Nasrin Sotoudeh’s Brief an ihren Sohn Nima

geschrieben auf Papiertaschentüchern. März 2011
With special thanks to Petra Plötz – for German translation International Campaign in support of Nasrin Sotoudeh facebook.com/NasrinSotoudeh

Mein lieber Nima,

es ist so schwer, Dir zu schreiben. Du bist so klein und unschuldig, dