frei käme. Dann wurde ich ohnmaechtig.

Als ich wieder zu mir kam, hörte ich jemanden sagen: „Mahmad, bring ihn in Untersuchungshaft. Morgen in Evin werden wir Methoden finden, um sein Wissen aus ihm herauszupressen.“ Zwei Leute zerrten mich in einen anderen Raum direkt hinter dem Saal. Dort wurde mir die Augenbinde abgenommen. Ich sah einige Gefangene, teilweise hatten sie blutige Gesichter und Platzwunden. Sie sahen furchtbar aus. Mahmud, Hassan und Loghman waren  nicht dabei. Wir verbrachten die ganze Nacht  in diesem Raum.

Am nächsten Morgen wurde von jedem Gefangenen ein Passfoto gemacht. Wieder wollten sie unseren Namen, Adresse und unsere Arbeitsstelle wissen. Es sollte nicht unsere Endstation gewesen sein: Wir wurden in mehrere Autos verfrachtet.

kam eine Meldung im Internet (2010), dass zwischen diesem Gebaeude und und einem anderen Gebaeude des britischen Hauptkonsulats ein Tunnel existierte, durch den englische Spione, aber auch Prostituierte in das englische Konsulat gelangt waren.


Im Politikergefaengnis Evin

Für unseren Transport wurde die ganze Straße abgesperrt. Es wurde  eine Eskorte aus mehreren Autos, Motorrädern gebildet. Sogar ein Taxi war dabei. Ich und drei andere Gefangene saßen in einem Landrover. Alle Fahrzeuge bewegten sich in Richtung Evin-Gefängnis. Wir fuhren durch das große Tor des Gefängnisses ein. Auch hier wurden mir die Augen verbunden, diesmal noch fester als vorher. Meine Schläfen pochten. Wieder stieg mir die Panik hoch.

Wir waren etwa 20 Personen. Zuerst wurden wir alle in eine Reihe gestellt, wo wir ungefähr eine Stunde warten mussten. Dann zwangen sie uns, in die Hocke zu gehen und zu kriechen. Ein Pasdar rief: „Hier ist ein schrecklicher Tunnel! Passt auf Eure Köpfe auf!“ Da wir ja alle die Augen verbunden hatten, beschrieb er uns die nähere Umgebung. Es war absolute Angstmache und Einschüchterung.

Um uns noch weiter unter Druck zu setzen, erzählte er uns von verschiedenen Foltermethoden: Abziehen der Fingernägel, Traktieren mit Stromkabeln. Außerdem gaebe es ein elektrisches Bett, und , direkt neben dem Hinrichtungsraum einen Platz, um ein Testament zu schreiben. Dabei herrschte er uns immer wieder an: „Passt auf Eure Köpfe auf!“

Wir fühlten über uns Baumäste, so schien es, als wären wir im Wald. Alles wirkte überaus gefährlich auf uns. Zwischendurch waren Treppen, die wir einige Male auf- und ablaufen mussten. All das immer noch mit verbundenen Augen.

Im Laufe der Zeit wurde uns klar, dass die Pasdaran zwei Absichten hatten: Erstens wollten sie herausfinden, ob wir die Umgebung kannten. Wie würden wir uns orientieren können? Sie wollten durch diese Bewegungsabläufe herausfinden, ob wir uns dort schon einmal aufgehalten hatten. Zweitens wollten sie, dass wir Angst hatten und die Orientierung verloren.

Durch Druck und Folter wollten Sie aus uns so viel Informationen wie möglich herauspressen. Jetzt begann die Befragung, die eine Stunde dauerte. Sie hatten unsere Passbilder und verschiedene Aktennotizen dabei. Um uns getrennt verhören zu können, wurden wir in verschiedene Räume verteilt. Ich kam in Abteilung  2, dorthin kamen auch meine Akten.


In der Folterkammer: Wo sind deine Waffen?

Nach ungefähr drei Stunden wurde ich in die erste Etage verfrachtet. Durch die zuvor geschilderten Bewegungsabläufe, die ja alle mit verbundenen Augen gemacht werden mussten, hatte ich Gleichgewichtsstörungen. So taumelte ich nur noch. Die Ungewissheit, was mit mir geschehen würde und der ganze Stress, dem ich ausgesetzt war, machten mich total fertig. Beim Eintritt fragte mich sofort jemand: „Abbas, wo sind Deine Waffen?“ Ich hatte kaum die Lippen geöffnet, da traf mich schon der erste Schlag. So schnell konnte ich gar nicht antworten. Durch den Schlag zu Boden gestürzt, stieß ich mir den Kopf an einem Stuhlbein.

Der ganze Raum war erfüllt von einem ekelhaften Gestank, eine Mischung aus Blut, Eiter und Verwesung, so kam es mir vor. Sofort zog mich jemand an der Hand hoch und herrschte mich an: „Wohin so eilig? Wir haben mit dir noch zu reden! Warum lässt du dich hinfallen? Willst du dich selber umbringen?“ Er sagte noch ein Schimpfwort: „Martike“ Das bedeutet Blödmann oder Idiot.

Der Mann musste von großer Statur  sein. Plötzlich zog  er meine Arme nach hinten und drückte sie mir in den Rücken. Gleichzeitig schlugen von vorne zwei andere Pasdar  auf mich ein.

Schließlich sagte der Mann: „Setz dich auf den Stuhl und schreib alles auf: Den Namen deiner Organisation und alles, was du über Mahmud, Hassan und Loghman weißt. Alles!“

Natürlich habe ich abgestritten, diese Leute auch nur zu kennen und habe die Polizisten angefleht, mir endlich zu glauben. Das Ganze wiederholte sich immer und immer wieder.  „Ich kenne auch keine solche Organisation“ erklärte ich. Nachdem ich gesagt hatte „Ich habe Frau und Kinder und bin berufstätig“ zog mich jemand vom Stuhl hoch, während ein anderer mich boxte. Jemand stellte mir ein Bein und ich stolperte.

Zwei bis drei Leute schlugen weiter auf mich ein. Insgesamt mussten es vier Folterer gewesen sein. Einer hielt meine Arme fest und zog sie zur Seite, während ein anderer meine Beine hochhob. Ein anderer packte  meinen Kopf und hielt ihn fest. Auf meinen Fußsohlen spürte ich Schläge, die mir mit einem Kabel gegeben wurden. Es tat furchtbar weh. Unter Schreien stritt ich weiterhin alles ab, aber es half nichts. Während dieser Tortur hörte ich aus den Nachbarzimmern markerschütternde Schmerzensschreie. Es waren junge und alte Leute, Männer und Frauen. Es ging mir durch Mark und Bein.

Als sie mich wieder losließen, stieß ich vor Panik meinen Kopf hin und her, gegen die Wand, gegen den Stuhl.

Da packte der Pasdar meinen Kopf wieder und klemmte ihn zwischen seine Knie. Vor Wut drückte er mir den Mund zu und fuhr mich dabei böse an. Er hielt meinen Kopf nicht aus Mitleid, sondern weil er verhindern wollte, dass ich mich selber umbringe, ohne vorher ein Geständnis abzulegen.

Nach einigen Minuten musste ich aufstehen und auf der Stelle marschieren. Dabei schrie ich laut. Das Blut zirkulierte nun wieder. Sie schlugen mich immer weiter und fragten mich noch einmal, ob ich Zyanur im Mund hätte. Ich verneinte dies, worauf er mir befahl, den Mund zu öffnen. Er steckte mir eine zusammengewickelte Rolle Verbandmull in den Mund. Dieser Mull war vorher bereits verwendet wurden, da er blutig und eitrig war. Das Material stank dadurch widerlich. An der Mullverbandkugel war ein langes Band. Nachdem er mir die Kugel tiefer in den Mund geschoben hatte, wickelte er mir das Band um den Kopf. Ich musste mich dann auf den Boden legen. Er nahm einen Gürtel und legte ihn um meinen Hals, um mich damit am Bettpfosten festzubinden.

Auf dem Bett lag ein anderer Gefangener. Ich hatte mitbekommen, dass er Pilot bei der Armee gewesen war und man ihm vorwarf, bei der Organisation Mudjahedin zu sein. Er stritt alles ab und schwor bei Gott, keine Waffen zu besitzen. Sie traktierten ihn mit ihrer Pistole, schlugen ihn und sagten: „Du Schwein, du Lügner“. Sie quaelten ihn und taten so, als würden sie ihn erschießen, um ihm Angst einzujagen. Er weinte und bettelte sie an, aufzuhören, er würde alles sagen. Wenn sie ihn dann aber genau fragten, sagte er, er wüsste ja gar nichts. So ging es immer weiter.

Der Gürtel engte meinen Kopf furchtbar ein. Ich versuchte, mich ein wenig zu bewegen, um etwas Erleichterung zu finden. Aber es funktionierte nicht. Der Gürtel war so fest wie Handschellen. Weil ein Folterer mich beobachtet hatte, schlug er mich mit Peitsche und einem Kabel  an Händen und Füßen. Die ganze Tortur muss etwa zwei Stunden gedauert haben.

Zwei Tage lang erhielt ich weder Essen noch etwas Trinkbares. Das schwaechte mich sehr. Mir wurde aber langsam klar, dass sie nichts gegen mich in der Hand hatten. Sie hatten keine Beweise gegen mich. Offensichtlich hatte mein Kumpel Mahmud nichts über mich ausgesagt. Das gab mir einen neuen Hoffnungsschimmer.

Dann musste ich wieder in die Folterkammer. Jemand drückte mir Stift und Papier in die Hand und sagte: „Setz dich und schreib alles auf!“. Von den Schlägen war meine Hand so geschwollen, dass ich den Stift nicht greifen konnte. Der Chef der Folterkammer sagte: „Lass ihn ’raus, Mann. Der kommt sowieso später an und schreibt uns freiwillig alles auf.“

 

 Ich wurde dann herausgelassen. Ich konnte überhaupt nicht aufrecht gehen, sondern nur kriechen wie ein Kind von vier bis fünf Monaten. Auf dem Flur neben einer anderen Kammer setzte  ich mich auf den Boden.

Am nächsten Morgen, als ich zur Toilette gehen wollte, begegnete ich Mahmud. Auf der Toilette durften wir die Binde etwas hochheben. Unsere Blicke trafen sich nur ganz kurz – und doch erkannte ich an seinem Blick und dem angedeuteten Kopfschütteln, dass Mahmud nichts über mich gesagt hatte. Das gab mir zusaetzliche Hoffnung für mein Leben. Schlagartig wurde mir klar, dass ich knapp der Hinrichtung entronnen war.

Allerdings würde sich morgen das Ganze wiederholen, da war ich mir sicher. Und so kam es auch: Wieder Befragungen, wieder Schläge. Diesemal verschonten sie wenigstens meine Hände. Natürlich bestritt ich wieder alles, was mir zur Last gelegt wurde. Vorerst konnte ich gehen und schöpfte neue Zuversicht.

Es war schwer, sich zeitlich zu orientieren. Ich kannte die Regel, dass Frauen und Kinder nur tagsüber vernommen wurden. Dadurch wusste ich, wann Tag war. Um mich selbst zu beschaeftigen und abzulenken, linste ich immer unter meiner Augenbinde durch und starrte auf meine Computeruhr. Ich verfolgte immer den Sekundenzaehler bis zur 60 und dann fing ich wieder von vorne an.

Ich betonte immer wieder, keine der genannten Personen zu kennen und selber auch kein Politiker zu sein. Beharrlich blieb ich bei meiner Aussage und wiederholte sie ständig. Meine Hoffnung war, dass sie mich aus Mangel an Beweisen bald wieder freilassen würden. Aber es fing wieder von vorne an mit Folterungen, insgesamt 15 Tage lang.

Endlich sagte der Chef der Folterer: „Das reicht, lasst ihn los. Er hat nicht gelogen. Wir müssen ihn bald freilassen.“ Er schrieb einen Bericht und verlangte von mir, diesen zu unterschreiben. Er sagte, dass ich bald zu meiner Frau und meinen Kindern zurückkehren könnte.

Am  5. Mehr (27. September) nachts wurden mehrere Namen aufgerufen, unsere Vornamen und die Vornamen von  unserer Vaeter. Nachdem  Mahmud Djavad, Loghman Abbas, Hassan Akber und ich, Abbas Mohamad und viele andere aufgerufen worden waren, stellten wir uns alle in einer Reihe auf. Ich dachte, sie würden uns in verschiedene Abschnitte des Gefängnistrakts verteilen. Tatsächlich wurden wir aber in den Hof gebracht,

Einige Pasdaran mit Maschinengewehren verspotteten uns. Sie fragten zum Beispiel: „Bekommst du lieber Schläge gegen Deinen Kopf oder gegen Dein Herz?“ Mit weiteren ähnlichen Fragen verhöhnten sie uns. Eine ganze Zeit lang mussten wir uns das  anhören.

Ein Gefangener nach dem anderen wurde jeweils für eine Minute verhört und dann wieder herausgelassen. Dann war ich an der Reihe. Ladjewardi, ein Staatsanwalt, in Evin als großer Henker bekannt war, stellte allen Gefangenen von jeder  zwei bis drei Fragen. Das ging ganz schnell.

Mich fragte er, ob ich ein Sympathisant von Aghaliat(Organisation FedaianMinderheit) wäre. Natürlich habe ich das bestritten. Ich sei weder Politiker noch haette ich irgendwelche Interessen in dieser Hinsicht.

Ich sagte: „Während der Revolution habe ich hin und wieder Zeitungen gelesen, was ja zu dieser Zeit auch nicht verboten war.“ Dann erwähnte ich noch, dass ich Frau und Kinder habe. Er fragte mich: „Bist du Muslim?“ Ich bejahte. Dann fragte er mich: „Betest du?“  Nachdem ich auch das bejaht hatte, verscheuchte er mich schließlich mit den Worten: „Raus jetzt, geh weg.“

Dann wurde Hossein hereingeschickt. Kurz darauf kam er weinend heraus und schrie: „Ich weiß nicht, wo mein Bruder ist. Ich interessiere mich nicht für Politik. Ich arbeite in einer mechanischen Werkstatt. Heute hat man mich auf der Straße verhaftet, zusammen mit anderen Leuten.“ Im Gefaengnis Ghezel Hessar erzaehlte Hassan spaeter, dass Hossein sein Bruder sei. „Weil er mein Bruder war, wurde er hingerichtet“.

Kurz danach nahm der Pasdar mich am Arm und zog mich in die erste Etage zu den Folterkammern. Dai Djalil (Onkel Djalil), der Hauptverantwortliche, sah mich und sagte: „Wie kommt das, dass du zurückgekommen bist? Da hast du aber Glück gehabt! Alle anderen sind hingerichtet worden!“ Einige Stunden spaeter wurde ich wieder ins Erdgeschoss gebracht.

Im Jahr 1999 habe ich in Deutschland in  der Zeitung der Tudeh Partei „Name merdom“ (Menschenbrief)  gelesen, dass der Ladjewardi am Abend des 5. Mehr (27 September) willkürlich einige Gefangene hinrichten lassen wollte, aber Herr Ayatolllah  Montezari habe seinen Stellvertreter hingeschickt und die Hinrichtungen verhindert. Ich habe daraufhin dazu einen Artikel geschrieben und ihn an die in Toronto erscheinende persische Zeitung „Iran Star“ geschickt.

Er erschien am 27. August 1999. Ich schrieb, dass in Wirklichkeit  weder Montazari noch sein Stellvertreter einen Einfluss auf das Geschehen gehabt hatte. Khomeini selbst hatte die Hinrichtungen befohlen. Ladjewardi, der große Henker, hatte sich mit großer Haeme am Blutbad der jungen Männer und Frauen beteiligt. Ja, sie tanzten sogar auf dem Blut der jungen Leute.

 

Eine verhängnisvolle Nacht auf dem Flur

Nach der intensiven Befragung durch den Ladjwardi kam ich auf die erste Etage zurück. Es war so üblich, dass neue Gefangene in die erste Etage verbracht wurden, wo sich auch die Folterkammern befanden. In der zweiten Etage war das Gericht. Das Erdgeschoss wurde tagsüber als Amt für die Aktenverteilung genutzt und nachts wurden Personen, deren Hinrichtung bevorstand, dort untergebracht. Als ich nun wieder auf die Erdgeschoss kam, war die Nacht fast zu Ende.

Im Flur neben der Wand legte ich mich hin. Meine Augen waren noch verbunden. In meinem Kopf herrschte wieder Chaos und ich grübelte über die ganzen Ereignisse nach. Was sollte das alles bloß? Würden sie mich wirklich freilassen? Oder war die Hinrichtung unvermeidlich? Diese Fragen gingen mir unaufhörlich durch den Kopf. Ich konnte nicht glauben, dass ich schon am Endpunkt stehen sollte. Meine Schläfe pochte durch den starken Druck der Augenbinde. Meine Angst überwältigte mich und der Stress wurde fast unertraeglich.

Am 5. Mehr, dem 27 September, wimmelte es in Evin nur so von Sympathisanten oder Mitgliedern der Organisation Mudjahedin, die bei einer Demonstration gegen das Regime auf der Straße festgenommen worden waren.

In dem Gedränge hier gab es kaum Platz zum Sitzen. Wir mussten mit mehreren auf den Hof gehen. Dort blieben wir bis zum Abend.

Meine Füße waren von den Schlägen stark angeschwollen. Deshalb konnte ich Meine Schuhe anziehen und ging barfuß. Jeder auch noch so kleine Stein drückte sich in meine Füße und verursachte zusätzliche Schmerzen. Außerdem hatte ich die Augenbinde noch auf und konnte nicht erkennen, wohin ich trat. Neben mir war ein großer junger Mann. Anscheinend tat ich ihm leid, denn er sagte: „Nimm meine Schuhe, sie sind größer als deine. Ich werde heute hingerichtet.“  Er sprach sehr mitfühlend. Er war voller Vertrauen,  dass er nach der Hinrichtung ins Paradies kommen würde.

Ein alter Mullah mit Bart, Mütze und Pyjama mit weißem Hemd darüber stand an der Toilette und sah den Gefangenen zu. Er ließ eine Gebetskette durch seine Hand gleiten. Er war der Chef der Pasdarhenker. Die Freude über die Anwesenheit der vielen Gefangenen ließ ihn grinsen. Schließlich wandte er sich an einen jungen Mann: „Wie viele Kugeln hast du abbekommen?“ Dieser antwortete: „Drei Stück, Herr Haci.“ Darauf fragte der Haci ihn, ob die Hisbollah ihn geschlagen habe. „Ja, Herr Haci“ sagte der junge Mann zu ihm. Bösartig grinsend sagte der alte Mann: „Danke Hisbollah“ und schien sehr zufrieden zu sein. Der  junge Mann antwortete ganz  ruhig: „Ich werde gern  mein  Leben als Geschenk für  Masoud hingeben.“ Masoud war der Führer der Organisation Volksmudjahedin.Iran . Der  Haci sagte nichts mehr, er war wohl etwas enttaeuscht.

Die Stimme des jungen Mannes kam mir bekannt vor. In der Reihe vor der Toilette schob ich meine Augenbinde noch mal ein bisschen nach oben, das hatte man uns erlaubt. Tatsächlich, es war der junge Mann, der mir seine Schuhe gegeben hatte! Diese Schuhe, mittlerweile blutig, sollten mich noch eine lange Zeit begleiten. Der junge Mann war an diesem Tag, dem fünften  Mehr in  einem Manöver der Mudjaheding gegen das Regime  verletzt und dann nach Evin gebracht worden. In verschiedenen Zimmern des Erdgeschosses befanden sich noch mehrere Menschen, die hingerichtet werden sollten. Ich war als einziger noch auf dem Flur. Ich legte mich auf den Boden. Die Schuhe des Mannes dienten mir als Kopfkissen.

Es war eine schreckliche Nacht. Ich wusste nicht, ob ich schließlich getötet werden würde oder nicht. Während ich grübelte, vernahm ich laute Stimmen, die beteten und Lesungen aus dem Koran. Ich war mir nicht ganz sicher, ob die Geräusche Wirklichkeit waren oder ob ich sie mir nur einbildete. Auch die Schmerzenslaute und verzweifelten Schreie der Gequälten und Gefolterten drangen zu mir durch. Manche riefen nach ihren Kindern oder Verwandten.

Etwa gegen ein Uhr nachts tauchte ein junger Mann mit Dreitagebart auf. Er war ungefähr 18 Jahre alt und trug eine Pasdaruniform. Ich hatte kein gutes Gefühl, als ich ihn sah. Ich versteckte meine Augen unter meinem Arm und lugte vorsichtig hervor. So schien es, als schliefe ich. Vorsichtig drehte ich mich ein bisschen um und schaute weiter. Sie fingen jetzt an, die Leute aus dem ersten Zimmer herauszuholen. Insgesamt waren es drei Pasdar. Mein Herz weinte. Und wieder fragte ich mich, welches Schicksal mich wohl ereilen würde.

Djalil, der Verantwortliche für die erste Etage, rief mir zu: „Da hast du Glück gehabt. Alle außer dir wurden hingerichtet.“ Ich fragte mich, warum sie mich ins Erdgeschoss zurückgebracht hatten. Ob vielleicht oben kein Platz mehr war? Oder wollten sie mir einfach nur Angst einjagen? Was auch immer. Irgendeinen Grund musste es haben.

Ich kauerte mich so zusammen, dass ich durch meine Kniebeuge vorsichtig hindurchlinsen konnte. Da sah ich die anderen Gefangenen, die hingerichtet werden sollten. Manche trugen Schuhe, manche hatten noch die Pyjamas an, denn sie waren zu Hause festgenommen worden. Die Frauen trugen Tschador.  Man konnte die kaputten, misshandelten Füße sehen. Es war furchtbar. Dieser Anblick ließ in meinem Herzen noch mehr Hass gegen das Regime aufsteigen. Auch meine Angst stieg. Es war wie Folter in Herz und Kopf. Völlig panisch presste ich mir den Unterarm vor den Mund und drückte ihn mit meiner anderen Hand dagegen. Anders konnte ich den Aufschrei und die Tränen, mit denen ich kämpfte, nicht unterdrücken. Ich hatte Angst, dass ich durch irgendeinen Ton die Pasdar noch mehr auf mich aufmerksam machen könnte. Womöglich würden sie mich dann gleich mitnehmen und hinrichten.

Ein junger Henker schrie: „Schneller, schneller.“. Seine Stimme wurde jetzt noch aggressiver. Er schrie die Betenden an, sie sollten ihre heuchlerischen Gebete beenden. Es wäre keine Zeit mehr, da das Auto gleich abfahren würde.

Kurz darauf setzte sich auch schon ein Minibus mit den Gefangenen aus Trakt  4 in Bewegung..

Weitere Gefangene standen in der Reihe. Die Pasdar bewachten sie mit Argusaugen, um sie schleunigst in den nächsten Minibus zu verfrachten. Dabei riefen einige Pasdar mit lauter Stimme: „Nieder mit Amerika! Nieder mit Russland! Nieder mit Israel! Nieder mit den Gegnern von Khomeini und nieder mit den Monafegh (falsche Mudjahedin) und nieder mit Saddam! Schließlich kam die nächste Gruppe dran. Ich wurde immer unruhiger. Es war unerträglich. Von meinem Platz im Flur aus versuchte ich vorsichtig unter meiner Augenbinde hervorzulugen. Das Gesicht hielt ich immer noch hinter dem Unterarm verborgen. Den ganzen Ablauf zu beobachten, zehrte noch mehr an meinen Nerven. Die Gesichter dieser Menschen zu sehen, die wussten, dass sie auf die Hinrichtung zusteuerten, war niederschmetternd. Das war die schlimmste Nacht in meinem Leben.

Mein Kumpel Mahmud, Hassan und Loghman gehörten zu denen, die so kaltblütig hingerichtet wurden. Erst viel später, nach meiner Freilassung, erfuhr ich etwas über die näheren Umstände von Mahmuds Tod. Nachdem Mahmud getötet worden war, brachte man seinen Leichnam in die Gerichtsmedizin. Ein  dortiger Mitarbeiter der Pathologie, selbst politisch engagiert und mit Regimekritikern organisiert, machte unbemerkt Fotos von Mahmuds Leichnam. So konnte er die Misshandlungen dokumentieren und ließ die Bilder Mahmuds Verwandten zukommen. Im Zusammenhang mit den Erzählungen der Verwandten sah ich auch die Fotos. Die Spuren der Misshandlungen waren an Armen, Gesicht und Oberkörper deutlich zu sehen. Welches Verbrechen Mahmud begangen hatte? Es war der Glaube an seine Ideale als Kommunist. Seine Mutter fragte mich: „Mein Sohn war Kommunist und sie wollten ihn hinrichten. Warum mussten sie ihn aber vorher noch so furchtba rfoltern?“ Ihre Haare waren ganz weiß geworden.

Ich lag immer noch auf dem Flur. Nachdem ich so viele verzweifelte und ängstliche Gesichter gesehen hatte, drang eine Mädchenstimme von weitem zu mir herüber.

„Bruder, warum schlägst du mich?“ fragte sie schluchzend. Die beiden Gestalten näherten sich jetzt und ich konnte die Gesichter erkennen. Das Mädchen war etwa 18 Jahre alt und kroch wie ein Baby ohne Schuhe und Strümpfe auf dem Boden. Ich erkannte das Muster des Pyjamas: Streublumen auf grünem Hintergrund. Dazu eine limonenfarbene Bluse und ein Kopftuch, das einige Zentimeter nach hinten gerutscht war und den Blick auf blondes Haar freigab. Blaue Augen schauten aus dem vollen, aber leblosen Teint. Die Panik stand dem Mädchen ins Gesicht geschrieben. Durch die Fußtritte und Schläge des Henkers angestachelt, rutschte die junge Frau über den Boden, sich mit den Händen jeweils abstützend. Die beiden waren jetzt etwa vier Meter von mir entfernt. Mein Herz verkrampfte sich und ich fing innerlich weinen an. Wieder trat der Henker nach ihr und trieb sie so zur Eile an. Dabei ermahnte er sie: „Pass auf dein Kopftuch auf!“

Sie kamen jetzt an mir vorbei und das Mädchen murmelte mir einen Abschiedsgruß zu. Ich konnte die Tränen jetzt nicht mehr zurückhalten und wurde von einem Weinkrampf geschüttelt, der einfach nicht aufhören wollte. Mit der Hand versuchte ich, diese Reaktion zu unterdrücken, aber es wollte mir nicht gelingen. Mein lautes Weinen blieb dem Henker nicht verborgen, so trat er mit dem Fuß nach mir und schnauzte mich an: „Halt die Klappe. Du bist auch bald dran.“ Dabei bezeichnete er mich als Schmutz und Müll.

Während er mir diese Worte an den Kopf warf, kam ein Pasdar zu uns herein und wandte sich an den jungen Henker: „Was ist los, Hossein? Alle warten.“ Hossein antwortete: „Schon gut, sie ist die letzte Gefangene. Dann sind wir durch.“ Sie entfernten sich langsam und ich blieb alleine auf dem Flur zurück. Ich weinte immer noch. Die Emotionen brachen aus mir heraus, als wäre innerlich ein Damm gebrochen. Leise weinte vor mich hin. Um mich herum war zwar Stille, aber die Atmosphäre war voller Blutvergießen. Die ganze Nacht verbrachte ich auf dem Flur.

Damals ich verstand ich  nicht, warum  die  junge  Frau nicht laufen konnte. Denn ihre Füße hatten keine Wunden. Jetzt, nachdem ich in Freiheit bin, verstehe ich, dass die junge Frau von Pasdaran vergewaltigt worden war. Sex als Folter war  ein  Geschenk für die Henker.  Denn wenn eine Frau als Jungfrau getötet würde, kaeme sie nach islamischer Auffassung direkt ins Paradies.


Tränen und Schreie von Müttern und Kindern

Fünfzehn Tage und Nächte hatte ich schon im Gefängnis verbracht. Sie hatten  mich wieder in die erste Etage gebracht. Ich lag erschöpft im Flur, den Kopf seitlich gegen die Wand gelehnt, die Augen fest verbunden. Die ganze Zeit hörte ich, wie andere Gefangene gefoltert wurden. Es waren Alte, Junge, Männer und Frauen. Aus der Folterkammer drangen ihre gellenden Schreie zu mir herüber. Ich vernahm das Flehen, Weinen und Schluchzen. Das durchdringende Geschrei der Kinder, die im Flur zurückgelassen wurden, während ihre Mütter beim Verhör waren, ging mir besonders nahe. Oft kam es vor, dass eine Frau in das Verhörzimmer gebracht wurde und ihr Kind einer anderen Frau auf dem Flur gab. Viele Kinder bekamen mit, wie ihre Mütter geschlagen wurden und konnten das kaum verkraften. Sie schrien immer wieder nach ihren Müttern und waren voller Panik.

Ein Kind in meiner Nähe hörte ich rufen: „Mama! Mama! Lass uns nach Hause gehen.“ Es war furchtbar. Es schrien so viele Kinder. Manche waren noch Babies. Solche, die noch gestillt werden mussten, weinten vor Hunger. Alle waren aufgeregt und ängstlich. Irgendwo fing wieder ein Kind zu schreien an und die anderen weinten mit. Dieses durchdringende Weinen und Schreien brachte mich jeden Tag mehr in Bedrängnis. Der ganze Flur hallte davon. Im Morgengrauen ging es schon los. Männer, Frauen, Söhne und Töchter – Menschen jeden Alters wurden verhört. Es war ein Meer aus Stimmen und Trauerklagen, dazu noch das laute Schimpfen des Henkers. Schon wieder wurde eine Mutter von ihrem Baby weggerissen und brach in herzzereißendes Schreien aus. Ich hörte die Stimme eines Mädchens, das sagte: „Bruder, mein Bein ist nicht bedeckt.“ Sie hatten die junge Frau unter Schlägen und Fußtritten ins Folterzimmer gebracht. Als die Stimme plötzlich unterdrückt klang, wusste ich, dass sie ihr einen Knebel in den Mund gestopft hatten.

Sie entfernten sich langsam und ich blieb alleine auf dem Flur zurück. Ich weinte immer noch. Meine Nerven lagen blank und ich drückte mich noch enger an die Wand, total zusammengekauert. Ich konnte es nicht fassen. Warum tun sie uns das an? Und wieso bin ich zu völliger Untätigkeit verdammt? Ich hätte dem Mädchen so gerne geholfen, irgendetwas gesagt oder Einspruch erhoben, aber wie? Ich befand mich ja selber in einer aussichtslosen Lage.

Hier hatte jeder die Angst im Nacken. Es ging ums nackte Überleben. Einfach nur rauskommen aus diesem furchtbaren Gefängnis! Bitterer Hass stieg in mir hoch. Gleichzeitig versuchte ich, die Verbrechen zu verdrängen. Es war nicht möglich. Meine Ausweglosigkeit, die ganze Sinnlosigkeit hier wurde mir bewusst. Meine Gedanken kreisten und ich harrte auf mein Schicksal.

Morgens, mittags und abends waren die Toilettengänge. Auf dem Weg zum WC durften wir unsere Augenbinden ein Stück hochheben. Rings um uns nur Trostlosigkeit und Bedrückung. Und doch waren dies die einzigen Ablenkungen aus unserer Misere.

Wegen der Folterungen vor vier Tagen hatte ich immer noch starke Schmerzen und konnte nicht aufrecht stehen oder gehen. Irgendwie schleppte ich mich vorwärts. Wir sollten nach der rituellen Waschung beten. Als ich nicht im Stehen beten konnte, sagte mir ein lieber Moslem-Bruder: „Dann bete eben im Sitzen, Gott kennt doch Deine Situation und erhört Dein Gebet.“

Zwei bis dreimal pro Tag bekamen wir ein etwas dünnes Brot. Es war nicht gar. Manchmal war etwas Käse drauf, so groß wie mein kleiner Finger. Manchmal, wenn die Pasdaran  wegen mehrerer Festnahmen zu beschäftigt waren, fiel die Mahlzeit auch komplett aus. Ich vermute, dass dies auch ein psychologischer Trick war. Sie wollten uns durch den Entzug von Nahrung noch mehr kleinkriegen, um so unseren Willen zu brechen. Die wenigen Nahrungsmittel, die man uns gab, waren fad und ohne Geschmack,  einfach nur geschmacklose Pampe.

So verbrachte ich die Tage dort. Es war ein ewiges Warten in Bewegungslosigkeit. Totale Hilflosigkeit. Die einzige Abwechslung waren die Toilettengänge, bei denen ich vorsichtig unter der Augenbinde hervorlugen konnte.

Um nicht wahnsinnig zu werden, versuchte ich mich auf etwas zu konzentrieren. Ich wollte mir eine Geschichte für meine kleine Tochter ausdenken. Es funktionierte nicht. Manchmal war ich nah am Ziel gewesen, aber dann verlor ich plötzlich wieder den Faden. Meine Gedanken kreisten, ich konnte mich absolut nicht konzentrieren. Das Geschrei um mich herum, meine eigene Panik – da war nichts zu machen.

So verging ein Tag nach dem anderen, bis ich eines nachts in die zweite Etage gebracht wurde, weil es in der ersten Etage zu voll wurde. Verantwortlich war Djalil. Es waren außer mir noch mehrere andere Gefangene dort.

Eine alte Frau wurde gerade brutal geschlagen. Man hatte ihre beiden Hände und einen Fuß angehoben und sie mit einem Holzbrett auf die Fußsohle und die Handflächen geschlagen. Djalil lachte dazu voller Schadenfreude. Es zog sich lange hin. Manchmal antwortete die alte Frau auf die Fragen des Djalil. Sie schien eine zähe Frau zu sein. „Warum schlägst Du mich, Du Nichtsnutz?“ fragte sie ihn. Das machte den Djalil noch viel wütender und er schlug noch heftiger auf sie ein. Die anderen Gefangenen waren eingeschüchtert und brachten kein Wort hervor. Die Frau war über 60 Jahre alt. In dieser Nacht versuchte der Djalil noch öfter, ihr eine Entschuldigung abzupressen, aber sie war auf ihre Art hartnäckig. Sein kräftiges Eindreschen half nichts. Von ihr kam weder ein Flehen noch ein Bitten.

Ich fragte mich, woher mir ihre Stimme so bekannt vorkam. Richtig, an dem Tag, als wir von der Komitee Ferdussistrasse nach Evin-Gefängnis gebracht worden waren, hatte ich sie in der  Ferdussistrasse gesehen: Die Tür wurde geöffnet und sie stand draußen. Sie hatte einen alten Tschador um und ein  kleines  Maedchen auf dem Rücken. Sie hatte versucht, die  Autos anzuhalten. Sie schrie: „Wohin bringt ihr unsere jungen Leute, es sind doch alles unsere Kinder!“ Wir hatten keine Augenbinde um und hatten etwas Hoffnung geschöpft. Sie kam voller Entschlossenheit auf den Landrover zu, in dem ich saß. Vorwurfsvoll schaute sie den Pasdar an und fragte ihn: „Wohin wollt ihr mit den jungen Leuten? Wollt ihr sie auch hinrichten? Warum tut hr das?“ rief sie laut aus. Der Pasdar vorne rechts herrschte den Fahrer an: „Los, fahr die Alte um. Die macht uns hier nur Ärger. Fahr schon los Mann, mach sie fertig!“ Aber der Fahrer hatte nicht auf ihn gehört, sondern gebremst. Diese Situation ging mir plötzlich wieder durch den Kopf.

Der Sohn dieser alten Frau war vom Schahregime hingerichtet worden. Sein Name war Sakeri. Und nun war sie selber in dieser furchtbaren Situation. Auch sie wurde hingerichtet. Sie wird von den Volksmudjahedin Mutter Sakeri genannt. 1981 wurden so  viele Menschen, auch Mütter über 60 Jahre, hingerichtet.


Endloses Warten im Trakt 3 oben

15 Tage, nachdem ich nach Evin verbracht worden war, rief ein Pasdar der Reihe nach alle Gefangenen auf. Erst nannte er unsere Vornamen, dann die Vornamen unseren Väter. Es war nicht üblich, die Familiennamen zu nennen. Normalerweise durften wir um 19 Uhr zur Toilette gehen. Es war ein kalter Zementboden, stellenweise nass. Alle Gefangenen  saßen mit verbundenen Augen gegen die Wand gedrückt. Normalerweise durften wir etwa drei bis vier Minuten durften wir auf das WC. Aber leider mussten wir jetzt ins Erdgeschoss. Während wir so in der Reihe standen, musste jeder Gefangene die linke Hand auf der Schulter seines Vordermannes legen. Zu meiner starken Angst kam jetzt auch noch der Schmerz in der Harnblase. Ich fragte mich, wohin wir gehen würden. Würden sie uns in das Testamentzimmer bringen oder in einen anderen Trakt?

Während ich so stand und wartete, kam mir wieder eine Erinnerung hoch: Ich dachte plötzlich an den Piloten aus der Stadt Maschad, der seinerzeit auf dem Bett gelegen hatte. Wie oft hatte ich die Drohungen mit angehört: „Wenn du nicht auspackst, kommst Du ins Erdgeschoss…“. In meinen Gedanken hörte ich wieder dieses Klicken der Pistole. Um ihm noch mehr Angst zu machen, hatten sie die ungeladene Waffe an seinen Kopf gehalten und mehrfach abgedrückt. Dieses mechanische Klick-Geräusch war  widerlich. So wollten sie ihn dazu zwingen, eine Adresse preiszugeben. Vor lauter Angst hatte er dann irgendeine Adresse genannt, die sich jedoch hinterher als falsch erwies. Wie auch immer, letzten Endes hatten sie ihn hingerichtet. (zur Luftwaffe)

Es spukten noch mehrere Bilder in meinem Kopf herum: Wie ich da gesessen hatte und plötzlich ein Pasdar auf mich zugekommen war. Er hatte mir aus dem langen Schnurrbart, der mir bis dahin gewachsen war, mit einer Zange die Haare herausgezogen. Am Ende war meine Oberlippe blutig und geschwollen. Es war ein wahnsinniger Schmerz.

Ein Geräusch riss mich aus meinen Gedanken. Es  war Djawad, der leise weinte. Ein 17-jähriger Junge aus der Mudjahedin Organisation, mein Vordermann in der Reihe. Beruhigend verstärke ich meinen Schulterdruck etwas. Er zitterte wie Espenlaub und stand völlig neben sich. Ich versuchte ihn zu trösten. „Komm, Junge, wir packen das schon. Die lassen uns bestimmt in den Zellen-Abschnitt.“ Er fragte: „Schwörst du mir das?“ Was sollte ich ihm da antworten? „Komm, das wird schon.“ brachte ich nur hervor.

Ich konnte aber selber nicht so recht daran glauben. Ich war ja auch nicht sicher, welches Schicksal mich hier noch ereilen würde. Meine Kumpel waren alle schon hingerichtet worden. Allein der Umstand, dass gegen mich noch keine Beweise vorlagen und ich auch nichts verraten

hatte, ließ mich ein wenig hoffen. Vielleicht würden sie mich ja freilassen. Aber warum war ich dann wieder im Erdgeschoss? Mittlerweile hatte Djawad sich vor Angst in die Kleidung uriniert, er trug eine Tunika mit Hose. Der arme Junge. Aber ich hatte auch nicht viel weniger Angst als er. Uns allen ging es hier dreckig. Tag und Nacht war für uns hier die Hölle. Wir waren sehr hungrig.

Schließlich kamen wir tatsächlich zum Zellentrakt. Dort mussten wir wieder im Flur sitzen. Ich hob die Hand und sagte dem Pasdar: „Bruder, ich muss auf Toilette gehen!“  Wir mussten die Pasdar ‚Bruder’ nennen, sonst bekamen wir noch mehr Probleme.

Auf solche Fragen erhielten wir manchmal gar keine Antwort. Jetzt sagte jemand zu mir: „Bleib sitzen! Ihr werdet gleich auf die Zellenabschnitte verteilt!“ Andere Gefangene sagten jetzt auch, dass sie aufs WC müssten. Ein Pasdar brüllte, wir sollten die Klappe halten. Bei solchen Gelegenheiten gab es manchmal Schläge. Wir mussten dann noch eine Stunde in der ersten Etage warten.

Nachdem wir drei Stunden gewartet hatten, wurden wieder alle der Reihe nach aufgerufen. Ein Pasdar mit türkischem Akzent gab eine Tirade von Schimpfwörtern von sich. Er fragte einzelne Gefangene aus. „Zu welcher Organisation gehörst du?“ schrie er einen an. Danach schimpfte er weiter und fuhr fort, Fragen zu stellen.

Ungefähr gegen 24 Uhr  war die Verteilung auf die Zellen beendet. Nachdem wir ein Metalltor passiert hatten und eine knarrende Metalltreppe hochgegangen waren, vernahm ich einen Tumult aus einem Zimmer. Es hörte sich nach Frauen und Mädchenstimmen an. Mir kam es vor, als wäre das ein Esszimmer oder eine Cafeteria.

Mein  Traum war,  dass sie mich bald zum Zelle  freilassen. Nach  15  Tagen  und  Naechten endlich eine Dusche, ein Zimmer mit  Bett und gutem Essen. Ich haette 48 Stunden tief schlafen können!

Mahmud Maschaikhi, Djawad, Akbar und ich waren in Trakt 3,   Zelle 3 gesteckt worden. Wir machten die Augenbinden ab.   Die Zelle war etwa 6 mal 6 Meter groß. Es waren mehr als 80 Gefangene darin. Als erstes gingen wir zur Toilette. Der Pasdar, der uns bewachte, schlug uns mit Kabeln und trieb uns zur Eile an. „Schneller, schneller!“ drängte er und holte wieder zum nächsten Schlag aus. Eigentlich dachte ich, dass es jetzt ruhiger werden würde, da wir ja den anderen in Zelle 3 zugeteilt worden waren. Wir gingen jetzt wieder zurück zu unserem Zelle. Sie lagen da wie die Sardinen in der Dose. Kein Platz, die ganze Bude war voll. Der Pasdar hatten uns vier da hineingeschubst und die Tür geschlossen. Die Gefangenen wurden durch uns geweckt. Jetzt wurde mir klar, wo das Gemurmel herkam, zumal auch kleine Kinder dabei waren.

Ein Mann mit langem Bart sagte: „Herzlich willkommen.“ Er war  veranwortlich für die anderen und übernahm die Führung. Akbar sagte den Leuten: „Gebt uns einen Platz zum Weiterleben.“ Der Veranwortliche wurde auch Haci genannt. Vor seiner Festnahme hatte er in der Kühlschrankfabrik Filko gearbeitet. Die ganze Firma war eines Tages abgebrannt. Es stellte sich heraus, dass es Brandstiftung war. Die 9  Mitarbeiter, die alle bei den Volksmudjahedin waren,  wurden verdächtigt und festgenommen. Einer der Gefangenen hieß Bagher. Er hatte seine eigenen Kollegen angezeigt und gegen sie ausgesagt. Trotzdem wurde auch er ins Gefängnis gesteckt, allerdings ohne Urteil. Keiner wollte mit ihm etwas zu tun haben. Man mied ihn und er wurde dadurch ein Außenseiter.

Später habe ich gehört, dass die Filko-Mitarbeiter hingerichtet wurden, außer Bagher.

Einmal wurde eine komplette Fußballmannschaft festgenommen. Alles Mudjahedin-Leute; sie trugen noch ihre Fußballtrikots. Mit den Trikots wurden sie ins Gefängnis geschleppt. Auch diese wurden alle hingerichtet.

Der Haci aus unserer Zelle leitete die Gefangenen an. Wir lagen jeweils zu viert in einer Reihe. Neben mir schlief ein junger Mann aus der Stadt Jazd. Drei Tage später kam er in die Folterkammer zur Befragung.

Wir bekamen manchmal  eine Zeitung in die Hände. Darin hatte gestanden, dass mein Zellennachbar hingerichtet worden war. Allerdings entsprachen die Inhalte nicht immer den Tatsachen. Es kam vor, dass dort Leute aufgeführt waren, die in Wirklichkeit noch lebten. Andererseits wurden viele hingerichtet, deren Namen nie in der Zeitung erschienen. Wir waren froh, hin und wieder Zeitung lesen zu können. Als erstes stürzten wir uns immer auf den Anzeigenteil. Einige Gefangene hatten Kollegen draußen, die extra kodierte Anzeigen schalteten. Zum Beispiel im Immobilienteil oder bei den Kraftfahrzeug-Inseraten. Wenn dort beispielsweise stand: „roter Opel Corsa zu verkaufen“ bzw. eine bestimmte Adresse in Verbindung mit einer Mietwohnung genannt wurde, hatte das eine ganz andere Bedeutung, die aber nur die Leute aus dem Gefaengnis verstanden.  Leider fiel das dann irgendwann auf, so dass die Pasdaran von da den Anzeigenteil entfernten, bevor sie uns die Zeitung hinlegten. Einige Wochen später bekamen wir dann gar keine Zeitung mehr.

Jeden Morgen wurden einige Gefangene aus der Zelle geholt und in die Folterkammer gebracht. Durch den Einsatz von Fangfragen in schneller Folge wollten die Pasdaran sie mürbe machen. Das alles verbunden mit Schlägen und Drohungen. Es kam auch vor, dass gewisse Pasdaran sich als Gefangene getarnt hatten, um die anderen auszuspionieren. Für jene, die sich auf diese Weise aushorchen ließen, hatte das schlimme Konsequenzen. Manchmal setzten sich als Gefangene verkleidete Pasdaran in den Flur vor den Folterkammern.  Sie hatten Badeschuhe wie wir und normale Hosen an. Sie versuchten so, noch andere Informationen zu erhalten, so dass die Gefangenen, die darauf hereinfielen, schneller hingerichtet wurden.


Jeder Gefangene erzaehlt seine Geschichte

Wir Gefangenen unterhielten uns auch untereinander. Jeder erzählte irgendwann einmal seine Geschichte. Wir erzaehlten, was wir bereits erlebt hatten. Nach einer Stunde wussten die Neuen alles Notwendige. Wir versuchten auch vorsichtig, den  neuen  Gefangenen  Fragen zu stellen. Wir hofften, dass wir neue Informationen von außerhalb des Gefaengnisses bekommen würden: „Wie alt bist du? Was hast du gemacht? Warum haben sie dich festgenommen?“

Ich gehörte der Organisation Fadaian Minderheit. (Agaliyat), das bedeutet  soviel wie kommunistischer Volksschützer (Minderheit) an. Djawad war von den Organisation Volks Mudjahedin. Mahmud, dessen Kopf, Hände und Füße übel verletzt waren, war gerade von einer  kommunistischen Organisation(Etehadie Kommonistha) Kommunistische Bündnis  in eine andere linkes Bündnis (Etehad Chep) gewechselt. Er hatte Landwirtschaftsingenieur in Deutschland studiert und insgesamt 15 Jahre dort gelebt. Er war schon dort gegen das Schahregime aktiv gewesen.  Nach der Revolution  im Iran war er voller Hoffnung auf ein neues, besseres Iran zurückgekommen.

Akbar hatte sich seinerzeit einen Fiat gekauft. Leider waren daran Einschusslöcher von Pistolen zu sehen. Dadurch hatte er Schwierigkeiten bekommen. Er wurde öfter deswegen befragt. Akbar gab im Verhör zu Protokoll, dass er das Auto nur gekauft habe, weil es sehr preiswert war. Allerdings glaubten die Pasdar ihm nicht. Er betonte, nicht zu wissen, woher die Einschusslöcher kamen. Sie schlugen ihn weiter.

Djawad war meistens bei den Mudjahedin gewesen. Das waren seine Leute, unter ihnen fühlte er sich geschützt. Deshalb saß er auch die meiste Zeit bei ihnen.

Akbar hatte schon mehrmals seine Geschichte erzählt: Das Auto mit den Durchschusslöchern, das er seinerzeit gekauft hatte. Dabei redete er für gewöhnlich sehr laut. Die Sache ließ ihm wohl keine Ruhe. Er betonte immer wieder, dass er nicht wüsste, wie die Einschusslöcher entstanden sind. Er rief: „Woher sollte ich das wissen? Ich hatte doch keine Ahnung. Die müssen mir doch glauben, dass ich unschuldig bin. Ich schwöre, dass ich damit nichts zu tun habe.“ Wenn man ihn sich so ansah: Im Gegensatz zu Mahmud hatte er keine sichtbaren Verletzungen und hatte offenbar noch keine Schläge bekommen. Manchmal fragten wir uns, ob er vielleicht ein Spion sein könnte. Aber den Gedanken verwarfen wir schnell wieder. Wir waren in unserem Grundvertrauen so erschüttert, dass wir selber nicht mehr wussten, wem wir etwas glauben konnten.

Kurz nach unserer Einlieferung in die Zelle hörten wir nachts plötzlich Maschinengewehrschüsse und danach noch Pistolenschüsse. Manche von uns zählten die Schüsse mit. Das Geschrei der Pasdaran drang bis zu uns durch. Wir wussten, sie schossen den Gefangenen ins Herz oder in den Kopf. Mancher Gefangene in unserer Zelle sagte leise: „Allah akbar“ („Gott ist groß“). Wir vier Neuzugänge in der Zelle hatten wohl die meiste Angst. Als wir uns zum Schlafen hinlegten, konnten wir nicht einschlafen und hörten die anderen atmen. Die Anspannung wollte nicht  weichen. Die Zeit verging. Als ich auf die Uhr schaute, war es sechs Uhr morgens. In dieser Nacht wurden über 90 Leute hingerichtet.

Vor Verzweiflung fingen einige Gefangene an zu beten. Sie bildeten eine kleine Formation in der Ecke und murmelten ihre Verse vor sich hin. Einige beteten abgesondert für sich allein.

Jeden Tag wurden fünf Gefangene eingeteilt. Sie mussten in Eile eine Plastikdecke („sofre“) auf den Boden legen, die Plastikbecher, Schüsseln, und Teelöffel dazu. Morgens kam Brot und Kaese dazu und nach dem Essen mussten sie wieder abdecken und Geschirr und  Teekanne abraeumen und abwaschen und die Toilette putzen. Morgens,  mittags und abends. Diese fünf wurden als Schahdar „Bürgermeister“ bezeichnet. Diesen Namen gaben wir uns untereinander. Wenn wir Linken dran waren, nannten wir uns „Arbeiter“.

Unser sogenannter Tisch war eigentlich nur eine Plastikdecke. Sie war aus mehreren Stücken zusammengenäht und hatte eine Länge von fünf Metern. Sie war etwa 50 Zentimeter breit. Nachdem wir die sparsame Ration (ein Stück Brot und etwas Käse für zwei Personen) verschlungen hatten, wurde die Plastikdecke wieder zusammengerollt. An guten Tagen gab’s  einen Plastikbecher lauwarmen Kampfertee für zwei  Leute.  Es kam vor, dass drei Leute ein halbes Glas teilen mussten. Manchmal gab es dazu trockene Datteln oder auch eine matschige Kartoffelsuppe mit ein paar Nudeln darin.

Jetzt ging es wieder hektisch zu, so wie jeden Morgen. Schnell das Brot ’runterwürgen, die Tischdecke zusammenrollen, ein bisschen mit dem Strohbesen fegen und rasch zur Toilette. Dort war ein Riesengedränge. Meist gingen wir mit 3-4 Personen zusammen auf ein WC und urinierten gleichzeitig, zumal wir nur zwei Toiletten hatten. Weil es nur ein Waschbecken gab, das auch als Spülbecken diente, musste jeder sich beim Waschen beeilen. Dreimal pro Tag blieb uns jeweils 10 Minuten Zeit, das alles zu erledigen. Dabei waren wir fast 90 Personen insgesamt. Die Bürgermeister-Putzgruppe huschte immer dazwischen herum, da ja alles wieder sauber sein musste. All das geschah unter ständiger Kontrolle der Pasdar, grundsätzlich mit Holzknüppel und Kabel ausgerüstet, mit denen sie uns zwischendurch auf Kopf und Rücken schlugen.

Kein Wunder, dass viele von uns durch das wenige Essen und Trinken große Magen- und Nierenprobleme bekamen. Dazu der psychische Druck durch Schläge und Misshandlung, der uns langsam zermürbte. Es kamen Krankheiten auf.

Hassan Agha, ein  kleiner Pasdar mit  großem Hass  gegen uns, donnerte mit einer Eisenkette gegen die Tür. Dabei brüllte er: „Wacht auf!“ Wir hatten nachts kaum ein Auge zugemacht. Während er weiter mit der Kette gegen die Metalltür schepperte, schrie er: „Nieder mit Amerika! Nieder mit Israel! Nieder mit den Gegnern von Khomeini! Nieder mit den Mudjahedin und Saddam!“  Auf diese Weise riss er uns jäh aus dem Schlaf.  Agha  bedeutet  Herr. Zehn von den 90 Leuten mussten innerhalb  von 1 Minuten pinkeln, sich waschen und duschen. Hassan schlug dabei immer mit einer Kette oder einem Brett auf unsere Köpfe, Rücken oder Beine. Dabei schrie er „schneller,   schneller!“ Dann wieder die naechste Gruppe: schlagen, schreien, zurück zur Zelle und so weiter. Wirklich, Hassan  war ein sehr  vornehmer Herr Pasdar, wie die anderen auch!

Der glaeubige alte Schechi, der Leiter der Zaehlkommission

Wir alle hatten Angst, noch mal in die Folterkammer gebracht zu werden. Es gab jeden Tag Verhöre dort. Manche Gefangene wurden gemeinsam verhört. Während in unserer Nähe einige Leute wegwaren, hatten wir etwas mehr Platz zum Sitzen und dehnten unsere schmerzenden Knochen ein wenig. Mir tat mittlerweile die ganze Wirbelsäule weh. Den anderen ging es durch das zusammengekauerte Sitzen wohl ebenso.

Ich kam mit dem alten Schechi ins Gespräch. Sofort fiel mir seine Wunde auf der Stirn auf. Anscheinend hatte er Vertrauen zu mir und erzählte mir seine Geschichte: In der Djey Straße in Teheran hatte er eine Wäscherei gehabt. Außerdem war er unter dem Revolutionsregime Leiter der Zählkommission gewesen. In dieser Eigenschaft hatte er zusammen mit anderen die Wahlergebnisse beeinflusst, indem er selber beispielsweise 110 Stimmen für Banisadr abgegeben hatte. Im Iran war Wahlbetrug allgemein üblich, um bestimmten Elementen zur Macht zu verhelfen. Er hatte Bani Sadre, dem ersten Praesidenten, vertraut.

Später, am 7. Tir 1360 (Sommermonat 1981)  explodierte in der Parteizentrale der Islamischen Republik Partei in Teheran eine Bombe. Dieser Tag wurde später als Gedenktag eingeführt, an dem auch die Geschäfte und Läden geschlossen bleiben mussten.

An diesem Gedenktag kam der Schechi aus seiner Wäscherei und schloss den Laden ab. Dabei lächelte er zufrieden vor sich hin. Er ahnte nicht mal im Ansatz, wie verhängnisvoll dieses Lächeln für ihn werden würde. Jemand, der dies beobachtete, denunzierte ihn und ließ ihn verhaften. Sofort wurde er ins Gefängnis gesteckt. Er sagte zu mir, dass er seit über 60 Jahren schon gläubig wäre. Er würde auch immer mit der Gebetskette beten. Ich spürte, dass er sehr unglücklich war. Verständlicherweise haderte er mit Gott und fragte sich, warum ihm das alles geschah. Als sie ihn ins Gefängnis gebracht hatten, hatten sie ihn über eine Stunde mit Kabeln auf Kopf, Hände und Füße geschlagen.

Er sagte mir, dass er als Muslim sämtliche Grundsätze sorgfältig eingehalten hatte: Ramadan, Beten usw. Auch glaubte er an die Rettung durch einen Erlöser. Das alles sagte er auch den Pasdar in der Folterkammer am ersten Tag, die ihm viele religiöse Fragen gestellt hatten. Immer wieder fragten sie ihn: „Glaubst du an Gott?“ und er bejahte dies.  Sie trugen ihm dann auf, mehrfach zu sagen: „Choda ja, choda ja (mein Gott), beschütze unseren Khomeini.“ Genau bei dieser Gelegenheit hatten sie ihm die scharfkantige Tür mehrfach gegen die Stirn geschlagen, bis sie blau und blutig war.

Daher rührten die Spuren, die man jetzt noch deutlich sehen konnte. Der Schechi wurde nach dieser Misshandlung in die Zelle gebracht und noch nicht einmal seine Angehörigen hatte man informiert. Als er mir seine Geschichte erzählte, war er bereits drei Monate in Gefangenschaft. Während er sprach, glitt die Gebetskette immer schneller durch seine Finger. Die Nervosität und starke Angst konnte man ihm deutlich anmerken. Ich schaute ihn nicht an, sondern lauschte ihm mit nach unten gesenktem Kopf. Er hatte wirklich Vertrauen zu mir, vielleicht auch deshalb, weil er meine misshandelten Füße sah und sich denken konnte, dass ich auch eine Menge durchgemacht hatte.

Im Grunde hatte der Schechi mit seinem Leben abgeschlossen. Er schaute mich aus seinen trüben Augen an und sagte: „Weißt du? Ich will nicht mehr leben. Das war alles zuviel für mich.“ Er erzählte mir von seinen fünf Töchtern und dem jungen Sohn. „Ich würde gern noch die Hochzeit meines Jungen erleben. Das liegt mir am Herzen.“  Er war über 70 Jahre alt – und sein Verbrechen war ein Lächeln. Er  betete leise weiter. Ich  hoffe, er hat die  Hochzeit seines Sohns noch erlebt.

Ab in die sogenannte Schule

Nach zwei Monaten, zur Mittagessenszeit, wurden Mahmud, Meshaikhi(Linkes Bündnis), Hossein, der Bärtige(Miderheit), Ahmad und ich aufgerufen.  Nach und nach wurden alle Gefangenen in das gegenüberliegende Gebäude, die frühere Schule,  gebracht. Jeweils eine Gruppe, bestehend aus 25 Personen, wurde in einen Raum gepfercht.

Die sogenannte Schule erstreckte sich über zwei Etagen. Ich war im Erdgeschoss ( Trake 2) des Korridors, der insgesamt 19 Zellen hatte, in Zelle 7 untergebracht. Mit 25 Leuten pro Raum hatten wir jetzt mehr Platz als vorher in dem alten Gebäude. Nachdem wir eine Woche in der Zelle gesessen hatten, ohne Ausgang zu haben, bekamen wir die Möglichkeit, in den Hof zu gehen. Von dem Tag an gab es jeden Tag zehn Minuten Ausgang. Es tat gut, im Hof frische Luft zu schnappen. Das Gelände war von einer fünf Meter hohen Mauer umgeben.

Der Leiter dieser Schule war Hossein Sade. Unterstützt wurde er von Pasdar Haci Djaferi.Pasdar Amar, Pasdar Bahram,  Pasdar Reza, Pasdar Djawad und anderen. Die Pasdar wechselten sich im Schichtdienst ab.

Hossein war Sympathisant der Partisanengruppe Aghaliyat. Man hatte ihn damals in einer Moschee an der Mortesewi Ecke Ghasroldasht Straße festgenommen, weil er Kommunist war. Später wurde er hingerichtet. Ahmad war in einer linken Gruppe. Er war ein ruhiger Vertreter und wirkte oft melancholisch. Von Beruf war er Schneider und hatte als Angestellter in einer Schneiderei gearbeitet.

Ein Gefangener hieß Reza Ali Mardani. Der Junge war erst 17 Jahre alt, als man ihn festgenommen hatte. Genau wie sein Bruder war auch er Sympathisant der Aghaliyat (Organisation.Minderheit) Allerdings war sein Bruder noch flüchtig. Rezas Mutter, sowie seine 13 Jahre alte Schwester Nasrin (1981) und sein großer Bruder, der Taxifahrer war, waren ebenfalls festgenommen worden. Wie ich erfuhr, wurde Reza später auch hingerichtet

Nasrin, seine Schwester, war sehr ängstlich, daher auch leicht beeinflussbar. Die Gedanken- und Bewusstseinskontrolle, der sie regelmäßig ausgesetzt war, verfehlte ihr Ziel nicht. Nach etwa   drei Jahren war sie sehr gläubig. Man hatte sie zur Reue gebracht und zum Glauben bekehrt. Die Beeinflussung ging soweit, dass sie auch von ihrer Mutter entfremdet wurde und ihr gegenüber gegnerisch eingestellt wurde.

Eines Tages hörte ich Nasrin über  den Lautsprecher von dort aus reden. Ihre Persönlichkeit war kaum wiederzuerkennen. Die Äußerungen, die sie von sich gab, waren unglaublich. Wie religiös sie jetzt war! Sie schimpfte auf ihre Mutter und deren kommunistische Einstellung und betonte, wie wichtig es sei, sich dem Islam unterzuordnen und zu gehorchen. Wir glaubten, nicht richtig zu hören, als sie über den Lautsprecher verkündete, dass sie sogar ihre Mutter geschlagen hatte. Ich war sehr bedrückt über diese Entwicklung.

Gegenüber der Schule war ein großes Gebäude, in dessen Keller sich ein Schwimmbad befand. Der Bau gehörte der Sawak, einem der Geheimdienste des Schahregimes. Oben befand sich ein großer Veranstaltungsraum, der auch als Betraum genutzt wurde. Das islamische Regime betrieb im Erdgeschoss eine Schneiderwerkstatt.

(Während ich durch den Hof ging, sah ich mir das Gebäude an. Es drangen  Stimmen heraus.)

Am ersten Tag fiel es uns noch sehr schwer zu Spazieren, zumal wir in dem alten Gebäude so eingepfercht waren. Das zusammengekauerte Sitzen hatte  unseren  Beinen zu schaffen gemacht. Sie waren nicht mehr beweglich genug. So mussten manche von uns erstmal wieder lernen, richtig zu gehen. Ich war froh, dass wir hier mehr Platz hatten als in der alten Zelle.

Wir hatten uns schnell an unsere Zellen gewöhnt. Es gab in jeder Zelle ein Fernsehgerät über der Tür! Allerdings lief dort kein normales TV-Programm, sondern es wurden ausschließlich religiöse Videos abgespielt. Koranlesungen, Gebete und religiöse Belehrungen und Propaganda waren die üblichen Darbietungen, fast den ganzen Tag lang. Klarer Fall, sie versuchten uns umzuerziehen. Für uns als Andersdenkende war dieses engstirnige Gedankengut eine Zumutung. Nicht lange, nachdem der Fernseher ausgeschaltet worden war, dröhnten Ansagen durch die Lautsprecherbox, die in unserer Zelle an der Wand hing. Auch hieraus ertönten Korangebete.

Ungefähr drei Monate bekamen wir zum Frühstück, Mittag- und Abendessen auch drei bis fünf trockene, verdorbene und von Würmern befallene Datteln. Dadurch bekamen wir Blasen an den Lippen und der ganze Mund schmerzte. Mittags gab es manchmal auch eine matschige Kartoffelsuppe oder eine Nudelsuppe.

Die Küche in dem Gebäude war nur für etwa 500 Leute vorgesehen. Allerdings waren im gesamten Gebäude um die 5000 Personen. Es war geplant, eine neue Küche anzubauen. Nach drei weiteren Monaten gab es auch abends eine Suppe. Es war nicht so eine Matschpampe wie im anderen Gebäude, sondern eine saubere Suppe. Dazu auch mal Reis mit Linsen. Ein besonderes Ereignis war eine Hähnchenkeule – die mussten wir uns allerdings mit 25 Personen teilen. Dazu gab es etwas Tomatensoße. Freitagnachts dann zwei Eier mit einer Kartoffel oder einem kleinen Stück Butter. Nach dem Frühstück gab es manchmal ein halbes Glas lauwarmen Tee mit zwei Zuckerstücken dabei.

Einer meiner Mitgefangenen war Farid Zandjani. Sein Vater, Ayatollah Zandjani,  war Rechtsberater des Präsidenten Banisadr gewesen. Farid war über 50 Jahre alt und hatte bereits 22 Jahre in USA gelebt. Seine Familie wohnte dort immer noch. Er war fast alleine im Iran. Farid war ein großer, dünner Typ. Als er in der Folterkammer befragt wurde, schrieb er ein 220-seitiges Protokoll. Zum Glück wurde er nur befragt und nicht gefoltert. Seine alte Mutter besuchte ihn zweimal im Gefängnis. Er sagte einmal: „Mein größter Fehler war, dass ich zurück in den Iran gekommen bin.“ Andere Gefangene stritten sich manchmal mit Farid. Unsere Zelle war nur etwa zwei mal drei Meter groß. In der Enge entstanden schon mal Meinungsverschiedenheiten. .

Dariusch war Sympathisant der Pikar-Organistion (Linke) Er kam aus der Stadt Karadj. Ihn hatte man grausam gefoltert. Die Spuren der Folter waren nicht zu übersehen. Obendrein hatte er Nierenprobleme und litt unter Inkontinenz. Der Urin hatte einen beißenden Gestank und jeden Tag naesste er mehrere Unterhosen ein. Sein Sitzplatz war direkt an der Tür neben unseren baden Schuhen. Er schaemte sich sehr, weil er so stank.

Hossin, Student an der Teheraner Universität, war eher ein Außenseiter. Niemand wusste so recht etwas über ihn, weil er keinen Kontakt haben wollte. Er war sehr ängstlich und misstrauisch. Eines Tages wurde er mitsamt seinen Klamotten herausgerufen und kurz darauf hingerichtet.

Kasemi, der frühere Freund von Staatsanwalt Ladjewardi

Dann gab es noch Kasemi,  den die islamische Polizei (Pasdar) aus Amirabad Amol, einer Stadt am Kaspischen Meer, geholt hatte. Vor vielen Jahren war Kasemi noch ein guter Freund des Staatsanwaltes Ladjewardi gewesen, bis sich dann ihre Interessen und Wege trennen sollten, obwohl deren Familien sich damals gut verstanden und viel miteinander unternommen hatten. Es lag an dem Wechsel:  Als Khomeini in den Iran zurückgekommen war, trat Kasemi einer Mudjahedin Organesation  bei, aber der Ladjewardi wurde Staatsanwalt in Evin. Ladjewardi schickte daher seine Leute los, um Kasemi festzunehmen. Zu der Zeit hatte Ladjewardi sich bereits einen Ruf als scharfer Henker von Evin erworben. Die islamische Polizistengruppe hatte Kasemi damals nicht direkt gefunden.

Sie mussten sich erst mal bei der Verwandtschaft durchfragen. So stießen sie auch auf seinen 22jährigen Neffen Mustafa, der sich bei seinen Eltern aufhielt. Diesen kassierten sie sozusagen als Pfand ein – und zwar so, wie er war, in Hemd und Pyjama.

Er wurde verhört und befand sich schon sechs Monate im Gefängnis. Auf die Frage, wann er wieder freikäme, sagten sie ihm: „Erst, wenn wir Deinen Onkel Kasemi gepackt haben.“

Irgendwann gelang es ihnen tatsächlich, den Onkel festzunehmen, der dann hastig hingerichtet wurde. Allerdings blieb Mustafa auch nach der Hinrichtung seines Onkels noch einige Zeit im Gefängnis. Der junge Bursche tat mir leid. Er war ein guter Sänger und manchmal sang er mir ganz leise ein Lied aus Masandaran, meiner Heimatregion vor. Dabei weinte er leise und erzählte von seiner Verlobten. Ganz leise.

Es gab noch einen Gefangenen, der auch Dariush hieß. Er war aus dem Stadtteil Naziabad im Süden von Teheran. Bevor er ins Gefängnis gekommen war, hatte er mit 17 Freunden einen Ausflug gemacht. Der Minibus, in dem sie  saßen, war von der Straßenpolizei in der Stadt Rascht angehalten worden. Verkehrskontrolle – Fahrzeugpapiere, Ausweise, wie es so üblich ist. Keiner weiß so genau warum – jedenfalls wurde die ganze Gruppe festgenommen und der islamischen Polizei übergeben. Auch diese jungen Leute wurden erstmal geschlagen und dann nach Evin gebracht. Die Polizisten fragten, ob sie Mitglieder einer kommunistischen Arbeitergruppe wären. Dariush berichtete uns, er hätte ein Spray in  die Augen bekommen, das stark gejuckt und gebrannt hätte. So ein chemisches Zeug. Sogar nach einem Jahr sah man davon noch dunkle Flecken unter den Augen. Eines nachts riefen sie  Dariusch heraus und er verschwand mit seinen Sachen.

Zafar, ein Analphabet so um die 30 Jahre alt, war mittellos, aber mit sonnigem Humor. Ein richtiger Komiker. Er hatte damals auch in dem Minibus gesessen. Sein Job war, im Bazar BHs anzufertigen. Als die Pasdar(Folterkammer) ihn nach seinem Job fragten, und er das zu Protokoll gab, fühlten sie sich veralbert und ermahnten ihn, kein dummes Zeug zu reden. „Kann ich ja nix für, dass ich so einen Job habe,“ sagte er dann. Man gab ihm dann den Rat, die Berufsbezeichnung anders zu formulieren, um keinen Ärger zu bekommen. Zafar war lange Zeit im Gefängnis. Er hatte eine alte Mutter, aber sie wusste  nicht, wo er war.

Dann war da noch Saeid. Er war 18 Jahre alt und ziemlich mollig. So um die 90 Kilo hatte er schon. Said war noch Schüler und Sympathisant einer Organisation. Der Fedaian Minderheit . Im Gefängnis war er auch geschlagen worden. Mehrere Stunden hatte er in der Folterkammer verbracht, mit dem Ergebnis, dass er später  hingerichtet wurde. Auch seine Cousins waren unter dem Schahregime hingerichtet worden.

Ein weiterer Schüler war Hossein aus Schimran  aus Nordteheran. Der mittlerweile 18jährige Junge hatte vor einigen Jahren einen Stempel einer Partisanenorganisationgefunden und diesen mehrfach in eines seiner Schulbücher gedrückt.

Wie sich später herausstellte, war das ein Stempel einer Partisanorganisation, in der sein älterer Bruder engagiert war. Die Stempelabdrücke in Hossins Buch waren zwar schon über zwei Jahre alt, aber trotzdem waren sie ihm  jetzt  zum Verhängnis geworden. Er war ganz schrecklich gefoltert worden. Mit Handschellen auf dem Rücken hatte man ihn hingehängt und nach den Stempelabdrücken gefragt. Daher rührten auch die starken Schmerzen an seinen Handgelenken und Schulterblättern.

Hossein sagte mir auch, dass sein Bruder aktiv in der Organisation der fadaian Mehrheit   gewesen war. Aber er paktierte  jetzt mit dem Islamischen Regime, weil es ja gegen die USA waere.  Er besuchte ihn sogar im Gefängnis. Er war operiert worden, weil er nach der Operation Wasser getrunken hatte und seine Niere zu versagen drohte.

Bei mehreren Gefangenen kam es vor, dass sie wegen der starken Folterungen nicht mehr richtig urinieren konnten. Auch die Blutzirkulation war ein großes Problem. Es lagerten sich Gifte im Körper ab, die lebensgefährlich waren. Man wurde dadurch extrem durstig. Das Problem war jedoch: Hätten die Gefangenen daraufhin Wasser getrunken, wäre das Gift so verteilt worden, dass es zum Tode führte. Das wussten die meisten. Und da viele aufgrund der Umstände wirklich lebensmüde wurden, tranken sie Wasser, teilweise sogar welches aus der Toilette, um ihrem menschenunwürdigen Leben endlich ein Ende zu setzen. Allerdings kamen auch die Pasdar sehr schnell dahinter und machten immer wieder Kontrollen.

Bei uns kam es oft vor, dass Gefangene nach der Folter nicht zur Toilette gehen konnten. Manche saßen 15 Stunden in der Zelle, ohne auch nur einmal urinieren zu können. Um zu verhindern, dass die Gefangenen in so einem Fall Wasser aus der Toilette tranken, wurden  diese starken Kontrollen gemacht. Sehr oft passierte es, dass die Pasdar einfach die Klotür aufrissen, um zu verhindern, dass der Gefangene  Wasser aus der Toilettenschüssel trank. Manchen Gefangenen gelang es aber trotzdem, sich durch einen solchen Ausweg weiteren Qualen zu entziehen.

Nesrolah Islami war Ingenieur bei einer Hubschrauberfirma. Er war in einer linken aktiv gewesen. Seine Eltern und sein Bruder Akbar  besuchten ihn eines Tages in seiner Wohnung. Dabei wurden alle festgenommen. Die ganze Familie stammte ursprünglich aus der Stadt Kerman. Nesrolahs Vater und sein Bruder wurden mit in unserer Zelle eingepfercht, seine Mutter in die Frauenzelle gesteckt.

Ich sah, wie schrecklich Nesrolahs Bein von den Pasdar zugerichtet worden war. Am Knie hatte er einen Verband, der normalerweise jeden Tag hätte erneuert werden müssen, was jedoch nicht geschah. Jeden Tag sagte er: „Ich brauche Medikamente und einen neuen Verband.“ Weder wechselte man ihm den Verband, noch bekam er ein Medikament. Als die Pasdar ihn eines nachts herausholten, dachten wir, sie würden ihm den Verband wechseln. Aber nichts dergleichen. Als sein Sohn  morgens noch immer nicht zurück war, fing der Vater an zu beten und zu weinen. Kurz danach brachten sie Nesrolah wieder zurück, immer noch mit dem alten Verband. Tatsächlich hatten sie ihn in einem nassen dunklen Keller versteckt, weil sie eine Kontrolle der UNO erwarteten. Allerdings blieb die UNO-Kontrolle dieses Mal aus. Und Nesrolah sagte, er hätte in dem Keller Gefangene gesehen, die noch weitaus schlechter dran waren als er selber.

Ein anderer Mitgefangener, Kambis Schimerani, hatte vor seiner Haft eine Zeitung gelesen, die eine politische Gruppe herausgab. Das war der Grund für seine Festnahme. Er hatte drei Jahre studiert und war zu drei Jahren Gefaengnis verurteilt worden.

Dann war da noch Mohamad vom Bazar. Die meiste Zeit lag er still in der Ecke der Zelle.  Trotzdem bekam er alles mit, was ablief. Angeblich war er früher mal ein Pasdar gewesen, der jedoch aufgrund eines großen Fehlers sein Amt verloren hatte. Was das für ein Vergehen war, haben wir nie erfahren. Er redete normalerweise nicht mit uns. Auch wenn wir in der Zelle eine Besprechung hatten, nahm er nicht teil. Wir vermuteten, dass er ein Spion war. Aber man konnte nicht ganz sicher sein.

In unserer Zelle hatten wir eine gemeinsame Kasse, in der wir unser Geld als Gemeinschaftseigentum aufbewahrten.

Hamid, ein Schüler, war Tabwab, ein sogenannter Bekehrter. Durch die Indoktrinierung war er  weichgeklopft worden. Manchmal schrie er laut herum und sprach sich für die Tötung aller Atheisten aus. In den Versammlungen skandierte er immer laut gegen Kommunisten, Atheisten und Mudjahedin. Er wurde  hingerichtet.

Sadegh Musavi war im Teheraner West-Schülerkomitee aktiv gewesen und hatte einen hohen Posten bei den Volksmudjahedin gehabt.  Er hatte Kontakt mit Hamid gehabt und verriet, dass dieser in der Filistinstraße jemanden erschossen hatte. Wir lasen das in einer Zeitschrift, die man im Gefaengnis bekommen konnte. Der Verrat half ihm aber nichts, denn er hatte schon sein Todesurteil in der Tasche. Die Hinrichtung wurde aber noch hinausgezögert.

Dariush Salahshur musste einen Entwurf für einen Vortrag für die Versammlung ausarbeiten. Es kamen manchmal Journalisten aus anderen Ländern, um die Gefangenen zu interviewen. Dariusch hatte in England studiert und daher sprach er sehr gut Englisch. Natürlich sollte Dariusch gegenüber der Presse alles gut darstellen, so als gäbe es keine Schläge und es ginge alles ganz menschlich zu. Am Anfang nannte Dariush auch nur die Vorteile dieser Haftanstalt, um die Pasdar erstmal in Sicherheit zu wiegen. Doch seine geschönte Version schlug plötzlich um und er sagte vor laufender Kamera: „Das ist doch hier alles nur Theater! In Wirklichkeit sind hier furchtbare Verhältnisse!“ Bevor er die Folter, den Hunger und Schlafentzug erwähnen konnte, mussten die Kameras abgeschaltet werden, und nachdem sämtliche Filme und Tonbänder konfisziert worden waren, schmiss man die Journalisten und Kameramänner aus dem Raum. Dariusch wurde direkt in der Nacht hingerichtet.

Korushs Bruder, Mohamad Hossein sowie der Onkel von Dariusch wurden später festgenommen und ins Gefängnis gesteckt. Ihr Verbrechen war, dass sie mit Dariusch verwandt waren.

Wanzen

In unserer Zelle gab es viele Wanzen. Jeden Tag gingen wir  dreimal zur Toilette und kontrollierten unsere Wäsche. Für die Eiablage bevorzugten die Wanze die Nähte in der Kleidung. Wir gewöhnten uns daher an, unsere Kleidung auf links zu tragen. Eines Tages fing Mohamad Bazari an, sich extrem zu kratzen. Auch seine Kleider waren voll von den Tierchen und ihren Eiern. Wir warfen seine ganzen Kleidungsstücke weg und er ging dann duschen. Wie froh war er, dass er nach drei Tagen aus der Zelle rauskam!

An einem Feiertag rief mich ein Pasdar aus der Zelle heraus. Jeder Gefangene der herausgerufen wurde,  brachte die anderen zum Grübeln. Ich wunderte mich sehr, dass sie mich am Feiertag aufriefen, wie sonderbar. Wegen meiner Ausweispapiere hatte ich damals große Angst. Ich trug sie damals nicht bei mir und auch jetzt im Gefängnis besaß ich keine Papiere. Mit dem Minibus fuhren sie mich ins Gefängnis hinüber. Ich hatte Angst, dass ich wieder in die Folterkammer musste. Dort in der zweiten Etage war das Gericht. „Setz dich hier in den Flur!“ befahl mir ein Pasdar. Ich war der einzige Gefangene im Flur und der Pasdar sagte mir, ich solle die Augenbinde entfernen. Mit halb geöffneten Augen saß ich dann da und schaute mich vorsichtig um. Ich hatte große Angst. Es war ungewohnt für mich, die Augenbinde einfach so abzunehmen. Denn sonst gab es für das Anheben der Augenbinde Schläge auf die Hand und Fußtritte.

So kam ich in einen anderen Raum. Dort sah ich Ajatollah Mohamadi Gilani mit zwei Richtern und einem islamischen Gouverneur. Ich hatte Angst, ihn direkt anzuschauen, geschweige denn, etwas zu fragen oder zu sagen. An seiner Kleidung fiel mir auf, dass er ein Beamter war.

Gilani fragte mich: „Was ist dein Verbrechen?“ Ich erklärte, dass damals alle Zeitungen frei waren und ich einfach nur darin gelesen hatte. Er fragte mich darauf, ob ich trotz Frau und Kindern Kommunist sei. „Nein, Herr Haci“ antwortete ich respektvoll. „Ich bin unschuldig“ fügte ich noch hinzu.

So ging es weiter mit Fragen und Antworten. „Welche Gerichtskammer hat dich verurteilt?“ „Keine Ahnung, Herr Haci. Herr Ladjewardi stellte mir in der  Nacht des 5. Mehr (27September) im Hof einige Fragen. Ich habe bis jetzt  weder ein Urteil noch ein Papier über meine Freilassung bekommen. Gilani fragte mich: „Was ist nach dem 5. Mehr außer dieser Gerichtsverhandlung noch passiert?“ Ich antwortete: Meine Kollegen wurden alle hingerichtet.“

Ajatolla Gilani wunderte sich, denn normalerweise musste er alle Todesurteile unterschreiben. Die anderen bewegten nur die Köpfe. Ich glaube, sie wollten damit sagen, dass sie auch nicht wussten, was passiert war.

Dann wollte er wissen, warum ich mein  Hemd andersherum angezogen hatte. Ich erklärte ihm unser Problem mit den Wanzen. Gilani schlug vor, das Problem mit einem Giftspray zu lösen. Schließlich wäre die Schule ja neu gebaut. Gilani hatte wohl Mitleid mit mir und fragte mich, ob ich irgendetwas brauchte. Eine Verwandte von mir sei die Nachbarin von ihm und seiner Frau und hätte ihn schon öfter um Hilfe gebeten. Sie wäre schon viermal bei seiner Frau gewesen und hätte dort gebetet und geweint.

Ich wusste das bis dahin nicht und fragte mich, was wohl jetzt mit mir passieren würde. Der Gilani steckt mir einen 500-Tuman-Schein zu und sagte, dass dieser von meiner Verwandten käme. Er sagte auch: “Wenn dir etwas fehlt, sag mir Bescheid.“ Ich schöpfte etwas Hoffnung. Von dem Geld konnte ich mir letzten Endes sowieso nichts kaufen. Es gab ja keine Gelegenheit während der Gefangenschaft. Ich legte das Geld spaeter in die Gemeinschaftskasse.

Spaeter erfuhr ich, dass sogar der Sohn von Ajatolla Gilani hingerichtet worden war.

Jeden Monat bekamen wir ein Päckchen hingestellt, mit Papier und Stift zum Briefeschreiben. Jeder durfte etwa drei Zeilen an seine Familie schreiben. Sie diktierten uns, was wir schreiben sollten. Es ginge uns gut, wir hätten fantastisches Essen und genug zu trinken. Die Familie sollte sich keine Sorgen machen, wir hätten Fernsehen, machten Sport und hätten frische Luft. Als Unterschrift schrieben wir „Schöne Grüße an Brüder und Schwestern“, um unsere Verwandten zu schützen. Denn wenn wir ihre echten Namen aufgeschrieben hätten, wäre es für sie gefährlich gewesen.

Die Briefe gaben wir dann unverschlossen bei den Pasdar ab. Etwa 10% der Briefe wurden tatsächlich abgeschickt und die anderen weggeworfen, wie sich nach langer Zeit herausstellte.

Ich hatte damals immer noch Hoffnung, freizukommen, da ich mich ja mit meinem zweiten  Namen Abbas dort vorgestellt hatte. Niemand wusste, dass mein erster Name Abolhassan war. Nach 6  monaten.

Einige Gefangene bekamen einmal im Monat oder auch alle zwei Wochen Besuch von Ihren Familien. Meine Familie kam mich auch besuchen. Wenn es soweit war, wurden wir mit einem Minibus zum Besuchsraum gefahren. Dort befanden sich mehrere kleine Raeume. Die Gefangenen waren von ihren Verwandten durch eine dicke Glasscheibe getrennt und wurden dazu noch von den Wächtern beobachtet. Keine Chance, etwas über die furchtbaren Bedingungen zu erzählen. Aber oft genug sahen die Verwandten an unseren Gesichtern, wie es wirklich aussah.

Wir konnten uns mit den Verwandten fünf Minuten mehr schlecht als recht unterhalten, zumal keine Telefone installiert waren. Das meiste wurde per Zeichensprache übermittelt, mit Winken, denn überall schlichen Wächter herum. Natürlich hatte ich Angst, dass die Tarnung mit meinem Spitznamen aufkippen würde. Zum Glück passierte das nicht. Meine Verwandtschaft wird sich das wohl gedacht haben. Nach dem Besuch meiner Verwandtschaft hatte ich in der ersten Zeit noch sehr viel Angst und enormen Stress. Vielleicht würden die Gefaengniswaerter mich in die Folterkammer stecken, aber nichts dergleichen geschah. Anscheinend war niemandem etwas aufgefallen.

Nach 10 Monaten startklar für die Freiheit?

Im Juni 1982, so gegen 21 Uhr knisterte die Lautsprecherbox in unserer Zellenabschnit. Es wurden 170 Leute aufgerufen. Auch mein Name wurde dabei genannt. Wir sollten morgens um sieben Uhr unsere Sachen zusammengepackt haben und startbereit sein. Wir hofften in dieser Nacht, dass sie uns am anderen Morgen freilassen würden. Könnte ja sein, dass die Familien, die Universität oder die internationalen Journalisten genug Druck gemacht hätten. Vielleicht hatten sie ja sogar eine allgemeine Amnestie für uns erwirkt! Wie auch immer. Ich dachte an Herrn Gilani, der mir den Geldschein von der Verwandten ausgehändigt hatte. Er wollte mir doch helfen. Irgendwie hatte ich in dieser Nacht wohl ein Fünkchen mehr Hoffnung als die anderen, auch wenn ich es mir nicht anmerken ließ. Manche von uns waren auch besorgt, daher sagte ich ihnen nichts von meinen Gedanken. Die Hälfte meiner Mitgefangenen war schon zum Tode verurteilt. Die anderen waren zu etlichen Jahren Haft verurteilt worden, manche auch lebenslänglich. Und doch hofften wir jetzt darauf, freigelassen zu werden.

Wie oft wurde uns eingetrichtert: Die Schule in Evin ist für Euch eine Universität. Ihr könnt hier eine wertvolle islamisch-religiöse Belehrung erhalten. Das war ungefähr das letzte, was ich haben wollte, aber ich hatte hier keine andere Wahl. Der alte Vater von Nesrolah hatte darin wohl ein bisschen Hoffnung gefunden. Manche Gefangene näherten sich mir vorsichtig und raunten mir zu: „Mensch, Abbas, wenn du freikommst, könntest Du nicht meine Verwandten informieren oder Freunden sagen, wie es hier zugeht?“ Ich nickte mit dem Kopf. Ich versprach ihnen, das auf jeden Fall zu tun, sollte ich hier irgendwie herauskommen. „Aber sei sehr vorsichtig“ flüsterte mir einer noch zu. Sie vertrauten mir und waren zufrieden, dass ich ihnen mein Versprechen gegeben hatte.

In der Zelle wechselte in dieser Nacht die Stimmung zwischen Hoffnung und Sorge hin und her. Alle waren aufgekratzt und machten sich Gedanken. Wir hofften so sehr auf die Freiheit.

Seit meiner Festnahme waren schon 10 Monate vergangen. Es lagen immer noch keine Beweise gegen mich vor. Wir fragten uns: Sollte das islamische Regime endlich den Druck eingestellt haben und uns tatsächlich freilassen? So grübelten wir die ganze Nacht vor uns hin.

Schließlich war es sieben Uhr morgens. Wir wurden mit 170 Mann auf mehrere Autobusse verteilt und die Fahrt begann. Ziel war das Ghezel Hesar, ein Gefängnis in Karadj 40 kilometer von Evin entfernt, Ab in Abteilung 1, Trakt  3.

Dort lasen uns die Gefaengniswärter unsere Urteile vor. Es war wie ein Schmierentheater, kaum zu glauben. Sie händigten uns die Urteile in Papierform aus. Erst dachte ich, es gäbe für mich kein Urteil. Doch ich bekam auch eines: 15 Jahre. Was für eine erbärmliche Ungerechtigkeit! Ich war fassungslos. Es zog mir mal wieder den Boden unter den Füßen weg. Den anderen ging es auch nicht anders. Der Schock war groß.

Auch für Professor Mohamad Zamani brach eine Welt zusammen.  Er war einer meiner Mitgefangenen. Sie hatten ihn zu 25 Jahren verurteilt. Er sagte völlig konsterniert zum Richter: „Sie hatten mich vorgeladen, um eine Frage zu beantworten und jetzt bekomme ich 25 Jahre Gefängnis?“

Auch Rahim Zafavi blickte bestürzt auf sein Urteil. Bevor er hierher kam, hatte er fünf Jahre Medizin studiert. Sein Vater, jetzt Rentner, war früher Polizist von Naziyabad gewesen. Rahim hatte die Zeitung  der Volksmudjahedin gelesen und wurde dafür zu 20 Jahren verurteilt.

Spaeter, im Sommer 1988, wurden mehr als 5000 Gefangene   hingerichtet und die anderen bekamen einige  Monate oder ein Jahr Gefängnis. Einige bekamen lebenslänglich. Manche mussten  länger bleiben, als ursprünglich vorgesehen.

In der islamischen Republik gab es keine Garantie für die Freilassung nach dem Absitzen der Haftstrafe. Es war alles willkürlich. Auch Rahim wurde Opfer dieser Willkür. Er wurde im Jahr1988 hingerichtet.

Viele Gefangene verrieten andere Aktive, in der Hoffnung, mit dieser Aktion  sich einen besseren Status zu erkämpfen. Aber dieser Schuss ging in den meisten Fällen nach hinten los. So wurden viele von ihnen am Ende trotzdem hingerichtet.

Jeder versuchte, sein Schicksal irgendwie zu verbessern. Mit der Aussicht auf den sicheren Tod überlegten sich die meisten, Kompromisse zu machen. Viele taten so, als wären sie vom islamischen Glauben überzeugt worden. Es  waren die so genannten Bekehrten. Sie verrieten nicht nur andere, sondern beichteten auch ihre angeblichen eigenen Sünden. Viele hatten so ihre Meinung und Einstellung um 180 Grad geändert. Als sie noch in Evin waren, wo es verschiedene Kammern gab, z.B. für Volksmudjahedin,Oder Aghaliyat (Linke) und andere, wurde den Bekehrten eine extra Zelle zugeteilt. Man wollte sie wohl nicht dem Gedankengut der Revoluzzer aussetzen.


Wir richten uns in Ghezel Hesar ein

Erstmal musste dieser Trakt  3  für 170 Personen in Ghezel Hesar saubergemacht werden. Dort war damals ein „normales“ Gefängnis gewesen, Drogenhandel inbegriffen. Wir machten alles sauber, so gut es ging. Danach wurden wir auf mehrere Zellen verteilt. Es gab eine große Zelle mit 6 dreistöckige Etagenbetten. Dorthin kamen 24 Personen. Das heißt, die anderen Gefangenen mussten auf dem Boden liegen. Und dann gab es noch eine kleine Zelle mit 9 Personen und zwei Betten. Sie waren auch dreistöckig. Drei Gefangenene mussten auf dem Boden schlafen.

Dieser Gebäudeteil bestand aus vier großen und vier kleinen Trakten. Dazu gehörte ein Hof. Auf der rechten Seite waren die vier großen Trakte 1 bis 4 und auf der linken Seite die vier kleinen. Takt  5 bis 8. Am Ende befand sich die Küche. Wir waren in Abteilung 1  Trakt 3, der für die Politischen bestimmt war.

In Trakt 4 waren einige Kapitalisten und  der ehemalige Chef der General Bagheri Luftwaffe und der Landarmee. Außerdem Mahmud Ghorbani, ehemaliger Hoteldirektor im Miamyhotel. Außerdem saßen noch einige Kapitalisten aus dem Schahregime. Sie brauchten normalerweise nicht zu arbeiten, aber manchmal meldeten sie sich selbst zur Arbeit und versuchten dann, von uns Neuigkeiten zu erfahren.

Abends, immer dienstags und freitags mussten wir Maenner mehr als drei Stunden vor Trakt 1 bis 4  und hinter  uns die Frauen auf dem  langen  Korridor mit den kleinen Traktnummern  5 bis 8 warten. Große Trakte hatten 24 Zellen, kleine hatten 8 Zellen. Bei uns in der Nähe befanden sich zwei  Zellen für die Bekehrten. Wir waren ständig unter Kontrolle. Kein Wort konnten wir ungestört reden. In der ersten Woche machte ein Pasdar die Zellentür auf und wir konnten zum ersten Mal einen 10minütigen Spaziergang im Korridor machen. Dabei durfte nicht viel geredet werden. Dann wieder ab in die Zelleund die Insassen der andren Zelle kamen dran.

Später kamen Parlamentsmitglieder zu Besuch.Dr. Abbas Sheibani und Herr Gheforzade fragten uns, was man verbessern könnte. Manche von uns äußerten den Wunsch, etwas länger an der frischen Luft bleiben zu können. Andere wollten gern auf dem Hof Volleyball oder Fußball spielen.  Wir durften uns wirklich einen Monat spaeter mehr als eine Stunde pro Tag bewegen. Aber immer mit Kontrollen: In zwei Zellen  waren  Tabwab, offiziell Bekehrte, untergebracht. Außerdem waren viele versteckte Spione unter  uns.

Jeder arbeitete an seiner eigenen Freilassung. Das hieß, so weit wie möglich systemkonform erscheinen, bloß nicht ungebührlich auffallen. Bart wachsen lassen, beten, sich unterordnen und sich ja nicht mit den falschen Leuten sehen lassen! Schon ein kleines Gespraech mit einem Außenseiter wäre aufgefallen und hätte die Aufpasser an unserer islamischen Gesinnung zweifeln lassen können.

Wir hofften, wenn wir uns anpassten und unterordneten, dass wir dann schneller frei kaemen. Auch ich passte mich an so gut es ging. Meine Familie stand mit vielen Religiösen vom Regime in Verbindung. Deshalb hoffte ich, dass sie mich bald  frei lassen würden.

Montags und donnerstags war Fasten, auch außerhalb des üblichen Ramadan. Ich  machte nicht bei denen mit, die draußen statt des Fastens Morgensport machten, denn das konnte Schläge bedeuten oder unsere Freilassung gefaehrden. Durch dieses betont korrekte Verhalten war unsere Gruppe für die Bekehrten ein Problem.

Nach einiger Zeit kam Saber Babai, Mahmuds Bruder, in Ghesel Hesar in unseren Trakt. Er war schon ungefähr ein Jahr im Evin-Gefängnis gewesen, bevor er hierhin verbracht wurde. Als er in unseren Trakt   kam, ließen wir uns beide nicht anmerken, dass wir uns schon von früher kannten. Er war klug genug, ebenso passiv mit allen Leuten zu sein, wie ich es schon seit geraumer Zeit durchzog.

Innerhalb der Bekehrten-Gruppe war Ladjewardi ein großes Vorbild. Sie nannten ihn Vater Ladjewardi. Er machte öfter die Äußerung: „Die Passiven sind schlimmer als die Monafegh (die falschen Moslem)“. Aber die Bekehrten nahmen diese Aussage nicht sehr ernst.

Ich erkenne einen „alten Bekannten“ wieder

Im Jahr 1980 gab es eine Demonstration an der Teheraner Universität. Es ging gegen die amerikanische Botschaft. Mein Kumpel Behruz Moghadam  und ich  hatten uns selber zusammen mit anderen zusammengekettet. So gingen wir mit mehreren als Gruppe zur Botschaft. Wir wollten die Mitglieder und Sympathisanten einer linken Gruppe vor der Schlaegertruppe der Hisbollah Gruppe  schützen.

Damals war mir ein  Mann mit Bart aufgefallen, der Ordner war. Genau diesen Mann habe ich später, während der Gartenarbeit außerhalb des Gefängnisses an einem Freitag, unserem Feiertag wieder gesehen.  Zusammen mit einigen anderen Gefangenen aus der Schneiderei sollten wir den Vorgarten an der Straße saubermachen und verschönern. Da wurde das Tor geöffnet, ein weißer Renault wurde sichtbar, in dem der frühere Ordner saß und schnell wegfuhr. Er arbeitete also jetzt mit dem Regime in   zusammen. (EVIN).

Bei der damaligen Demonstration waren viele Leute vom  Geheimdienst anwesend. Auch viele Fotografen waren dabei und viele fremde Leute, die ich nicht kannte. Im Evin-Gefängnis gab es einen Diaprojektor, mit dem Bilder von Demonstrationen an die Wand geworfen wurden. Man versuchte auf diese Weise, Leute aus der Masse zu identifizieren. Viele Leute wurden auf diese Weise erkannt und später festgenommen. So konnte man sie wegen ihrer Teilnahme bei bestimmten Aktionen zur Rechenschaft ziehen.

Im Ghezel Hesar hatten wir Ablenkung durch die Arbeit, die anfiel. Das hielt uns etwas vom Grübeln ab. Wenn wir uns bei der Gartenarbeit anstrengten, gab es auch mal etwas Vernünftiges zu essen. Die frische Luft tat uns gut und wir kamen mit  Gefangenen von Zellenabschnitt 4 in Kontakt.

Ali Moeinfar  und  sein  Bruder waren Söhne des Ingenieurs Moeinfar, der Ölminister und seinerzeit Premierminister  Basergan  im Iran gewesen war.  Eines Tages wurde Ali interviewt. Das wurde als Fernsehbeitrag ausgestrahlt. Manche gratulierten ihm dazu und sagten: „Vielleicht wirst du ja doch nicht hingerichtet.“ Ali war zu 15 Jahren verurteilt worden.

Saeid Raeisi studierte Elektrotechnik an der Universität Sharif. Er war zu 10 Jahren verurteilt worden. 1988, bei der Befragungsaktion von Khomeini im Gefaengnis, die mehr als zwei Monate dauerte, wurden über 5.000 Personen hingerichtet. Saeid war auch dabei, obwohl er  zu den Volksudjahedin gehörte und glaeubiger Moslem war.

Edris war Bankangestellter. Als er sich eines Tages ein neues Auto, einen VW Golf, gekauft hatte, lud er seine Freunde am 5. Mehr 1981 ein und gab ihnen auf das neue Auto eine Runde Schnaps aus. Die Runde war ziemlich laut. Seine Wohnung lag neben einem Krankenhaus. An diesem Tag wurden viele Menschen mit der Ambulanz angeliefert. Und Edris, ziemlich alkoholisiert, ging zum Krankenhaus und wollte wissen, was los war. Bei dieser Gelegenheit wurde er von den Pasdar festgenommen. Sie hielten ihn für einen Spion und hatten gemerkt, dass Er betrunken war. Nachdem Edris zu drei Jahren verurteilt wurde, verlor er seinen Job bei der Bank und bekam Berufsverbot.

Bohlul hatte eine Anzugschneiderei in der Naserkhosru-Straße in Teheran gehabt. Während er in der Produktion sehr beschäftigt war und sich auch immer lange in der Schneiderei aufhielt, engagierten sich seine Frau und seine Schwester als Sympathisanten der Mudjahedin. Bei einer Demonstration an der Kreuzung Abbasi  Ecke Schirkhorschidstraße (Sonnenlöwe) wurden die beiden festgenommen.

Bohlul, der in der Regel einen 15 Stundenarbeitstag hatte, merkte irgendwann, dass seine Frau und seine Schwester nicht da waren und wunderte sich darüber. Die beiden Frauen waren derweil schon eine Weile im Evin-Gefängnis. Kurze Zeit später wurde Bohlul auch festgenommen und mit verbundenen Augen verhört. Obwohl er Analphabet war, hatte er über viele Dinge Überblick und war sich sicher, dass seine Frau mit den Partisan-Leuten nichts zu tun hatte. Das gab er auch bei der polizeilichen Vernehmung an. Bohlul sagte lachend: „Wenn meine Frau schon vor Kakerlaken Angst hat, wie könnte sie sich da mit den Partisanen abgeben und an Demonstrationen teilnehmen?“

Bohlul war auch in unserem Trakt in Ghezel Hesar. Sein Urteil stand fest: Ein Jahr. Letzten Endes war er  über zwei Jahre im Gefängnis. Seine kleine  Tochter mit ihrer Großmutter und dem Großvater kamen  manchmal  zu Besuch. Seine Frau wurde hingerichtet.

40 Geiseln werden erschossen

Eine Gruppe von Pasdar hatten eines Tages eine Gruppe von 40 Personen, zumeist Frauen, Kinder und alte Leute, in einem Dorf in iranisch-Kurdistan als Geiseln festgenommen. Die Chefs dieser Gruppe hießen Abbas, Mustafa und Morteza. Sie wollten eigentlich junge Partisanen einfangen, die sich tagsüber in den Bergen versteckt hatten und sich nur nachts aus den Bergen zurück ins Dorf wagten.

Nachdem die drei islamischen Pasdar den ganzen Tag vergeblich auf einen Anruf ihrer Chefs gewartet hatten, wurde ihnen die Sache zu heiß und sie nahmen die Geiseln mit. Es gab damals Konflikte zwischen zwei Parteien und der Regimepartei. Die kurdische Demokratenpartei und die  Organisation  Kumule lehnten sich gegen die Regierung auf. Manchmal tauschten sie ihre Geiseln aus. Diesmal war das nicht möglich. Nachdem die drei Pasdar, die ja in der Minderzahl waren, nervös geworden waren, erschossen sie die 40 Geiseln und fuhren eilig davon.

Nachdem dieses schlimme Ereignis bekannt geworden war, schalteten sich mehrere Menschenrechtsgruppen ein und aufgrund ihres massiven Einspruchs hatte das Regime die drei Täter festgenommen und sie zu zwei Jahren Gefaengnis verurteilt. Das war ja eine viel zu kurze Strafe. Aber zusaetzlich wurden die Verurteilten nach zwei Jahren als Henker in Ghesel Hesar eingestellt. Sie waren privilegierte Gefangene: Sie rauchten, lachten und konnten sich frei unterhalten. Sie schliefen woanders. Die Gefangenen sagten, sie seien damals in Kurdestan genau so grausam gewesen wie  Shemr. Das  war der Mörder des  dritten schiitischen Imam  Hossein gewesen.

Eines Tages wurden 15 Bekehrte in den Trakt 3 gebracht. Sie sollten die Gefangenen kontrollieren und ausspionieren. Nach ein bis zwei Wochen gingen sie wieder. Manchmal tauchten Typen mit Gesichtsmaske auf und wählten einzelne Gefangene aus, die dann den Raum verlassen mussten. Eines Tages kamen  Haci Esmail Rahmani, Abbas Shemr, Mostefa, Morteza und 15 Bekehrte mit Masken und holten sich Gefangene aus den Zellen heraus.  Die Bekehrten sagten laut: „Der da! Der da!“ In Zellen mit 24 Leuten blieben manchmal nur wenige  Leute zurück und die anderen wurden weggeholt.

Jetzt war unsere Zelle dran: Zwei, drei Gefangene wurden rausgerufen. Ich befand mich noch drinnen. Plötzlich beugte sich Haci Esmail zu einem Maskenmann herunter und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Das sah einer der Maskenmänner und holte mich auch prompt aus der Reihe heraus. Daraufhin rastete der Haci Esmail total aus und brüllte mich an: „Du schmutziger Kommunist, Müll, Abschaum. Zu 15 Jahren bist du verurteilt. Aber du musst nicht meinen, dass du dann frei kommst. Du wirst hier krepieren, warte es ab.“

Manchmal kamen zwei Pasdar in Begleitung von Maskenmännern in die Zellen und suchten nach Messern, Nägeln und Kugelschreibern. Dabei drehten sie uns die ganze Bude um. Schläge gab es auch oft dazu. Was für ein Irrsinn! Wir waren mit 70 Mann in einem Saal und wurden von 15 Leuten geschlagen. Wenn wieder maskierte Pasdar  in die verschiedenen Zellen kamen und sich Leute herausholten, war jeder von uns vor Angst atemlos.

Von den Trakten  1 und 2 wurden einige Leute zusammen mit uns aus  Trakt 3 in Trakt  8 gepfercht. Esmaili hatte bei der Luftwaffe gearbeitet. Hier als Gefangener war er zusammen mit seinem Assistenten Mehdi für Trakt 8 verantwortlich. Dieser Abschnitt hatte acht Zellen. Eine Zelle davon gehörte Esmaili und Mehdi. Jede Zelle hatte ein Bett mit zwei Etagen.

Im Gefängnis gab es grundsätzlich nur Plastikgeschirr. In der Zelle von Mehdi und Esmaili wurde Geschirr aufbewahrt. In den restlichen sieben Zellen waren mehrere Gefangene untergebracht. Mittlerweile gab es in unserer Zelle 19 Personen. Eines unserer Drei-Etagen-Betten war kaputt, da jemand die unteren Bretter abmontiert hatte. Wir konnten also nur die beiden oberen Betten nutzen.

Eines Tages bekamen wir von morgens bis abends nichts zu essen und zu trinken. Draußen war es sehr heiß und die Hitze dehnte sich auch in den Räumen aus, zumal der Beton sich durch die starke Sonneneinstrahlung aufgeheizt hatte. Die Gitterstäbe an der Seite konnte man kaum anfassen, so heiß waren sie. Und den ganzen Tag bekamen wir kein Wasser. Es war sehr schwer zu ertragen.

Es gab auch Reinigungsdienst. Jede Nacht wurden pro Zelle bestimmte Leute  eingeteilt, um das Bad und das WC, die Duschen, den Flur und den Saal  zu putzen. Wir wurden den Gestank aber nie so ganz los. Einmal, als meine Zelle dran war mit Reinigungsdienst, wollten ein paar von uns heimlich rauchen, aber es gab nichts. Also haben sie aus alten Teeblättern und Zeitungspapier eine  Zigarette selber gedreht. Diese haben sich dann alle geteilt: Besser als gar nichts!

Alles war nass und durch die warme Nässe bekamen viele Gefangene Ekzeme und Neurodermitis. Es mangelte an Sauberkeit und mehrere Gefangene bekamen die Krätze. Zabzeghaba war davon als erster betroffen. Nachdem sich die Krätze stark ausgebreitet hatte, wurden alle Kranken in eine gesonderte Zelle gebracht. Dort bekamen sie Medikamente und durften sich öfter duschen und waschen. Ab und zu durften sie in den Hof gehen, um etwas frische Luft zu bekommen und die Kleidung zu lüften.

Trakt  8  Ghesel Hesar

Gegen 22 Uhr kamen Abbas Shemr, Mustafa und Morteza in den Trakt 8. Sie befragten einen Gefangenen namens Ghader Zabzeghab. Er hatte sich schon in Evin bekehren lassen und dort schon den Ladjewardi durch Mitarbeit in der Folterkammer unterstützt.  Wir hatten normalerweise mit den Leuten in Ghezel Hesar nicht viel Kontakt. Die Bekehrten waren eine ganze Gruppe. Zabzeghaba hatte in Ghezel Hesar keine sinnvolle Aufgabe, aber er war durch seine Tätigkeit als Henker berühmt. Mittlerweile war er ein Außenseiter geworden. Manche hielten ihn für einen Spion. Sogar die Bekehrten hielten sich von ihm fern.

Abbas fragte den Zabzeghaba: „Wer hat gesagt, dass wir geraucht haben?“ Rauchen war verboten. Zabzeghaba antwortete: „Keine Ahnung“ und erntete prompt ein paar kräftige Schläge. Es war ziemlich dunkel. Unterbrochen von zwei bis drei kurzen Pausen dauerten die Misshandlungen im Gefängnisflur eine Stunde. Wir hörten ihn schreien „Bitte nicht…“ aber es half ihm doch nichts. Niemand konnte ihm helfen. Durch die Gitterstäbe mussten wir das Elend mit ansehen und seine Hilferufe hören. Wir dachten, dass wir als naechste mit Schlägen dran waeren. Nach der Nacht, in der Zabzeghaba die Schläge bekommen hatte, sah er furchtbar aus. Der Kopf war blutig, die Lippen geschwollen und aus der Nase lief  Blut.

Gegen Mitternacht kam Haci Esmail in den Trakt

8 und blaffte uns an. Bevor er weiterschimpfen konnte, wurden aus jeder Zelle wieder einige Leute rausgeholt. Jetzt war unsere Zelle dran. Mir war so mulmig, dass ich mich hinter einem Kollegen versteckte. Esmail war sauer und rief nach mir. „Komm raus, Mann! Willst  du dich verstecken?“ Wir wurden herausgeholt und in eine besondere Zelle gesteckt.

In Zelle 8 waren wir zu dem Zeitpunkt 42 Leute. Natürlich wurde die Zelle wieder abgeschlossen. Es gab neue Befehle für den Verantwortlichen und den Assistenten Mehdi. Da wir ja nur die zwei Etagenbetten hatten, mussten wir uns beim Schlafenimmer abwechseln.

Die Zelle hatte ganz oben ein kleines vergittertes Fenster, etwa 50 x 60 Zentimeter groß mit einer etwa 20 Zentimeter breiten Fensterbank.  Die Zelle selbst war ungefähr 1,50 m breit und 2,50 m lang. Die Raumhöhe könnte etwa 2,50 Meter gewesen sein. Es gab eine Glühlampe mit Metallgitterabdeckung. In der ersten Etage des Bettes lagen acht (8) Personen wie die Sardinen und oben drückten sich 12 Leute hinein. Einer, er hieß Sasan, legte sich auf die Fensterbank, dabei fiel er einmal herunter. Er war von der Organisation Aghaliat. Sein Bruder war Ringer in der obersten Schwergewichtsklasse in der iranischen Nationalmannschaft (1981) gewesen.  10 Leute mussten unter dem Bett liegen, andere Leute zwischen dem Bett und der Wand stehen. Nach einer Weile wurden dann alle Plätze wieder getauscht, damit jeder mal liegen konnte. Durch diese Enge hatten wir keinen Platz zum Rein- und Rausgehen, ohne dass die auf dem Boden Liegenden aufstehen mussten.

Diese Nacht war schrecklich. Es war Sommer, irgendwann zwischen Juli und August. Wir waren verschwitzt, hungrig, durstig und hundemüde. Wir konnten nicht gut atmen, da es keine frische Luft gab. Die ganze Zelle stank bestialisch. Wir hatten ja nicht die Möglichkeit, uns zu waschen. Daher der Schweißgeruch und Mundgeruch in unmittelbarer Nähe. Wenn wir nur nicht so eingepfercht gewesen wären. Immer nach einer Stunde wechselten wir unseren Platz. Wenn man im Bett lag, war es immer etwas erträglicher als auf dem harten Boden. Wir hofften so sehr darauf, am kommenden Tag im Hof spazieren gehen zu können. Oder wenigstens mal die Nase in den kleinen Flur zu stecken. Dazu die Sorge und das Grübeln.

In der vorherigen Zelle waren nur etwa 15 Leute gewesen. Früh am Morgen kam Haci Esmail wieder in den Zellenabschnitt 8 und trompetete los, dass aus Zelle 8 niemand raus dürfe. Wir sollten weder duschen noch zum Beten gehen oder sonst was. Wir hatten keine Chance. Man durfte nur einzeln raus aufs WC, nicht alle zusammen. Dreimal am Tag, jeweils ein paar Minuten. Die andere Zelle (welche?) war ähnlich. Es gab kein Wasser. Nur eine Stunde pro Tag wurde einkalkuliert, um das Geschirr zu waschen und zu duschen. Die Dusche mussten dann vier Personen gleichzeitig benutzen. Leider gab es nur kaltes Wasser. Es gibt ein islamisches Gesetz, das rituelle Waschungen vorsieht. Allerdings galt dies nur für die religiösen Gefangenen. Wir als politische Gefangene hatten keinen Anspruch darauf.

Nachts war es jetzt ein bisschen kühler. Tagsüber gingen die Kollegen aus der anderen Zelle für zwei Stunden in den Hof. Wir 42 Leute konnten jetzt etwas besser atmen. Wir hatten eine Reihe gebildet, damit jeder auch mal nach vorne kommen konnte, und durch die Gitterstäbe etwas unverbrauchtere Luft einatmen konnte. Wir tauschten immer wieder. Wenn ich ganz hinten stand, war es schwer für mich. Besonders problematisch war es für die kleinen Leute. Die wurden öfter mal nach vorne gelassen, da sie schnell Atemnot bekamen. Es war ein Gefaengnis im Gefaengnis.

Es gab täglich ein Glas Wasser aus dem Brunnen. Da dieser schon sehr alt und kaputt war, befand sich zur Hälfte Lehm im Glas. Eigentlich war das Wasser für Toilettengänge vorgesehen. Die 42 Leute aus unserer Zelle beteten nicht. Wir waren ja schreckliche politische Gefangene. Manchmal, wenn gerade kein Wächter in der Nähe war, kam ein Kollege aus einer anderen Zelle mit einer roten Plastikwasserkanne. Vorsichtig reichte er sie uns durch die Gitterstäbe und jeder von uns nahm einen Schluck. Das tat gut! Weil unsere Zelle so klein war, hatten wir noch nicht einmal genug Platz zum Essen. In dieser Enge landete mehr Essen auf den Kleidern und auf dem Boden als im Magen. Wenn es Suppe gab, schwitzten wir dermaßen, dass es übel  roch.  Und dazu der Mundgeruch! Die ganze Situation erschöpfte uns total. Ich hatte starke Kopfschmerzen. Viele von uns hatten ein Würgegefühl. Wir dachten, wir müssten uns übergeben, aber gleichzeitig unterdrückten wir den Impuls. Manche Gefangene bekamen eine Fleischvergiftung und hatten blutigen Durchfall. Es lag daran, dass wir so oft verdorbenes, ungenießbares Essen bekamen. Von Tag zu Tag wurden wir dünner und viele waren schon total ausgemergelt. Der Körper hatte keine Kraft  mehr. Die Langeweile war unerträglich, zumal wir nicht nach draußen durften und es für uns keine sinnvolle Beschäftigung gab. Wir hatten noch nicht einmal Kraft zum Sprechen. Die Kommunikation geschah meist durch Zeichensprache, Gestik und Mimik. Wie stark war doch unser Hass auf das Regime!

Endlich war der Besuchstag, dem ich schon so lange entgegenfieberte. Nachdem die Tür geöffnet worden war, verschwanden wir erstmal aufs WC. Danach setzten wir uns in den Flur. Wir waren so schwach, dass wir kaum stehen konnten. Manche nickten sogar im Sitzen ein. Haci Esmail Rahmani schaute uns finster an. Dann begann er loszuwettern: „Ihr bleibt bis zu Eurem bitteren Ende hier! Entweder werdet ihr hier abgemurkst oder Ihr bleibt als bessere Menschen am Leben. Ihr glaubt doch wohl nicht, dass die islamische Republik  Euch kostenlos durchfüttert! Ihr seid Müll und Abschaum. Den Besuch heute könnt Ihr Euch knicken.“ Er fügte schnaubend hinzu: „Ich werde anordnen, dass heute niemand von Euch seine Besucher empfängt!“

Ein weiterer Wortschwall folgte noch, doch ich nahm das nicht mehr richtig wahr. In meinem Kopf drehte sich plötzlich alles. Die anderen Gefangenen hatten ebenso wenig Kraft zum Antworten. Obendrein hätten die Widerworte nur noch mehr Ärger nach sich gezogen. Sie trieben ihre Machtspiele mit uns. So hielten wir schweigend den Kopf gesenkt und litten wortlos. Unsere einzige Freude sollte dieser Besuchstag sein. Ein paar Minuten die Familie sehen, in die Gesichter unserer Kinder blicken, ein wenig Ablenkung vom traurigen Haftalltag. Jedesmal  dachten wir, dass wir unsere Familien  vielleicht das  letze Mal  sehen würden. Das gleiche dachten unsere Familienangehörigen.

Es war so üblich, dass die Verwandten hinter einer Glaswand standen und man sich einige Minuten über Telefon unterhalten konnte. Viele Familien waren von weit her angereist. Manche schliefen sogar nachts hinter dem Gefängnis, um morgens pünktlich zum Besuch da zu sein. Meine Familie musste vom Nordiran bis zum Gefängnis eine Strecke von 300 km zurücklegen. Das war kein Katzensprung. Wie oft kam es vor, dass der ganze Besuch einfach abgeblasen wurde und die Besucher mussten unverrichteter Dinge wieder den Heimweg antreten.

Uns Gefangenen und unseren Familien war der Kontakt ungeheuer wichtig. Das wussten auch die Wächter. Deshalb kam es oft vor, dass sie aus fadenscheinigen Gründen die Besuchszeit ausfallen ließen. So passierte es, dass manche Gefangene zwei Monate lang keinen Besuch bekamen. Einmal hatte eine Frau für ihren Mann eine Schachtel Zigaretten hereingeschmuggelt. Sie ließ sie dem Gefangemit über ihre kleine Tochter zukommen. Für solche Sachen steckten sie sogar Leute in die Folterkammer. Irgendwie fanden sie immer Gründe, um die Besuche vorzuenthalten.

Haci Esmail kam auf mich zu und fragte mich: „Bist du ein Mensch geworden oder immer noch Kommunist? Du hast Frau und Kinder und  Bist trotzdem Kommunist? Du solltest dich begraben lassen.“

Ich hielt meinen Kopf gesenkt und versuchte mir das Gesicht meiner kleinen Tochter vorzustellen.  Einmal war sie mit ihrer Mutter zu Besuch bekommen und hatte ganz schwarze, traurige Augen. So sah ich sie jetzt wieder vor mir. Sie hatte kein Wort gesprochen und nach einigen Minuten waren die beiden leise wieder davongegangen. Von diesem Besuch zehrte ich noch mehrere Tage. Und begann auf  den nächsten Besuch zu warten. Ich hatte jetzt Angst, weil Haci Esmail angedroht hatte, den Besuch zu verbieten.

Nach einer Stunde saßen wir immer noch schwach und eingeknickt im Flur. Plötzlich fing ein Pasdar an, die Leute aufzurufen. Mich rief er auch auf. Mit verbundenen Augen taperte ich los.

Im Besucherraum angekommen, nahmen wir unsere Augenbinden ab. Dann gingen die anderen Türen auf und die Familien kamen rein. Die Gefangenen aus Trakt 3 hatten ebenfalls Besuch bekommen. Meine Mutter und meine Frau sahen mich traurig an. In Sekundenschnelle erkannten sie meinen Zustand: Mein Gesicht war abgemagert und die Augen schauten traurig aus den Höhlen. Dazu war ich total blass. Da in dem Raum alles abgehört wird, kann man dort nicht gut reden. Wir konnten uns kaum verstaendigen. Es gab nichts zu lachen!

Meine Frau zog ihren Tschador übers Gesicht und fing an zu weinen. Auch wenn sie das zu verbergen suchte, fiel es durch das Beben ihrer Schultern und des Kopfes auf. Meine Mutter war auch den Tränen nahe und lachte bitter auf. „Komm, Junge, rede ein bisschen!“ sagte sie und winkte mir aufmunternd zu. Was sollte ich tun?  Mutter hatte Angst, dass mich das ganze noch mehr runterzieen würde. Deshalb bat sie meine Frau, mit dem Weinen aufzuhören. Sie nahm meine Frau in den Arm und sagte leise: „Hör auf zu weinen, Abbas wird sonst noch trauriger.“ Meine kleine Tochter hatte sich währenddessen an der Tischkante hochgezogen und mich beobachtet. Sie sagte: „Papa, Papa“ und schickte mir Handküsse. Als sie sah, dass ihre Mutter weinte, versteckte sie sich. Normalerweise konnte man bei den Besuchen seine Kinder für ein bis zwei Minuten umarmen, aber das ging jetzt nicht, da  die  Kleine total eingeschüchtert war.

Die ganze Atmosphäre war unangenehm. Andere Kinder weinten auch und hatten Angst. So gingen meine Verwandten wieder weg und ich dachte mir: Die fliegen jetzt in die freie Welt hinaus und ich kann diesem Wahnsinn hier nicht entkommen. Diese fünf Minuten waren ganz schrecklich für mich.

Ich hatte wieder mit dem Grübeln begonnen und meine Gemütsverfassung besserte sich nicht. Ob sie neue Informationen über mich hatten? Wollten sie mich wieder in die Folterkammer nach Evin bringen? Ich kam aus dem Nachdenken nicht mehr raus.

Wenn wieder Besuchstag war, fragte mich meine Familie, warum ich immer noch nicht freikam. Mit politischen Gefangenen wie uns war das immer ein heißes Eisen. Jedenfalls machte ich mir große Sorgen, ob meine Familie vielleicht unbewusst Informationen über mich geliefert hatte. Die Aufseher waren psychologisch geschult. Sie horchten die Familien so raffiniert aus, dass das kaum einer merkte. Auf ganz hinterlistige Art und Weise wird jedes Wort herausgelockt. Oft wurde gesagt, dass die grüne Tür zum Paradies führt und die schwarze in die Hölle. Kaum zu glauben, dass Menschen sich auf diese Weise bereden lassen, aber es funktionierte doch immer wieder.

Da meine Frau sehr religiös war, hatte ich Angst, dass sie womöglich wichtige Informationen preisgab, denn die Verhörenden wollten jede Einzelheit  erfahren. Ob vielleicht meine Frau oder jemand anderer aus meiner Familie zu viel geredet hatte? Und ob sie mich deshalb töten würden?

Einige  Wochen nach dem Besuchstag ging die Tür des Zellenabschnitts 8 auf und Haci Esmail kam herein. Ein Assistent öffnete die Zellentür und Haci Esmail befahl, dass wir 70 Leute uns in einer Reihe aufstellten. Er war dieses Mal etwas freundlicher zu uns, fast wirkte er schüchtern. Er hatte normalerweise keinen Kontakt mit uns. Er zählte uns durch, um uns danach auf Trakt 3 zu verteilen. Ich durfte nicht zurück an meinen alten Platz in Trakt 3, stattdessen kam ich in Zelle 7. Wir waren 9 Leute, es ging uns sehr schlecht. Wir lagen nur im Bett. Es gab keinen Ausgang undnicht genug Bewegung. Andre Leute wurden auf die Trakte 1 und 2 verteilt.

Nach drei Wochen in Zelle 7 stand wieder ein Besuchstag an. Wir mussten warten, dass unsere Namen aus dem Lautsprecher gerufen wurden. Dann zügig in den Besuchsraum. Wir freuten uns so sehr auf den Besuch, das war die einzige positive Ablenkung. Es tat so gut, die Familie wiederzusehen. Von den fünf Minuten Kontakt würden wir ein paar Tage zehren. Und wieder kam so ein Hauch von Hoffnung, die Sehnsucht nach der Freiheit.

Leider wurde ich an diesem Tag nicht aufgerufen. Ich war niedergeschmettert und ängstlich obendrein. In meinem Kopf hämmerten wieder viele Fragen und die nächste Depression brach über mich herein.

Ablenkungsversuche mit Bastelarbeiten

Vor Verzweiflung nahm ich harte Dattelsteine und rieb sie über den Betonboden. Nachdem sie fünf Tage im Wasserglas gelegen waren, waren die Steine etwas größer geworden. So rollte ich sie immer wieder mit den Dattelsteinen über den Betonboden, bis die raue Oberfläche ganz glatt wurde.

Ich wollte ein Armband für meine kleine Tochter daraus basteln. Wenn ich erst mal genug Steine glattgerieben hätte, würde ich sie mit einem Faden verbinden. Nur achtgeben, dass mich niemand beobachtete, denn wir wurden wegen jeder Kleinigkeit reglementiert. Wenigstens eine Kleinigkeit vom Papa. Wer weiß, ob ich der Kleinen jemals wieder etwas würde schenken können? Das kratzende Geräusch der Steine über den Boden lenkte mich etwas ab. Diese Tatenlosigkeit hier machte mich sonst noch wahnsinnig.

Dass sie mir den Besuch verboten hatten, war eine Gemeinheit. Ich war total daneben. Also meldete ich mich freiwillig zum Ordnungsdienst und zur Gartenarbeit. Die Arbeit an der frischen Luft beruhigte meine Nerven. Bloß mal rauskommen aus der Bude hier, ein bisschen frische Luft schnappen. In der Zelle hatte ich immer Angst, wenn nur die Tür aufging. Jedes Mal stieg dann die Panik in mir hoch.

Zwei Wochen später: Der nächste Besuchstag. Ob ich diesmal meine Leute sehen könnte?  Hastig zog ich mir saubere Kleidung an und schnell zum Besucherraum. Und immer noch die Sorge im Nacken. Als ich endlich dort hineinkam, sah ich meine Familie. Ich hörte Gesprächsfetzen von den anderen Gefangenen. Jeder lief zu seinen Verwandten hin und versuchte, schnell etwas zu sagen. Man nahm den Telefonhörer hoch und unter Beobachtung der Pasdar konnte man sich mit der Verwandtschaft unterhalten. Natürlich war das wieder so eine Pseudokommunikation. „Wie geht es dir hier im Gefängnis?“ – „Gut, ist alles okay.“ – „Ist doch nicht verkehrt, dass ihr hier seid. Hier habt Ihr guten Umgang und religiöse Vorbilder“. – „Ja, ganz bestimmt.“ „Hier lernt ihr viel vom Koran, was für Euer Leben nützlich sein wird.“ – „O ja, unbedingt.“ Alles nur blablabla. Aber so waren die Regeln. Alles war Taktik. Keiner durfte etwas Falsches sagen, schon gar nichts gegen den Islam. Und da meine Frau sowieso sehr religiös war, nahm sie auch noch vieles für bare Münze. Ich sagte ihr: „Ich gehe zurück zum Islam“.

 

 

Meine Familie reagierte auf diese überzeugt wirkende Äußerung mit anerkennendem Kopfnicken. Meine kommunistische Einstellung war für sie schon immer ein großes Problem, sowohl bei der Festnahme als auch vorher  im Zusammenleben, denn fast alle Verwandten meiner Frau waren sehr religiös. Meine kommunistische Lebenseinstellung war auch ein wesentlicher Grund für meine spaetere Scheidung. Mein Schwiegervater war zwar religiös, aber nicht fanatisch. Alle hegten die Hoffnung, dass ich bald wieder zum Islam finden würde. Sie übten sich in Geduld. Das war nicht selbstverstaendlich!

Obwohl ich hoffte, dass meine Frau nichts sagen würde, hatte ich doch so meine Zweifel. Vielleicht machte sie eine unbedachte Äußerung, die mich dann den Kopf kosten könnte? Es waren geschickte Leute, die gut geschult waren, Verhöre durchzuführen. Sie konnten Menschen manipulieren und wussten, wie sie sich auf jeden einzustellen hatten, um die allerkleinste Information aus ihnen herauszuholen. Die Aushorcher betonten immer wieder: „Wenn alles restlos geklärt ist und der Gefangene nichts Schlimmes gemacht hat, kommt er wieder in die Freiheit.“

Meine Eltern kamen mit meiner kleinen Tochter  in den Besuchssaal. Mein Vater war ein eher ruhiger Typ, der sich auf wenige Worte beschränkte. Er wollte sich nicht verplappern und mich damit womöglich noch mehr in Schwierigkeiten bringen. Daher fragte er mich nur: „Wie geht’s dir mein Junge?“ und gab dann den Telefonhörer an meine Mutter weiter.

Meine Mutter hatte gemerkt, dass ich mir wegen meiner Frau Sorgen machte, da sie wieder nicht mitgekommen war. Meine Mutter war couragiert und konnte sich auf jedem Parkett bewegen. Sie hat uns immer gezeigt, wo’s langgeht und uns den Rücken gestärkt. Sie redete erst etwas belanglos und erwähnte, dass meine Frau beim letzten Mal krank war. Dies Mal sei sie gerade bei einer Pilgerreise in Syrien am Grab von Zeineb, der Schwester des Dritten Imam Hossein. Ihre Eltern und Tante seien mit ihr dort, um zu beten. Na ja, wenigstens war sie beschäftigt. Ich wurde etwas ruhiger.

Nach dem Besuch im  Gefaengnis verstand meine Familie besser, was dort  passiert. Als meine Frau mit den anderen Verwandten wieder  in Teheran waren,  gingen sie zusammen zum Zentralen Revolutionsamt und wollten  Einspruch gegen unsere Inhaftierung einlegen. Sie stellten eine richtige kleine Delegation zusammen. Auf der Moalemstraße (Lehrerstraße) hatten sich noch andere Verwandte von Gefangenen versammelt, die auch protestierten. Sie fragten laut: „Was ist los? Was passiert mit unseren Verwandten?“ Geschlossen gingen sie zum Revolutionslandgericht und positionierten sich dort. Sie hatten noch keinen Einspruch eingelegt und noch keine einzige Parole ausgerufen. Plötzlich kamen Pasdar mit Minibussen angefahren. Innerhalb des Kreises, der sich dort aufgestellt hatte, stand auch meine Frau.

Sie wurde mit anderen zusammen festgenommen. Die Fahrt ging zum Evin-Gefängnis. Dort schafften sie meine Frau  in die Folterkammer und fingen an zu fragen: „Warum haben Sie Einspruch eingelegt? Ihr Mann hat hier 12 Strafanträge vorliegen. Jeder Strafantrag für sich reicht schon für eine Verurteilung aus. Aber Sie haben Glück, weil Imam Khomini ein  gutmütiger Mann ist. Sie sagten sinngemäß: „Wir geben ihm eine Chance, dass er zum Islam zurückkommt und ein Bekehrter wird.“ Der Pasdar fuhr fort: „Jetzt sind Sie auch noch dabei, aktiv zu werden und hier im Gefängnis gelandet. Ich sage Ihnen nur eines: Ihr Mann sollte den Bogen nicht überspannen. Wenn wir noch eine falsche Bewegung von ihm sehen, dann ist es um ihn geschehen. Sein Leben haengt an einem seidenen Faden. Das gleiche gilt für Sie. Noch so ein paar Kapriolen, dann ist für Sie auch Schluss.“

Meine Frau war über einen Monat im Evin-Gefängnis. Es ging immer um Pfand und Garantie. Es herrschte dort die Einstellung: „Diese Bewegung ist gegen uns und für Amerika und für die Feinde des Islam.“ Deshalb musste meine Frau sich verpflichten, über diese ganze Angelegenheit Schweigen zu bewahren, um nicht  hingerichtet  zu werden.

Daher wusste ich auch die ganze Zeit lang nicht, dass sie ebenfalls inhaftiert war. Lange Jahre nach meiner Freilassung wollte meine Frau beim Einwohnermeldeamt einen Pass beantragen. Sie sagten ihr, sie bekäme keinen Pass, da ihr Name auf der schwarzen Liste stehe. Bei der Gelegenheit kam die ganze Sache ans Licht und ich staunte nicht schlecht. So erfuhr ich, dass sie seinerzeit gar nicht krank beziehungsweise in Syrien war, sondern selber eingesperrt. Ich dachte mir nur: Oh, was für eine freundliche islamische Regierung!“ All dies erfuhr ich erst viel spaeter.

Meine Mutter sprach beim Besuch im Gefaengnis nicht  viel, sie kannte die Regeln: Sie übermittelte wie immer die  Grüße von der Verwandtschaft und den Nachbarn.

Ich atmete auf. Meine kleine Tochter kam zu mir und ich sah ihre Unruhe. Ich versteckte schnell das Armband aus den Dattelsteinen in ihrer Rocktasche und fragte sie, wie es der Mutter geht. Sie meinte, es ginge der Mutter gut und löste sich dann schnell aus meiner Umarmung, um wieder zur Oma zu gehen. Ich dachte mir, die Kleine hatte Angst vor dem Gefängnis mit seiner düsteren Atmosphäre. Später, nach meiner Entlassung, sagte sie mir mal, sie habe damals Angst gehabt, dass die Aufseher sie auch einsperren und nicht mehr rauslassen würden.

Ein weiterer Gefangener in Trakt  4 war Achund, ein Mullah aus der Stadt Ghom im Iran. Er war dort Lehrer für Frauen an der Koranschule gewesen. Die Frauen, die dort studierten, sollten eines Tages Koranlehrerinnen werden und das Regime unterstützen. Weil er während seiner Lehrtätigkeit mehr als 60 Frauen der Koranschule unsittlich angefasst hatte und dabei aufgefallen war, saß er jetzt in Trakt 4  im Gefängnis.  Erstaunlicherweise durfte er dienstags und freitags, wenn Gebetszeit war, Vorträge halten und andere belehren. Ich konnte nicht begreifen, warum  wir uns von ihm auch noch Koranpredigten anhören sollten. Wenn wir im Flur auf dem Fußboden saßen, und er taenzelnd, wie ein Schwuler, an uns vorbeiging, um uns aus dem Koran vorzulesen, skandierten wir Gefangenen leise, so dass die Tabvab uns nicht verpetzen konnten: „Dudul talah“, Dudul Talah!“ Das hieß „Goldpillermann“.

Eine Mutter beantragt die Hinrichtung ihres Sohnes.

Mohamad aus Naziyabad kam aus einem südlichen Stadtteil von Teheran, der von deutschen Nazis erbaut worden war, und deshalb diesen Namen trug. Er gehörte derselben Organisation wie ich an. Nach seiner Festnahme wandte sich seine Mutter, eine ganz fanatische Hisbollah-Anhängerin, total gegen ihn. Sie beantragte persönlich die Hinrichtung ihres Sohnes! Mit der Äußerung „Es tut mir leid, dass mein Sohn so ein Nichtsnutz ist“  begründete sie ihre Weigerung, den Sohn im Gefängnis zu besuchen. Statt dessen schrieb sie ihm fanatische, bösartige Briefe ins Gefängnis. Mohamads Vater kam seinen Sohn ebenfalls nicht besuchen, da er sich von seiner Frau vollstaendig unterdrücken ließ.

Mohamad las uns einmal einen Brief seiner Mutter vor: Eine einzige Schimpfkanonade gegen den Kommunismus! Sie wünschte, dass alle Gegner der Religion, vor allem die Kommunisten, getötet würden. Nachdem Mohamad uns den Brief vorgelesen hatte, wussten wir nicht, ob wir lachen oder weinen sollten. Was für ein Wahnsinn! Er gab uns die Briefe zu lesen und wir konnten nur mit dem Kopf schütteln. Wir waren erschüttert.

Diese fanatische Denkweise hat so viele Menschen buchstäblich den Kopf gekostet. Die iranische Kultur geht daran fast kaputt. Weltweit ist bekannt geworden, dass im iranischen Gefängnis Folter und Tötung an der Tagesordnung ist. Was für ein trauriges Kapitel! Die Menschen leben in Angst und alles wird zensiert. Leute, die nicht systemkonform sind, riskieren dadurch ihr Leben. Wer nicht aufpasst, redet sich um Kopf und Kragen.

Vor meiner Festnahme war Bahram Mirzai, ein Kommunist aus unserer Stadt Ramzar, gefangen genommen worden. Man richtete ihn hin. Als die Familie nach der Nachricht darüber morgens zum Friedhof ging, war keine Leiche vorhanden. Niemand konnte ihnen sagen, was passiert war. Einige Tage später wurde Bahrams Leiche in einem Fluss  30 Kilometer entfernt in Djewaher Deh gefunden. Dieser Fluss war ein beliebtes Ausflugsziel. Jemand benachrichtigte seine Familie. Die Eltern kamen in der Nacht dorthin, holten seine sterblichen Überreste dort ab und bestatteten sie dann bei sich im Hof. Trotzdem wussten solche Familien nicht, wohin mit ihrer Trauer, denn es gab praktisch keinen Ansprechpartner, weil man niemandem etwas erzählen konnte. Es war undenkbar,  bei Freunden oder Nachbarn sein Herz auszuschütten! Jeder hätte ein potenzieller Denunziant sein können. Man wusste nie, ob man jemandem trauen konnte oder nicht. Das Risiko war  viel zu groß.

Terror gegen die Familie meines Onkels und das Verbot zu weinen

Nachdem mein Cousin Firuz und dessen Frau Cheiri hingerichtet worden waren, kamen religiöse Pasdar zur Wohnung meines Onkels. Sie hatten Dienstkleidung an und waren bewaffnet. Sie besetzten den ganzen Tag und die Nacht das Haus unserer Nachbarn und kontrollierten das Telefon. Niemand sollte meine Tante und meinen Onkel anrufen oder persönlich kommen, um seine Trauer auszudrücken. Auch das Haus und den Garten meiner Eltern durchsuchten sie und forderten meine Verwandten auf, alles Verdaechtige zu melden. Sie waren sehr veraengstigt, zumal ich selbst zu dieser Zeit im Gefaengnis war. Die Frau meines Onkels, er selber und auch die beiden Töchter Zohre und Mehkame weinten herzzerreißend. Sogar das versuchten die Pasdar durch Drohungen zu unterbinden. Sie verlangten von ihnen, sich zu freuen, denn ein falscher Moslem sei gestorben. Es ist nicht zu fassen: In der islamischen Kultur wird dauernd von den Menschen verlangt, über irgendwelche ihnen unbekannte, laengst gestorbene Maertyrer zu weinen, aber ihre eigenen toten Kinder dürfen sie nicht beweinen!

Mein anderer Cousin Bahman (17 Jahre alt) war im Dschungel in Nordiran festgenommen worden, weil man ihn beschuldigte, Terrorist zu sein und einen Pasdarchef ermordet zu haben. Die anderen Brüder Behruz und Bijan waren auf der Flucht. Sie versteckten sich, so gut sie konnten, auch unter Brücken, damit man sie nicht mit Taschenlampen entdecken konnte. Die Pasdar versuchten zu verhindern, dass jemand mit Bijan und Behruz Kontakt aufnahm und ihnen etwas zu Essen gab.

Zwei Tage nach der Festnahme von Bahman fuhren Pasdar mit einem Megaphon auf dem Wagen durch die Straßen von Ramzar und gaben den geplanten Hinrichtungstermin bekannt. Sie verkündeten: „Leute, kommt morgen zum Friedhof. Wir haben einen Mörder festgenommen. Ihr könnt bei seiner Hinrichtung zuschauen.“

 

 

Einige Dorfbewohner und Hisbollah-Leute folgten dieser Aufforderung. Die Pasdar veranstalteten einen öffentlichen Spießrutenlauf gegen Bahman. Er musste mit offenen Augen quasi um sein Leben laufen,  wobei er ja eigentlich keine Chance hatte. Er weinte die ganze Zeit und rief immer wieder, dass er den Mord nicht begangen habe. Zwei, drei Leute liefen ihm mit Pistolen und Maschinengewehr hinterher. Schließlich erschossen sie ihn. Bahman weinte und schrie jämmerlich, bevor er starb. Diese öffentliche Hetzjagd sollte eine Abschreckungsfunktion für die haben.

Als ich dies im Gefaengnis in Ghesel Hesar in der Zeitung las, war ich völlig fertig.

Eine Woche später wurde Mokhtar Taleschi, der auch bei der Milicia, den jungen Rebellen (Volksmodjahedin)  war,  auf der Flucht festgenommen. Er war ein Kollege von Bahman.(Volksmodjahedin)  Nachdem er geschlagen und gefoltert worden war, gab er an, dass er den Pasdarchef getötet hatte. Also war Bahman anscheinend nicht der Täter. Einige Tage später gab es dann wieder eine Lautsprecheransage vom Polizeiwagen aus: „Kommt alle, wir haben einen Mörder gefangen“. Sie richteten Mokhtar gegenüber der Hauptstraße beim Amt für religiöse Pasdar hin. Das heißt, zwei Menschen mussten für einen getöteten Pasdar sterben. Aber niemand weiß, wer der wirkliche Mörder war, denn viele Menschen sagen unter der Folter alles, was man von ihnen hören will. Nach dieser zweiten Hinrichtung verließen die Pasdar die Wohnung meines Onkels  Ghasem.

Noch immer hatten wir jeden Tag vom Radio Dauerberieselung. Immer das gleiche religiöse Gequatsche. Es hing uns allen schon lange zum Halse raus. Gebete und Koranlesungen über Lautsprecher und kein Ende in Sicht.

Außerdem wurde vom Irak-Krieg berichtet. Ein Kriegsmarsch dröhnte durch die Boxen. Wir wurden immer hoffnungsloser. Die Hitze und die Müdigkeit, dazu diese Indoktrinierung, die allgegenwärtig war.

Im Radio wurde wieder vom Krieg berichtet. Es wurde erwähnt, dass die Israelis viele Muslimbrüder in die  Folterkammer gebracht hatten und zwei Personen drei Tage und Nächte in einer zwei mal drei Meter großen Gefängniszelle gefangengehalten wurden. Es waren über 50 Moslembrüder von der  israelischen Armee festgenommen worden.

Manchmal kamen Bekehrte vom Nachbartrakt  herüber und wollten uns missionieren. Wenn sie so von den islamischen Soldaten redeten, und wir das mit unseren Zuständen und Räumlichkeiten verglichen, waren wir sprachlos. Da verstanden wir, wie dumm manche Menschen sind.

Herr Reza, der Stadtstreicher, taucht auf

Die Tür von Trakt 3 ging auf und Haci Davoud Rahmani kam mit einem ca. 30-jährigen Mann herein: Ein Kanten von Kerl mit einer Sporttasche. Er schaute grimmig aus seinem dunklen Gesicht. Der Mann hatte Schlägereien und Messerstechereien hinter sich und war voller Hass. Davoud Rahmani schubste ihn in den Trakt und rief Mahmud,Nateghian, den Verantwortlichen des Trakts zu sich: Er sagte: „Nimm dies wilde Tier mit!“ Mahmud war früher Sympathisant  bei Organisation der Fedaian (minderhait)(Aghaliat), aber er war jetzt in Zelle 1, der Zelle der Bekehrten. Esmail Ghenaety, der Assistent der Tabwab,  saß vorne in der Zelle. Haci Davoud sagte mit lauter Stimme: „Reza, pass auf dich auf! Hast du verstanden, was ich dir sage?“ Reza sagte: „Ja, alles klar.“ Reza wurde das Bett über meinem Bett in Zelle 7  zugewiesen.

Reza war unzufrieden, weil er in die Abteilung mit den politischen Gefangenen gesteckt wurde, wo er sich fremd fühlte: Keine Zigaretten, keine Drogen, keine Schlaegereien usw. Alle wussten, dass er ein normaler Gefangener, also ein Krimineller war: Er hatte sich an  Schlägereien und Messerstechereien beteiligt. Die anderen Gefangenen ärgerten sich auch, da sie sich gestört fühlten. Davoud Rahmani freute sich darüber, denn manchmal steckten sie absichtlich zu den politischen Gefangenen in die Abteilung 2 oder 3  normale Kriminelle, um alle aufzumischen. Da gab es logischerweise oft Streit.

Reza war vom Gefängnis Ghazr hergebracht worden. Er ging alleine auf dem Flur herum. So unruhig und unzufrieden wie er war, wollte er die anderen provozieren. So fing er an, die anderen Gefangenen zu schubsen, obwohl der Gang breit genug war. Leider oder glücklicherweise konnte er keinen Streit vom Zaun brechen. Die anderen Gefangenen waren so diplomatisch, ihm immer auszuweichen und sich im Zweifel sogar zu entschuldigen.

Langsam kam Reza mit mir ins Gespräch. Manchmal gingen wir im Flur zusammen spazieren. Reza erzählte mir, dass er in Südteheran geboren wurde. Er war ein echter Problemfall, insgesamt 20 Gefängnisaufenthalte hatte er schon hinter sich, mal kürzere, mal längere. In seinem kurzen Leben hatte er mehr Zeit im Gefängnis als in Freiheit verbracht. Er konnte nur ein bisschen lesen und schreiben. Voller Stolz erzählte Reza von seinen kriminellen Handlungen. Sein Körper war von Narben gezeichnet, wovon er mir auch einige zeigte. Auch im Gesicht befand sich eine Narbe.

Reza kam aus einer armen Familie war arm, wie so viele im kapitalistischen System. Sein Vater war Arbeitermit viel zu knappem Lohn und die Mutter musste sehen, wie sie die vier Kinder satt bekam. Also nahm die Mutter eine Putzstelle bei reichen Leuten an. So waren die Kinder lange Zeit auf sich selbst gestellt. Sie hatten kaum klare Regeln. Wenn Reza aus der Schule kam, war keiner zu Hause und er streunte dann meistens draußen herum. Er spielte mit anderen Kindern, auch wenn er eigentlich zur Schule musste und verlor in der Schule schnell den Anschluss.  Seine Noten wurden immer schlechter und schließlich flog er von der Schule.

„Da gingen mir erstmal die Augen auf“ sagte Reza. „Mir wurde bewusst, dass ich wie ein ziellos herumstreunender, herrenloser Hund war“, fügte er noch hinzu. Er bekam von überall nur Nackenschläge und Fußtritte, weil andere Menschen ihn nicht akzeptierten. Auf der Straße trug er dreckige Klamotten und wurde entsprechend schräg angesehen. Reza beschrieb, wie er langsam größer wurde und lernte, sich durch seine Körperkraft zu behaupten. „Ich war sehr aggressiv und rachsüchtig“, erzählte er. Vorher war ich klein und hilflos, aber irgendwann hatte ich Kraft und konnte mich endlich durchsetzen.“

Ich hörte ihm interessiert zu und er erzählte mir von dem jungen Mädchen mit der Politikerzeitung. „Es war vor zwei Jahren an der Kreuzung Vali Asr. Dort stand ein junges Mädchen und verkaufte eine politische Zeitung. Zuerst wollte ich hingehen und die Zeitung greifen und zerreißen, um meine Kraft zu demonstrieren. Als ich dann näher kam, sah dieses Mädchen mich so freundlich an und sprach so höflich mit mir. Da kam ein Mann an und suchte Streit mit ihr. Da mir das Mädchen leid tat, haute ich dem Mann eine runter. Der ist dann abgehauen.“

Ich lachte ein bisschen und fragte Reza: “Du warst nicht zufällig Mitglied von Hisbollah im Komitee 6 neben der Universität?“ Das fand er gar nicht komisch. Er sah mich ernst an und meinte: „Na hör mal, mein Freund, ich schwöre bei Imam Hossein. Ich war nicht wie Schaban Bi Mokh (ohne Gehirn)! Schaban Djafari hatte im Jahr 1953 dem Schah gegen Mossadegh geholfen. Er war ein Lumpenchef und Helfershelfer des CIA. Durch ihn konnte der Schah zurückkehren.

Ich habe noch mal gelacht und mich entschuldigt: „Reg dich nicht auf, Reza. Ich habe das nur aus Spaß gesagt.“ Er nickte mit dem Kopf: „Ist okay, Mann“ und fuhr mit seiner Geschichte fort: „Also diese Geschichte war echt der Hammer, weißt du? Die war so was von freundlich, ich habe mir gedacht: Mann, das gibt’s doch gar nicht, dass die so nett zu mir ist. Ich wurde seit langem wieder wie ein Mensch behandelt. Verstehst du das?“ Ich nickte mit dem Kopf. „Klar, ich war schüchtern und etwas unsicher und gleichzeitig richtig froh. Wir diskutierten über verschiedene Themen (Schule, Gesundheit, Wohnung, Leben, Freiheit, Arbeit, Geld). Auch wenn ich von den meisten Sachen nicht viel verstand, aber weißt du, sie war einfach so nett. Sie hat mir alles erklärt und mich wie einen ganz normalen Menschen behandelt. Das tat mir gut. Ich konnte nicht besonders kluge Antworten geben, aber was soll’s?“ Sie hatte ihre Zeitschriften im Rucksack und zeigte mir mehrere Ausgaben. „Ich erkannte, dass da nichts gegen Gott drinsteht, sondern richtig interessante Sachen, einfach menschliche Themen, was jeden angeht. Ich wurde jetzt noch unsicherer, weil mir klar wurde, dass das ja was Gutes ist. Das sind kluge Menschen, die uns helfen wollen. Die wollen Lösungen finden und die Karre aus dem Dreck rausfahren helfen, verstehst du?“ Ich nickte ihm wieder zu.

Wir haben doch hier nur Armut und Ziellosigkeit. An dem Tag habe ich meine vorherige Meinung um 180 Grad geändert. Ich war jetzt freundlich und unterhielt mich immer mit den Demonstranten. Ich wurde Sympathisant der Organisation Partisan. Da hatte ich auch eine Aufgabe für mich entdeckt: Jeden Tag kam ich zu dem Stand und habe auf den Büchertisch aufgepasst. Wenn da mal einer Ärger machen wollte, bekam er es mit mir zu tun. Niemand hat sich mehr getraut, den Tisch umzuhauen. Nach einiger Zeit habe ich mich sogar mit dem Mädchen verlobt. Ich habe mir viel Mühe gegeben, um das Vertrauen der Gruppe zu erlangen.

 

 Aber das hat nicht so hingehauen. Nie haben sie mir ihre richtigen Namen oder ihre Adressen gegeben. Von Mal zu Mal haben sie mich vertröstet, aber es kam nie dazu. Um ihr Vertrauen zu erreichen, ließ ich mir eine Tätowierung machen.“ Stolz zeigte er mir seinen linken Arm. Es stand darauf ein Zeichen einer Partisanenorganisation. Allerdings konnte man das Emblem nicht mehr richtig erkennen. Dort stand ursprünglich „Ich werde mit Partisan töten.“ Reza erzählte, dass die politischen Aktivitäten langsam ein Ende nahmen. Zeitungen, Bilder, Bücher und Poster wurden immer mehr versteckt. Eines Tages kam er an den Platz und die Gruppe war nicht mehr da. Er wusste nicht, wo er die Leute suchen sollte und stand schon wieder vor dem Nichts. Wochenlang klapperte er die Gegend ab, aber keine Chance. Aus seiner Verlobung wurde auch nichts mehr. Er tat uns allen ziemlich leid.

Schließlich nahm er wieder an Streitereien und Messerstecherein teil. Einmal schlug ihn jemand so kräftig in den Bauch, dass er ins Krankenhaus musste. „Dummerweise bin ich da mit meiner Tätowierung aufgefallen. Sie haben mich bei der islamischen Polizei angeschwärzt. Nach der Bauch-OP kam ich dann ins Evin-Gefängnis und wurde gefoltert. Ich erzählte ihnen die ganze Geschichte, aber sie glaubten mir nicht. Irgendwann verstanden sie dann aber, dass ich kein Politischer war und brachten mich zum Ghazr-Gefängnis. Dort blieb ich einen Monat. Und jetzt bin ich hier.“ Reza berichtete, dass auch in der hiesigen Folterkammer sein Tattoo aufgefallen war. „Sie haben es mit brennenden Zigaretten entfernt, deshalb blieben nur diese Punkte zurück.“ Er erzählte mir, dass er manchmal das Tattoo küsst und sich an die schöne Zeit erinnert, die er mit der Gruppe hatte.

Jedesmal wenn Haci Davoud kam, bat Reza ihn um einen Platz in Trakt  4 oder wenigstens in einem anderen, normalen Trakt. Hier bei uns wollte er nicht bleiben, weil es ihm zu langweilig war. Er war morgens bis nachmittags allein, hatte keine Kontakte, keine Zigaretten und wusste nichts mit sich anzufangen. Ständig auf der Suche nach Streit, provozierte er die Leute und zog seine Machtspielchen ab. Er sagte einmal: „Ich liebe es, die Leute zu verunsichern. Diese Bekehrten kann ich absolut nicht vertragen. Das ist Verkauf von Menschen, das finde ich schlimmer als den Verkauf von Ehre.“ Reza hatte immer ein ganzes Bündel Geldscheine dabei. Wir durften von unseren Familien monatlich nur 100 Tuman  bekommen, um Obst, Zahnbürsten oder neue Unterwaesche zu kaufen.

Eines Tages kaufte er sich teure, gute Datteln. Nachdem er die Steine  daraus entfernt hatte, machte er aus den Datteln gemischt mit Zucker einen Teig. Den packte er in eine leere Milchdose und stellte diese oben ans Fenster in eine heiße Ecke, direkt in die Sonneneinstrahlung. Es waren wohl so um die 40 Grad. Dann einige Tage spaeter kam er zu mir und sagte: „Abbas, komm her, ich habe Likör.“ Wir vertilgten das Zeug und es schmeckte gar nicht mal schlecht. Man konnte es so weglöffeln. Für uns war das eine richtige kleine Feier, mal was anders.

Zwei oder drei Tage später kam ein Aufpasser rein und brüllte Reza an: „Komm raus, du Landstreicher und nimm Deine ganzen Klamotten mit!“ Er boxte Reza und schubste ihn raus. Er war wohl aufgefallen mit seinem Likör. „Hab doch nix gemacht“ meinte Reza noch und schob dann ab. Auf diese Weise hatte Reza doch noch sein Ziel erreicht, aus der Politikerzelle rauszukommen. Keiner wusste, was aus ihm geworden ist. Er war zu fünf Jahren Haft verurteilt worden.

In Wirklichkeit war Hossein als Geisel da, damit sie über ihn an Hassan kommen konnten. Als er das begriff, klärte Hassan das auf und nannte seinen richtigen Namen, in der Hoffnung, dass der Bruder dann frei käme. Leider musste Hassan später erfahren, dass sein Bruder trotzdem getötet wurde. Voller Hass auf das Regime sprach er davon.

Ein Kapitalist macht das Gefaengnis zum Paradies!

Im Trakt  4 war ein Kapitalist namens Azari. Er hatte eine große Tankwagenfirma. Obwohl er Analphabet war, hatte er unglaublich viel Geld. Damit konnte er sich die einen oder anderen Freiheiten erkaufen. Der Kapitalist Azari finanzierte die Sachkosten in der Hoffnung, bald freigelassen zu werden. Die Gefangenen arbeiteten ja sowieso kostenlos.

Haci Davoud Rahmani hatte früher mit Schrottmetall in Teheran kleine Geschäfte gemacht. Jetzt war er der Chef vom Gefaengnis Ghezel Hesar. Er sagte, wir machen uns hier im Gefängnis alles wie im Paradies. Sie nannten es einen Garten voller Blumen (Gulestan).

Wir konnten uns für diese Arbeit freiwillig melden. Azari bekam Geld dafür, aber wir mussten malochen. Sie scheuchten uns wie wahnsinnig. Sie machten den Asphalt neu und bepflanzten zwei bis drei Landstücke mit Gemüse. Das war eine Knochenmaloche, aber wenigstens kamen wir dadurch nicht so oft zum Grübeln. Wir waren für sie kostenlose Arbeiter, die sich obendrein um die Kühe und die Grillhähnchen kümmerten.

Neben unserem Besuchssaal gab es auf der rechten Seite einige kleine Wohnungen, die eigentlich auch für Besucher vorgesehen waren. Die Idee war, dass  Gefangene sich mit ihren Frauen und Kindern in einer ruhigen Umgebung ein bisschen erholen konnten. Es sollten auch mal Besucher übernachten dürfen. Alles, um der Öffentlichkeit weiszumachen, dass es keine Folteranstalt, sondern ein Internat oder Erholungsanstalt war. Aber dazu kam es nicht. Die Wohnung wurde schließlich auch als Folterkammer genutzt. Es war wenig Platz darin. Nur ein Meter zum regungslosen Sitzen und unbequem dazu. Man konnte weder rechts noch links sehen. Es wurde nur Werbung gemacht, aber nichts davon erwies sich als wahr.

Die Realität, dass wir ja in einem Gefängnis waren, wurde komplett anders dargestellt. Es wurde so getan, als wären wir an einer Universität, würden uns in unserer Persönlichkeit weiterentwickeln und in unserem Wissen Fortschritte machen. Der Islam wäre uns zum Nutzen, wir würden soziale Kompetenz erwerben und nützliche Gewohnheiten annehmen. Das alte Lied: Der Islam ist gut und die anderen sind alle böse. Wir wussten, dass wir hier von vorne bis hinten belogen und getäuscht wurden. Aber was sollten wir tun?

Die Lage war aussichtslos: Azari investierte sein Geld in die angeblichen Ferienwohnungen und wir arbeiteten kostenlos, auch ohne Arbeitsschutzausrüstung, z.B. hatte niemand von uns einen Helm oder gar Stahlkappenschuhe an. Stattdessen schufteten wir mit Badeschuhen, bei Hitze und Kälte.

Der Vorteil dabei war, dass wir zeitweise aus dem Trakt herauskamen, etwas mehr Licht hatten und uns dieses blöde, monotone Gequatsche aus den Boxen ersparen konnten. Ab und zu frische Luft, wenn man mal von dem Gestank absieht,  und wenigstens ein bisschen Abwechslung.

Wir waren nach der Arbeit hundemüde – kein Wunder bei der Anstrengung! So konnten wir nachts aber besser schlafen als sonst. Das war auch ein  Vorteil

Andere Mitgefangene im Trakt

Sippenhaft

Abbas und sein alter Vater  waren wegen dem jüngeren Bruder Akbar, 15 Jahre, zu 5 Jahren Gefaengnis verurteilt worden. Der war bei den Volksmudjahedin.

Abbas Babaei, dessen Beiname Ramin war, befand sich auch in unserem Zellentrakt. Der arme Kerl war behindert geboren worden. Ich nehme an, dass er querschnittsgelähmt war, weil er ohne Rollstuhl nicht gehen konnte. Sie hatten ihn zu drei Jahren verurteilt, weil er die Zeitung einer linken Gruppe gelesen hatte.

Afschin war ganz krank und total übergewichtig, er brachte so an die 160 Kilo auf die Waage. Er studierte in der Türkei. Als er zum Urlaub in seine Heimat zurückkam, wurde er verhaftet, wir wussten nicht, warum. Wegen seines Übergewichts konnte er nicht gehen. Deshalb saß er immer an der Zellentür, wo er mehr sehen konnte. Er konnte nur unten schlafen. Er brauchte oft Medikamente und lauerte immer, wann es das nächste mal was zu essen gab.

Mohamad studierte in England und kam zurück in den Iran zum Urlaub, um seine Verwandten zu besuchen. Bei der Gelegenheit wurde er festgenommen und gleich eingesperrt. Er war sehr sonderbar. Er redete mit niemandem. Oft ging er durch den Flur und las laut aus dem Koran vor. Wir wussten nicht, ob er wirklich einen Knall hatte oder nur so tat. Einmal hatte er sich nur den halben Bart abrasiert und die andere Hälfte dran gelassen. Und Grimassen konnte er ziehen! Das sah total komisch  aus.

Mahmud Nateghian war von den Minderheits und Masoud Molaii  war von der linken Organisation PeiKar. Der Vater von Masoud war  Imamm Djome Shahre Rei, der Leiter der Hauptmoschee in Südteheran.  Sie waren beide Bekehrte und schrieben immer Reden und Vortragsdispositionen für die Versammlung. Wir mussten uns diese Hirngespinste dann anhören.

Außerdem waren da noch die Tabvab Ibrahim, Esmail Ghenaeti und Farschid, Said, Khorassani und noch einige andere.

.

Ahmad war ein junger, gut aussehender Mann. Er musste, nachdem ihn ein Tabvab bei Haci Davoud Rahmani angezeigt hatte, drei Tage und drei Nächte vor dessen Bürotür stehen. Direkt neben dem Haupttor des Gefängnisses harrte er die ganze Zeit aus. Als er seine Strafe abgebüßt hatte, wurde er zum 3. Zellentrakt  gebracht und wir sahen seine dunklen, geschwollenen Beine.

In unserem Trakt waren auch etwa 30 junge Leute, die an einer großen Trauerfeier für Siyamak Asadian, einen Partisanen aus der Stadt Khoremabad (Lorestan) teilgenommen hatten. Als dieser eines Tages in der Stadt Amol in Nordiran war, kesselten ihn Angehörige des Geheimdienstes ein und nahmen ihn mit. Vorher konnte er sich zwei- bis dreimal losreißen, daher schossen die Pasdar  auf ihn. Bei der Schießerei, bei der auch einige Pasdar getötet wurden, ließ Siyamak sein Leben. Er wurde in seiner Stadt Khoramabad begraben. So viele Leute waren bei der Trauerfeier, darunter etwa 400 junge, aktive Leute. Diese jungen Leute wurden direkt bei der Trauerfeier festgenommen und auf verschiedene Gefängnisse verteilt. Sie wurden zu langen Gefaengnisstrafen verurteilt. Einer davon war Hojat Maslumi. Er erhielt lebenslang.

Ahmed Ahmadin(15 jahr haft) hatte in Teheran Zivilrecht studiert. Er redete wenig, aber was er von sich gab, hatte Hand und Fuß. Er glaubte an die Mudjahedin. Er sagte: „Ich lebe im Iran und mein Glaube ist mir wichtig.“ Sein Bruder war damals für die Stadt Jahrom in Südiran im Teheraner Parlament.

Asadolah studierte in Karadj. Er war bei uns Essensverteiler im Gefaengnis. (10 Jahr haft)(Pikar)

Amir Zamorodian kam aus der Stadt Maschhad. Er studierte an der Universitaet Beheschti, unter dem Schahregime war das die Nationaluniversität. Er war zu drei  Jahre verurteilt worden, weil er die Zeitung der Agaliyat(Minderhait) gelesen hatte.

Hossein Khatami war auch aus Maschhad und hatte bereits sein Vordiplom in Geographie an der Universität Behescht bekommen. Er gehörte zur Partisanenorganisation Axariat (Mehrheit). Sein Zeitungslesen hatte ihm eineinhalb Jahre Freiheitsstrafe eingebracht. Er hatte keine Hoffnung. Deshalb klagte er immer und forderte,  wieder arbeiten gehen zu dürfen. Obwohl seine Haftzeit schon abgelaufen war, musste er noch länger bleiben. Das verdüsterte seine Stimmung noch zusaetzlich.

Naser Kiyanian von den Minderheits kam aus der Stadt Tabriz. Er war gegen die Tabvab und weigerte sich, zu beten. Seine Haftstrafe betrug  5 Jahre. Ich hoffe, dass er sich nicht unter den 5000 befand, die im Jahre 1988  hingerichtet wurden.

Djamshid Jari war als 17jähriger(1981) schon in bei den Minderheits. Er war von großer Statur und sah älter aus. Nach seiner Festnahme und Verurteilung zu fünf Jahren war er zu uns in den Zellentrakt verlegt worden.

Mehr als 40 Leute aus Sistan Beluchestan, einem sehr armen Bundesland 1600 km südlich von Teheran befanden sich in den beiden Gefängniszellen. Da diese Menschen so arm waren, dauerte es lange, bis die Familien ihre Angehörigen im Gefängnis besuchen konnten. So ein Besuch dauerte wegen der Gefängnisregeln nur 5 Minuten. Das stand in krassem Verhältnis zu der aufwändigen, kostenintensiven Reise. Daher hatten diese Gefangenen normalerweise keinen Besuch. Und das, obwohl jeder von ihnen eine Strafe von  15-30 Jahren bekommen hatte.

Hassan von den Volksmudjahedin war schon vor dem 30. Khordad (20. Juni 1981) festgenommen worden. Hassan war sein richtiger Name, aber er hatte bei der Festnahme einen falschen Namen angegeben. Er kam zusammen mit uns 170 Personen ins Ghezel Hesar an. Er erzaehlte: „Mein Bruder Hossein war am 5. Mehr (27. September) auf dem Weg zur Arbeit. Er hat noch nie etwas mit Politik zu tun gehabt. An dem Datum gab es ein Manöver und viele wurden auf der Straße festgenommen.“

Hossein wurde nach Evin gebracht, wo er viele Schläge bekam. Unter Folter fragten sie ihn nach seinem Bruder Hassan. Seine Familie sorgte sich um Hossein, da er nicht nach Hause gekommen war. Sie suchten zwei Wochen lang sämtliche Krankenhäuser und sogar die Gerichtsmedizin ab. Aber sie fanden keine Spur.

Der 14 jaehrige Ali wird verhört

Amir  erzählte, dass er nachts festgenommen worden war: „Hossein Khatemi und ich wohnten in der Nähe der Universitaet in einer kleinen Wohnung und mein 14 Jahre junger Bruder Ali war bei uns zu Besuch. Plötzlich kamen Pasdaran und nahmen uns fest. Ali nahmen sie ebenfalls mit. Er hatte eine Wahnsinnsangst. Immer wieder bettelte Ali um seine Freilassung. ‚Die anderen warten doch alle auf mich’ sagte er. Sie schlugen ihn und schrien: ‚Halt die Klappe!’ Er wimmerte wieder: ‚Ich habe doch nichts gemacht.’ Die ganze Zeit über hörte ich meinen Bruder Ali weinen. Der war total durch den Wind. Es war schrecklich für mich“ berichtete uns Amir weiter. In Evin (Folterkammer).

Er beschrieb die traurige Situation, wie er mit den anderen im Flur saß und das Verhör seines kleinen Bruders mit anhörte. Ali saß später auch neben seinem Bruder. Jemand kam in die Folterkammer und trat Ali auf den Fuß.

„Ich stelle jetzt Fragen und du musst mir alle ausführlich beantworten!“ So ging es los.

„Ich werde alle Fragen korrekt beantworten.“

„Wie heißt du?“

„Ali, Familienname  Zemorodian.”

“Vatername”?

„Mohamad Esmail. Aber mein Vater ist schon tot.“

„Wo bist Du geboren?“

„Im heiligen Mashhad (dort wurde der 8. schiitische Imam begraben).“

„Dein Geburtsdatum?“

„Herr, bitte nicht schlagen, ich weiß es nicht. Aber ich bin 14 Jahre alt.“ – „Welche Schule besuchst du? Die wievielte Klasse?“

„Da mein Vater früh starb und unser Onkel mich und meine Mutter und meine Schwester nachTeheran gebracht haben, half ich mit, meine Familie über Wasser zu halten. Meine Mutter und ich gingen arbeiten. Da blieb die Schule auf der Strecke. Nun will ich das nachholen.“

„Du bist Muslim?“

„Ja, Herr.“

„Betest du regelmaeßig?“

„Ja, das mache ich.“

Amir sagte zu mir: „So hörte ich das ganze Verhör meines kleinen Bruders mit und hatte große Angst. Als die Frage mit dem Beten kam, erschrak ich sehr. Denn ich wusste, dass Ali außer drei Sätzen kein einziges Gebet auswendig konnte. Was, wenn der Typ ihn noch näher befragen würde? Dann waere er dran gewesen.“

Amir schüttelte den Kopf. „Ich habe vor Angst meine Augenbinde hochgezogen. Daraufhin wurde ich sofort geschlagen, denn wir sollten nichts sehen. Mein Bruder wusste natürlich auf die religiösen Fragen keine Antworten. Der Schläger schrie Ali an und bezeichnete ihn als Atheisten. Außerdem drohte er ihm damit, ihm beim nächsten Mal eine Hand abzuhacken.

Kurze Zeit später fragte der Folterer Ali wieder, ob er auch wirklich die Wahrheit sagte, was Ali bejahte.

Ali sagte: „Ich schwöre bei Hazrat Abbas.“

Hazrat Abbas war der Sohn von Imam Ali.

Der Folterer fragte Ali, der wievielte Imam Hazrat Abbas gewesen sei.

Ali antwortete, es sei der fünfte Imam.

Dafür schlug ihn der Schläger direkt auf den Kopf und fragte:

„Du meinst tatsächlich, Hazrat Abbas war der fünfte Imam?!“

Ali weinte daraufhin wieder und stotterte: „Nein, der war Prophet.“

Das war wieder falsch. Jetzt trat er zweimal auf Ali ein und sagte:

„Hau ab!“ Sie schubsten ihn in den Flur.“

Amir berichtete, dass er dann dran war, verhört zu werden. Er hörte auch dabei Ali im Flur weinen.

Ali war insgesamt zwei Wochen in Evin. Nach Zahlung eines hohen Lösegeldes  kam er frei. Den Jungen hatte das alles sehr mitgenommen. Seine Mutter und seine kleine  Schwester kamen spaeter ins Gefaengnis, um Amir zu besuchen. Ali kam niemals mit. Amir erzaehlte mir diese Geschichte, als wir zusammen  arbeiteten.

Djamschid  Iari erzählte, was er im Jahr 1981 erlebt, oder besser durchgemacht hatte: „Damals waren mehr als 60 Leute unter 18 Jahren in Evin, alle in einer Zelle. Einige schliefen, einige weinten, manche waren  im Halbschlaf. Stress lag in der Luft. Um Mitternacht wurde die Tür  aufgeschlossen und ein Pasdar kam herein. Er fragte: ’Habt Ihr bereut? Kommt Ihr wieder zum Islam?’ Manche bejahten.er Pasdar sagte: ‚Wer tobe karde (zum Islam zurückgekehrt) ist, Hände hoch. Meldet euch!“ Einige Leute in der Zelle hoben die Hand hoch. Der Pasdar sagte: ‚Wer bereit ist, lege seine Augenbinde um und folge mir. Dadurch könnt ihr beweisen, dass ihr wirklich bereut und echte Tabwabs seid.’ Darauf nahmen mehrere Leute die Hand wieder herunter. Die anderen taten so, wie der Pasdar gesagt hatte.“

Djamschid fuhr fort: „Ich ging auch mit. Ich war schon immer sehr groß und stark und dachte, dass mir niemand etwas anhaben kann. Dadurch habe ich mir selber etwas vorgemacht. Ich folgte dem Pasdar, zusammen mit 11 anderen jungen Gefangenen – alle unter 18 Jahren. Wir gingen in Richtung von Trakt 4, wo die Hinrichtungen stattfanden. Der  Hinrichtungsplatz war auf dem Hof. Wir mussten die Augenbinden abnehmen. 

Mit einem Bulldozer hatte jemand Erde dorthin gefahren und hinter der Stelle, wo die Hinrichtungen stattfanden, war ein Erdhügel angelegt worden, um die Kugeln, die daneben gingen, aufzufangen und um die Lautstärke der Schüsse zu dämpfen.

Wir sahen, dass eine Reihe von Menschen dort mit Augenbinden standen und auf ihre Hinrichtung warteten. Auf der anderen Seite standen islamische Soldaten mit deutschen G3-Gewehren. Ein großer LKW stand bereit. Die Hingerichteten sollten dort hineingeworfen werden und zur Gerichtsmedizin  transportiert werden. Der Lastwagen innen mit Aluminium ausgekleidet, wie eine Art Wanne, damit das Blut nicht unterwegs heraustropfte.

Die Pasdar riefen wieder: „Down with America“. „Down with Shuravi (Sowjetunion)!” “Down with Israel!” “Down with Munafeghin” (Moslems von anderen, „falschen“ Richtungen) and with Saddam!” Sofort daraufhin erschossen die Pasdar die Menschen, die zur Hinrichtung da standen. Ich stand völlig schockiert und ungläubig da. Ich hatte jede Nacht die Rufe und die Schüsse gehört – aber jetzt war ich nicht nur Ohrenzeuge, sondern auch Augenzeuge. Wir weinten leise. Viele mussten sich übergeben. Wir hatten Angst, laut zu weinen, denn dann hätten die Pasdar Misstrauen bekommen, dass wir wirklich bereuende Tabwab waren. Sie wollten ja, dass wir unsere Reue dadurch bewiesen, dass wir Gegner des Regimes töteten.

Nachdem die Hingerichteten zu Boden gesunken waren, ging einer von den Pasdar zu ihnen und schoss ihnen allen noch einmal in den Kopf oder ins Herz, damit sie auch sicher tot waren.

Danach wiesen die Pasdar uns an, zu zweit jeweils einen Toten zu nehmen und in den Lastwagen zu werfen. Wir hatten wie erstarrt und hatten keinen Mut, Widerstand zu leisten. Einige von uns machten sich vor Angst in die Hose. Wir taten aber, wie uns befohlen worden war. Dabei merkten wir noch, dass nicht alle tot waren, denn einige Angeschossene sagten: „Bruder, ich bin noch am Leben“. Wir hörten ihre Schmerzensschreie und ihr Stöhnen.

In einem Minibus waren noch mehr Leute, die hingerichtet werden sollten. Da ich sehr groß war, sagten mir die Pasdar, ich solle in den Lastwagen steigen und die Leichen nach vorne ziehen, damit später noch mehr Leichen hineinpassten. Ich habe schreckliche Angst gehabt und geweint. Ich hatte Angst, mit meinen Füßen auf die Körper zu steigen, sie waren noch warm. Ich dachte, vielleicht tue ich ihnen mit meinen harten Pantoffeln weh. Es waren auch junge Mädchen und Frauen dabei, die darf man ja gar nicht berühren. Ein Pasdar schrie: „Mach voran, beweg dich, oder willst du etwa da oben schlafen?“

Die nächste Hinrichtung mussten wir auch mit ansehen und mitmachen. Einige von uns liefen völlig verwirrt hin und her. Aber wir mussten ja beweisen, dass wir Bekehrte sind. Wir hatten auch um uns selbst Angst, denn es konnte auch sein, dass sie uns als Zeugen ebenfalls hinrichten  würden.

Ein Mädchen, das aus dem Minibus ausstieg, weinte laut und rief, als sie in der Hinrichtungs-Reihe stand: „Ich schwöre vor Gott, dass ich alles sagen werde“. Sie brach aus der Reihe aus und lief zu den Pasdar hin. Sie wurde sofort in einen Mercedes Benz geschubst und schnell weggefahren- wahrscheinlich wieder zu den Folterkammern.“

Mit dieser Gruppe wiederholte sich alles wie mit der ersten Gruppe. Der Mercedes kam schnell zurück. Das Mädchen saß immer noch drin und wurde vom Fahrer hasserfüllt herausgezerrt. Er zerrte sie an der Hand, sie hatte diesmal keine Augenbinde um. Er schoss ihr zweimal in den Kopf. Ihre Stimme erlosch für immer. Diese Erinnerung war viel schlimmer als alle anderen.

 

Als endlich die letzten Gefangenen hingerichtet worden waren, weinten wir alle laut.

Die Pasdar befahlen uns, wir sollten wieder die Augenbinden umlegen. Wir dachten, dass jetzt unser Leben zuende war. Ein Pasdar fragte einen anderen, wahrscheinlich ein Ladjewardi, ein Oberhenker: „Sollen wir die Kinder wieder zurück in die Zelle lassen?“

Wir wurden schnell in einen Minibus verfrachtet. Wir lachten und weinten wie Idioten, weil wir unser Leben behalten hatten. Wir bekamen ein Stück Seife und wurden in eine Gemeinschaftsdusche geschickt, um das Blut abzuwaschen.

Der Islam legt fest, dass Moslems, wenn sie eine Leiche angefasst haben, erst dann zu Gott beten dürfen, wenn sie sich ganz gewaschen haben und Gott dabei um Reinheit bitten.

Tagelang danach war ich ganz durcheinander. Wir bekamen etwas zu Essen, aber wir hatten keinen Appetit. Wir mussten uns immer noch übergeben. Wir hatten schreckliche Angst. Vor allem, wenn wir Fusstritte in der Nähe unserer Zelle hörten, fürchteten wir uns und manche machten sich vor Angst in die Hose. Es konnte ja sein, dass  w i r  jetzt mit Hinrichtung dran waren, weil wir Zeugen von anderen Hinrichtungen waren.“

Djamschid arbeitete manchmal mit uns zusammen  in Ghesel Hezar. Immer und immer wieder erzählte er davon und bekam dabei wieder Kotzanfälle. Er war noch Schüler. Er hatte ein paar Mal die Zeitung der Partisanenorganisation „Minderheit“ (Aghaliiat ) gelesen. Sein Urteil lautete auf fünf Jahre Gefängnis.

Nach Ghesel Hezar sagte er: „Ich könnte noch länger im Gefängnis bleiben, aber ich würde nicht noch so eine Nacht wie diese überstehen.“

Unsere Fahrt zurück  nach   Evin:

Jemand kam in meine Zelle und rief meinen Namen. „Abbas Rahimian! Raustreten mit allen Sachen!“ Ich war froh. Ich lief mit anderen Gefangenen zu einem Bus, der im Gefängnishof schon auf uns wartete. Wir stiegen ein. Wir fuhren nach Teheran, aber leider nicht in die Freiheit, sondern wieder in das große grausame Evin-Gefängnis. Da wir aber keine Augenbinden tragen mussten, nutzten wir die 40 Kilometer lange Fahrt, um intensiv die Landschaft, den Blick auf die Freiheit zu genießen.

Ich fragte mich, warum ich wohl nach Teheran fahren sollte. Ging es in die Freiheit oder hatten sie einen neuen Anklagepunkt  gefunden?

Mir ging durch den Kopf, dass ich ja bei der Festnahme nicht gesagt hatte, dass ich während des Studiums politisch aktiv gewesen war und viele politische Informationen hatte. Ich war damals deshalb von Universität entlassen (relegiert) worden.  Hatte etwa meine Frau oder andere Verwandte oder Bekannte geplaudert, ohne zu ahnen, dass das Belastungsmaterial gegen mich sein könnte?

Den islamischen Gerichten sitzt ein Mullah vor, der über Tod und Leben entscheiden konnte. Sie sind Stellvertreter Mohameds. Sie konnten keine Fehler machen, denn: Wenn sie jemanden zu Unrecht zum Tode verurteilten, dann bedeutete das eben, dass er ins Paradies kam.

Mein Cousin Bahman, der Sohn meines Onkels Ghasem, war hingerichtet worden, weil er angeblich als Terrorist jemanden umgebracht hatte. Als dann der eigentliche Mörder, Mochtar Talischi, gefunden wurde, wurde einfach zu unserer Familie gesagt, jetzt ist Euer Cousin im Himmel.  Strafen haben im Islam die Funktion, dass sie die Schuld bereinigen sollen, das Vergehen wird weggewaschen.

Bahram, der jüngere Bruder von Bahman,(1985): War zu der Zeit Soldat in der Stadt Shiraz. Er hatte zu Kollegen gesagt: „Mein Bruder war unschuldig und wurde trotzdem hingerichtet. Er wurde gegen seinen Willen ins Paradies geschickt!“ Wegen dieser Äußerung wurde er festgenommen, ins Gefängnis von Shiraz gebracht und dort gefoltert. Danach kam er für einige Zeit in das Gefängnis unserer Heimatstadt Ramzar. Mein Onkel löste ihn dann durch eine Geldsumme aus. Aber er musste sich in regelmäßigen Abständen bei der islamischen Polizei (Pasdar) melden.

Ihre Schwester Siba war, obwohl sie schwanger war, festgenommen worden und hatte während ihrer zweijährigen Haftzeit in Nashtarud ein Kind geboren. Der jetzige Assistent von Praesident Ahmadinejad, Rahim Mashai war damals dort Henker. Auch drei andere Brüder, Firuz, Bijan und Behruz sowie Cheiri, die Frau von Firuz, und Parvane, die Frau von Behruz, waren wegen ihres Kampfes gegen das islamistische Regime hingerichtet worden.

Das alles ging mir durch den Kopf, so dass ich manchmal die schöne Landschaft gar nicht genießen konnte. Ich erwartete, dass sich heute mein Schicksal entscheiden würde.

In Evin wurden uns die Augen wieder verbunden. Jemand nahm mich am Arm und führte mich in einen Raum im Erdgeschoss, wo er mich einige Zeit allein ließ. Es war die Zeit des Mittagsgebets. Ich konnte ein wenig unten an meiner Augenbinde vorbeischauen  und erkannte, dass auf einem Tisch eine Schrift mit einem Bericht an Akbar Rafsandjani, den damaligen Parlamentspräsidenten, über die Zustände im Gefängnis lag.

War nach dem Tod des früheren Vorsitzenden der islamischen Republikpartei, Beheschti, der eigentliche Herrscher des Iran. Er bestimmte über die Wirschaft, die Gesellschaft,  den Unterdrückungsapparat im In- und Ausland, einschließlich der Geheimdienste. Ich habe einmal von einem alten Mann gehört, dass der Vater von Akbar Rafsandjani aus dem Libanon(BelbeK) gekommen war und ein Spion des CIA war. Er konnte sich ungeheure Mengen an Land im Süden des Iran kaufen und nannte sich sogar nach der dortigen Stadt Rafsandjan. Er ist der größte Hersteller von Pistazien im Iran. Er und seine Kinder dienten immer dem CIA und den USA. Akbar war zur Zeit des Schah-Regimes für kurze Zeit im Gefängnis gewesen und hatte ein Buch über Palästina und Israel geschrieben. Diese Informationen wurden alle vom Savak-Geheimdienst und dem CIA benutzt, nicht für, sondern gegen die Menschen.  Rafsandjani, Khomeini, Khatami, Kamenei, sie alle sind verantwortlich für das Schreckenssystem und die wirtschaftliche Verschlechterung  im Iran.

Eine Stunde nach meiner Einlieferung in Evin fragte mich jemand: „Kannst du arbeiten?“ Ich bejahte. Er sagte, dass er  mich arbeiten lassen wolle, damit ich das Geld meiner Familie schicken könne. Ich freute mich, dass mein Leben noch nicht zu Ende war und dass ich nicht mehr gefoltert werden würde.

Ein Werbefachmann muss für „sein“  Gefaengnis Werbung machen

Wenn man in Ghezel Hesar in der Stadt Karadj  ins Gefaengnis kommt, wird man gefragt, was für einen Beruf man hat. Dementsprechend wird man dann eingeteilt. Auch Rajai-Schahr, ein Werbefachmann, wurde eingeliefert. Er musste Fotos und Werbefilme machen, die dann im Fernsehen gezeigt wurden. Alles wurde manipuliert und schöngeredet. Das Gefaengnis Karadj sei ein Symbol für  Freiheit. Imam Khomeini würde armen Menschen Hoffnung bringen. Die sozial Benachteiligten sollten denken, Khomeini würde ihre Lage verbessern. Die Werbung erstreckte sich auf das In- und Ausland. Alle Gefängnisse wären jetzt ohne Folter, es ginge um Rehabilitation. Es würde dort Ruhe herrschen.

Sie filmten die Blumen im Garten usw. Es wurde alles verzerrt dargestellt. Die Kamera zeigte den Swimmingpool im Garten. Es sollte der Eindruck entstehen, dass es dort wie in einem Hotel zuginge. Und das, obwohl dort so viele hingerichtet wurden!

In Trakt 4 in Evin (schule) wurden Leute von der  Gruppe Djihad untergebracht. Sie arbeiteten als Gärtner, als Bauarbeiter, als Folterer, als Häscher. Sie wurden in die Straßen von Teheran oder auf die Mautstellen der Autobahnen geschickt, um dort Nachschub an neuen Gefangenen, die  fast umsonst arbeiten sollten, zu besorgen. Natürlich wurden sie dabei scharf von den Pasdar von Zimmer 1 bewacht.

An anderer Stelle bauten die Djihad-Leute noch ein Gefängnis mit 400 Einzelzellen. Sie sollten angeblich der Erholung und Ruhe der Gefangenen dienen. Hinter der Schule wurde ein Schwimmbad gebaut, um den Eindruck zu erwecken, dass die Gefangenen hier wie im Urlaub lebten.

Kurz nach meiner zweiten Ankunft in Evin brachte mich jemand zum Aufseher der Schneiderei. In einem Raum arbeiteten 30 Leute. Jetzt begann mein neues Leben mit diesen 30 Leuten. Dies Gebäude in Evin war früher für den Geheimdienst des Schahs, den SAwAk gebaut worden. Im Erdgeschoss gab es drei Räume mit Toilette und Duschen und ein Schwimmbad auf der rechten Seite. Im 1. Stock gab es einen großen Saal, der zum Tanzen  und als Theatersaal mit Bühne vorgesehen war. Nach der Revolution ließ Khomeini diesen Gebaeudeteil als Gebetsstaette und für Reden und Versammlungen nutzen. Das Schwimmbad, das er höherlegen ließ, war jetzt die Schneiderei. Drei Räume wurden für die gefangenen Arbeiter genutzt. Einer davon war für die älteren Arbeiter und zwei waren für  junge Menschen unter 18 vorgesehen.

Wir fertigten Hemden, T-Shirts und Hosen und später Bälle, Lederjacken und Schuhe an.

Haci Murad, ein früherer Basarhändler, war unser Chef.  Abbas Timuri arbeitete als Techniker. Mohamad Khandan war auch Schneider. Abolfasle Hossini war in der Armee Offizier gewesen, Djafar Walli war Beamter bewesen, Ali Reza Rezai war Pasdar, islamischer Soldat gewesen. Er war zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden. Khosro Parwerde war eigentlich Student.

Hamid Asgari, der beste Karatekämpfer Irans, war früher Chefbodyguard von Präsident Banisadr, des ersten Präsidenten nach der islamischen Revolution, gewesen. Nach  der Flucht von Banisadr waren alle seine Bodyguards („Schwarzhemden“) festgenommen und inhaftiert worden. Einer davon war Ghasem, der auch Karatekämpfer des Präsidenten gewesen.

Hamid hatte sich nach seiner Verhaftung umbringen wollen, aber er hatte überlebt. Er wohnte auch bei uns, war aber kein Mitarbeiter. Später hörte ich, dass er nach der Zeit, die er bei uns verbrachht hatte,hingerichtet wurde.

Die meisten waren gelernte Schneider: Abbas Agha Roshansade, war schon über 60 Jahre alt. Seyed Ali, war über 50 Jahre. Dazu Faribors, Mehdi Wusughi.  Hamid Djalili war Lederverarbeiter. t. Mit all diesen Männern, ungefaehr 30, lebte ich mehrere Monate im Raum 3 zusammen. Außerdem Ahmad R.R, der jetzt in Deutschland (Dortmund) als Taxifahrer arbeitet.

In dem größeren Raum für die älteren Arbeiter schliefen Hossein und Mohamad Keiwanpur, zwei Brüder, und Mehdi Asisi, der ausgebildeter Schneider war. Außerdem Bahram, Mohamad Mirsa.

Als noch mehr Gefangene zur Arbeit dazu kamen, wurden wir auch im Trakt 2, dem früheren Schulungsbereich, untergebracht. Hossein Tajik war Verantwortlicher in diesem Gebaeude.

Das Material und die Maschinen  wurden der Gefängnisschneiderei kostenlos von der islamischen Polizei (Pasdar) geliefert, die  die Sachen vorher bei privaten Schneidereien unter irgendeinem Vorwand beschlagnahmt hatte. Wir Arbeiter bekamen sehr wenig Lohn. Dadurch konnten sich die Ladjewardi an uns ungeheuer bereichern, denn die Waren wurden zu normalen Preisen verkauft. Ich war bei der Hosenherstellung eingesetzt: Ich schnitt sie zu und später nähte ich sie auch zusammen. Der Lohn reichte dann für die Ernährung meiner dreiköpfigen Familie an fünf Tagen des Monats. Bei Besuchstagen konnten wir Geld über die Pasdar an unsere Familien, die uns manachuch Obst umal nd Unterwaesche mitbrachten, weiterleiten. Einige Leute bekamen  mehr, einige Leute weniger als ich – je nach Ausbildung.

Pasdar Reza war Aufseher – er kontrollierte, bewertete und spionierte uns aus. Außerdem waren da noch Muhsen Achundan und Sadegh Ale Musawi, die unseren Trakt 2 kontrollierten. Dazu Hossein Kasimi, Schahram Aflaki, Ali Scharifian, Djafar Mahmudi, Amir Karam, Madjid, Nader Bahrami, Schahriar. Dariusch Haghschenas und einige andere Leute, die jünger waren, waren gleichzeitig Schneider und als Bekehrte Spione in unserem Trakt.

Ohne Feiertag mussten wir jeden Tag von morgens bis mittags arbeiten. Dann legten wir unsere Scheren beiseite und gingen in unseren Trakt. Wir bekamen etwas zum Essen und sehr viel religiöse Nahrung: Beten, religiöse Sprüche und Ansprachen aus dem Fernseher hören usw. Dann ging es wieder zurück zur Schneiderei zum Arbeiten. Jeden Tag kamen Haci Murad und später der Pasdar Ibrahimi, die Besitzer der Schneiderei und machten auch noch persönlich Propaganda für den Islam.

Mehr als 100 mal mussten wir uns zum Beispiel anhören, dass in Schalamche, einem Dorf an der südlichen Grenze zum Irak, die  islamischen Soldaten am  Vormittag und auch am Nachmittag die irakischen Soldaten zurückgeschlagen hatten. Wir Gefangenen machten uns schon lustig darüber, indem wir sagten: Dieses Schalamche ist wohl so groß, dass es vom Iran über Karbala, eine Stadt im Irak und Israel bis nach den USA reicht. Jede Stunde kamen sie einige Kilometer voran. Aber weil der Geheimdienst dem Feind keine Informationen darüber zuspielen will, wird im Radio immer von Schalamche gesprochen. Khomeini hatte ja gesagt, dass erst Karbala, die heilige Stadt der Schiiten und dann Jerusalem und danach erst ganz Israel befreit werden kann. Aber das war ja eigentlich ein geheimer Plan.

Ich erinnerte mich an den Anfang des Krieges gegen den Irak im Jahr 1980, also damals vor drei Jahren: Die Zeitung Etellaat, („Information“), eine der beiden größten überregionalen Zeitungen im Iran, zeigte jeden Tag auf der ersten Seite Flugzeuge und Panzer und berichtete taeglich über unglaubliche Erfolge der iranischen Armee. Sie zählten die vernichteten Waffen und die getöteten Soldaten jeden Tag zusammen und kamen nach einigen Wochen auf Zahlen, die auf keinen Fall stimmen konnten, denn der Irak hatte gar nicht so viele Waffen, die zerstört werden konnten. Das waren Zahlen wie im zweiten Weltkrieg. Der Propagandaminister Kharasi, der später Vertreter des Irans in der UNO wurde, verkündete diese unseriösen Statistiken. Viele Iraner lachten insgeheim darüber. Die Reporter im Radio und im Fernsehen konnten einem leid tun, dass sie gezwungen wurden, voller Energie von großen Erfolgen der iranischen Armee zu sprechen, obwohl jeder Hörer und jeder Zuschauer, der einigermaßen bis drei zählen konnte, wusste, dass die Nachrichten falsch waren.

Nach der Beendigung des Krieges  nach acht Jahren berichteten die Zeitungen nicht mehr vom Vorwärtsgehen. Die Menschen waren verarmt. Die Soldaten kamen nach Hause und hatten keine Schuhe, keine Kleidung und nichts zu essen. Sie verkauften ihre Waffen im Dorf für ein Hähnchen.

Im Trakt 2, der ehemaligen Schule, mussten wir nach der Arbeit uns dauernd hasserfüllte, laute Stimmen aus dem Lautsprecher, anhören. Die Alternative dazu waren Predigten der Imame oder anderen Islamvertreter, die versuchten, uns ihre Religion ins Gehirn zu hämmern. Dienstag und Donnerstagabend mussten wir zur islamischen Versammlung gehen und gemeinsam in großen Reihen beten. Manchmal war Ladjiwardi oder Pasdar Haci Djafari  Vorbeter, manchmal Haci Karbalaie.

Daneben wurden  Programme organisiert, das heißt, die Gefangenen mussten ihre eigene Überzeugung kritisieren. Ich zum Beispiel musste sagen, der Kommunismus ist eine schlechte Sache, ein schlechter Weg. Der Islam sei der einzig richtige Weg.

Zu den meisten Versammlungen wurden wir gezwungen, zu anderen konnten wir freiwillig gehen. Es kam aber auch vor, dass wir nicht teilnehmen durften, weil zu wenig Platz im Saal war. Beim Gehen im Hof mussten wir dann aber aus dem Lautsprecher den Versammlungen zuhören. Nur selten war der Lautsprecher ausgeschaltet.

Eines Abends machten wir gerade unseren Hofgang, als wir durch den Lautsprecher, der den Verlauf der Versammlung in den Hof übertrug, die bemerkenswerten Worte eines jungen Mannes, der Sympathisant der Volksmudjahedin war, hörten. Er sagte, dass er an die Volksmudjahedin glaube und dass die Regierung auf dem falschen Weg sei. Der Ladjewardi fragte ihn, ob er, wenn seine Organisation ihm befehle, Terror auszuüben, das machen würde. Er bejahte das. Der Ladjewardi fragte weiter, ob er auch so weit gehen würde, den Imam Khomeini zu töten. Er bejahte das wieder. Daraufhin hörten wir aus dem Lautsprecher: „Down with Monafegh!“ (Nieder mit den falschen Moslems) und: „Gott wird Khomeini bis zur Wiederkehr  von Mahdi (der 12, jüngste Imam der Schiiten) schützen“.

Bei den folgenden Reden hörten wir, dass viele der Gefangenen husteten, um ihre andere Meinung deutlich zu machen. Längst nicht alle Gefangenen waren Tabwabs (Bekehrte), sondern die Tabwabs machten nur 10 Prozent der Gefangenen aus. Dann schließlich verstummte der Lautsprecher.

Tabvab Behzad Nezami und die jungen Gefangenen

Beim Ausgang auf dem Hof mussten wir eines Abends aus dem Lautsprecher eine besondere Auseinandersetzung mit anhören. Sie hatte mit Behzad Nezami zu tun. Behzad, früher Sympathisant der Volksmudjahedin, war ein scharfer Tabvab geworden Nach der Festnahme in Teheran und in seiner Haftzeit in Evin , hatten sie ihn  eingeschüchtert. Ein Pasdar mit Namen Sury richtete ihn zum brutalen Chef der Tabvab ab und bildete ihn sogar zum Henker aus. Nach seiner Verurteilung kam er nach Ghezel Hesar in den Abteilung 1 Trakt 1.

Normalerweise wurden junge Leute nach der Festnahme zu harten Strafen verurteilt, die meisten davon zur Hinrichtung. Vorher wurden sie gefragt, ob sie wieder zurück zum Islam wollen. Etliche wandten sich dadurch wieder der Religion zu, während einige das nur aus taktischen Gründen sagten. Manche hatten andere Probleme, beispielsweise waren sie Fanatiker, die irgendwann völlig überdrehten und in ihrer Glaubensausübung den Bogen überspannten. Jugendliche unter 17 Jahren wurden von den anderen getrennt. Behzad, mit etwa 24 Jahren noch relativ jung, durchsuchte manchmal die jungen Leute und machte auch Verhöre. Dort schlug er sie und dann mussten sie zurück nach Evin, um dort ihre Strafe abzusitzen.

Behzad und seine Gruppe machten auf ihre eigene Weise  Terror. Sie waehlten z.B. einen Jugendlichen aus und verhörten ihn im Saal. Sie schnitten ihm die Haare ab und zwangen ihn dann, sie herunterzuschlucken und seinen eigenen Urin zu trinken.  Er musste sich auf der Toilette und auf der Dusche ausziehen und sie schlugen ihn. Sie ließen einen nackten Jungen sich auf dem Boden hinlegen und zogen ihm eine Decke über den Kopf. Behzad, der Pasdar  Sury und andere betatschten ihn, vergewaltigten ihn und andere onanierten dabei.

Einige Gefangene wurden im Saal oder in der Dusche vergewaltigt. Ein Jugendlicher beging danach Selbstmord. Andere Gefangene bekamen das mit und es konnte nicht mehr verheimlicht werden, so dass die Eltern davon erfuhren.

Ladjeverdi setzte dazu eine Versammlung  im Theatersaal (Evin) an, mit dem Ziel, Behzad reinzuwaschen. Er verkündete, dass dieser unschuldig wäre und Behzad durfte hinzufügen: „Gott hilft uns, die Schuldigen zu finden und diese werden dann hingerichtet.“ Über Lautsprecher wurden Namen von mehreren Gefangenen aufgezaehlt, die missbraucht wurden. Später behauptete jemand, dass einer von den Volksmudjahedin der Taeter sei und die Tabvab daran nicht beteiligt gewesen wären. Die Reaktion des Ladjewardi war eine Verhöhnung der Opfer, die keine Möglichkeit hatten, sich zu wehren. Er versuchte, soviel wie möglich zu vertuschen und wiederholte, dass Behzad an den Missbrauchsfaellen nicht beteiligt gewesen wäre. Diese Lügenmanöver  mussten wir uns durch den Lautsprechen mit anhören.

Behzad wurde trotzdem verlegt, und an seiner Stelle richteten sie seinen Assistenen Modjtaba hin. Die Missbrauchsopfer wurden auf einen anderen Trakt verteilt. Zwei Leute unter 18 waren damals bei uns in Ghesel Hesar, Trakt  3.

Eines Tages, etwa 6 Monate nach der öffentlichen Debatte über die Vergewaltigungsfaelle, als wir in der Schneiderei arbeiten, tauchte ein relativ dicker Mann auf, den ich nicht sofort erkannte. Er war etwa 24 Jahre alt und hatte grüne Augen. Es war Behzad Nezami.  Zwei bis drei Tavab sprachen mit ihm, die anderen hielten sich von ihm fern. Er gehörte spaeter zu den ersten, die freigelassen wurden.

Jeden Monat wurde gesagt, dass es im Jahr 1985 einige Begnadigungen geben würde. Viele Gefangene, so auch ich, bekamen Hoffnung.

Ende September des Jahres 1985 fand im Zentralen Messegebaeude von Teheran eine internationale Messe statt. Unsere Gruppe aus der Schneiderei, aber auch die Djihadgruppe, mussten in den Hof gehen. 200  von uns, mit unserer Gefaengniskleidung, ohne Hemd, aber mit Badelatschen an den Füßen, wurden erst kontrolliert, auf verschiedene Autos und Minibusse verteilt und dann einen Kilometer transportiert. Dazu viele Pasdar und andere Polizisten in offiziellen Uniformen. Ladjevardi war auch dabei mit seinen Bodyguards. Man kann sagen, es waren mehr Hunde als Schafe! Soldaten und Polizisten führten, bis an die Zähne bewaffnet, Kontrollen durch.

Ein Junge mit Namen Said war erst 12 Jahre alt. Er hatte helle Haut, helle Haare und  Seine Eltern waren politisch sehr aktiv gewesen und waren vom Regime umgebracht worden. Er war auch festgenommen worden, weil er manchmal seinen Eltern geholfen hatte, zum Beispiel Zeitungen zu Bekannten gebracht hatte. Der Bodyguard von Ladjewardi hatte ihn an seiner Hand, beide hatten normale Kleidung an. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist.

Der Sinn des ganzen war Werbung und Augenwischerei in Zeitungen und Zeitschriften. Es sollten Beiträge mit Fotos erscheinen, die beweisen sollten, dass die Gefaengnisse eher Universitaeten oder Fachhochschulen waren. 10% Tabvab waren dabei. Nachdem wir aus dem Minibus ausgestiegen waren, nahmen uns die Pasdar mit Ketten in die Mitte. Wir sollten die Messe besuchen, damit andere Leute auf der Messe uns leibhaftig sehen konnten.

Die Leute bemerkten unsere Ketten und manche weinten. Einige staunten über unsere Badelatschen. Die Aufseher hatten Angst, dass die Situation eskalieren könnte. Die Pasdar schoben die Besucher auf die Seite, damit sie weggingen. Wir mussten wieder alle in den Minibus einsteigen und die Messe fand nun doch ohne uns statt.

Tabvab Behzad Nezami, der in der Haft Jugendliche sexuell missbraucht hatte, war an dem Tag in der Pasdarreihe und verrichtete Dienst für Ladjevardi.  Ebenso sein Kollege Tadjik aus Stadt Weramin, der früher Gefangener gewesen und als Tabwab freigelassen worden war. Sie hielten die Ketten zum Absperren.

Manchmal fand für uns das Freitagsgebet an der Universitaet von Teheran statt. Auch dazu trugen wir Badelatschen, kein Hemd, aber Gefaengniskleidung, wie auf dem Weg zur Messe. Natürlich fehlten auch hierbei nicht die Kontrolleure. Wir wurden in der  Öffentlichkeit vorgeführt. Einmal waren wir in einer Moschee. Es fand eine islamische Trauerfeier für den 3. Imam Hossein statt, die bei den Schiiten 10 Tage dauert.

An einem anderen Tag fuhren wir mit Lastwagen von Teheran zu einem großen Berg mit einem kleinen See in der Naehe der Stadt  Firuzkoh. Dieser Ort war beliebt bei Anglern, viele Iraner machen dort ihren Kurzurlaub. Wir durften schwimmen, Fußball oder Volleyball spielen und  bekamen reichlicher als sonst zu Essen.  Das alles wurde gefilmt, denn es sollte als Farce für die Öffentlichkeit dienen. Auch in der gefängnisinternen Zeitschrift wurde das mit Bildern dargestellt.

 Inhaftierte Künstler mussten Portraits an die Waende malen

Der Versammlungssaal konnte ungefähr 800 Leute fassen. Dort hatten unter dem Schahregime Theater,Tanzvorführungenen und Festlichkeiten für den Geheimdienst SAVAK stattgefunden. Eine kleine, etwa 80 Zentimeter hohe Wand, die man verschieben konnte, diente dazu, den Raum zu unterteilen.

Drei Brüder im Gefängnis Schischegeran, die bekannte Maler und Künstler waren, hatten ein großes Portrait von Khomeini an eine der Versammlungssaalwaende malen müssen. Wir sahen uns das Bild an und sagten: „Khomeini sieht auf dem Bild aus, als wollte er sagen: ‚Ich töte euch alle‘.“

Auf der linken Seite war ein Bild von Mohmad Katchui. Er war früher selber Ladjewardi (Staatsanwalt) in Evin gewesen, aber von  Pasdar getötet worden. Manchmal hieß es, es war Mord und dann hörte man, es wäre ein Versehen gewesen. Wie es wirklich war, wussten wir nicht. Der Bodyguard, der ihn getötet hatte, war auch vorher politisch aktiv gewesen. Auf jeden Fall war der Ladjeverdi auf dem Bild ein schrecklicher Mensch gewesen, der viele Leute getötet hatte.

Ein anderes Bild zeigte Ayatollah Madani, den ersten Ayatollah in der Stadt Tabris. Er war an einem Freitag im Fußballstadion beim Vorbeten von einem Volksmudjahedin, Majid getötet worden. Dieser hatte sich einen Granatengürtel umgeschnallt, der beim Erheben der Arme beim Küssen explodierte. Danach waren sehr viele Gegner des Regimes in Tabris festgenommen, verhört und umgebracht worden.

Wie es den Mitgliedern der Tudehpartei erging

Im Februar 1983 wurden 12 Leute von der Tudehpartei, die vorher bei der Armee gearbeitet hatten, im Theatersaal vorgeführt. Sie mussten auf  der  Bühne sitzen. General Afsali war Chef der Marineflotte, Colonel Atarian war Chef der Landarmee im Krieg gegen den Irak im Westen gewesen.  Colonel Bijan Kebiri war Chef der Landarmee im Süden Irans, als die iranische Armee die Stadt Khoremsher befreit hatte.

Farzad Jahad, Schahrukh Jehangiri,  Gholamresa Khasei, Khosro Lotfi, Mohamad Behrami, Nezhad Abolfelz  Behrami Nezhad waren auch Armeeangehörige. Sie waren politisch aktiv und Mitglieder der Tudehpartei im Iran. Daher galten sie als Spione. Sie waren vor das Militaergericht gestellt und von Rei Schari, dem Armeestaatsanwalt und Henker, zum Tode verurteilt worden. Dann waren sie nach Evin gekarrt worden, wo sie noch einmal verhört wurden. Direkt nach dem Verhör wurde normalerweise die Hinrichtung durchgeführt. Ladjeverdi hatte vor, die, die nicht hingerichtet wurden, kleinzukriegen und eventuell umzuerziehen. Das war Teil der Strategie, das islamische System zu erhalten. Die Taktik war, dass die Gefangenen sich anpassten und verbogen,  um nicht getötet zu werden.

Heute handelte der erste Vortrag von Freiheit, Leben und Tod. General Afsali sagte ernst: „Ich habe Fehler gemacht, meine Bewegung war falsch.“ Dabei weinte er. „Der Islam ist die einzig wahre Religion und hat die besten Politiker. Dabei fing das Husten von vielen wieder an. In  unserer Reihe traute sich keiner zu husten, weil die Bekehrten zu nah saßen. Afsali entschuldigte sich offiziell beim teuren Imam Khomini.

Nachdem er seine Rede beendet hatte, kam Colonel Atarian dran. Eine Frau fing an, zu weinen. Ungefähr zehn Minuten referierte er darüber, was er im Krieg gemacht hatte, wie aktiv er war, was er geschafft hatte usw. Auch er fing schließlich an zu weinen und führte dabei aus, wie falsch  doch alles gewesen sei. Das Weinen der Frau wurde immer lauter. Atarian sagte: „Wir sind nur noch diese Nacht bei Ihnen/Euch in der Versammlung. Ich hoffe auf Gnade.“ Plötzlich fing die weinende Frau laut an zu schreien und wurde ohnmächtig. Colonel  Atarian schaute zu der Frauengruppe hin. Er erkannte, dass die ohnmächtige Frau seine Tochter war und verstummte.

Einige Leute von der Tudehpartei meldeten sich und sagten, dass sie sich schuldig fühlten.

Normalerweise kam erst die Gruppe der Frauen in den Saal und nahm auf der rechten Seite Platz. Auf der linken Seite kamen dann die Männer rein, erst unser Trakt 2 für die Schneider und dann Trakt 4 mit den Tabvab und den Djihadleuten. In dieser Nacht hatte Ladjeverdi einen anderen Plan. Eine Gruppe kam aus einem anderen Gefängnis und setzte sich zu unserer Schneidergruppe vom Trakt 2. Und dann noch eine Gruppe vom anderen Saal. Eine Reihe war von einer linken Gruppe besetzt und eine Reihe von den Gartenarbeitern aus Trakt 4. Immer abwechselnd eine Reihe mit Tabwab oder Djihad und eine mit anderen Gefangenen.

Niemand durfte sich entfernen, um z. B. zur Toilette zu gehen. Alle mussten ruhig auf ihrem Platz auf dem Fußboden sitzen. Man durfte nicht nach rechts und links schauen, kein Hut, kein Stirnband, kein Schal war erlaubt. Auch im Winter nicht, wenn es sehr  kalt war. Es gab keine Heizung, die Waende waren 5 Meter hoch und die Fenster waren sehr groß. Alle mussten zu solchen Zusammenkünften antreten, auch wenn sie krank waren. Die Bekehrten hatten die anderen im Blick und kontrollierten sie. In der Reihe zwischen uns und den Frauen saßen die Pasdar.

Nach der Betrugswahl im Juni 2009 wurden viele Menschen, darunter auch viele Journalisten, und Anhaenger der grünen Bewegung um Musawi festgenommen. Dafür bekam dieser Versammlungsraum in Evin  eine neue Ausstattung mit neuen Möbeln und diente als Gericht.

Normalerweise hatten alle Gefangenen einen Hass auf diese Versammlung. In den erzwungenen Vorträgen wurden schreckliche Sachen gesagt wurden. Das meiste, was auf der Bühne geäußert wurde, war gelogen, Gehirnwäsche pur. Es ging in erster Linie darum, Feindbilder aufzubauen und ein schwarz-weiß-Denken zu etablieren.

Viele hofften, eher freigelassen zu werden, wenn sie solche Dinge  von sich gaben oder ihnen zustimmten. Die psychische Unterdrückung war fast unertraeglich. Leider hatten wir Gefangenen keine andere Möglichkeit, als die drei bis vier Stunden dort abzusitzen.

Manchmal gab es Einspruch durch Husten. Anders ging es nicht. Niemand traute sich, den Äußerungen zu widersprechen: Es wäre das sichere Todesurteil gewesen. Die Bekehrten schauten sich dann suchend nach denen um, die gehustet hatten. Des öfteren hatte das Husten sogar ein Nebenraumgespräch zur Folge. Manchmal husteten aber so viele gleichzeitig, dass der Redner den Faden verlor.

Die Hustenden bekamen von einigen Schneidern Nadeln in den Rücken gepiekt. Die Djihadleute und die Bekehrten attackierten die Hustenden sogar mit Fußtritten oder mit Faustschlaegen von hinten. Die Gefangenen versuchten, sich zu wehren. Sie riefen: „Bruder Pasdar, die schlagen uns!“ Aus unserer Reihe, die aus 20 Schneidern bestand, hatten etwa 2, 3 Leute solche Angriffe gemacht. Die Pasdar feixten und zeigten auf ihren Mund: wir sollten ruhig sein und nur zuhören.

Jetzt merkte ich, dass in der Reihe vor mir Ahmad Bahramian aus meiner Heimatstadt Ramzar saß, der früher in der Mehrheitspartisanengruppe war. Ich hatte vorher nicht gewusst, dass er auch hier in Haft war. Ich hatte Angst, dass er mich für andere sichtbar  begrüßen würde. Aber glücklicherweise schien er mich nicht gesehen zu haben.

Schahrukh Djahangiri aus der nordiranischen Stadt Rascht saß die ganze Zeit sehr gerade auf dem Stuhl, sah die anderen ruhig an und laechelte selbstbewusst. Jetzt stand er auf, machte das Siegeszeichen, grüßte alle mit erhobenen, ineinandergelegten Haenden, ging zum Mikrofon und wollte reden. Aber die Pasdar nahmen ihm entsetzt das Mikrophon weg.

Ich habe in Deutschland sein Testament gelesen. Er hatte an seine Frau einen Brief als Testament geschrieben. Darin stand sinngemaeß: ‚Mach dir keine Sorgen um mich. Das Leben ist schön. Genieße es! Wenn du wieder einen lieben Mann findest, heirate ihn und lebe mit ihm!’

Ladjiwardi brach die Versammlung ab. Er hatte logischerweise keine Lust, revolutionaere Reden anzuhören. Die Mitglieder der Tudehpartei wurden als erste aus ihren Reihen herausgerissen. An die 50 Tabwab und Pasdar stürzten sich auf sie, vor allem auf Schahrukh und prügelten auf sie ein. Den anderen riefen sie zu: „Alle schnell auf die Zellen!“

Ich fand es erbaermlich, dass die Tudehparteimitglieder wenige Stunden vor ihrer Hinrichtung das noch durchstehen mussten. Eine  Stunde  spaeter kamen die Tabvab zurück zum Trakt und berichteten stolz, wie sie die Tudehleute geschlagen hatten.

Spaeter in Dortmund erzaehlte mir ein Mitglied der Tudehpartei vom Schicksal eines anderen Tudehmitglieds.

„Ehsan Tabari war ein großer alter Mann, führendes Mitglied der Tudeh Partei. Er musste lange in Evin in einer Einzelzelle sitzen. In seinem schwarzen Hemd und mit Vollbart wirkte er sehr blass. Ein Mitglied der irakischen kommunistischen Partei, der in der benachbarten Einzelzelle saß, hatte von ihm erfahren, dass nachts Leute in seine Zelle gekommen waren, ihn sexuell traktierten, schlugen und folterten. Nach einigen solchen Nächten war er so zermürbt, dass er versprach, zu sagen, was sie hören wollten.

Er wurde nicht sofort hingerichtet, sondern die Gefaengnisbürokratie versuchte seine frühere politische Stellung auszunutzen, um die inhaftierten Linken zu demoralisieren. Ehsan musste bei Versammlungen aus dem Koran vorlesen. Sie zwangen ihn, in den Versammlungen über die Schaedlichkeit des Kommunismus, über den einzig wahren Islam und den großen Imam Khomeini zu referieren. Und dass der Koran viel lehrreicher sei als die Werke von Marx und Lenin zusammen. Die Linken und andere Gefangene saßen eingepfercht im Saal und husteten aus Protest. Tabari wurde sehr krank. Er ist im Alter von etwa 73 Jahren gestorben.

Ausbildungskarriere zum Tabvab und zum Unterdrücker

Ab dem Jahr 1982 bildete Ladjevardi mit Geheimdienstleuten vom ehemaligen WAWAK offizielle Tabvaborganisationen aus, die sogar das Folter  und Henkerhandwerk lernen mussten. Das war eine besonders infame Methode, denn vorher waren sie eher geheim oder informell  gewesen. Manchmal mussten sich die Bekehrten verstellen und dann ihre Mitgefangenen ausspionieren.

Als die Bekehrten noch als Kommunisten oder Mudjahedin für die Arbeiter und andere  Menschen aktiv gewesen waren, waren sie überzeugt, sie könnten das Volk retten. Jetzt, mit Hilfe von Folter und Indoktrinierung, wurden sie um 180 Grad gewendet und beteiligten sich selbst an der Unterdrückung anderer Menschen. Einige Bekehrte nahmen sogar selbst den Henkerstrick in die Hand und richteten andere Haeftlinge hin, um der Gefaengnisbürokratie zu beweisen, dass sie sich gelaeutert hatten.

Die Indoktrinierung von Jugendlichen war besonders intensiv und effektiv.  Sie glaubten schließlich wirklich, sie kämen ins Paradies. Die Gefaengnisbürokratie rechnete damit, dass die Gefangenen  irgendwann sowieso aussagen würden. Wenn nicht, wurden auch falsche Geständnisse abgepresst. Manche Verhörer zeigten Bilder, auf denen die Gefangenen angeblich abgebildet waren und sagten, sie wüssten schon alles. Mit dieser Taktik entlockten sie den Gefangenen weitere Informationen.

Das Bittere für viele der Tabvabs war, dass viele von ihnen, die zu Assistenten der Folterer  ausgebildet worden waren   und die Gefangenen geschickt ausgehorcht hatten, letzten Endes selber hingerichtet wurden. Einige dagegen wurden freigelassen. Andere waren so lange im Gefängnis, bis sie dort starben. Die Bekehrten bekamen auch die Aufgabe, unter Bewachung von Pasdar in den Straßen Leute, die sie kannten, zu jagen und diese zu jagen.

Hossein Sare Scharaki arbeitete mit uns in der Schneiderei gearbeitet: „Sie haben mich festgenommen und mich dann in Kammer 1 verhört. Ich habe unter Druck so viele Informationen herausgegeben, dass 50 Leute festgenommen wurden.“ Wie ich durch ihn weiter erfuhr, wurden mehrere von ihnen zu Haftstrafen verurteilt und die anderen direkt hingerichtet. Keine der 50 Personen kam frei.

Einmal wurden 22 Leute von Radio und Fernsehen festgenommen und dann zu verschieden langen Haftstrafen verurteilt.  Einige von ihnen waren bei uns in Ghesel Hesar.Trakt 3.

Die meisten waren unterwürfig und nahmen alles hin. Einige Leute waren zunächst weniger gesprächig, aber nachdem man sie geschlagen hatte, machten sie viele Angaben. Viele Gefangene bekamen ihre Hand oder ihren Fuß amputiert. Erstaunlicherweise redeten manche von ihnen immer noch nicht. Trotz der extremen Behandlung blieben einige stur und hartnaeckig und weigerten sich, auszupacken. Diese wurden dann entweder direkt hingerichtet oder bekamen lebenslänglich. Aufgrund der Chancenlosigkeit töteten sich manche auch selbst.

Manche sagten unter Druck ihre Zusammenarbeit zu, aber sie überlegten es sich dann. Natürlich war auch der Gruppenzwang nicht zu unterschätzen. Als im Jahr 1988 mehr Gefangenen auf Befehl von Khomeini hingerichtet wurden, waren darunter auch einige ehemals Bekehrte, die plötzlich nicht mehr funktionieren wollten.  Damals reichte schon ein entschlossenes „Nein“ auf die Frage, ob man Moslem sei, um direkt hingerichtet zu werden.

Einige der Tabvab sollten nach Erlangung der Freiheit wieder Kontakt zu ihren Organisationen, z. B. zu den Volksmudjahedin, aufnehmen. Sie unternahmen 1988 von ihrem Camp im Irak aus einen Angriff auf den Iran, und hofften, dass die iranische Luftwaffe sie dabei unterstützen würde. Aber  der Plan war nicht aufgegangen. Bei dieser Aktion wurden viele verletzt und starben. Der Geheimdienst spürte viele Leute auf. Manche brachten sich mit Handgranaten um, weil sie verstümmelt waren.

Nach dieser gefaehrlichen Aktion hatte 1988  Khomeini im Gefaengnis die beiden Fragen stellen lassen: „Bist du Moslem?“ Dies konnten die Volksmudjahedin ehrlich mit „Ja“ beantworten. Die zweite Frage war: „Bist du für das Islamische Regime?“ Hierauf mussten die Volksmudjahedin ehrlicherweise mit „Nein“ antworten, aber das bedeutete Hinrichtung. Deshalb hatten viele hierauf die Unwahrheit gesagt. Dadurch wurden sie Tabvab. Viele aenderten dann aber schnell wieder ihre Meinung. Mehrere dienten in ihrer Eigenschaft als Hisbollah oder deren Gehilfen dem System. Es wurden auch Personen ausgetauscht. Tabvab zu sein, galt als eine Brücke ins Paradies, als ein Pfad in die Freiheit.

Manche Gefangene waren nur aus taktischen Gründen Tabvab geworden. Wenn das herauskam, wurden sie als Spione „entlarvt“ und hingerichtet. Die Organisation der Volksmudjahedin hatte sehr viele Gefangenen und schaffte es immer, Kontakt mit ihren Gefangenen im Gefängnis aufzunehmen und  Einfluss auszuüben. Durchschnittlich 40% der Gefangenen in Gefaengenis waren Volksmudjahedin.

Manchmal schnappten sich zwei Wächter einen Gefangenen und fuhren mit ihm im Auto los. Ab zur Uni und durch die Straßen der Stadt. So sollten die Gefangenen danach Ausschau halten, welche Leute sie unterwegs wieder erkannten, die auch politisch aktiv waren oder in aufrührerischen Gruppen organisiert. Diese Leute wurden dann verhaftet und mitgenommen. „Der da! Den kenne ich, der war auch aktiv!“ Zack, hinterher und ab in den Wagen mit ihm. So ging das. Und noch einer „Ah schauen wir mal, ich glaube der wohnt da vorne…“ Angeschellt an der Tür: Ein  Verwandter öffnete und wurde nach der betreffenden Person gefragt. Als der Gesuchte dann auftauchte: „Los, komm mit!“ Und wieder weiter.

So wurden einige Leute eingesammelt und ins Evin-Gefängnis geführt, wo ihr Weg ins Elend bereits vorgezeichnet war. Die Bekehrten mussten mithelfen, die neuen Gefangenen zu verhören und zu malträtieren.

Letztendlich half es den Bekehrten aber auch nicht weiter, denn etwa 90% dieser Bekehrten wurden nach Fernsehauftritten und diversen Interviews hingerichtet. Man hatte ihnen vorher alle Informationen entlockt.

Djewad,  21 Jahre alt, war auch Volksmudjahedin. Ich hatte ihn schon vor vier Jahren kennengelernt. Damals, 1981, war er erst 17 und hoffte, bald freigelassen zu werden(Trakt3) IN Evin . Später, 1985, kam er in die Schneiderei,  aber er war ganz kaputt, völlig kopflos. Die Tabvab machten  Spaeße mit ihm, piesackten und beschimpften ihn übel. Manchmal saß er strampelnd auf dem Boden und heulte wie ein Schlosshund. Er war nur  kurze Zeit bei uns. Als sein Zustand sich rapide verschlechterte und er immer verrückter wurde, holte man ihn aus unserem Trakt 2 (Shule)  heraus.

Manche Leute schienen tatsächlich ihren Glauben zu wechseln, was wir von ihnen nicht erwartet haetten. Ob sie es wohl nur vortäuschten? Ich bin so oft gefoltert worden, dass ich von vielen Dingen nicht mehr sagen konnte, ob sie richtig oder falsch waren.

Es gab Leute, die nach dem ersten Schlag schon komplett auspackten. Sie hatten derartig viel Angst, dass sie alles sagten, was sie wussten. Einer davon  hieß Ahad Satari. Er war von der Arbeiterweg-Gruppe. Schon unter dem Schahregime war er drei Jahre im  Gefaengnis gewesen.

Nach dem 30. Khordad 1360 (Juli 1981) hatte die Organisation der Volksmudjahedin beschlossen, dem diktatorischen  Regime den Krieg zu erklaeren. Ahad hielt das für falsch.  „ Als ich festgenommen wurde, sagte ich alles“. Er wurde trotzdem wieder zu drei Jahren Haft verurteilt. Er zählte die Tage bis zu seiner Freilassung an den Fingern ab. Er lobte das Regime: „Das islamische Regime ist eine gute Regierung mit hochqualifizierten und vernünftigen Politikern“. Da er aus seiner Sympathie für das Regime keinen Hehl machte, wollten die meisten anderen nichts mit ihm zu tun haben.

Eigene Überlegungen zum islamistischen System

Meiner Meinung nach hat das religiöse Regime vor allem Nachteile. Die Bevölkerung erhoffte sich von der Revolution Verbesserungen ihrer Lage und Sicherheit durch Demokratie. Das Gegenteil war aber der Fall. Die Menschen leiden unter der religiösen und politischen Unterdrückung. Eine Spirale der Gewalt wurde losgetreten. Mehr als 50.000 Menschen wurden hingerichtet und der Terror im Iran und in Teilen des Auslands weitete sich aus. Das islamistische Regime warf den Iran wirtschaftlich weit nach hinten. Die Schuld dafür wurde aber Amerika und Israel zugeschoben.

Im achtjährigen Krieg gegen Saddam Hussein sind viele Menschen gefallen und etliche sind krank und behindert zurückgekomen. Die Staatsfinanzen gingen nach und nach kaputt, unter anderem durch die hohen  Rüstungsausgaben.  Die Probleme häuften sich von Tag zu Tag. Armut breitete sich aus. Unbequeme Menschen  wurden ausgeschaltet. Der Geheimdienst verkaufte Drogen an junge Leute, um diese von der Politik abzulenken und zum Schweigen zu bringen die Bürger sollten durch die Politik  verdummt und kleingehalten werden, damit die Politiker weiter ihre selbstsüchtigen Ziele verfolgen konnten.

Die Situation im Iran ist vergleichbar mit der Zeit von Dschingis Khan oder Hitler. Allerdings hatten diese Diktaturen mehr Macht, mehr  Soldaten und Überzeugungskraft. Die Menschen haben seitdem gelernt. Ich hoffe, dass dieses Regime bald auch in den Mülleimer der Geschichte kommt.

Das Regime lud zu bestimmten Gelegenheiten Besucher ein. Manchmal Personen aus dem Iran, aber auch aus anderen Ländern, z. B. Afghanistan,     Libanon, Philippinen, Palaestina oder aus dem afrikanischen Kontinent. Dies geschah zu Werbezwecken. Man wollte sich selber in ein günstiges Licht rücken. Selbstverständlich wurde ausgiebig in den Zeitungen darüber berichtet.

Das iranische Regime baute für viel Geld Moscheen und Krankenhäuser in anderen Laendern, z.B. in Eritrea.

Eines Abends war Radjai   Khorasani, der für den Iran in der UNO saß, zu einer Versammlung in Evin eingeladen worden. Er behauptete voller Stolz, dass das iranische Regime das einzig richtige ist. Er wies auf die vielen armen islamischen Länder hin, in denen der Iran Krankenhäuser mit modernster Technologie gebaut hatte, und wieviele  Dollar das gekostet hatte. Khorasani berichtete weiter voller Stolz über die finanzielle Unterstützung von Armeen in Afghanistan, Libanon, Eritrea usw.

Während er diese Äußerungen machte, dachten wir an die schlechten sozialen Bedingungen und Perspektiven der Menschen im Iran, während für das Ausland Riesensummen ausgegeben werden, nur um sich zu brüsten.

Alles war Propaganda und Werbung, um die armen Menschen, die oft sehr gläubig waren, zu manipulieren. Immer wieder wurde ihnen eingeschaerft, dass Israel von der Landkarte verschwinden müsse. Die Palästinenser müssten ihr Land zurückbekommen und Amerika müsse sich aus dem Konflikt heraushalten. Im geheimen wurden jedoch Geschäfte mit Amerika, Israel, Europa, Nordkorea, China, Russland und Kanada gemacht. Die hohen Vertreter des iranischen Volkes, die Agha Zadeha,  zahlten aus dem Steuereta des iranischen Volkes zehnmal so hohe Preise, zum Beispiel für Flugzeuge, wie es normal gewesen waere. Die Hälfte des Geldes versenkten sie in ihre eigene Tasche. Um dies zu vermitteln, boten sich andere Banken, vor allem aus der Schweiz, an. So  sicherten die Oberen ihre eigenen Familien finanziell ab und die Schweiz und andere Laender verdienten mit.

Allerdings kopierten einige Mitarbeiter der Zentralbank heimlich die Listen und gingen damit an die Öffentlichkeit. Auf den Listen waren die Empfängernamen sowie Geldbeträge aufgeführt. (Quelle?)

Zum 12. bis 22. Bahman, im Februar, dem zehntägigen Revolutionsfest, wurden viele Einladungen verschickt. Auch hier ging es um Taeuschung. Den Gästen fehlte es an nichts. Luxuriöse Hotels, gute Begleitung, super Rahmenprogramm. Natürlich ging alles auf Kosten des Staates. So wurden die Flug- und Fahrtkosten komplett übernommen und  große Autos für Stadtbesichtigungen zur Verfügung gestellt. Es wurden auch wieder Gefängnisbesichtigungen eingeplant. Die ganze Aktion erwies sich als das gleiche Schmierentheater wie im Jahr davor.

Khomeini machte große Empfaenge und ließ sich öffentlich küssen. Er sagte, die Islamische Revolution sei wie das plötzliche Aufstrahlen eines heiligen Lichts gewesen und habe das ganze Land erhellt.

Die Besucher wurden auch auf den Hauptfriedhof von Teheran geführt. Es wurde darauf hingewiesen, welche prominenten Gläubige hier begraben waren und über deren Leben und Wirken erzählt.

Etwa zwei Jahre nach der Revolution, im Juli 1981, war im Gebäude der Islamischen Republikpartei eine Bombe explodiert. Bei dem Anschlag hatten über 100 Menschen ihr Leben verloren. Khomeini ließ  verlauten, es wären 72 Personen gestorben,  um den Anschlag mit dem Ereignis???? vor 1000 Jahren zu verbinden, als mit dem 3. Imam Hossein zusammen ebenfalls 72 Menschen getötet worden waren.

Die Regierung ließ die Graeber der Mudjahedin und der Kommunisten, die unter dem Schahregime hingerichtet worden waren, zerstören. An der selben Stelle ließ sie eilig die Leute, die 1981 bei der Explosion im Gebaeude der Islamischen Republikpartei umgekommen waren, begraben. Die genauen Hintergründe der Explosion blieben uns lange verborgen. Es wurde behauptet, die Mudjahedin steckten dahinter, was diese aber abstritten.

Einen Monat später, im August 1981, passierte wieder ein Anschlag an einem anderen Ort. Da explodierte das Praesidentengebaeude, und der Premierminister Bahoner sowie der Praesident Redjaiy verloren ihr Leben. (Nachfolger von Bahoner war übrigens damals Mussawi, der spaeter bei der Betrugswahl im Juni 2009 unterlag.?

Auch deren Gräber wurden von den Gästen am Hauptfriedhof besichtigt. Mit diesen Besuchen wurde Stimmung gegen andere Parteien, Kommunisten  und Mudjahedin, gemacht. Wo man hinsah, entdeckte man gut gekleidete Personen. Jeder Gast hatte eine Plakette mit Namen. Dolmetscher Leute vom Geheimdienst Wawak, berüchtigte Folterer und islamische Soldaten begleiteten die Besucher.

Das Gefaengnis Evin: das Paradies auf Erden von heute!

Niemand hatte den Mut, genauer nachzufragen, schon gar nicht die islamischen Gäste. Wer weiß, ob sie ahnten, wie furchtbar es hier in Wirklichkeit war und unter welcher Unterdrückung wir hier lebten. Die Gäste schienen vom Konzept des fundamentalistischen Regimes positiv beeindruckt zu sein. Es wurde ihnen gegenüber immer wieder betont, dass die Gefangenen gut behandelt würden. Es gäbe keine Folter, keine schlechten Umgangsformen und keine Probleme. Durch die Arbeit hätten die Gefangenen die Möglichkeit, gutes Geld zu verdienen. Es gäbe Sportveranstaltungen, Fernsehen und alles sei in Ordnung. So wurde der falsche Eindruck für die Öffentlichkeit gefördert.

Zu dieser Taeuschung trug noch bei, dass hinter der Schule wirklich ein Schwimmbad mit einem 25 x 10 Meterbecken war. Einmal, anlaesslich eines Wettbewerbs, durfte ich sogar darin schwimmen. Es lag in einem schönen Garten mit Blumen und anderen Pflanzen.

Normalerweise kamen die Gäste auch in unsere Schneiderei nach Evin. Wir waren mehr als  300 Mann in der Schneiderei. Wir wurden vorgeführt. Die anderen waren nicht mehr tageslichttauglich, deshalb blieben sie hinter Schloss und Riegel und wurden von niemandem gesehen

Da wir die einzelnen Leute und ihre Beweggründe nicht kannten, mussten wir mit unseren Aeußerungen sehr vorsichtig sein. Auf dem Weg in Evin zum Besucherraum oder zu anderen Raeumen hatten wir immer die Augen verbunden. Durch diesen ständigen Stress und unsere Angst und Vorsicht war keine zufriedenstellende Kommunikation möglich. Auf jede Frage sollten wir wahrheitsgetreu antworten. Wir wussten aber nicht, wer Freund und wer Feind war. Wem konnten wir überhaupt vertrauen? Manchmal kam auch jemand, der eine andere Sprache sprach.

Ein Aufpasser stellte uns so vor: „Schauen Sie, das hier sind alles Terroristen. Sie haben direkt oder als Helfershelfer Menschen getötet. Aber wir versuchen, sie zu resozialisieren. Wir wollen ihnen helfen, auf den richtigen Weg zu kommen.“

Die Besucher fragten uns:waren: „Wie viele Jahre seid ihr schon hier?“ „Wie alt bist du?“ usw. Die Spitzel von Wavak spitzten bei jedem Ton, den wir von uns gaben, die Ohren. Überhaupt standen wir bei der ganzen Befragung unter gründlicher Beobachtung. Die Bekehrten starrten uns an, während wir antworteten. Nichts Negatives durften wir sagen. So, als wären wir mit allem zufrieden und es ginge uns gut.

Es gab ein Gemurmel und jemand von den Tabvab sagte: „Allah akbar (Gott ist gross) und wir mussten das wiederholen. „Khomeini ist unser Führer“ hörten wir uns selber sagen. Die Tabvab wurden vorher eingeteilt. Es wurde genau festgelegt, wer mit wem unterwegs sein sollte. Wir bekamen auch von ihnen Fragen gestellt. Es war alles ein einziges Theater.

Ich wurde von einem Besucher gefragt, zu wie vielen Jahren ich verurteilt sei. „15 Jahre“. Antwortete ich. „Ich darf hier arbeiten, verdiene dabei gutes Geld und irgendwann komme ich bestimmt wieder frei“, ergänzte ich noch. Was sollte ich auch anderes sagen, im Beisein der Tabvab und anderen Aufpasser? Manch einer mag denken, ich hätte doch die Wahrheit sagen können. Aber wir saßen in einem iranischen Gefängnis, das man mit den deutschen Konzentrationslagern im Nationalsozialismus vergleichen kann. Wir mussten uns selbst zensieren, sonst hätte es uns Kopf und Kragen gekostet.

Das fundamentalistische Regime war noch schlechter als das Schah-Regime. Für Europäer ist das schwer vorstellbar, zumal sie selber in Freiheit leben und unbeschadet ihre Meinung äußern können.

Viele Gäste kamen aus Ländern, die ärmer waren als wir. Einige aus Angola, Pakistan, Jemen. Diese waren noch hungriger nach Freiheit als wir. Das islamistische Regime hatte ihnen das Vorrecht gewährt, hier herumzureisen. Sie konnten sich umsehen und eine Menge erfahren. Im Grunde wurden sie alle belogen. Es kann aber gut sein, dass einige das Manöver durchschauten.

Nach den Interviews kamen sie nach oben und schauten, was es zu essen gab. Anlässlich des Besuches wurde ein dickes Essen aufgefahren. Gegrilltes und dicke Fleischplatten mit Beilagen, dazu das beste Obst, erlesene Eis- und Kuchensorten und Kekse. Alles vom Feinsten. Nach dem Abendessen gab es noch ein gutes Dessert, Suppe und Obst. Das war für uns eine willkommene Gelegenheit, uns auch richtig den Bauch vollzuschlagen. Sowas hatten wir im Gefängnis noch nie gehabt, ja auch in unserem ganzen Leben nie gesehen. Die Besucher mussten sehr dumm sein, wenn sie uns zusahen, wie wir gierig die Leckereien verschlangen, um nicht zu merken, dass wir dies nur aus Propagandagründen zu essen bekamen.

Der Anführer der Gäste hielt eine Rede und sagte darin,  wie schön es hier doch wäre. Er sprach in den höchsten Tönen von Khomeini, fast wie von einer Gottheit. Er tat so, als würde er glauben, dass wir hier immer so lebten. Wir sagten auch „Allah akbar“ wie die anderen. Natürlich hatten wir tief im Innern eine Riesenwut auf diese  Heuchelei.

 

Während des Abendessens gab es von manchen Besuchern vertrauliche Zeichen. Anscheinend haben sie doch unsere ausgemergelten Gesichter wahrgenommen und sich wohl ihren Teil gedacht. Aber sie hatten ja keine Möglichkeit, irgendetwas Kritisches zu sagen. Allzu schnell wären sie in Ungnade gefallen. Wer weiß, ob sie ahnten, wie furchtbar es hier in Wirklichkeit war und unter welcher Unterdrückung wir hier lebten. Auch Djihad-Anhänger befanden sich unter den Gästen.

Eines Nachts waren iranische Aerzte, die im Ausland lebten, mit 120 Begleitern zu Besuch. Sie hatten im Laleh Hotel, früher Continentalhotel  übernachtet. Ein Einzelzimmer kostet dort 12.000 Rial. Sie waren 10 Tage zu Besuch. Allein um eine Übernachtung zu bezahlen, müsste ein Bankangestellter 15 Tage arbeiten. Sie kamen auch in die Schneiderei und redeten mit uns. Wir trauten uns aber nicht, über etwas Internes zu berichten, weil wir uns nicht sicher waren, wer vom Geheimdienst war und wer nicht. Denn wir mussten immer mit Spionen rechnen.

Einmal saßen wir nach dem guten Essen drei bis vier Stunden mit den Besuchern bei einer Versammlung auf dem Boden. Neben mir saß einer der iranischen  Aerzte.

Ich redete ganz leise mit ihm. Ich berichtete, dass ich mit drei Kollegen festgenommen worden war, die alle jünger waren als ich. Und dass meine drei Freunde hingerichtet wurden und ich zu 15 Jahren verurteilt wurde. Und dass es hier Folter und Hinrichtungen gibt. Dass ich monatlich 4000 Rial für meine Arbeit im Monat Gefängnis bekam.

Während unseres Gespräches erzählte ich dem Arzt auch von Said, der als 13jähriger im Gefängnis verhört wurde. Der Arzt fand das alles sehr schlimm. Ich hoffte, der Arzt würde auf seiner Rückreise keine Probleme bekommen.

Ein französischer Journalist von „Le Monde“ erkundigt sich…

Eines Tages kam ein Journalist aus Frankreich in die Schneiderei. Wir saßen unten. Der Journalist erschien in Begleitung der islamischen Polizei. Er unterhielt sich mit den Bekehrten. „Früher war das mal ein Schwimmbad. Mittlerweile war es aber umgebaut worden.“ Wieder einmal wurde erwähnt, dass hier alles okay sei. Wir würden mit dem Nähen gutes Geld verdienen, könnten uns hier sportlich betätigen, Picknick machen, ins Schwimmbad gehen und fernsehen. Eigentlich wäre es ja so etwas wie eine Universität. Außerdem wären wir Terroristen, die allerhand auf dem Kerbholz hätten.

Der Journalist fuhr wieder zurück. Ein paar Tage später tauchte Seyed Abbas, der Bodyguard von Ladjeverdi in einem Pilotenanzug auf. Seine gute Laune war nicht zu übersehen. Wir sollten auch ohne Umschweife den Grund für seine Freude erfahren: Er schwärmte mit Blick auf Haci Murad von der positiven Publicity – der französische Journalist hätte einen sehr guten Artikel in der „Le Monde“ geschrieben. Er ließ sich dann noch über Einzelheiten aus, die uns mal wieder den Magen umdrehten. Dinge, die für die anderen jedoch logisch waren und die sie absolut richtig fanden. Reza Pasdar, unser Aufpasser,  sagte: “Allah akbar“, was wir nachsprechen mussten.

Neben mir an der Nähmaschine saß Ali Sultani, der ebenso wie ich die Augen verdrehte. Zum Glück sind unsere Grimassen niemandem aufgefallen. Ali war ein diplomierter Beamter im Bundesgerichtshof von Teheran, seines Zeichens Sympathisant der Volksmudjahedin. Eines Tages hatte er selber eine Bombe gebaut, die er auf der Toilette im Erdgeschoss des Bundesgerichtshofs versteckte. Glücklicherweise entstand bei der Detonation der Bombe kein Personenschaden. Alis Festnahme ließ nicht lange auf sich warten. Danach brachte man ihn bei uns in der Schneiderei unter. Obwohl er einige Zeit dort arbeitete, ist mir nicht bekannt, ob er verurteilt wurde, und für wie lange.

Ali gab einmal ein Fernsehinterview. Dort erzählte er freimütig, was er angestellt hatte und machte auch  Angaben zu seinen familiären Verhältnissen. Er hatte eine Frau und einen dreijaehrigen Sohn, dessen Name Aschkan war. Ich sah ihn einmal beim Besuchstag, er hatte  blaue Augen und blondes, krauses Haar, noch heller als sein Vater.

Eines Tages, als wir in der Schneiderei arbeiteten, hörten wir den lauten Knall einer Bombenexplosion. Wir hatten immer Angst, dass unser Gefaengnis von irakischen Flugzeugen bombardiert würde. Wie wir später hörten, war in einer nahegelegenen Autowerkstatt ein Auto, das dort zur Reparatur stand, mit einer Bombe präpariert worden, die bei der Explosion den Lärm verursacht hatte. Vermutlich stand Ali unter dringendem Tatverdacht, etwas damit zu tun zu haben. Er wurde unmittelbar danach herausgerufen und mit einigen anderen hingerichtet. Später streute jemand das Gerücht aus, die Leute von den Volksmudjahedin hätten die Bombe gebaut und gezündet. Wir wussten aber nichts Genaues. Spaeter  sagten sie, es hatte etwas mit dem Geheimdienst vom Saddam Hossein Regime zu tun.

Neue Einzelzellen in Evin zum Ausruhen!

Es wurden so viele Menschen festgenommen, dass mittlerweile in den Gefängnissen kein Platz mehr war. Man baute in Evin 400 Einzelzellen in einem neuen Gebäude, auf der linken Seite der „Schule“. Die Zellen waren sehr eng und schmal. Sie hatten Toiletten und das Essen wurde unter der Tür durchgereicht. Es war eine Art Isolationshaft. Die Gefangenen blieben lange Zeit dort.

Ein Grund für die Notwendigkeit von vielen Einzelzellen war, dass die Inhaftierten nicht mit anderen über die Schandtaten der Regimeangehörigen sprechen sollten. Ein Kollege aus der Schneiderei namens Sadegh erzählte mir, er wäre 6 Monate in einer Einzelzelle  gewesen. Als Soldat im Krieg in Westiran hatte er mitbekommen, wie ein Unteroffizier einen Jugendlichen vergewaltigte. Er war empört darüber und zeigte das an.

Er geriet dabei an den religiösen Ideologen Aslamish. Die Gruppe, zu der der Ideologe gehörte, war immer hinten auf einem sicheren Platz mit gutem Essen. Ihre Aufgabe war, die Soldaten zu motivieren. Aslamish hörte sich seine Ausführungen an und ließ ihn dann, statt die Sache weiterzuverfolgen, in den Südiran versetzen, wo ebenfalls Krieg herrschte. Die Bedingungen im dortigen Flachland waren viel haerter als im bergigen Westen, wo die Berge den Soldaten etwas Schutz boten.

Er wollte seinen Glauben an das Regime nicht verlieren. Als er aus der Einzelzelle herauskam, erzaehlte er, was er erlebt hatte. Das wurde ihm zum Verhaengnis. Einige Stunden spaeter wurde er verhaftet und kam in ins Gefaengnis in Ahvas im Südiran. Nach  der  Folter wurde er  zwei  Tage  spaeter  nach Teheran ins Evingefaengnis geschickt. Ihm wurde vorgeworfen, Monafegh, also ein falschglaeubiger Moslem  und Spion zu sein. Er wurde zu 5 Jahren verurteilt.  Sie schlugen und folterten ihn, sein ganzer Körper schmerzte. Er bekam wenig zu Essen und zu Trinken.

Seine Einzelzelle war dunkel und stickig. Es hatte keinen Freigang. Nach  Monaten kam er zum Arbeiten in die Schneiderei. Er hatte eine Augenkrankheit auf einem Auge, weil seine Augen von dem schlechten Licht geschädigt waren. Sadegh sagte, er hätte kein Interesse an Politik, aber was er erlebt hatte, flößte ihm Hass auf das islamische Regime ein.

In der sogenannten Universität Ghesel Hesar waren  Mullahs, die sich als Professoren aufspielten. Sie hatten in der iranischen Stadt Ghom im Koran unterrichten sollen und ihre Position ausgenützt. Sie missbrauchten und vergewaltigten mehr als 60 Frauen und Maedchen. Achund, ein Krimineller, der zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden war, war auch dabei. Wir mussten ihn wie ein Professor behandeln (das war der „Goldpillermann“).

Im allgemeinen gab es damals sehr strenge Gesetze. Zum Beispiel wurden Menschen, denen Ehebruch nachgewiesen werden konnte, gesteinigt. Überführten Dieben wurde die Hand abgeschnitten. Es kam auch vor, dass jemandem ein Auge entfernt wurde. Es hieß, wenn jemand ein Lügner ist, ist er ein Feind Gottes. Bei Leuten aber, die dem System dienten, wurden die größten Verbrechen entweder vertuscht oder verharmlost, auf jeden Fall, wenn überhaupt, sehr gering bestraft.

Nach der Freilassung aus dem Gefängnis berichteten viele Gefangene von schrecklichen Erlebnissen. Manchen wurde Salz und andere chemische Stoffe eingespritzt. Durch Zaepfchen, die rektal eingeführt wurden, bekamen die Gefangenen starke Schmerzen. Dies war eine der Methoden, um den Leuten Geständnisse abzupressen. Auch später in der Freiheit fiel es diesen Opfern schwer, über ihre Erlebnisse zu sprechen.

Als ich ins Gefaengnis eingeliefert wurde,  trug ich einen schönen großen Ring. Er war sehr wertvoll, ein Erbstück meiner Großmutter.Während ich eines Nachts mit verbundenen Augen im Gang saß, näherte sich mir jemand und flüsterte meinen Namen Abbas. Mir tat alles weh. Der Mann sagte: „Zurück! Gold ist nicht gut für Männer zum Beten im Islam. Man muss ganz  leise reden. Mit Seife können wir Deinen Ring ablösen“. Der Typ löste mir mit Lauge den Ring vom Finger und machte sich davon. Den Ring sah ich nie wieder.

Den Leuten, die hingerichtet wurden, nahm man sämtlichen Schmuck und andere Wertgegenstände weg. Nur einen geringen Teil davon erhielten die Hinterbliebenen. Manchmal waren die Gefangenen in ihren Autos, Motorrädern und Minibussen festgenommen worden. Diese Fahrzeuge wurden natürlich auch „einbehalten“ oder requiriert. Das ist ein islamisches Gesetz, dass alles, was dein Feind hat, dir gehört.

Junge Frauen „müssen“ vor ihrer Hinrichtung vergewaltigt werden

Wenn junge Frauen zum Tode verurteilt worden waren, wurden die meisten vorher vergewaltigt. Das hatte mindestens drei Gründe:

1. war dieses Recht auf Vergewaltigung eine Art Geschenk und Ansporn für die Folterknechte.

2. steht im Koran, dass Frauen, die als Jungfrauen sterben, direkt ins Paradies kommen. Das sollte verhindert werden!

3. sollte die Nachricht von der Vergewaltigung  die Familie der Frau  zusaetzlich treffen. Es bedeutete eine Schande und sie durften mit niemandem darüber reden. Das war für sie eine immerwaehende Qual!

Man gab der Familie zum Schein 50 Tuman als sogenanntes Brautgeld, um zu vertuschen, dass es eine Straftat war. Ein normaler Brautpreis haette um die 10 Millionen Tuman betragen. Die Vergewaltigungen von Frauen, die keine Jungfrau mehr waren, versuchte man, zu vertuschen. Haci Mahmud, der Chefideologe von Ghezel Hesar, erschien manchmal im Frauentrakt und ließ dann Frauen in sein kleines Büro kommen.

Einmal hörten wir, dass eines nachts in Ghesel Hesar, Trakt 5 bis 8 Haci Mahmud aufs Dach geklettert war und die Frauen, die wegen der sommerlichen Hitze nackt schliefen, beobachtet hatte. Andere haben ihn dabei erwischt und das berichtet. Aber weil Haci Mahmud ein hohes Tier im islamistischen System war, gab es für ihn kaum Konsequenzen. Er wurde nur versetzt,  wurde aber nicht bestraft.

Dagegen wurden die Gefangenen bei den geringsten Anlaessen hart bestraft: Zum Beispiel hatten

zwei etwa 17 jaehrige junge Männer von der Schneiderei in ihrer Zelle homosexuelle Kontakte. Die beiden wurden von anderen Haeftlichen bei den Pasdar  angeschwärzt und daraufhin ausgepeitscht.

Ein Junge mit Namen Mehdad, der beim Masturbieren beobachtet wurde, erhielt er vor aller Augen in der Schneiderei 70 Schlaege durch die Pasdar.

Ein junger Politiker  war betrunken aufgegriffen verhaftet worden und in Evin eingeliefert worden. Er erhielt im Gefaengnishof von Trakt 2, wo wir manchmal Volleyball spielten, 80 Schläge vor unseren Augen.

Im Islamischen Gesetzbuch Irans ist als Strafe festgelegt, dass Menschen die Augen ausgestochen werden. Frauen, denen z.B. Ehebruch vorgeworfen wird, werden gesteinigt. Kleinen Dieben wird die Hand abgehackt. Aber Reiche, die sich durch Betrug noch mehr bereichern und Milliardaere werden, laufen frei herum und bekommen hohe Posten. Nach  der  Betrugswahl  2009  wurden solche Faelle  aufgedeckt.

Das Regime machte weiterhin Werbung in den Medien: Zeitungsartikel sowie Fernseh- und Radiobeiträge wurden ausgearbeitet. Es kamen  auslaendische Journalisten und Fotografen nach Evin und zeichneten dort Interviews auf. Im Zuge dieser Aufnahmen wurden strenge Kontrollen durchgeführt. Alles war streng geheim und einer spionierte dabei den anderen aus. Draußen stand ein großer Autobus mit der Aufschrift eines Fernsehsenders. Extra für den Dreh wurden Stühle in den Versammlungssaal gestellt. Normalerweise hatten wir immer ganz hinten auf dem Boden gekauert. Jetzt sollte alles ordentlich wirken. Es waren viele Bekehrte und islamische Soldaten in den Reihen. Einige Leute kamen aus Saal 4, wo die bekehrten  Djihad lebten, und wir aus Saal 2  der Schneiderei. Auch Leute, die sonst Gartenarbeit verrichteten, kamen in den Versammlungssaal.

Feridun, Farhad und Farshad Hadadi, drei junge Brüder, waren auch im Gefängnis. Sie arbeiteten mit mir in der Schneiderei. Farshad war während seiner Schulzeit für die Volksmudjahedin aktiv und hatte in der Wohnung seines Vaters, der an Alzheimer erkrankt war, eine Waffe versteckt. Nach Farshads Festnahme wurde auch die Wohnung von Feridun und Farhad, die ganz woanders lag, durchsucht. Obwohl bei ihnen nichts Belastende gefunden wurde, wuren auch sie  festgenommen. Farshad erhielt 15 Jahre Haft. Feridun wurde zu 3 Jahren Haft verurteilt und Farhad zu zwei Jahren. Die beiden Brüder wussten nicht einmal, warum sie inhaftiert waren, zumal sie mit der Sache nichts zu tun hatten. Ihre „Schuld“ war, die aelteren Brüder von Farshad zu sein!

Feridun erzählte: „Mein kleiner Bruder Farsad wurde eine Woche nach seiner Hochzeitsfeier in der Nacht von der islamischen Polizei (Pasdar) überrascht. Während die Eheleute bei dem warmen Wetter nackt im Bett lagen, stürmten die Polizisten mit Waffen das Schlafzimmer. Sie drangen durch ein Fenster hinein, nachdem sie sich über die 3. Etage Zutritt bei den Nachbarn verschafft hatten. Nun schalteten sie im Schlafzimmer meines Bruders das Licht an und zogen den beiden die Decke weg. Dabei brüllten sie ‚Hände hoch! Keine Bewegung.’ Mein Bruder und seine Frau haben sich total erschrocken. Die Frau schrie laut auf und wurde dann ohnmächtig.

Einer der Polizisten fragte: „Wo ist die Pistole?“ Mein Bruder war total überrumpelt und wusste gar nicht, welche Pistole die Polizisten meinten und was überhaupt diese ganze Aktion sollte.“Feridun berichtete noch, dass sie die Wohnung des Bruders durchsuchten und dabei ein großes Chaos hinterließen. „Die Pistole war nicht aufzufinden. Als meine Schwägerin wieder zu sich kam, zogen sich die beiden schnell an und mussten dann bei der Polizei antreten. Dort wurden sie mehrfach verhört. Nach einigen Tagen war die Frau meines Bruders psychisch so am Ende, dass sie ins Krankenhaus musste. Sie war vollkommen am Ende und musste Tabletten einnehmen. Nachdem mein Bruder und seine Frau wieder freigelassen worden waren, konnten sie nach Hause zurück. Meine Schwägerin hatte lange Zeit Alpträume und Weinkrämpfe. Sie war suizidgefährdet und hat sich bis heute nicht von den ganzen Strapazen erholt. Mein Bruder musste immer aufpassen, dass sie sich nichts antut. Er selber war auch schon fast mit den Nerven am Ende.“

Ein hartnaeckiger Journalist

Wir hörten englische und französische Worte, und aus einer anderen Ecke drangen Wortfetzen in arabischer Sprache. „Alle, die hier sind, sind Terroristen“ wurde erklärt. „Das sind brutale Mörder und gewissenlose Verbrecher. Aber wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, diese Menschen zu resozialisieren und umzuerziehen, damit sie eines Tages wieder als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft ihr Leben meistern können.“

Die Journalisten durften Fragen stellen. Ein Journalist  fragte Ladjeverdi, der sich heute in einen feinen dunkelblauen Anzug gehüllt hatte: „Ich habe nur eine Frage, und zwar: „Wieviele Leute wurden bis  jetzt (1985)  im Iran hingerichtet?“ Nachdem die Frage übersetzt wurde, wurde Ladjewerdi unsicher. Er fing an, herumzustottern und versuchte, sich langatmig herauszureden. „Wir haben im Iran keine politischen Gefangenen“. Er holte aus: „Hier in unserem Lande ist Freiheit ein hohes Gut. Wir sind stolz auf unsere freiheitsliebende Einstellung. Wir sind gegen Gefängnisse und gegen…“ Ein anderer Journalist wiederholte die Frage: „Wir möchten wissen,  wie viele Menschen bisher hingerichtet wurden. Bitte geben Sie uns eine genaue Antwort.“ Der Ladjevardi und seine Leute wurden jetzt wieder unruhig. Nachdem der hartnäckige Journalist beharrlich die Frage wiederholte, wusste sich Ladjeverdi schließlich nicht mehr rauszureden, und räumte ein, dass es zu Hinrichtungen gekommen war. Es seien aber weniger als 2000 Personen. Der Journalist sagte: „Danke schön, ich werde diese ausführliche Antwort mit in mein Land nehmen.“ Dann packte er zügig seine Sachen ein und machte sich mit seinem Assistenten davon.

Natürlich haben die Journalisten gemerkt, dass die Antwort nicht der Wahrheit entsprach. Das Interview war dann nach einigen anderen Fragen mit aehnlichen unpassenden Antworten beendet. Am nächsten Tag erschienen wir wieder morgens in der Schneiderei zur Arbeit. Plötzlich tauchte Ladjewerdi  mit  drei  Bodyguards auf und inspizierte unsere  Schneiderei.

Mehdi Ghaiumi, ein junger Mann vom Basar in Teheran, der verwandt mit Ladjewardi war, arbeitete auch dort. Er war seit einiger Zeit inhaftiert. Er machte mit bei den religiösen Leuten, die sich regelmaeßig in einem Raum trafen, um Koranverse zu lesen und sich über Glaubensangelegenheiten auszutauschen. Auch hier wusste Ladjewerdi sich zu profilieren, indem er immer alles besser zu wissen glaubte und ständig irgendwelche tiefgründigen Erklärungen von sich gab. Alle bis auf Mehdi nickten die Äußerungen des Ladjewerdi ab. Mehdi sagte manchmal: „Nein, das ist falsch“ oder „Nein, das verstehe ich aber anders.“  Solche und andere Bemerkungen gab er in sehr überzeugendem Ton von sich. Umso erstaunter waren die anderen, dass er den Mut hatte, zu widersprechen.

Wir bekamen bisweilen Angst. Mehdi war zu fünf Jahren verurteilt worden. Wir an seiner Stelle hätten lieber den Mund gehalten, aber so war er nunmal. Ladjewardis Gesicht wechselte öfter die Farbe. Manchmal schaute er so böse und hasserfüllt, dass wir Angst bekamen.

Im Gegensatz zu Mehdi waren die Bekehrten überaus schleimig. Sie nannten ihn Vater Ladjewerdi und zeigten großen Respekt. Die Bekehrten sagten, der Ladjewardi wäre wie ein Heiliger. Sie schauten ihm selig lächelnd ins Gesicht und behaupteten, schon dadurch dass man ihn ansah, würden die eigenen Sünden weniger. Fast jeder der Bekehrten hatte ein Foto des Ladjewerdi neben dem kleinen Koran in der Jackentasche. Wenn die dann auf dem Klo waren, legten sie den Koran vor der Tür ab. So sahen wir immer, wenn sich einer von ihnen dort befand und verhielten uns entsprechend unauffälllig. Es hätte uns zum Verhängnis werden können, auch nur ein falsches Wort zu sagen.

Im Gefängnis wurden regelmäßig Bilder von den sogenannten Heiligen zum Kauf angeboten. Die meisten wollten den Krempel nicht haben.

Immer noch befand sich Ladjewerdi mit zwei Bodyguards in der Schneiderei, um noch mehr herumzuschnüffeln und dummes Zeug zu labern. Mehdi konnte die Klappe einfach nicht halten und provozierte den Ladjewerdi noch mehr, indem er sagte: „Haci Agha (Herr), ich habe eine Frage. Gestern abend haben Sie gesagt, es wären weniger als 2000 Leute hingerichtet worden. Wie konnten Sie nur so schamlos lügen? Ihr richtet doch im Iran jede Nacht 2000 Leute hin!“

Da wurde der Ladjewerdi sehr böse und brüllte ihn an: „Es ist besser, wenn eine Milliarde von euch Nichtsnutzen hingerichtet wird, als dass auch nur ein Haar des Imams Khomini  zu Boden falle.“ Dann rauschte er stinksauer  mit seinen Bodyguards ab.

Als wir nachmittags fertig mit der Arbeit waren, bildeten die Bekehrten im Hof einen Kreis um Mehdi und nahmen ihn in die Mangel. Sie beschimpften ihn, weil er dem Ladjewardi widersprochen und ihn provoziert hatte. Sie befürchteten, selbst deshalb Schwierigkeiten zu bekommen. Sie schlugen auf ihn ein. Mehdi schrie und versuchte, wegzulaufen und die Bekehrten jagten ihm nach. Mohsen Achundian, der Verantwortliche von Saal 2, forderte sie auf, in ihre Zellen zu gehen.

Wir sahen und hörten Mehdi in den nächsten Monaten nicht mehr. Wir wussten nicht, was mit ihm passiert war. Erst nach meiner Freilassung habe ich ihn mal rein zufaellig in Teheran getroffen. Da war er aber komplett durcheinander. Er konnte nicht sagen, was mit ihm passiert war. Er grinste nur schief und meinte: „Ich bin froh, dass ich noch am Leben bin.“ Da konnte ich mir vorstellen, dass sie ihm noch übel zugerichtet hatten. Mehdi hatte eine riesengroße, religiöse Familie im Hintergrund, einen reichen und einflussreichen Clan. Abdullah Aboiy war der Schwiegersohn von Ahmed Borghei  und mit Bahunar, dem ersten islamischen Premierminister war er auch verwandt. In der Ferdusistraße war ein Laden für islamische Bücher und in dem Ort Jamaran war ein Nachbar von Imam Khomeini. Die Frau vom Mullah Borghei  war Mehdis Tante. Es rettete ihm das Leben, dass er diese große Familie im Rücken hatte. Sonst wäre er wohl aus dem Gefaengnis nicht lebendig rausgekommen.

Ich traf  später Verwandte von ihm. Sie sagten, dass er depressiv geworden war.  Sein Verwandter Rahim sagte mir: „Mehdi ist total fertig. Er hat keine Arbeit, keine Freunde und findet keine Frau. Wir machen uns Sorgen um seine Zukunft.“

Die Kommunisten um Hossein Riahi Tadjmir

Ein fehlgeschlagener Angriff auf die Stadt Amol in Nordiran

Im Wald Nordirans hatte eine kommunistische Bündnis Organisation (Etehadie Kommunist) zwei Übungscamps errichtet. Sie wollten die Stadt Amol angreifen, in der Hoffnung, dass die Bewohner sich ihnen anschließen würden. Hossein Riahi Tadjmir war der Anführer der insgesamt 200 Kämpfer. Es war ein aussichtsloses Unterfangen, denn sie waren nur mit Pistolen bewaffnet. Der Geheimdienst hatte Flugzeuge, Wagen und Hubschrauber. Die kommunistischen Kämpfer wurden sofort festgenommen.  Es gab viele Verletzte auf beiden Seiten. Einige konnten   fliehen, andere, darunter auch Hossein, wurden nach Evin gebracht. Viele wurden schon bei den Verhören getötet. Ihre Familien sahen sie als Märtyrer an, um den Verlust besser zu verkraften. Auch die Zeitungen berichteten über die beiden Camps und über den fehlgeschlagenen Angriff.

Die Führer der Kommunisten sollen vorgeführt werden

In einer Versammlung in Evin wurde dazu ein Programmpunkt angesetzt. Es wurde darauf hingewiesen, wie es letztlich bei diesen Kämpfen ausging und wieviel vernünftiger es doch für diese Leute gewesen wäre, sich nicht gegen das Regime aufzulehnen. Einige gaben kleinlaut zu, dass ihr Verhalten sowie ihre rebellische Einstellung nicht richtig gewesen war. Am Ende wurden alle getötet, auch die, die ihre Taten öffentlich bereut hatten. Der Sinneswandel hatte ihnen nichts gebracht. Die Angst hatte einst mutige Leute so gelähmt, dass ihr Wille gebrochen wurde.

Hossein und seine Leute mussten auf der Bühne Platz nehmen. Ladjewardi versuchte, sie vorzuführen: „In Evin gibt es die Chance, sich bekehren zu lassen. Das ist wie die Abzweigung an der Autobahn nach Evin. Man kann seine Fehler einsehen und sich dann ändern. Dazu gibt es die Vorkehrung der Beichte. Also kann man sagen, es ist eine Beicht-Kurve für Moslems.“ Er fügte großspurig hinzu: „Alle großen Führer der Gruppen, die durch die Kurve fahren, werden Moslems.“ Dann lachte er laut und kräftig.

Hossein bleibt standhaft : „Wer sagt ich waere

Moslem geworden?“

Hossein sagte: „Wer hat gesagt, ich wäre Moslem geworden? Ich bin Kommunist, wie immer. Das wird sich auch bis zu meinem Tod nicht  ändern.“ Diese Antwort hat vielen Gefangenen gefallen, obwohl keiner sich traute, seine Freude darüber zu zeigen. Hossein blieb bei seiner unbeugsamen Einstellung. Er sagte mehrmals „Nein!“. Wir staunten darüber sehr und waren tief beeindruckt. Umso wütender waren Ladjewardi und seine Leute. Es lief definitiv nicht planmaeßig für ihn. Es waren einige Betroffene aus der Stadt Amol  dabei, als Hossein und  mehr  als   zehn  andre  Kommunisten  schließlich hingerichtet wurden.

 

 

1984 machten einige Gefangene einen Hungerstreik im Trakt 3 der Schule. 19 davon wurden herausgeholt und hingerichtet, weil sie nicht essen wollten. Man wollte das wohl nicht einreißen lassen. Nicht einmal diese Art, seine Meinung kundzutun, war erlaubt. Manchmal sagten wir ganz leise: „Das ist eine Erinnerung an Bobby Sands, den Politiker in Nordirland, der einst nach 64 Tagen Hungerstreik starb. Wir sagten: „64 Tage.“

Die Bekehrten saßen mit schwarzen langen Hemden herum und redeten. Viele, die vorher iranische Namen hatte, gaben sich neue islamische Namen. Darüber informierten sie die Pasdar. Dariusch Haghschenas wurde Mohamed. Bahman wurde Hamid. Schahram wurde Hossin. Shapur wurde Ahmed und Bijan wurde Hassan. Bahman, der sich zu Hamid umbenannte, war als 16jähriger festgenommen worden, weil er Sympathisant der Organisation Mudjahedin in Südteheran war.

 Der Schneider Herr Abbas Rushansade

Herr Abbas war von Beruf Schneider, mittlerweile über 60 Jahre alt. Er hatte eine Frau und fünf Töchter.  Die Töchter steckten mitten im Studium. In seinem kleinen Schneiderladen hatte er immer genug zu tun, so dass er oftmals sogar nachts arbeitete. Sein Leben war bis dahin ruhig verlaufen, ziemlich durchschnittlich. Er hätte gerne noch einen Sohn gehabt.

Herr Abbas gab bei seiner Vernehmung zu, dass Bahman ab und zu einen kleinen Rucksack bei ihm im Laden abgestellt hatte. Er hätte sich aber soweit nichts dabei gedacht und natürlich auch nie da hineingeschaut. Nach einigen Stunden sei Bahman wiedergekommen und habe den Rucksack wieder mitgenommen. Herr Abbas sagte: „Ich hatte mehr als 40 Jahre die kleine Schneiderei. Da kam es öfter mal vor, dass da einer seine Sachen abstellte. Es störte ja nicht.“ Eine Gruppe Pasdar stellte eines Tages die ganze Schneiderei auf den Kopf. Kurz darauf verband man ihm die Augen und die Pasdar steckten ihn ins Auto und fuhren schnell davon. All das unter lautem Geschimpfe, Geschrei und begleitet von Schlaegen. Während er noch zwischen zwei Pasdar hinten auf der Rückbank kauerte, beschimpften diese ihn und drückten seinen Rücken immer wieder nach unten. Während der Fahrt fragte er: „Was ist denn los? Meine Familie wird sich Sorgen machen. Ich habe doch nichts gemacht. Was soll das?“ Sie drückten ihn aber nur noch fester runter und sagten: „Wir fahren jetzt zu Deiner Hinrichtung!“

Jedes Jahr hatte  Herr Abbas 11 Monate gearbeitet und einen Monat Urlaub gemacht. Die Ferien legte er möglichst in den Ramadan-Monat, weil er dann  essen und trinken durfte. Auf die Fastenzeit hatte er sowieso keine Lust, das war nicht sein Ding. Im Sommer machte er im Nordiran Urlaub, wo es nicht so heiß war, im Winter fuhr er in den Südiran, wo es nicht so kalt war. Er wollte gut essen und trinken, das war laut Koran im Urlaub erlaubt.

Es war ihm egal, was andere dazu sagten. Herr Abbas war sowieso schon beim Geheimdienst registriert. Er bezeichnete die Mullahs als Produkte aus England, allesamt Diebe und Lügner.

Schließlich kamen sie in Evin an. Mit immer noch verbundenen Augen wurde er in den Flur geschubst. Da saß er dann verwirrt und hörte die Schreie und das Gejammere der anderen Gefangenen. Männer und Frauen, junge und alte Leute schrien und weinten. Einige Stunden grübelte er vor sich hin. In der Nähe der Folterkammer zu sein, war schrecklich für ihn.

Er erzählte, dass das die schlimmste Situation seines Lebens gewesen sei. Nach etwa zwei Stunden zog ihn jemand wie einen großen Reissack hinter sich her in die Folterkammer.

Dort herrschte ihn jemand an:

„Dein Name?“

„Abbas“

„Familienname?“

„Rushansade“

„Was ist Dein Job?“

„Schneider“

„Mach die Augenbinde nach oben!“

Das tat er dann auch und sah gegenüber einen jungen Mann sitzen, dessen Körper stark verwundet war.

„Kennst du den?“

„Nein“

Nachdem er ein paar Stunden die Augen verbunden hatte und der Junge so übel zugerichtet war, erkannte er ihn zunächst nicht. Mit voller Wucht traf ihn noch ein Schlag.

„So, du kennst den nicht?“

Dann gab der Fragensteller dem Jungen einen Fußtritt und sagte: „Erzähl ihm selber, wer du bist.“

Der Junge weinte und sagte:

“Hallo Herr Abbas, ich bin Bahman. Früher habe ich einige Malel meinen Rucksack bei Ihnen in der Schneiderei abgestellt.“ Jetzt erkannte Abbas den Jungen, der keine Brille trug. Die war wohl in der Folterkammer kaputt gegangen.

„Tut mir leid, ich bin Bahman“ schluchzte der Junge. „Ich bin der Sohn vom Tischler Mohamed.“

Abbas sagte dann: „Ja, jetzt erkenne ich ihn wieder. Er ist ein entfernter Verwandter der Familie meiner Frau.“

„Danach habe ich dich nicht gefragt, Monafegh“ brüllte der Typ und schlug Abbas noch einmal.

Bahman wurde gefragt: „Was hattest du damals in dem Rucksack?“ Darauf antwortete Bahman: „Zeitungen von der Organisation der Mudjahedin. Aber ich sagte ja schon, dass Herr Abbas das nicht wusste. Er hatte keine Ahnung, was in dem Rucksack war.“ Er weinte wieder. Wieder bekam Bahman einen Schlag. „Halt die Klappe Monafegh. Danach habe ich dich nicht gefragt.“

Abbas bekam die Augen wieder verbunden und wurde in den Flur gesetzt. In der Zwischenzeit war die Frau von Abbas mit den Töchtern zum Komitee gegangen und hatten nach ihm gefragt. Aber sie hatten keine richtige Auskunft bekommen. Angeblich wusste niemand dort, wo Herr Abbas ist. Der Name wäre nicht auf der Liste. Die Verwandten klapperten auch die Gerichtsmedizin ab. Jeden Tag und jede Nacht suchten sie nach Herrn Abbas.

In Trakt zwei unterhielt sich Abbas mit Seyed Ali. Er erzaehlte ihm, dass im Gefaengnis Willkür herrscht, dass die Gefangenen keine Rechte haben. „In der Folterkammer haben sie mich übel zugerichtet, so dass ich überall Schmerzen hatte.“ Seine Füße taten ihm sehr weh, sie waren geschwollen und bluteten. Im Krankenhausgefängnis musste sein Fuß operiert werden.

Nachdem mehrere Tage vergangen waren, wurde Herr Abbas in die Gefängnisschneiderei gebracht. „Mach die Augen auf“, sagte ein Pasdar zu ihm. Alsbald erblickte Abbas den Ladjewerdi mit seinen Bodyguards sowie eine Nähmaschine und mehrere Ballen Seide. Ladjewardi sagte zu ihm: „Vaeterchen, du arbeitest hier ein paar Tage und dann lassen wir dich wieder frei. Wenn du fleißig hier Kleider naehst, kannst du  dich bald auf Deine Familie freuen.“ Herr Abbas war erleichtert über diese Aussicht. Da er seit ein paar Tagen keine Zigarette geraucht hatte fragte er Ladjewardi: „Und, kann ich hier eine rauchen?“ „Ist okay, gegen drei Kippen pro Tag ist nichts einzuwenden,“ sagte der Ladjewardi.  „Aber das muss hier nicht jeder mitkriegen. Morgen fängst du an“. Abbas war einverstanden.

Jetzt mussten alle jeden Tag in der Schneiderei schuften: Die Schneider Said Ali, Mehdi Azizi, Mohamad Karimi, Mohamad Khandan, Hamid Jalili. Dazu kam noch Wusughi, der in Teheran Meister mit eigener Schneiderei gewesen war. Sie brachten den Studenten, Schülern und anderen Gefangenen bei, Hemden, Hosen, Fußbaelle und andere Teile zu nähen. Es entstand eine sehr große Werkstatt.

Immer, wenn der Ladjewerdi die Werkstatt der Schneiderei  betrat, ging Herr Abbas zu ihm hin und fragte: „Wann kann ich denn endlich gehen? Sie haben  doch gesagt, es würde nicht lange dauern. Jetzt sind schon Monate vergangen.“ „Hab noch etwas Geduld“ sagte ihm der Ladjewardi jedesmal.

Irgendwann bekam die Familie von Abbas heraus, dass er doch in Evin war. Seine Frau fragte dort nach: „Was ist passiert? Was hat mein Mann denn verbrochen?“ Sie sagten ihr: „Die Angelegenheit ist zweifelhaft. Solange die Ermittlungen noch laufen, können wir uns dazu nicht näher äußern.“

Als die Familie nachfragte, welche Verdächtigungen es gab, hieß es, er müsse bereuen und sich ändern. Seine Familie konnte ihn nun endlich besuchen und sie sagten ihm, er solle doch bereuen, damit er wieder nach Hause könne. Aber er wollte das nicht. „Warum soll ich mich denn da über Video zum Affen machen und irgendwas bereuen, was ich gar nicht gemacht habe? Das sehe ich nicht ein. Auf keinen Fall“ sagte er. Er wollte auch hinterher nicht als armer Sünder auftreten. Wenn jemand freigelassen wird, muss dieser sich normalerweise für eine gewisse Zeit monatlich beim Komitee melden. Dazu hatte er keine Lust.

Seyed Ali sagte zu ihm:  „Mensch, Abbas! Mach doch mit bei der Vernehmung und bereue. Dann kannst du bald wieder zu Deiner Familie und hast endlich wieder deine Ruhe.“

Herr Abbas lachte aber: „Was habe ich denn gemacht, dass ich bereuen müsste?“

Seyed: „Versuch doch, aus dieser Hölle zu fliehen, egal wie.“

Herr Abbas arbeitete aber weiter jeden Tag in der Werkstatt. Viel Geld verdiente er da nicht, aber ab und zu konnte er ein bisschen  an seine Familie schicken. Aber er sagte: „Ich kann diese Reuevorstellung nicht machen, ich habe nichts angestellt.“ Damals war er noch nicht verurteilt.

Mit verbundenen Augen kam er zum Gefängnisamt. Das Urteil wurde ohne gerichtliche Anhörung verkündigt. Es gab keine Beweisaufnahme.  Herr Abbas meinte, die 10 Jahre würde er auch irgendwie rumkriegen. Er lachte dabei. Jedesmal, wenn Besucher in die Schneiderei kamen, zeigte er sich von seiner heiteren Seite. Er war der älteste Gefangene. Sein Haar war schon weiß. Trotz seines Alters war er sehr eifrig. Seine mehr als 60 Lebensjahre merkte man ihm aber an. Wenn er gefragt wurde: „Was hast du verbrochen?“ antwortete er: „Gar nichts.“ Im Gegensatz zu uns war Herr Abbas sehr mutig. Erstaunlich, dass ihm das Lachen hier noch nicht vergangen war und er obendrein noch so schnell arbeiten konnte. Als Herr Abbas auf die Frage, zu wieviel Jahren er denn verurteilt sei, sagte: „10 Jahre“ schauten die Tabvab unglaeubig. „Dieser junge Mann Bahman bzw Hamid hat einige Male seinen Rucksack in meinem Laden abgestellt. Ich wusste nicht, dass die Zeitung der Mudjahedin darin ist. Das war mein ganzes Verbrechen.“

Ein Journalist aus dem Ausland kam zu Besuch. Er hörte mit Hilfe des Übersetzers, den er im Schlepptau hatte, die Geschichte  von Abbas. Er fragte den Ladjewardi: „Was ist mit dem hier?“ Dabei zeigte er auf Herrn Abbas. Der Ladjewardi sagte ganz böse ins Mikrofon: „Er ist ein großer Monafegh.“ Einige Tahvab riefen: „Tötet den Monafegh!“ Das wiederholten sie mehrere Male laut.

Eine  Nacht  spaeter in  unserem  Tark 2 hörten wir durch den Lautsprecher, dass alle im Saal bleiben sollten.

Weitere bekehrte Gefangene in der Schneiderei waren Hossein Kasemi, DJafer Mahmudi, Ali Schrifian, Amir Karam, Sadegh  Ale mussavi, Schahram  Aflaki, Dariusch Haghschenas, Madjid Nader Bahrami, Mohsan Achundi,

Die Pasdar Ammar und Pasdar Sarlak waren immer bei den Hinrichtungen dabei. Pasdar Ammar erledigte für gewöhnlich den letzen Schuss, um sicherzugehen, dass der Häftling wirklich tot war. Beide waren psychisch krank und gefährlich. Sie  hatten schrecklich angsteinflößende Gesichter und aggressive rote Augen. Nach 19 Uhr kamen alle vom Hof hoch und setzten sich auf den Flur. Pasdar Ammar sagte: „Wir wollen einen Monafegh bekanntmachen. Er muss wissen, dass er auf der Erde nicht leben darf. Sein Platz ist auf dem Friedhof.“ Die Tabvab riefen: „Tötet den Monafegh! Tötet den Monafegh!  Wir müssen den Monafegh bekanntmachen“.

 

Herr Abbas, Hossein Kasemi und ich waren zusammen in einer Zelle. Hossein  war Sympathisant der Organisation Mudjahedin gewesen. Er war zu zwei Jahren verurteilt worden, befand sich aber schon fast fünf Jahre im Gefängnis. Zunaechst lehnte er eine Reuevorstellung immer wieder ab, bis er sich dann doch entschied, seine Linie zu wechseln. Anscheinend sah er in diesem Wechsel eine Chance und eine Brücke in die Freiheit. Er schwaerzte seinen Zellengenossen, Herrn Abbas, beim Pasdar Ammar an:

Bruder Ammar, der Abbas hat keine Lust zum Beten. Er hat das Freitagsgebet und das Dienstagsgebet verpasst und manchmal hat er auch sein Namas, das fünfmalige Beten am Tag nur  halbherzig gemacht.“ Der Tabvab Sadegh fügte hinzu: „Er macht auch  nicht beim Fastenramadan mit!“ Amir Karam petzte: „Herr Abbas will die Bilder vom Imam Khomeini und Vater Ladjewardi nicht kaufen.“

Herr Abbas hörte sich alles ruhig an und sagte nur: „Man will mich seit fast fünf Jahren zur Reue bewegen und zum Tabvab machen. Aber ich habe nichts zu bereuen und ich kann nicht bereuen, denn das waere Heuchelei!“

Bei jedem Wort, das gegen Herrn Abbas gesagt wurde, murmelte ein anderer Tabvab: „Allah akbar“, („Gott ist groß!“) und „Tötet den Monafegh!Monafegh  sind schlimmer als Atheisten.“ Darauf folgten noch ein paar Salavat (Grüße an Mohamad und  seine ganze große Familie) und andere islamische Formeln.

Herr Abbas wollte etwas antworten, aber er kam gar nicht dazu. Wieder hörte man: „Allah akbar. Tötet den Monafegh.“

Es saßen 300 Leute im Flur und den Zellen. 15 davon redeten gegen einen. Die meisten hatten Angst, keiner traute sich etwas zugunsten von Abbas zu sagen.  Herr Abbas fragte immer wieder: „Was habe ich denn gemacht?“ Wieder riefen welche: „Töte den Monafegh!“ Der alte Mann verlor langsam die Fassung.

Manchmal wurde Ammar richtig unverschaemt zu ihm: „Setz dich hin, Alter. Hast du nach fünf Jahren nichts gelernt, Mann? Kehrst du endlich wieder zum Islam zurück? Hier hast du keine Fragen zu stellen. Jetzt reden nur die Tabvab. Du hast nur zuzuhören und nicht zu antworten.“

Der alte Mann war den Tränen nahe.  Manchmal sagte er: „Mit meiner Reue muss nur Gott zufrieden sein und nicht Ihr.“ Und wieder fragte er: „Was habe ich getan oder gesagt? Ich muss nur von Gott Gnade erhalten und nicht von euch.“

Wir hatten unsere Köpfe nach unten gesenkt und hörten uns dieses Schmierentheater voller Hass und total entnervt an. Niemand hatte den Mut,  für Herrn Abbas Partei zu ergreifen. Niemand sagte etwas dazu. Zwischendurch hörte man nur die weinerliche Stimme von Herrn Abbas: „Was habe ich denn gemacht?“Dieses schlechte Theater dauerte Stunden.

Endlich sagte Pasdar Ammar: „Lasst ihn, er will kein Mensch sein.“ Der Tabvab Madjid, der in der Baeckerei arbeitete, fügte noch hinzu: „Mit einem lauten Salawat: Tötet den Monafegh!“

Ein paar Tage danach hatten wir Familienbesuchstag. Die aelteste Tochter von Herrn Abbas und  seine  Frau waren gekommen und hatten ihn gefragt, wann er denn endlich bereuen würde. An diesem Tag war schrecklicher Regen. Am Besuchstag arbeiteten wir nicht in der Schneiderei. Nach der Besuchszeit war es am Himmel dunkel geworden  und  es regnete. Das machte mich noch zusatzlich traurigl.

Ich suchte Herrn Abbas. Wo war er denn bloß? Nachdem ich ihn im Gebäude nicht gefunden hatte, ging ich in den Hof. Dort sah ich ihn mit kurzärmeliger Unterwäsche  mit  Pyjama. Er trug Badelatschen. Ein paar mal war er hin- und hergelaufen und wirkte sehr nervös. Ich rief ihn: „Herr Abbas! Herr Abbas!“ Irgendwie nahm er das gar nicht war. Sonst kannte man ihn immer nur lächelnd, aber jetzt war er am Boden zerstört. Dann sah er mich an und schaute böse: „Heute war ein schlechter Tag für mich.“ Er meinte den Besuch. Ich sagte erstmal gar nichts und lief nur schweigend neben ihm her.

Meine älteste Tochter sagte zu mir: ‚Vater, ich habe letztes Jahr mein Diplom gemacht. Und meine beiden Schwestern werden ihr Diplom dieses Jahr machen. Wie lange wirst du hier noch bleiben?‘ Sie sagte, sie hätten schon seit einiger Zeit die Gelegenheit gehabt, zu heiraten. Aber da ich im Gefängnis war, konnte niemand mich fragen, ob ich mit der Hochzeit einverstanden war.“ Traurig fuhr er fort: „Meine Töchter haben dann gesagt, sie hätten keinen Vater mehr. Jetzt war niemand da, der beim Standesamt mit unterschreiben kann.“ Plötzlich zog meine  Tochter ihr Gesicht zurück und weinte hemmungslos. Ich habe meine Kinder bis heute noch nie so weinen sehen.“

Er schaute wieder weg. Ich wollte etwas sagen, aber ich wusste nicht, was. Er sagte: „Du hast doch mitgekriegt, was für ein Theater ich letzte Nacht hier erlebt habe.“ Ich sagte zu ihm: „Heute ist schlechtes Wetter, du wirst dich erkälten, Mann.“ Er redete noch etwas vor sich hin, mehr zu sich selbst. Wir liefen noch kurze Zeit hin und her und gingen dann in die Zelle. Er sagte: „Ich bin total kaputt und hundemüde. Ich werde mich gleich hinlegen. Die Bekehrten und ihr schiefer Blick sind wie ein schreckliches Gift für mich.“

Im Hinblick auf den Monat Ramadan, der kurz bevorstand, fragte er mich: „Was soll ich machen? Ich bin über 65 Jahre alt und dazu noch Raucher. Und dann fasten?“ Letztlich entschied er sich doch, zu fasten. Im Ramadan haben wir morgens früher angefangen zu arbeiten. Um 14:00 Uhr war Pause. Dann wieder zurück, beten, nichts essen, knapp zwei Stunden aufs Ohr hauen und um 16 Uhr wieder beten, usw.. Abends gab es endlich etwas zu Essen.

Herr Abbas sagte eines Morgens zu mir: „Ich kann nicht schlafen, ich zähle die Stunden.“ Erst rauchte er eine, dann trank er Wasser. Er kitzelte meine Füße und sagte: „Wach auf, Mann. Komm, wir gehen spazieren.“ Kurz vor 16 Uhr nachmitags waren wir zusammen zum Beten. Wir gingen dann unsere Runden auf dem Hof spazieren.

Am dritten Tag wunderte ich mich, dass er auf dem Bauch schlief und dabei seine Arme total verbogen aussahen. Ich kitzelte jetzt seinen Fuß, aber er reagierte nicht. „Herr Abbas, aufwachen!“ rief ich. Herr Abbas war so schwach, dass er sich nicht bewegen konnte. Nachdem er sich wieder nicht rührte, machte ich die anderen Kollegen wach. Wir riefen und schüttelten ihn. Er hörte uns, aber konnte nicht aufstehen. Einige Kollegen brachten ihn zum Büro des Gefaengnisses.

Sie brachten ihn mit einem Krankenwagen in die Gefaengnisklinik. Erstmal hörten wir nichts. Dann hieß es, er habe einen Gehirnschlag bekommen. Er war nach zwei Tagen tot. So endete das Leben von Herrn Abbas. Er hatte nichts verbrochen, aber trotzdem keine Chance.

Immer wieder musste ich daran denken, wie er fragte: „Was habe ich getan, dass ich bereuen soll? Warum kann nur mein Tod meinen Töchtern helfen?“ Zehn Jahre Haft hatte er schon durchgestanden und er war trotzdem so stark und unbeugsam geblieben. Ich glaube, dass die Sache mit seinen Töchtern ihn psychisch gebrochen hat und er die physischen Strapazen mit dem Fasten dann nicht mehr durchstehen konnte.

Nach dem Tod von Herrn Abbas Rushansade waren die meisten von uns sehr traurig. 90% der Gefangenen haben sich Sorgen gemacht. Wir mussten weiter Ramadan machen. Der Monat ging langsam zu Ende. Abulfasl Hosseini und ich gingen einmal zu Hossein Kasemi in die Zelle und fragten ihn: „Was hast du mit dem alten Mann gemacht? Hast du eine Brücke für deine Freilassung gefunden?“

Er sagte: „Nein, meine Absicht war ganz anders. Ich wollte helfen.“ Er fuhr fort: „Ich wurde zu zwei Jahren verurteilt, aber über fünf Jahre bin ich jetzt schon hier. Meine Freiheit und meine Jugend wurde mir genommen. Hier habe ich soviel gelitten. Die Situation, in der Herr Abbas war, tut mir auch sehr leid, aber was sollen wir denn machen?“

Telefon falle

Ein Mitgefangener namens Abulfasl Hosseini erzaehlte mir, dass er eines Tages ans Telefon ging und jemand sich meldete mit: „Ich bin Hassan.“ Er kannte nur einen Hassan. Dieser war Mitglied der Volksmudjahedin gewesen und damals in der Luftwaffe aktiv gewesen. Es hieß, er sei aus dem Gefängnis geflüchtet. „Ich muss mit dir reden!“ sagte der Mann am Telefon. Abulfasl Hosseini war auch Offizier der Luftwaffe und Sympathisant der Volksmudjahedin gewesen. Derzeit war er arbeitslos, so wie viele andere, denen plötzlich gekündigt worden war. Er legte den Hörer auf.

Das passierte einige Male hintereinander. Abulfasl hatte früher mit Hassan Kontakt gehabt, aber mit Beginn der Arbeitslosigkeit stellte er seine politischen Aktivitäten ein. Schließlich musste er erstmal einen Job finden, um sich und seine Familie durchzubringen. Er hatte eine Frau und zwei Söhne, Hamid und Amir. Er sagte dem Anrufer, er habe kein Interesse mehr an Politik. Er wolle Arbeit suchen und seine Familie ernähren. Er möchte keinen Kontakt mehr. Aber alle zwei Stunden klingelte wieder das Telefon. Abulfasl hatte Angst, dass das Telefon abgehört wurde. Er wollte keine Schwierigkeiten bekommen und sagte: „Bitte nicht mehr anrufen!“ Sowieso hatte er mit Hassan keinen festen Termin machen wollen, da Hassan aus  dem  Gefaengnis  geflüchtet war und  bestimmt beschattet wurde. Aber „Hassan“ hatte dann so auf ihn eingeredet, dass er doch einwilligte.

Als Abulfasl schließlich zu dem vereinbarten Platz hinkam, sah er ein weißes Auto mit vier Personen. Sie waren baertig und trugen Privatkleidung. Sie schauten ihn merkwürdig an. Abulfasl fühlte sich mulmig und wollte schnell weglaufen. Aber sofort sprang jemand aus dem weißen Auto und verfolgte ihn. Der Typ hatte eine Pistole dabei. Abulfasl wurde von einer Kugel getroffen. Sie drang in den Rücken ein und kam aus dem Bauch wieder heraus. Sie nahmen ihn fest. Es stellte sich heraus, dass der Anrufer in Wirklichkeit nicht Hassan war, sondern jemand anders. Abulfasl war  in eine Falle gelockt worden.

Gleichzeitig mit ihm waren noch 10 andere Offiziere der Luftwaffe bei einer Saeuberungsaktion festgenommen worden. Ihnen wurde vorgeworfen, dass sie Masud Radjavi, dem Vorsitzenden der Volksmudjahedin,  und Praesident Abolhassan Banisadr  geholfen hatten, nach Frankreich zu flüchten. Masud war Anführer der Volksmudjahedin und Banisadr der erste Praesident des Iran nach der Islamischen Revolution. Die 10 Offiziere wurden vom Militaergericht durch Mullah Rei Shahri, den dortigen Staatsanwalt, verurteilt und hingerichtet. Abulfasl, dem sie nach der zugeschnappten Falle die Kugel in den Leib geschossen hatten, wurde zu lebenslänglicher Haft verurteilt und nach Evin ins Gefaengnis überstellt, wo ich ihn kennenlernte.

Hassan war in Wirklichkeit gar nicht geflüchtet, sondern im  Evingefaengnis in der Folterkammer ermordet worden.

Ein Pilot war bei der Luftwaffe und war auf dem Armeeflugplatz Dezful im Südiran stationiert. Bei einem Angriffsflug auf den Irak wurde er zusammen mit einem anderen Piloten im  Irakkrieg abgeschossen. Die kaputten Flugzeuge landeten auf irakischem Boden. Er konnte rechtzeitig einen Fallschirm nehmen. Bei seiner Festnahme sagte er: „Ich beantrage Asyl im Irak.“

Spaeter telefonierte er mit anderen Piloten, unter anderem auch  mit Hossein. Sie hatten vorher öfter telefonischen Kontakt gehabt.  Deshalb wurde er festgenommen und zu 15 Jahren verurteilt.  Nach  dem Urteil kam er in  Evin in  die Schneiderei  zur Arbeit. Er erzaehlte:

„Wir Piloten saßen im Saal und mussten uns gemeinsam Filme angesehen, in denen gezeigt wurde, wie grausam die Iraker mit iranischen Frauen und Kindern umgingen. Das hatte die gewünschte Wirkung: Die Piloten wurden wütend und wollten Rache. Sie waren überzeugt: Der Irak musste bombardiert werden.

 

Es wurden Strategien erarbeitet und hochwertige Technik, viele Flugzeuge, Raketen, Satelliten wurden eingesetzt.  In den Flugzeugen befanden sich Kameras, die alles filmten. Die Filme gingen dann an den Geheimdienst. Und nach den Agriffen wurde wieder gefilmt, denn nach dem Bombardement kamen die Menschen, die überlebt hatten, wieder an den Ort des Geschehens zurück. Dann kamen die iranischen Flugzeuge wieder und sie schossen automatisch mit großen Kugeln oder  mit Maschinenpistolen. Alles wurde gefilmt. Einige Piloten waren von der Hisbollah. Und sie töteten in noch schlimmerem Ausmaß als Keschwari  und  Schirudi, die grausamen Piloten beim Hubschrauberangriff auf die Kurden im Iran. Sie galten deshalb als tapfer und wurden vom Regime als Helden gefeiert. Viele Menschen verloren dadurch ihr Leben. Auch irakische Kinder waren davon betroffen.

 

 

 Aber Hossein, der Pilot, sagte: ‚Ich konnte das nicht so machen.’ Er schoss “zu wenig“ Menschen ab: ‚Durch die Filme wurde alles dokumentiert. Der Film aus dem Flugzeug, das ich geflogen hatte,  kam wieder zurück und die Militaers entdeckten, dass ich die teuren Maschinen nicht so, wie vorgesehen, genutzt hatte.’

Er hatte trotzdem zu vielen anderen Piloten im Iran  Kontakt. Das wurde ihm zum Verhängnis. Der Geheimdienst hatte Zweifel daran, dass Hossein ein überzeugter Hisbollah ist. Da hatte er ein Problem: Er wurde zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Er sagte dazu: „. Auf jeden Fall besser als in der Armee Menschen zu töten. Was soll’s, das Gefängnis ist das kleinere Übel.“ Denn: Auch viele seiner Kollegen waren schon beim Irakkrieg in der Luft und auf der Erde getötet worden.

Mein Schulkollege Masud Kakuan und Sayed Miraghasi waren Piloten vom Flughafen Vehedeti Tabrize, (F.5) zu der Zeit, als Banisadr Praesident war. Sie bekamen den Befehl, den kurdischen Teil des Iran zu bombardieren. Sie weigerten sich, indem sie sagten, dass dadurch doch Menschen des eigenen Landes bombardiert würden. Beide wurden deshalb gekündigt.“

Ganz im Gegensatz zu diesen Berichten hörten wir mehrmals im iranischen Rundfunk, dass im Irak eine strategisch wichtige Brücke bombardiert werden sollte. Ein Pilot hatte gesehen, dass jemand auf der Brücke war. Sein Chefpilot habe ihm gesagt, dass man dann nicht schießen dürfe. Die vier Piloten durften also nicht  schießen, denn der Islam sei eine freundliche Religion. Diese falsche Geschichte wurde viermal erzählt. Danach erließ Khomeini acht Gesetze. Unter anderem wurde darin festgelegt, dass man nie jemanden ohne Urteil schlagen darf. Das war aber alles nur leeres Gerede, ohne jeden Wert. Das Ziel war, die Öffentlichkeit zu taeuschen, wie immer.

Andere Mithaeftlinge: Willkür ohne Ende

Der Mathematiklehrer Mohamad Nasari wohnte mit seinem Bruder Mustafa in Teheran.  Er hatte einen Schüler,  Asghar, der einmal einen Karton bei Mohamed im Hof versteckt hatte. Asghar wurde  festgenommen. Er sagte aus, es handelte sich um eine Zeitung seiner Organisation. Daraufhin wurde Asghar zu sechs Monaten verurteilt und Mohamad, der Lehrer, zu drei Jahren.

Bahman  arbeitete bei der Telekom in Teheran. Er hatte Rheuma  im Fuß, weshalb er nur schwer laufen konnte. Er wurde ohne schriftliches Urteil zu fünf Jahren verurteilt. Statt ihn dann freizulassen, wurde er nach fünf Jahren  hingerichtet.

Hassan hatte drei Jahre Medizin an der Universität in Teheran studiert. Er hatte ein paar Tabletten und Kapseln und war dadurch unser Arzt in Ghesel Hesar Gefaengnis. In Evin gab es den Zahnarzt Dr. Musaferi. Ein anderer, dessen Namen ich vergessen habe, war eigentlich Tierarzt. Wir baten ihn trotzdem um Hilfe, weil sonst keiner da war.

In Ghesel Hesar hatte ich  damals Nierenschmerzen und ging auch zu Hassan. Überdies sollte er sich mal meine Kniearthrose und meinen Kopfschmerz näher ansehen. Auch für meine verschiedenen Allergien erhoffte ich mir Hilfe von ihm.

Ich war ein guter Kunde bei ihm! Egal, weswegen ich bei ihm war – jedesmal bekam ich die gleichen Tabletten und Kapseln. Dann schlich ich zurück in meine Zelle und fühlte mich irgendwie besser. Anscheinend war es die Placebo-Wirkung.

Eines nachts hatte ich eine schwere Nierenkolik und starke Blutungen. Wahrscheinlich hatte ich Blasen oder Nierensteine. Ich bekam wieder die gleichen Medikamente, eine  Spritze mit Novalgin. Trotzdem hatte ich  Schmerzen. Zafar Aghabjanpur kriegte das in den Griff, er hatte Erfahrung mit Koliken. Er gab mir eine große Schale Tee mit Zucker und schon wurde ich munterer. Den Zucker hatte er sich vorher von den anderen Kollegen im Zimmer zusammengebettelt. Jeder kramte ein paar Stücke hervor. Ich  durfte nicht pinkeln, sondern warten, bis die Blase voll war. Ich musste ganz viel  auf der Stelle hüpfen und marschieren .

Irgendwie bekamen die Kollegen das Wasser lauwarm und dann saß ich einige Stunden  in der Plastikwanne.  Ich wurde die kleinen Nierensteine tatsaechlich los.

Während einer anderen Nacht hatte ich schreckliches Asthma. Ich bin fast kaputt gegangen durch die Erstickungsanfälle. Vor Schmerz konnte ich nicht einschlafen und habe mich immer nur hin- und hergewaelzt.  Ich lag in der Naehe der Tür, wo die 25 Paar Badelatschen lagen. Ich konnte kaum atmen. Diese Nacht erschien mir so lang wie ein ganzer Monat.

In  Ghezel Hesar kam eines Tages Haci Davoud Rahmani, der Gefaengnischef, in unseren Zellentrakt. Er war der große  Henker von Ghesel  Hesar. Neben ihm stand ein Typ, der wirkte, als waere er 50 Jahre alt, dünn und blass. Mit seinen alten, schmuddeligen Klamotten machte er einen sonderbaren Eindruck. Er hatte lange Haare, einen struppigen Bart und war ein bisschen buckelig, die Augen waren zu Schlitzen verengt. Todernst sagte Rahmani „Meine Herren Monafegh, kommen Sie naeher. Ich habe für Sie Imam Zaman hergebracht!“ In Wirklichkeit hatte der Imam Zaman, der 12. Imam, vor über 1000 Jahren gelebt. Die Schiiten sagen, dass er, wie Jesus, irgendwann wieder kommen wird. Nur, dass Jesus jetzt noch im Himmel ist und der 12. Imam ihrer Meinung nach in einem Brunnen in Djamkaran bei der Stadt Ghom (der schiitische Vatikan) auf seine Wiederkehr wartet.

Durch seine wirren Äußerungen ließ der dünne Mann erkennen, dass er sich selber für den 12. Imam hielt. Er war 40 Jahre alt, sehr religiös und kam aus der Stadt Karadj. Als Haci Rahmani wieder weggegangen war, rannte er allein im Korridor herum, wie ein Wiesel, total ruhelos. Dabei murmelte er leise vor sich hin. Wir wussten nicht, worum es in seinen  Selbstgesprächen ging. An sich war er ja ungefährlich und hat keinen gestört. Nachdem er vier Stunden herumgetigert war, schlich er sich ins Bett, wo er mit Hilfe von Medikamenten ein wenig Schlaf fand. Dann fuhr er wieder hoch und lief allein über den Flur. Der kranke  Mann haette eigentlich Medikamente und gutes Essen, aber keine Inhaftierung gebraucht!

In der Stadt Karadj hatte er sich einige Male an einen großen Kasten gestellt und gerufen: „Hört, ihr Menschen, ich rette Euch. Ich bin der 12.  Imam. Ihr habt mehr  als  1000  Jahre auf  mich  gewartet. Das Regime ist auf dem falschen Weg und muss zugrundegehen. Ich bin der richtige Imam!“So einen harmlosen Spinner wie den dünnen buckeligen Mann steckte man ins Gefaengnis! Man hatte vor ihm Angst, bloß, weil er nicht systemkonform war. Volle zwei Wochen lief er völlig verstört bei uns herum, bis er schließlich aus unserem Zellenabschnitt entlassen wurde. Wo er hinkam, weiß ich nicht.

In den Winternächten war es immer furchtbar kalt. Der Versammlungssaal war groß und hoch, die Decke war gut fünf Meter hoch. Oben waren mehrere Fenster mit großen Scheiben. Es gab keine Heizung. Wir mussten in der Kälte sitzen und durften keine Kopfbedeckung tragen. Nicht mal ein Stirnband war erlaubt. Egal ob man Sinusitis oder Kopfschmerzen hatte, musste man sich das Gerede anhören, es gab keine andere Wahl.

Saal 2, die Schneider und Saal 4, die Djihadleute (Kaempfer für Gott) hatten einen Hof zum Spazierengehen nach der Arbeit. Die anderen waren noch schlechter dran als wir: Saal 1, 3, 5 und 6 mussten in der Zelle bleiben, abgesehen vom Toilettengang. Zehn Minuten spazieren gehen, um wenigstens mal den Kopf etwas  freizukriegen. Manchmal durften sie auch das nicht.

Einige Leute stellten beim Gefängnis Antraege auf Begnadigung, ich auch. Sie hatten keine Beweise gegen mich in der Hand. Ich hatte kein Verbrechen begangen. Meine Verurteilung zu 15 Jahren wurde zwar auf fünf Jahre verkürzt, aber niemand wusste,  was die sich noch ausdenken würden. Eine falsche Bewegung oder irgendeine kleine Sache, die vorfallen würde, konnte sich negativ auswirken. Wenn sie jemanden zum zweiten Mal festnahmen, gingen sie  noch aggressiver vor: noch brutalere Schlaege und Misshandlungen und sehr wenig Chance,  lebendig herauszukommen.

Um begnadigt zu werden, musste man vor laufender  Kamera beichten und sagen, dass man wieder zum Islam zurückkehren will. Das sollte dann freitags als Video abgespielt werden. Es war so armselig und erbärmlich. Wir sollten uns noch kleiner machen, und das wollte keiner von uns. Wenn jemand nach einem solchen Interview erneut bei politischer Arbeit entdeckt würde, wäre er zu 100% ein toter Mann. Man musste sehr aufpassen.

Morteza Hayat Bakhsch war offizieller Zellenverantwortlicher in meiner Zelle. Er nutzte das nicht aus, sondern war meistens freundlich. Ein Monat  vor meiner Freilassung erfuhren wir, dass er Mitglied in der Partei Randjberan (der Armen) (linke Kommunisten) gewesen war. Der Bruder von Morteza, der in der gleichen Partei in der Führung war, war nach Europa geflüchtet. Amir Karam, der Oberschleimer, war Parteivorsitzender von Randjberan(derArmen) gewesen. Im Schahregime hatte er drei Jahre im Gefaengnis gesessen. Auch er war Tabvab.  Er war immer der heimliche Befehlsgeber, als solcher hat er die anderen ständig herumkommandiert.

Amir Karams Körper war geschwächt, und wegen einer Behinderung war er erwerbsunfaehig. Immer war er im Trakt 2. Seine Behauptung, ein Drehbuch für das Theater zu schreiben, war allerdings nur ein Vorwand. In Wirklichkeit wollte er die anderen Gefangenen denunzieren und schrieb deshalb alles auf. Er befand sich schon einige Jahre im Gefängnis, obwohl er nie verurteilt worden war. In der Zeit dokumentierte er alles, was passierte, wer mit wem redete, worum es ging usw. Er schrieb immer fleißig mit, wie ein Reporter. Wenn er nicht gerade schrieb, betete er oder langweilte sich. Er las auch öfter als die anderen im Koran oder in anderen islamischen Büchern. Schließlich wollte er einen guten Eindruck machen und fromm erscheinen.

Freitagsgebet und der Zwang zum Schneidersitz

Freitag mittags fand auf dem Sportplatz  der Teheraner Universität immer ein öffentliches Freitagsgebet statt, das dann abends im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Es wurden auch öfter mehrere Sendungen zusammengeschnitten und dann als Wiederholungen dargeboten. Im Gefängnis mussten alle vor dem Fernseher sitzen und sich das anhören und ansehen. Mindestens eine Stunde dauerte das.

An diesem Tag war Ajatolla Musavi Ardebili dran mit reden und beten. Wegen der Kniearthrose und der Nierenschmerzen konnte ich nicht im Schneidersitz sitzen. Ich machte deshalb die Beine erstmal lang. Tabvab Morteza zwinkerte mir manchmal mit den Augen zu, um mich dazu aufzufordern, die Beine richtig zu setzen. Wir mussten den Film bis zum Ende ansehen. Und immer zeigte Amir Karam zu Morteza  hin. Amir Karam  versuchte mir weiterhin, mit seinen Blicken etwas zu sagen. Und auch Morteza wollte es während des Vortrages von Musavi nicht dulden, dass die Zuhörer eine respektlose Haltung einnahmen. Deshalb kam er nach Programmende auf mich zu. „Deine Beine!“ sagte er. Ich antwortete: „Ich habe Probleme mit meinem Knie, die Arthrose macht mir zu schaffen.“

Plötzlich kam  Amir Karam dazu und fauchte mich an: „Wenn du Essen willst, hast du keine Knieprobleme, aber beim Zuhören hast du Probleme?“  „Was geht dich das überhaupt an, wie ich meine Füße beim Essen oder sonst irgendwann hinlege?“ fragte ich ihn. „Außerdem ist der Schmerz des Hungers hartnäckiger als der Knieschmerz. Geh weg, du Tabvab. Mach Deinen Kiosk an einer anderen Ecke auf. Bei mir funktioniert das nicht.“ fügte ich entnervt hinzu. Sofort sprang er auf und lief zum diensthabenden Pasdar. Glücklicherweise waren an diesem Tag die Pasdar Bahram, Ammar und Sarlak  nicht da.

Haci Djafari, der schon über 60 Jahre alt war und etwas netter als die anderen war, kam in die Zelle und schloss die Tür hinter sich. Djefar  Mehmudi,  Nader Bahrami und Schahriar sowie Amir Karam, alles Tabvabs in unserer Zelle, die alle aus der Stadt Kermanscha stammten,  fingen an, mich wegen des „Vorfalls“ zu kritisieren.

Ich entgegnete: „Mein Knie tut mir regelmäßig weh, ebenso die Nieren. Ich war deshalb schon beim artz.  Darüber gibt es  Dokumente. Wenn ein großer religiöser Mann redet und ich mich in den Schneidersitz setze, kann ich mich nicht konzentrieren.“

Ich machte mir keine Brücke zur Freilassung auf Kosten anderer. Mein Status und Ziel waren klar: Ich hoffte, wegen guter Führung bald herauszukommen. Da ich kein Terrorist war, brauchte ich keine anderen Leute kaputt zu machen, um selber freizukommen.

„Amir  Karam, ich habe nicht so viele  Erfahrungen wie du und  kann dir nicht das Wasser reichen.  Aber bei mir kannst du dir nichts verdienen. Du sitzt und liegst hier Tag und Nacht im Zimmer, schläfst, schreibst und betest. Dazu habe ich keine Lust.“ Mehr als 20 Leute saßen da herum und hörten uns zu. Alle staunten, dass ich so mutig war. Manche lachten. Haci Djafari sagte, ich hätte Recht. Er schien mein Problem zu verstehen. Es sollte Schluss mit diesem Blödsinn sein. Amir versuchte drei  Wochen lang, mir Schwierigkeiten zu machen. Dazu arbeitete er mit einigen Tabvabs gegen mich einen Plan aus.

Abulfasl Hosseini und ich gingen wieder einmal spazieren und redeten. Nach dem Zuckerfest in der Versammlung unterhielten wir uns darüber, unter welchen Umständen Herr Abbas Roschansade gestorben war.  Amir belauschte uns dabei und gab einem Pasdar darüber Nachricht. Dieser Pasdar hatte eine Nacht später mit anderen Tabvab seine Schicht in der Schule, darunter auch mit Amir. Während ich mich  mit Abulfasl unterhielt, standen einige Leute zusammen und riefen: „Down with Monafegh“ und „Wir wollen einen Monafegh bekanntgeben.

Es kamen sofort einige Leute aus dem Hof in den Zellenabschnitt und fragten, was los ist. Sie sahen uns da draußen im Hof stehen und reden. Wir unterhielten uns weiter über unsere Erfahrungen. Wir hatten beide eine kleine Familie. Und dieses Schicksal belastete uns sehr. Hosseini litt sehr unter seinem lebenslänglichen Urteil. Er erzählte von seiner Frau und seinen Kindern. Er hatte zwei Söhne, 5 und 7 Jahre alt. 20 Leute blieben mit dem Tabvab Pasdar Ammar und Amir im Hof stehen. Andere hörten nur zu.

Es müssten nicht alle neugierig draußen stehen, hieß es. Auch Djafer Mahmudi, Nader Bahrami und Schahram mit Madjid sowie andere Gefangene standen dabei.

Ali Scharifian sagte: „Abbas verursacht viele Probleme in der Schneiderei und macht manchmal Sachen kaputt.“ Ich antwortete: „Meine Meister waren Bahran Mahmad Mirsa  und  Mehdi Azizi. Ich habe gute Arbeit gemacht. Du kannst sie gerne fragen.“ Als sie diese befragten, bestätigten sie meine Aussage voll und ganz: „ Abbas hat nichts kaputt gemacht.“

Als die Umstehenden das mitbekamen, lachten sie. Wir fragten uns, was dieses Gerede sollte. Anscheinend hatte das taktische Gründe. Sie aergerten sich darüber, dass Hosseini und ich so oft zusammen redeten und oft auch lachten. Vielleicht dachten sie, wir lachten sie aus. Was uns aber sehr beunruhigte und nervös machte, war, dass andere Gefangene sich in dieser Nacht auch gegen uns stellten. Das war  noch  schlimmer für uns.

Einige fingen jetzt Streit an. Der Tabvab Ali Sherifian aus  der Stadt Hamedan sagte, Hosseini hätte junge Leute unsittlich berührt. Hosseini bestritt das und wurde sehr wütend über diese Anschuldigung. Er konnte kaum an sich halten. Dass sie ihm sowas anhängen wollten! Er sagte: „Ich schwöre, dass ich damit nichts zu tun habe. Beim Imam  schwöre ich, dass ich sowas nie gemacht habe.“ Er weinte bitterlich. Es war 22 Uhr, Zeit zum Schlafengehen. Um 6 Uhr mussten wir wieder aufstehen. Pasdar Ammar sagte: „Jetzt reicht es. Ich habe  genug  Informationen über euch. Wenn ich noch mal etwas Negatives über euch höre, ist euer Platz auf Heidenfriedhof und nicht hier.“ Dann riefen die Tabvab im Chor: „Allah Akbar, Allah Akbar (Gott ist Groß)“ und „Tötet den Monafegh. Tötet den  Monafegh!

Es war wie in einem schlimmen Traum, wenn dich Leute beschimpfen und schlagen, und dein Mund und deine Hand sich nicht dagegen wehren können, als waeren sie gelaehmt.

Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen, ich war ganz aufgedreht. Ich hatte Angst, wieder in die Folterkammer zu kommen. Meine Augen taten weh. Es war eine harte Zeit. Wieder erinnerte ich mich an Herrn Abbas Roschansade. Ich versuchte, die Gedanken an sein schreckliches Schicksal wegzuwischen, aber es gelang mir nicht. Ich konnte über nichts anderes nachdenken.

Da trank ich erstmal eine Tasse Wasser. Es kam mir vor, als würde ich im Treibsand feststecken. Immer diese Gedankenkreise und die Grübeleien. Ich wollte mich  retten, aber wusste nicht, wie. Die Tabvab machten mir Probleme, wo sie nur konnten. Es war  furchtbar. Ich machte mir sogar selber Vorwürfe und führte Selbstgespräche.

„Warum hatte ich mich mit Amir Karam angelegt?

„Fast fünf Jahre bin ich im Gefängnis und 10 Jahre sind noch vor mir.“ Ich hatte Angst. Herr Abbas Roschansade war ein warnendes Beispiel.  Warum hatte ich mich nur mit den Tabvab angelegt? Auf keine meiner Fragen wusste ich eine Antwort. Es ging überhaupt nicht weiter, wie in einer Sackgasse. Es schien keine Lösung für mich zu geben. In dieser Nacht war ich sehr deprimiert. Die Aussichtslosigkeit meiner Lage wurde mir wieder schmerzlich bewusst. Es kam mir so vor, als würde die Sonne nicht mehr scheinen.

Jeder Mensch, Mann, Frau und Kinder gehören dem Islam. Im Namen der Religion werden sämtliche Lebensentscheidungen getroffen. Das konnte nicht richtig sein. Ohne Rücksicht auf Verluste wurden Menschen auf grausame Art und Weise bestialisch getötet. Mal hieß es: „Die müssen alle sofort hingerichtet werden“. Dann hieß es: „Wir sind gnädig, lassen euch ein paar Jahre hier und ihr aendert euch. Korrigiert euch und kommt zurück zum Islam, dann seid ihr eines Tages frei.“ Aber was für eine Freiheit sollte das sein? Ich grübelte und grübelte.

Unsere Werkstattprodukte in der Schneiderei waren Hosen, Jacken, Hemden, Bälle und vieles mehr. Wenn jemand Stoffe besaß, nahm man ihm diese ab. Daraus wurden dann für wenig Geld gute Sachen genäht und dann teuer verkauft. Ein paar Jahre lang kassierten Ladjewardi und seine Kollegen das Geld ein, denn aus den Verkäufen ergab sich ein ordentlicher Erlös.

Eines Tages wurde Ladjewardi, dem die  Schneiderei gehörte, versetzt. In der islamischen Revolutionsarmee war eine Umstrukturierung durchgeführt worden. Jetzt gehörte alles der islamischen Armee.  Pasdar Ibrahimi wurde statt Haci Murad als Leiter der Schneiderei eingesetzt. Abbas Temuri, Fachmann für Nähmaschinen, blieb an seinem Platz, denn er konnte die Reparaturen durchführen. Er blieb an seinem Platz. Achund  Mortazavi kam an die Stelle von  Haci Mehdisade, Chef im Evingefängnis.

Die Tabvab sagten,  alles wird besser. Einige Gefangene hofften auf Reformen Sie sagten: „Es muss besser werden für uns. Wir möchten Sport machen, etwas richtiges zu Essen erhalten, mehr Freiheiten im Gefängnis bekommen, etwas für unsere Gesundheit tun können usw.“

Achund Mortezavi dagegen sagte, dass alles  so bleiben würde wie es war. Er brüstete sich,  er sei ein Ruhani, ein Geistlicher wie sein Vorfahre, Prophet Mohammed. Leider sahen wir nach ein paar Monaten immer noch keine besseren Zustände.

Aufstehen! Als kaeme der Prophet persönlich.

Eines abends hatten wir in der Versammlung ganz hinten gesessen. Wir saßen dort separat. Dann kam Mortezavi mit seinem Bodyguard und einigen Tabvab im Schlepptau. Einige Tabvab, die schon bei uns saßen,  standen auf und grüßten respektvoll, wie es von uns erwartet wurde. Einige von uns verbeugten sich, während andere einfach so da saßen.

Prompt fragte Mortezavi: „Warum sitzt Ihr einfach so da? Warum seid Ihr nicht aufgestanden?“ Wenn jemand mit Turban und großem Mantel eintritt, (Achundkleidung) ist es allgemein üblich, aufzustehen, zu  beten, den Salavatgruß zu sagen. Es kaeme auch gut an, etwas aufzusagen. Irgendwas prophetisches. So als käme Prophet Mohammed persönlich herein.

Die Situation forderte Respekt. Manche sagten den „Alah Akber; auf. Notgedrungen standen wir dann auch auf. Mortazavi hielt uns dann noch einen Vortrag, den niemand wirklich brauchte. Es war uns aber mittlerweile egal. Wir setzten uns hin und hörten uns dieses unnütze Zeug gelangweilt an. Wir erkannten, dass Mortezavi genauso hochnäsig und arrogant war wie alle anderen vor ihm. Der totale Henkertyp. Es ging ihm darum, zu herrschen. Wir sagten dazu: „Der gelbe Hund ist der Bruder vom Schakal“.

Ibrahimi trug keine religiöse Mullah-Kleidung. Trotzdem redete er eifriger als ein Achund (Mullah). Er rief  manchmal sogar Mitarbeiter  über Mikrofon namentlich auf, um sie zu ermahnen. Mit seinem sinnentleerten Gerede konnte er glatt zwei Stunden füllen.

Beim Arbeiten mussten wir uns meist religiöse Kassetten anhören. Es ging immer um Unterwerfung, das war grausam und langweilig gleichzeitig. Immer hatte der Islam recht. Wir durften keine Kommentare geben und mussten ständig alles abnicken. Immer nur ruhig sitzen, dabei arbeiten und alles anhören. Manchmal mussten wir auch die Maschinen ausschalten, damit wir besser zuhören konnten. Es wurde von der islamischen Armee erzählt und dass Khomeini ein freundlicher Mann sei. Manch einem von uns wurde übel.

Ibrahimi drohte: „Ihr wollt frei gelassen werden und nach Hause gehen. Aber die Menschen hassen euch. Sie verurteilen euch für das, was Ihr getan habt.“ Jeden Tag erzählte er diese Geschichte.

Je mehr ich darüber nachdachte, desto merkwürdiger kam mir das alles vor. Es war kaum noch auszuhalten. Viele von uns sind auch derart depressiv geworden, dass sie aus dem Elend nie wieder rauskamen. So manche haben sich nach Ihrer Freilassung umgebracht, weil sie sich nicht in der Lage sahen, nochmal neu anzufangen. Es war in ihnen alles unwiederbringlich zerstört worden. Dieser allgegenwärtige Druck war einfach zu stark. Etliche sind darunter weggeknickt. Immer die Frage: „Was passiert jetzt mit mir? Töten sie mich oder wie geht das weiter?“ Das Nachdenken und Grübeln nahm  kein Ende. Mein Hass auf dieses ganze System wurde von Tag zu Tag größer und die Verzweiflung war sowieso schon unerträglich. Es war wie ein böser Plan.

Eines Tags kam der Agent von Montezari nach Evin und redete auf uns ein. Er meinte, uns einige islamische Gesetze erklären zu müssen. Er fragte die Leute aus, belehrte sie und sprach: „Es läuft bald alles besser für euch.“ Er sprach von Gnade und davon, dass manche bald freigelassen würden. Er sagte, dass es nicht richtig sei, dass so viele junge Leute hingerichtet wurden. Er sprach viel von Freiheit. Man hatte ihn schon als Nachfolger von Khomeini gehandelt. Spaeter fiel er in Ungnade und stand unter Hausarrest. Seine Leute durften auch  nicht mehr in das Evingefaengnis hinein.

Auf uns machten seine Reden wenig Eindruck. Sie sollten sich schämen, dachten wir uns. Das wäre der Islam – von wegen besserem Essen usw. das war alles nur gelogen. Nur leere Worte waren das.

Einmal kam ein Agent von Ayatolla Montezari ins Gefaengnis. Sein Spitzname war Zaberi. Er war etwa 30 Jahre alt und trug Privatkleidung. Er setzte sich hin, sah  einen  Plastikbecher, der halb mit Reis und Tomatensaft gefüllt war. Dazu ein paar Kartoffeln und Hähnchenfleisch für eine Person. Zaberi schaute auf den  Becher  und fragte: „Was bedeutet das?“ Darauf antwortete der Gefangene Hossein Bart, dessen Urteil  auf Hinrichtung lautete:  „Einer von uns musste heute in die Folterkammer. Das können wir uns aufteilen. Zaberi lachte: „Das reicht doch nur für eine Person. Ihr alle könnt von der kleinen Menge unmöglich satt werden!“ Hossein Bart lachte. „Nein, Herr Haci. Das ist das Essen für einen Gefangenen, der zur Folterkammer gegangen ist.“ Erstaunt fragte Zaberi: „Schwörst du bei Gott?“ – „Ja, natürlich. Das sind zwei Löffel für uns mehr als sonst.“

 Zaberi schaute uns mit einem bitteren Lächeln an und sagte: „Gott sei Dank leben Sie noch.“ Er sagte, dass einige Leute in der Regierung nichts taugten, aber der Islam an sich sei eine gute Sache.

Er  erzaehlte uns, er habe einem Kollegen eine Nachricht über unsere Behandlung an Ayatollah Montezari  mitgegeben.

Zaberi erzaehlte uns, dass in der Stadt  Babul in Nordiran im Gefaengnis eine Akte gefunden worden sei. Ein junger Politiker war wegen Zeitungslesens zu  6 Monaten verurteilt worden, aber er war hingerichtet worden. Ein anderer Agent von Montezari ging der Sache nach und bekam heraus, dass der Hintergrund dafür war, dass die Familie des Opfers mit einigen Pasdar des Ortes einen Streit um ein Grundstück hatte und sie deshalb ein Familienmitglied im Gefaengnis hatten töten lassen.

Khomeini, Chamenei, Rafanjani und Chatami haben das alles gewusst. Montazari und einige andere Ayatollahs waren ebenfalls darüber im Bilde. Aber nur Montazari übte nach 10 Jahren Selbstkritik. Oft sagen religiöse Vertreter, dass ihre Religion und  Regime gut ist, dass aber leider die Menschen sündig sind und Fehler machen.

Sabri war einer unserer Islamlehrer, der uns regelmäßig Unterricht gab. Er erzählte, man habe ihn immer gründlich kontrolliert, bevor er Einlass in das Gefaengnis erhielt. Die komplette Tasche wurde ihm auf links gedreht Als er feststellte, dass es so wenig zu essen gab, kam er nie wieder. Vielleicht schaemte er sich. Er bekam von Khomeini Hausarrest und starb dann im Jahre 2009.

Interviews der Gefangenen für das Guten Morgenprogramm

Jeden Tag um  8 Uhr lief eine Radiosendung mit dem Titel „Guten Morgen“. Es wurden dafür regelmäßig Menschen „live“ interviewt. Bei uns aber musste vorher „geübt“ werden, damit wir auch ja nichts Falsches sagten.

Ibrahim, unser neuer Chef in der Schneiderei sagte uns am Donnerstag: „Passt auf. Leute, am Samstag früh kommen Reporter vom Radio. Die wollen eine Sendung über unsere Schneiderei rausbringen. Sie wollen Gefangene interviewen für die 8 Uhr Radiosendung.“

In Wirklichkeit waren die Interviews schon gelaufen, und zwar mit Sadegh Alle Musavi, Ali Fahradi und Ali Akbar Wahedi die schon vorher darüber informiert worden waren..

Sadegh war Mitglied der Organisation Volksmudjahedin gewesen und sein Urteil zur Hinrichtung war bereits gesprochen. Das sprach sich schnell herum. Seine Aufgabe in der Schneiderei war die Scherenkontrolle.

Ali Farhadi gehörte nicht zu unserem Trakt, sondern zu Trakt 4. Auch er gehörte früher zu den Volksmudjahedin. Er war zu 15 Jahren verurteilt und als Tabvab machte ertrotzdem auch bei den Folterungen mit und schlug Gefangene.

Ali Akbar Wahedi war von der kommunistischen Organisation Ranjbaran. Er hatte in Amerika studiert und war aktiver Politiker gewesen. Auch wenn er versuchte, das geheim zu halten, wussten es doch die meisten. Er war zu 3 Jahren Haft verurteilt worden. Er stand mit Amir Karam und mit den anderen Tabvab war er in engem Kontakt.

In der Schule war eine kleine Bibliothek mit Büchern über Islamische Kultur, wobei das meiste aus fundamentalistischem Blickwinkel geschrieben war. Ali sagte, wer gerne weiter studieren möchte, könnte ja hier in den Büchern lesen und sich so ein Wissenspolster aneignen. Amir Karam und Wahedi waren Stammkunden in dieser Bibliothe

Am Samstag darauf machten wir schon ganz früh in der Schneiderei das Radio an. Wir  arbeiteten auch samstags. Einige Lautsprecher liefen immer. Jemand sagte „Salam Sobhbecheir!“ (Hallo, Guten Morgen) das Wetter ist schön, die Sonne scheint, die Vögel singen: Knospen, Tautropfen, Frühling, usw. das war die Sendung, auf die uns Ladjewardi hingewiesen hatte.

„Ich befinde mich in einer Versammlung mit geistlich hochstehendem Niveau“ sagte der Radiomoderator. „In Evin in der Universität machen die Mitarbeiter alles für ihre Gefangenen angenehm. Hier gibt es Tautropfen, Vögel, Frühling und Schönheit. Obwohl wir hier in einem Gefängnis sind, ist hier eine gute Stimmung. Die Menschen, die früher eine falsche Richtung in ihrem Leben eingeschlagen hatten, haben hier die Chance, sich zu verändern. Sie werden unter diesen positiven Umständen resozialisiert. Ist das nicht fein?“ hörte ich ihn sagen.

Er schwärmte von dem Park, dem Garten und dem Swimmingpool. Ich schaute mir die Leute an, die versuchten, fröhlich auszusehen, es war aber alles war nur aufgesetzt und kam mir ganz unwirklich vor.

Der Moderator fing an, einige Gefangene zu interviewen. Die erste Frage lautete: „Wie geht es euch im Gefängnis?“Alle schienen fröhlich und versuchten zu antworten. Der Moderator hatte das Mikrofon in der Hand und nahm einige Gefangene dran. Leider könnten sich nicht alle äußern, dafür sei die Sendezeit zu kurz. Aber drei Leute könnten, stellvertretend für die anderen, etwas sagen

Der erste war Ali Farhadi. Er sagte:  „Ich  fange mit Gottes Namen an. Mit schönen Grüßen an die islamischen Soldaten und an die Märtyrer. Ich wünsche dem Imam Khomeini eine gute Gesundheit. Er war es, der die armen Menschen in der ganzen Welt gerettet hat. Ich bin Ali Farhadi. Mein Hobby ist es, hier im Garten zu arbeiten und die Blumen zu pflegen. Wir erhalten hier ein hervorragendes Essen, sogar frisches Obst. Die Mitarbeiter hier sind sehr nett zu uns und behandeln uns gut. Ich schäme mich, dass ich früher diese freundlichen Menschen töten wollte. Jetzt bin ich froh, hier zu sein. Ich bin dankbar, dass ich aus der Dunkelheit gerettet wurde. Hier bin ich wie im Paradies. Ich wünsche mir, dass bald die iranischen islamischen Soldaten siegen werden gegen die von Saddam.“

„Ich bin Sadegh Ale Musavi. Ich  bin hier, weil ich Terrorist  in der Armee der Monafegh (falsche Moslems) war. Leider habe ich einige Leute getötet. Ich war gegen unsere islamischen Brüder und Schwestern aktiv und habe Terror ausgeübt. Normalerweise haette ich ein vierfaches Todesurteil bekommen müssen. Ich schäme mich sehr für meine Herzlosigkeit und Grausamkeit. Wir waren schlechte Menschen und Mörder. Sehr schlimm. Aber hier hat Vater Ladjewardi mit uns Mitleid. Er ist  sehr nett zu uns. Wir haben ihn kennengelernt. Er ist immer für uns da. Wir bekommen hier gutes Essen, Obst, machen nützliche Arbeit in der Schneiderei, womit wir uns etwas Geld verdienen. Wir haben ein Schwimmbad und einen Garten.“

Ich selber fragte mich, wie wir hier nur so ruhig sitzen können. Praktisch mit verschlossenen Augen. Das war doch Wahnsinn. Diese ganze Reportage war unglaublich. Sie sagten diesem Reporter, hier wäre ein Paradies. Und redeten von Essen, Obst, Sport usw.

Sadegh äußerte seine Dankbarkeit für Vater Ladjewardi und betete für Imam Khomeini. Er wünschte sich, dass Khomeini so lange lebt, bis der 12. Imam Mehdi wieder kommt, vielleicht in einem Jahr oder nach einer Million Jahren.

Und dann erinnerte ich mich an ein Interview mit Dariush Salahshur im Jahr 1981. Es sollte eine Jubeldarstellung im Radio werden und sollte sich zu seinem Vorteil auswirken. Aber plötzlich sagte er die Wahrheit, genau, wie es in Wirklichkeit war. Die Folge war, dass man ihn die ganze Nacht schlug und dann morgens hinrichtete.

Der dritte Tabvab war Ali Akbar Wahedi, ein ehemaliger Kommunist Ranjberan(der Armen).  Er las eilig  arabische Koranverse vor und sagte: „Der Islam ist die beste Religion auf Erden. Sie heilt Menschen und gibt  ihnen einen Sinn im Leben“. Er wurde nicht müde, viele Vorteile aufzuzählen. Er erklärte alles ganz genau, geradezu umstaendlich.

Der Radiomoderator unterbrach ihn: „Leider haben wir nicht so viel Zeit. Bitte beantworten Sie doch die Frage, wie es Ihnen persönlich hier im Gefaengnis geht!?“ Da antwortete Ali Akbar Wahedi: „Hier ist ein Blumengarten und eine Universität. Wir sind von lieben Menschen umgeben, die auch sehr hochgeistig gesinnt sind. Die Hisbollah sind sehr großzügig zu uns. Wir führen hier alle Befehle von Imam Khomeini aus. Wir reden und arbeiten und fühlen uns wohl.“ Dann fing er an zu erklären, dass Ladjewardi doch ein liebevoller Mensch sei. Es wäre doch gut, dass wir den Swimmingpool haben und die schönen Blumen. Er ließ auch nicht unerwähnt, wie vorteilhaft es  sei, dass wir uns durch nützliche Arbeiten etwas Geld verdienen könnten. Er scheute tatsächlich nicht den Vergleich dieser Evinuniversitaet mit einer Universität in den USA oder in einem anderen Land. Er setzte sogar noch einen drauf: „Diese Universität hier in Evin ist besser als alle anderen auf der Welt. Hier ist es besser als im Paradies.“

Er fügte hinzu: „Hier kann man Abitur machen, studieren und sein Diplom erhalten. Die Computernutzung und alle Bücher sind hier kostenlos.“ Fast überschlug er sich beim Reden: „Wir sind erst ein paar Monate hier im Gefängnis und wir können kaum glauben, dass es uns so gut geht. Wir haben die Chance, hier zu studieren. Und das alles kostenlos. Herr Ladjewardi hat hier wirklich ein Paradies aufgebaut.“

Ich saß fassungslos an meiner Nähmaschine. Neben mir saß Hossein Gheschghai, der genauso entsetzt und schockiert war wie ich. Ich musste an Fakhradin Hedjasi denken, der damals sagte, vielleicht wäre Ayatollah  Khomeini der Imam Zaman. Und er hatte bestaetigt: „Ja, Er ist der 12. Imam, Imam Zaman.“ Und der habe dann dieses Regime gesehen. „ Alles schien plötzlich so logisch. Das Khomeiniregime war gekommen, um das vor 1000 Jahren prophezeite Paradies wahrzumachen, natürlich alles kostenlos. Nur leider traten Probleme von Seiten der Unglaeubigen auf. Die Politik ist gefordert, um die Terroristen unschaedlich zu machen.“

Ali war immer noch am Reden. Leider wurde er vom Radiomoderator unterbrochen: „Wir haben keine Zeit mehr.“ Ali Akber  durfte trotzdem weitermachen: „Ich bete für die Gesundheit von Imam Khomeni und von allen Moslems. Und für den Sieg der islamischen Armee. Und dass alle Kommunisten und Monafegh getötet werden.“

Zehn Minuten nach diesen Darbietungen im Radio kam Sadegh  stolz zu uns in die Schneiderei und lachte.   Wahedi  schaemte sich anscheinend ein bisschen.

Waehrung unserer schrecklichen Zeit im so genannten Paradies konnten wie selber mit angesehen, wie Menschen unter dem Druck von oben zusammenbrechen und sich um 180 Grad drehen. Sie sagen dann ganz andere Sachen, manche glauben vielleicht sogar daran!

Wahedi wurde drei Monate nach diesem Interview freigelassen, drei Monate vor Ablauf seiner Strafe. Das hatte er sich sicherlich mit diesem Interview erkauft.

Nach meiner Freilassung war ich eines Tages in der Patrice  Lumumbastraße in Teheran unterwegs. Da kam mir Wahedi aus der anderen Richtung zu Fuß entgegen. Ich habe mir gedacht, so voller Verachtung kann ich nicht mit ihm reden. Er erkannte das und senkte den Kopf. Ich tat so, als hätte ich ihn nicht erkannt. Wir sprachen nicht miteinander. Es kam mir so vor, als hätte er sich geschämt.

Der quaelend lange Prozess der Haftentlassung

Meine fünf Jahre Haftzeit waren vorbei. Jede Sekunde dieses Tages verstrich schmerzlich. Meine Gedanken waren wie hinter einer großen Steintür verborgen. Ich fragte mich, ob ich wirklich aus dieser Hölle herauskaeme. Innerlich war ich froh, dass es bald so weit sein sollte.

Nach der Bekanntmachung  schwankte ich zwischen Hoffnung, Angst und Hoffnungslosigkeit. Ich versuchte, positiv zu denken und ruhig zu bleiben. Manchmal führte ich Selbstgespräche, um nicht durchzudrehen

Meine Kollegen hatten  verstanden, woher das kam. Einige Mitgefangene hatten zwar ihre Haftzeit abgesessen, wurden aber nicht freigelassen. Das war eine schreckliche Situation für sie. Meine Kollegen sagten mir, ich sollte mir keine Sorgen machen. Ich sollte locker bleiben, ich könnte jederzeit mit ihnen reden. Obwohl dieser Tag nicht so schlimm war, dachte ich daran, was damals mit Herr Abbas Roschansade  geschehen war. Der hatte ja auch Panik gehabt. Aber die Kollegen holten mich schnell wieder in die Gegenwart.

Ich befürchtete, dass sie noch andere Vorwürfe  vorbringen würden, so dass meine Haftzeit wieder verlaengert würde. Das konnten sie einfach so machen, so war das nunmal. Dann konnte sogar noch die Hinrichtung kommen. Vielleicht hatte ich irgendwann mal falsch geantwortet. Mal wieder war ich voller Zweifel im Kopf. Ich wusste, dass vor der Freilassung die Familie in den Besucherraum kommen musste mit Geld als Pfand abgeben oder den Grundbuchauszug vom Haus oder Garten. So war es allgemein üblich. Das Geld und die Unterlagen gingen an das Amt. Die Gefaengnisbürokraten  mussten meine Akte holen.  Bei der letzten Besuchszeit hatte ich meine Familie gar nicht gesehen. Aus irgendwelchen Gründen waren sie nicht gekommen.

Die Entlassung kam aber nicht. Einige Tage wurden für mich noch richtig schlimm. Jedesmal, wenn ein Pasdar in unsere Schneiderei stürmte, guckte ich ängstlich hoch. Es blieb mir fast der Atem stehen. Ständig hatte ich Angst, dass sie mir ein neues Urteil aufbrummen würden. Ich war immer unter Stress und stand unter kaum vorstellbarem Druck. Immer die Angst im Nacken. Normalerweise wussten alle Gefangenen, wer wann freigelassen wird. Die, für die es nicht so gut aussah, waren dann wehmütig und schauten traurig und hoffnungslos vor sich hin.

Ich sagte mir: „Mehr als 300 Leute sind in einer viel schlechteren Situation als ich. Trotzdem wurde ich die Angst und Unsicherheit nicht los. Ich hatte ja keine Garantie, dass das noch gut ausgeht. Schon wieder kam ein Pasdar herein und hatte ein Papier dabei. Abbas Temuri, der Techniker, rief die Namen einiger Leute über das Mikrofon aus. „Sie werden in ein paar Tagen freigelassen. Vielleicht noch fünf Tage oder acht“. Ich war entsetzt: Mein Name war nicht dabei. Alle schauten mich an. Ich wurde sehr nervös und starrte ihm auf den Mund, weil ich sehr hoffte, meinen Namen auch noch zu hören. Es ging mir richtig dreckig.

Einige Tage konnte ich nicht richtig arbeiten und mich auch sonst auf nichts konzentrieren. Es war sehr schlimm. Vorher hatte ich jeden Tag 6 Rangerhosen genäht. Das schaffte ich jetzt nicht mehr. Mehr als ein bis zwei Hosen kriegte ich beim besten Willen nicht fertig.

Nach einigen Tagen kam Abbas Temuri wieder mit einem Zettel in der Hand in die Schneiderei. Er konnte nicht gut lesen und schreiben. Er schaute angestrengt und mit rotem Gesicht auf das Papier in seiner Hand und fragte: „Wer ist denn Rahimian Abolhassan? Den haben wir hier gar nicht mehr.“ Der Pasdar half ihm. Ich war im Gefaengnis unter meinem anderen Vornamen Abbas bekannt, aber Abolhassan steht in meinem Ausweis. Ich war sehr froh und hob sofort meine Hand hoch. Dabei sprang ich förmlich in die Luft. Temuri sagte: „Du hast ja den gleichen Vornamen wie ich!“ Manche lachten. Ich gab meine Schere bei Sadegh alle Musavi ab und ging in die erste Etage.

Das „Ichwillnochleben“ Ritual

Auf der Treppe saßen einige Gefangene. Sie warteten darauf, dass sie „interviewt“ wurden. Es gingen immer fünf Leute, die entlassen wurden,  in die Versammlung. Einer musste dann auf die Bühne gehen und ins Mikrofon reden,  seinen Spruch aufsagen. Sie mussten Allah grüßen, seinen Namen sagen und wie lange er im Gefaengnis war und warum. Er musste dann sagen, dass er seine frühere politische Aktivitaet bereut, sein früheres Leben hasst und nach der Freilassung ein dem Islam entsprechendes Leben führen wird. Das alles wurde von einer Kamera aufgenommen. Dieses Ritual wurde von den anderen Gefangenen das „Ich will noch leben“ Ritual genannt. Danach ging der Gefangene wieder herunter und der naechste kam dran. Dies Interview war unumgaenglich, man kam sonst nicht in die Freiheit.

Ich sah auf der Treppe Ali B., der direkt vor mir saß. Wir brauchten keine Augenbinde mehr zu tragen. Er war Ingenieur gewesen und unter dem Schahregime schon drei Jahre im Gefaengnis gewesen. Er war Mitglied in der Organisation Partisan gewesen.

Ein Stab dieser Organisation hatte nach der Revolution das Gebaeude der SAVAK in der Dehkade  (Kleines Dorf) angegriffen und besetzt. Danach hieß die Straße dann „Mei kade (Weinkneipe).“  Ich hatte damals Kontakt mit Ali gehabt, dessen Geheimname Behruz war. Ein Jahr nach der Revolution fand er eine Frau, die Architektin war, heiratete sie und hörte mit der Politik auf. Er gründete eine Firma und versuchte ein völlig normales, privates Leben zu führen. 1982 wurde er in seiner Firma festgenommen und nach Evin gebracht. Dort sagten sie ihm, sie haetten nur eine Frage an ihn. Da ihnen seine Antwort nicht reichte, kam er nach Ghesel Hesar, in den gleichen Trakt  3 wie ich.

Wir hatten in Ghesel Hesar oft zusammen im Gefaengnisgarten gearbeitet und konnten uns manchmal heimlich über unsere frühere politische Aktivitaet und unsere Erfahrungen im Gefaengnis unterhalten. Dabei ging es oft um das Verhaeltnis von Taktik und Strategie.

In Ghesel Hesar war er 1983 sehr krank geworden. Er bekam Fieber und konnte sich kaum aus seinem Bett herausbewegen. Wenn er es doch versuchte, konnte er seinen Urin nicht an sich halten. Andere Kollegen machten ihn sauber. Er wurde von Haci Davoud Rahmani aus Ghesel Hesar in die Krankenstation in Evin gebracht. Eine Woche spaeter kam er zurück. Er war guter Dinge, weil er dort von Mohamadi Gilani, einem religiösen Richter, informiert worden war, dass er bald freigelassen würde. Als ich ihn sah, lachte ich und fragte leise: „Taktik und auch Strategie?“

Er sollte gleich sein Interview geben. Er sprach mich leise an: „Abbas, willst du auch noch leben?“ Ich sagte: „Ja,  Taktik und Strategie“. Er lachte und schimpfte leise auf das Regime und sagte: „Wir haben Glück gehabt, dass wir nicht hingerichtet wurden. Wir leben noch.“ Ich knuffte ihn in die Seite und fragte ihn: „Willst du auch noch leben?“ Er antwortete: „Ja. Taktik und Strategie!“ Dann saßen wir wieder still da und sahen, wie die anderen, jeweils zu fünft, in den Versammlungsraum hineingingen.

Ali berichtete etwas ausführlicher über seine Wandlung. Er wollte wohl „mehr leben…“. Danach kam ich dran. Ich fasste mich kürzer und war froh, als ich es hinter mir hatte. Dann ging ich wieder in die Schneiderei.  Es war ein gutes Gefühl für mich. Auch die anderen 300 Gefangenen in der Schneiderei wussten immer ganz genau, wer zu wie viel Jahren verurteilt worden war und sie nahmen Anteil, wenn jemand zum „ichwillnochleben“ Ritual gehene konnte, das heißt, wenn er der Freiheit nahegekommen war.

Ein Kollege, Akbar Rahmoni, der früher in einer Buchhandlung gearbeitet hatte und in der Schneiderei immer hinter mir saß, fragte mich: „Hast du gut gespielt?“

Ein anderer Kollege, Ahmad Kigan, sagte: „Gib Gas, gib Gas! Jetzt kannst du pro Tag 10 Hosen schaffen!“ Ich sagte: „Nein, zwei oder drei Hosen reichen mir jetzt.“

Zwei oder drei Tage später sollte meine Haftzeit wirklich vorbei sein. Ich war sehr froh. Einige andere Gefangene hatten mir Nachrichten für ihre Verwandten oder Freunde mitgegeben. Wir hatten in den langen Jahren der Haft ein Vertrauensverhältnis entwickelt. Bei anderen, bei denen mir nicht klar war, ob sie vielleicht auch Tabwab waren, lehnte ich das ab, auch um mich selber und meine Familie zu schützen. Manchmal ging es um eine geheime Sache, die sie nicht auf anderem Weg weiterleiten konnten. Wichtige Telefonnummern wurden vorher verschlüsselt, damit niemand dadurch gefährdet wurde oder damit Leute, die nichts damit zu tun haben sollten, sie nicht nutzen konnten.

In der letzten Nacht konnte ich bis zum Morgen nicht schlafen. Immerzu ging mir im Kopf herum, was mich in der Freiheit erwarten würde. Wie würde meine Frau, meine Kinder, meine anderen Verwandten reagieren? Hatten sie sich sehr verändert in den fünf Jahren?  Mehr als 50 % der Familie meiner Frau waren Fundamentalisten und Hisbollah. Die anderen waren zwar auch gläubig, aber etwas lockerer. Und es gab sogar einige wenige Ungläubige unter ihnen.

Die Mutter meiner Frau war sehr religiös und hatte auf meine Festnahme sehr negativ reagiert, denn man bezeichnete mich als Kommunist. Sie hatte von meiner Frau verlangt, sich von mir scheiden zu lassen.  Sie hatte großen Einfluss, weil meine Frau nach meiner Verhaftung unsere Wohnung aufgeben musste und bei meiner Schwiegermutter Unterkunft gefunden hatte. Später war sie dann etwas freundlicher geworden.

Mit gingen auch die Worte von Ibrahimi, dem Chef der Schneiderei durch den Kopf. Er hatte uns immer wieder – mit oder ohne Lautsprecher – eingeschärft hatte, dass wir froh und zufrieden sein sollten, dass wir hier im Gefängnis eine Unterkunft, Essen und Arbeit hatten. Denn draußen  würden uns die Menschen ablehnen und hassen, weil wir gegen den Islam und damit Terroristen waren und gegen den rechtmäßigen Staat gekämpft hatten.

Bei den Verwandten meiner Herkunftsfamilie war es anders. Viele von ihnen waren selbst politisch aktiv gewesen, und unsere Familie hatte viele Tote durch das Unrechtsregime zu beklagen. Was würde mich erwarten? Ich hoffte, dass Ibrahimi nicht recht hatte, aber durch die dauernden Wiederholungen schlich sich auch bei mir der Verdacht ein, er könnte Recht haben

Am naechsten Morgen ging ich noch einmal an meinen Arbeitsplatz in der Schneiderei. Ich machte meine Nähmaschine nicht an – sie hieß Juki 555, es war ein japanisches Fabrikat, sondern sortierte einige Einzelteile der Hose, die als nächstes genäht werden musste. Ich beschäfigte mich irgendwie an  meinem Arbeitsplatz und sah dauernd hoch in der Hoffnung, dass endlich jemand kommen und mich aufrufen würde. Normalerweise wird man am Entlassungstag morgens aufgerufen, aber niemand kam. Ich wurde nervös. Dies war der Tag, an dem ich vor 5 Jahren festgenommen worden war – der 29. Schahrivar (20. September).  Dann fiel mir ein, dass ich ja erst am 30. Schahrivar nach Evin gebracht worden war, deshalb würde ich vielleicht erst am nächsten Tag entlassen. Ich arbeitete also noch den ganzen Tag lang.

Auch in der nächsten Nacht konnte ich nicht schlafen. Ich drehte mich jede Minute wieder um. Meine Schlafnachbarn auf dem Boden waren Mustafa und Djafar. Weil es so eng war – 25 Gefangene lagen in einem Raum von etwa 12 qm – störte ich sie natürlich mit meinen dauernden Umdrehungen. Sie baten mich leise, ich solle doch ruhig liegen und schlafen. Am Morgen sagten sie etwas humorvoll: „Baba, (Vater)  du  sollst doch heute freigelassen werden – warum müssen w i r  denn darunter leiden?“ Beim Frühstücken versuchten mich alle zu beruhigen und meinten, „Heute lassen sie dich bestimmt frei“!

Aber auch an diesem Tag musste ich in der Schneiderei anfangen, zu arbeiten. Ich war wieder hoffnungsvoll, aber der Tag ging vorbei.

Am nächsten Tag war Besuchstag. Ich dachte, dass ich vielleicht einen Fehler gemacht hatte, dass ich Leuten vertraut hatte, die doch in Wirklichkeit Spione waren. Ich sprach mit niemandem mehr und ging ganz allein im Hof und auf dem Flur herum. War es richtig, die Adressen und Telefonnummern anzunehmen? Ich hasste die Leute, die andere Menschen verraten. Mir ging alles auf die Nerven und ich war wegen dem Mangel an Schlaf entnervt. Ich versuchte, gegen diese hässlichen Gedanken anzukämpfen und an etwas Positives zu denken. Morgen war ja Besuchstag und vielleicht wollten sie mich an dem Tag entlassen, um Werbung zu machen. Dieser Gedanke beruhigte mich etwas. Trotzdem war die naechste Nacht wieder unruhig! Die anderen Gefangenen beschwerten sich diesmal aber nicht, denn sie wussten, was in mir vorging.

Am Morgen stand ich sehr früh auf, hatte aber keinen Appetit. Ich saß in unserem Raum auf dem Fußboden. Man teilte uns wie immer etwas Brot, Tee und – manchmal – etwas Käse zu. Masoud,Fuioj(Gefangener)  unser „Barbier“, rasierte mich als ersten mit seinem kleinen Rasierapparat. Danach duschte ich und zog mir statt der Arbeitskleidung meine private Kleidung an, die ich nur an Besuchstagen anzog. An diesem Tag arbeiteten wir nicht, sondern warteten in unserem Raum darauf, dass man uns aufrief. Mehrere Leute wurden aufgerufen, aber ich nicht.  Langsam ging die Besuchszeit vorbei. Ich wurde weder in den Besucher – noch in den Entlassungsraum geführt. Dann war auch dieser Tag vorbei.

Meine Familie hatte erst zwei Monate nach meiner Verhaftung erfahren, dass ich im Gefängnis war. Sie hatten versucht, nachzuweisen, dass ich unschuldig war. Sie hatten Hoffnung, dass ich bald freigelassen würde. Ich hatte meiner Frau immer glauben wollen, die bei jedem Besuch im Gefängnis sagte, ich würde bald freigelassen. Schließlich hatte sie gute Kontakte zur fundamentalistischen Regierung. Warum war sie heute nicht gekommen?

Mein Urteil lautete ursprünglich auf 15 Jahre Gefängnis – ich bekam Angst, dass ich die restlichen 10 Jahre doch noch absitzen müsste. Ich machte mir selbst Vorwürfe, dass ich übernommen hatte, einigen anderen Mithäftlingen zu helfen. Konnte ich nicht besser Freunde und Feinde unterscheiden?

Ich schaffte es nicht, auf bessere Gedanken zu kommen – es war wie eine Selbstfolter. Ich hatte keinen Mut, mit anderen Häftlingen zu reden, denn jeder konnte ein Feind oder ein Spion sein.  Ich machte mir Vorwürfe, dass ich selbst schuld an meiner Lage war.

Ich sah, dass einige Tabwabs, vor allem Amir Karam,  schadenfroh waren. Sie grinsten mich an.  Ich misstraute allen. Ich versuchte, meine Selbstachtung wieder zu finden und ihnen gleichzeitig  keine schwache Seite zu zeigen.

Nach dem Besuchstag musste ich wieder normal arbeiten, so, als wäre nichts gewesen. Wenn es klingelte oder ein Pasdar auftauchte, dachte ich sofort, es gäbe eine neue Nachricht für mich.  Es konnte alles möglich sein:  dass ich in den Entlassungsraum oder in eine Einzelzelle zur Folter kam. Vor allem Zelle 209 war bekannt als Folterzelle. Schließlich dachte ich, es wäre besser, wenn niemand mich rufen würde, denn die Arbeit in der Schneiderei war ja besser als die Folter. Ich bereitete mich darauf vor, dass ich bis ans Ende meines Lebens im Gefängnis verbringen würde. Das war besser als Folter oder Hinrichtung.

27. September 1986: „Abbas, steh auf!“

Am 5. Mehr (27. September) klingelte das Telefon und Abbas Teimuri, ein Schneiderfachmann, rief mich und sagte: „Abbas, pascho! (steh’ auf!) In den Entlassungsraum!“ Nach diesen vielen Tagen glaubte ich das nicht, sondern blieb auf meiner Arbeitsbank sitzen und guckte verblüft. Ich sah nur nach oben.  Einige Kollegen lachten und guckten mich fröhlich an. Ich war wie trunken vor Glück. Akbar Rahmani, ein Kollege, der hinter mir saß, klopfte mir auf den Rücken und sagte nochmal: Abbas, du sollst aufstehen! Geh schnell raus.  Ich zögerte noch, aber schließlich stand ich auf und ging zum Schneider Teimuri und gab meine Schneiderschere ab.

Wenn jemand im Gefängnis entlassen wird, freuen sich die meisten mit und die Atmosphäre ist entspannt. Alle bekommen wieder Hoffnung. Ich spürte, dass einige, vor allem die Tabwabs, unzufrieden waren, aber das waren nur wenige. Alle anderen waren zufrieden und sahen fröhlich aus.

Ich ging zu Djamschid, dem Buchhalter in der Schneiderei und bekam die Abrechnung für meine Arbeit. Ich kaufte zwei Hosen und zwei Hemden und einen Ball für meine Kinder. Wenn man als Gefangener in der Schneiderei arbeitet, darf man die von einem selbst hergestellten Sachen zu einem Sonderpreis erwerben.

Normalerweise darf jeder Gefangene bei seiner Freilassung eine kurze Rede am Mikrofon halten. Ich sagte nur „Tschüss!“, denn ich hatte Angst, Zeit zu verlieren. Viele Kollegen lachten.

Ich ging zum Trakt 2 in meine Zelle und nahm meine Reisetasche, die ich schon vor einer Woche gepackt hatte. Ich tat die neu gekauften Sachen dazu und zog mich um. Meine Uhr gab ich Farshad, der krank in der Zelle lag. Er sollte sie meinem Freund Mohammed Nasari geben, der sie immer so bewundert hatte. Ich hatte sie von meinem Schwiegervater bekommen, der sie aus Mekka mitgebracht hatte. Meine Frau hatte sie mir bei einem ihrer Besuche ins Gefängnis mitgebracht.

Ich setzte die Augenbinde auf und fuhr zusammen mit anderen Gefangenen in einem Minibus zum Entlassungsraum. Nachdem wir zwei Stunden gewartet hatten, fragte mich ein Angestellter: „Was wirst du nach der Freilassung machen?“ Ich sagte: „Ich möchte weiter mit meiner Familie zusammen leben.“   Er fragte: „Wo wirst du wohnen?“ Ich gab ihm die Adresse meines Schwiegervaters. Er gab mir die  Adresse von einem Komitee. „Da musst du dich  jeden Monat einmal melden. Du darfst Teheran nicht verlassen. Wenn du Teheran verlassen willst, musst du einen Antrag stellen. Wenn du etwas Außergewöhnliches siehst oder hörst, musst du darüber beim Komitee Anzeige machen. Wir sind wie ein Schatten hinter dir, denn wir haben alles unter Kontrolle.  Wenn  du noch einmal auffällst, weißt du ja, was mit dir passiert!“

 

 

 

Ich verabschiedete mich auf Nimmerwiedersehen und stieg, immer noch mit verbundenen Augen, in einen Peikan, ein kleines Auto. Nachdem ich auf dem Rücksitz links Platz genommen hatte, sagte der Fahrer: „Abbas, nimm die Augenbinde ab!“ Es war Reza, der sonst als Pasdar in der Schneiderei arbeitete.  Ich atmete frische Luft ein und spürte, dass die schlechte, bittere Luft des Gefängnisses hinter mir war. Als das Auto an der Autobahnauffahrt Tschamran ankam, sagte der Fahrer: „Abbas, Boro be salamat =  geh und bleib gesund!“

Ich stieg aus und wartete am Straßenrand. Ich winkte und ein Auto hielt an. Ich stieg ein und sagte: „Meydane Tohid“ (Kreisverkehr Tohid – früher hieß er Meydane Kennedy). Ich setzte mich mit meiner Tasche neben den Fahrer. Hinten saß ein junger Mann. Alles war für mich interessant. Ich blickte ängstlich und zweifelnd um mich. Der Fahrer redete sehr freundlich mit mir. Ich hatte Angst, dass er ein Spion war. Ich hörte nur zu, denn ich fürchtete eine Falle. Auch vor dem jungen Mann hatte ich Angst – vielleicht war er Wie ein Haci Pasdar. Womöglich würden sie nach einigen Metern anhalten und mich schlagen. Denn im Gefängnis hatte Ibrahimi gesagt, dass alle Leute uns hassen. Und der Angestellte im Entlassungszimmer hatte gesagt, dass wir beschattet würden.

Der Fahrer fragte höflich, wo ich denn nach dem Meydane Tohid hin wolle. Das kam mir verdächtig vor. Ich musste sehr vorsichtig sein. Vielleicht wissen sie, dass ich aus dem Gefängnis komme und sie verachten mich. Vielleicht sind sie vom Geheimdienst. Ich hatte keinen Mut, ihm ins Gesicht zu sehen. Ich guckte nach rechts und in die Umgebung und versuchte, möglichst wenig mit ihm zu sprechen. Deshalb sagte ich: „Nein, nur zum Meydan Tohid.  Er sagte: „Ich fahre nach dem Kreisverkehr nach rechts!“ Ich dachte, vielleicht weiß er, wo ich wohne, denn das war auch meine Richtung. Nach einigen Kilometern Fahrt sagte ich, dass ich dankbar wäre, wenn er mich an der Patrice Lumumba-Straße absetzen würde. Der junge Mann stieg vor dem Kreisverkehr aus. Ich wurde ruhiger.

Ich sah in das Gesicht des Fahrers. Er hatte ein schönes Gesicht und war gut gekleidet. Er lachte und sagte: Ich bin Wissenschaftler und arbeite in einer Firma. Ich habe eine Wohnung von meinem Vater und lebe dort mit Frau und Kindern. Alles ist sehr teuer geworden, das Fleisch, der Reis usw. Wenn ich zur Arbeit oder zu meiner Wohnung fahre, nehme ich oft Leute am Straßenrand mit und verdiene dadurch etwas Geld dazu. Ich arbeite Tag und Nacht.“ Ich hörte nur zu und dachte bei mir: Der Mann hat einen guten Job, Frau, Kinder, Wohnung und Auto und trotzdem ist er unzufrieden. Ich hätte gern gesagt, dass es so viele Menschen gibt, denen es schlechter geht, aber ich behielt es lieber für mich.

Er sah mich von der Seite an und bemerkte mein kurzes Haar und meinen Fünftagebart. Wahrscheinlich hielt er mich für einen Typen vom Geheimdienst. Er wechselte das Thema um 180 Grad. Er sprach über den Islam und die Segnungen der islamischen Revolution und dass Khomeini ein guter Staatsmann sei.

Ich überlegte mir, was mich wohl gleich in der Wohnung meines Schwiegervaters erwarten würde. Ich hatte so viele Fragen im Kopf. Ich schämte mich und fragte mich, warum dieser Mann wohl dachte, ich sei ein Spion oder ein Pasdar. Ich nahm mir vor, als erstes meinen Bart gründlich wegzurasieren. Seit fünf Jahren konnte ich das nicht mehr machen. Schön  glatt rasieren, mit einer scharfen Klinge! Ich antwortete also nicht. Der Fahrer sagte nichts mehr, denn er hatte Angst vor mir bekommen. Nach dem Meydane Tohid in der Patric Lumumbastraße ließ er mich raus. Ich wollte ihm 10 Tuman geben, aber er lehnte es ab. Ich dachte bei mir: „Manchmal ist ein Bart ganz gut, da kann man Geld sparen!“

 

 

Ich lief schnell über die Patrice-Lumumba-Straße zur östlichen, 28. Nebenstraße. Ich war nervös und fröhlich zugleich. Ich freute mich darauf, meine Kinder und die ganze Familie wieder in den Arm zu nehmen. Ohne Angst und Zeitdruck wollte ich ihre Gegenwart genießen. Ich hatte so viele Fragen im Kopf: „Wer hatte inzwischen geheiratet, wer hatte Kinder bekommen und was gibt es überhaupt Neues? Auf der anderen Seite hatte ich Angst: Pasdar Ibrahimi, der Chef der Schneiderei, hatte doch gesagt, dass alle anderen Leute nichts mehr mit uns zu tun haben wollten.

Ich sah, dass das Tor zum Haus meines Schwiegervaters offen war. In Teheran wird unterschieden nach Häusern, die im Süden einer Straße liegen und solche, die im Norden liegen. Das meines Schwiegervaters liegt im Norden. Man kommt durch ein Tor erst in die Garage und dann in einen Hof oder Garten, in dem es ein Wasserbecken gibt. Erst dann kommt man in die Wohnung. In der Nähe des Eingangs wurde ich langsamer.

Ich schaute in den Hof und sah zwei Frauen mit Kopftuch und Tschador, die ich nicht mit Namen kannte. Sie kochten an einem Gasherd im Hof.  Mir fiel ein, dass sie zur ferneren Verwandtschaft meiner Frau gehören mussten. Ich begrüßte sie freundlich, aber sie sagten nur kühl „Hallo“  und beschäftigen sich weiter. Ich sah niemand Bekanntes im Hof. Ich wurde traurig und dachte, dass Herr Ibrabimi wohl recht hatte.

Ich stellte mein Gepäck ab und setzte  mich an das Wasserbecken. Ich fragte mich, was wohl los war.

Plötzlich sah ich Reza, den großen Bruder meiner Frau, mit Schahram, seinem früheren Mitschüler. Sie kamen mit einer leeren Teekanne und wollten wieder ins Haus gehen. Als sie mich erblickten, fragten sie: „Seit wann bist du denn hier?“ und: „Wie bist du denn hergekommen?“ Sie warteten nicht auf meine Antwort, sondern nahmen mich in die Arme und küssten mich. Reza weinte. Ich sah ein Schaf, das an einen Baum gebunden war und alten  Salat fraß. Ich dachte mir: Ein unglückliches Schaf. Bestimmt soll es gleich geschlachtet werden. Es ist eine islamische Tradition, dass, wenn jemand heiratet, geboren wird, von Mekka oder woanders her zurückkommt, aus Freude ein Tier geschlachtet wird. Auch ich wurde ja gerettet, also sollte für mich ein Opfer dargebracht werden.  Ich hatte Glück gehabt, aber das Schaf würde kein Glück haben.

Reza hörte nicht auf, zu fragen: „Wann, wo, wie und auf welchem Weg bist du hergekommen?“ Er lachte und weinte gleichzeitig. Die beiden Frauen  verstanden endlich, dass der neu Angekommene Mann der erwartete Abbas war und nicht irgendjemand anderes. Sie weinten auch und sagten mit erhobenen Händen „Choda ra shockre! – Gott sei Dank!“ Ich konnte es kaum fassen, dass sie sich so freuten und dass Ibrahimi  Unrecht hatte.

Reza sagte: „Prima, stell dir vor, wir haben tagelang mit verschiedenen Autos und Kindern  und Süßigkeiten und Blumen in der Nähe des Gefängnisses gewartet, aber du kamst nicht.   Wir wollten zusammen mit dir nach Hause fahren. Hast du denn am Gefängnisausgang gar nicht geguckt? Hundert Meter rechts vom Gefängnistor haben wir auf dich gewartet!“ Es verschlug mir die Sprache. Ich konnte nur immer wieder „schade!“ sagen.  Denn ich hatte jahrelang Selbstzensur betrieben und nur sehr wenig gesprochen. Reza nahm meine Hand und sagte: „Gehen wir zu den anderen!“ Sahra, mit der Teekanne in  der Hand, sagte „Ihr braucht die Teekanne also nicht mehr, um am Gefängnis zu warten.“

Reza nahm meine Hand und zog mich zum  Auto von Schahram. Plötzlich schrie ich: „Nein, nein, ich komme nicht mit!“ Für die Frauen und Männer war das nicht normal, dass ich schrie wie ein Kind. Reza lachte und sagte: „Keine Angst! Wir fahren schnell dorthin und wieder zurück.“ Ich erwiderte: „Nein, ich komme nicht zurück zum Evin-Gefängnis.“ Schahram hatte mich verstanden: „OK, ich fahre allein zum Gefängnis und sage den anderen Bescheid.“

 

 

„Wie ein Verrückter, der aus dem Kaefig springt“ (Filmtitel)

Ich wurde ruhig und setzte mich mit Reza ans Wasserbecken. Reza rauchte hastig eine Zigarette und trank Tee. Sarah schenkte mir auch eine kleine Tasse ein. Er hatte eine schöne Farbe und guten Geschmack. So viele Jahre hatte ich keinen richtigen Tee mehr getrunken.

Reza fasste mich kumpelig um die Taille und sagte: „Erzähl, was dir passiert ist! Es war nicht so schlimm? Aber Hauptsache, es ist vorbei!“ Ich erinnerte mich an den letzten Film, den ich vor meiner Verhaftung mit Reza im Kino Schahre Farang gesehen hatte. „Lieber Reza! Ein Verrückter springt aus dem Käfig!!!“ Es war der Titel des Films.

Reza, Sahrah und Tante Batul lachten. Immer sahen sie auf meinen Mund. Sie warteten darauf, dass ich etwas aus dem schrecklichen Gefängnis erzählte. Sie wollten es später weitererzählen. Aber ich richtete meine Augen immer zum Tor und wartete ungeduldig auf die anderen. Einige Minuten später kamen  die Autos mit meinen Verwandten. Alle sprangen heraus und liefen auf mich zu in den Hof – wie bei einem Wettrennen!  Meine Frau, die Kinder, meine Mutter, Schwestern und zwei Brüder, die Eltern meiner Frau und die Geschwister meiner Frau und Onkel Esmaeil mit Frau und Kindern, Onkel Taghi mit Frau und Kindern und Tante Masume und Tante Talaat und zwei oder drei kleine Kinder und Habib und Hossein, die angeheirateten Männer der

Tanten meiner Frau kamen in den Hof, mit Blumen und Süßigkeiten in der Hand. Einige  Nachbarn meiner Schwiegereltern kamen auch herbei und freuten sich.

„HERZLICH WILLKOMMEN“ und alles Gute, vor allem gute Gesundheit! Tante Batul warf ein weißes Pulver aus Esfandkörnern (Raute) auf das offene Feuer und verteilte den weißen Rauch im Hof. Das ist ein altes Gesundheits-Ritual. Heute sagt man, damit kann der böse Blick gebannt werden. Meine Schwester lachte und weinte vor Freude und bot allen Süßigkeiten an.

Meine Mutter legte eine Hand auf meine Schulter und schickte mit der anderen Hand den Rauch in meine Richtung.  Sie sprach ein Dankgebet an Mohammed und seine Familie. Sie war fröhlich und weinte vor Freude. Sie nahm meine Frau und meinen Sohn in die Arme und schluchzte. Meine Tochter  Zenobar drehte sich weg. Sie hatte Angst und weinte.

Reza und  Mohammed luden uns ins Haus ein. Haci  Djafar, der Vater meiner Frau, war nervös und sagte zu den Frauen, sie sollten auf ihre Kinder aufpassen, damit sie vor Freude und all den Süßigkeiten keinen Unsinn machten. Ich küsste meine Mutter, meine Schwester, die Mutter meiner Frau und meine Kinder viele Male. Ich wollte gern auch meine Frau küssen, weil sie sich  mehr als alle anderen Leute Mühe gemacht hatte und so viele Schwierigkeiten wegen meiner Inhaftierung bekommen hatte. Aber ich schämte mich, weil so viele Leute da waren. Die Frauen schoben uns zueinander und riefen uns zu: „Küsst Euch doch!“

 

Wir schafften es aber nicht, weil ich plötzlich das Schaf sah. Seine Augen weinten, während wir lachten. Ich musste daran denken, dass das Schaf in einigen Minuten sterben musste. Deshalb schreckte ich zurück. Mein Bruder Hossein und Arash, mein jüngster Bruder, waren stolz und kamen lachend zu mir.Reza schlachtete das Schaf. Ich musste über die Blutlache gehen – das ist eine ganz alte Tradition. Danach gingen alle ins Haus. Die Frauen weinten und dankten Gott. Aber für die Männer ist das gegen ihre Ehre. Sie weinten nicht. Beim Teetrinken saß meine Mutter neben mir. Sie redete ganz leise mit mir. Sie sagte: „Seit dem 29. Schachriwar sind wir jeden Tag zum Gefängnis gefahren und haben auf dich gewartet. Wir fragten die Gefängniswärter, was los sei, aber wir bekamen keine Antwort. Am Besuchstag wollten wir dich besuchen, aber sie sagten uns, dass du an dem Tag herauskommen würdest.  Jeden Tag sind wir mit zwei Autos drei Autos zum Gefängnis gefahren. Diese sieben Tage waren schlimmer als die ganzen fünf Jahre, denn wir verloren alle Hoffnung. Wir befürchteten, dass wir dich als Leiche empfangen würden.“ Jede Sekunde sagte sie: „Gott sei dank!


Die Frau meines Onkels wohnte im gleichen Haus wie Mohammedi Gilani, der religiöser Richter und großer  Chef im Evin-Gefängnis war. Sie weinte auch und sagte, sie hätte nicht geglaubt, dass ich lebend das Gefängnis verlassen würde. Sie wusste, dass in meiner Anklageschrift 12 verschiedene Verbrechen standen, unter anderem, dass ich gegen die Regierung gehetzt haette.  Sie fragte mich leise: „Wolltest du wirklich ein Flugzeug stehlen?“

Ich dachte bei mir: „Wenn ich so viele Verbrechen begangen hätte, dann hätte man mich 12mal zum Tode verurteilen können. Also war es ein Wunder, dass ich noch lebte.“ Ich sagte leise zu ihr: „Nieder mit der islamischen Republik! Nieder mit Khomeini!“

 

 

Meine Tochter hängte sich bei mir ein und wollte mich nicht loslassen. Ich konnte mich kaum bewegen. Sie küsste mich und sagte: „Papa, du darfst uns nie mehr verlassen.“ Ich erwiderte: „Ich verspreche es dir, ich werde euch niemals allein lassen.“

Leider passierten später Dinge, die mich zwangen, meine Familie und mein Land trotz dieses Versprechens zu verlassen.

Ich hoffe, dass der Iran bald frei sein wird!

Veröffentlicht am 9. Mai 2011 in Literatur und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Kommentare deaktiviert für Leben im Sarg – geschrieben von Abbas / Abolhassan Rahimian.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: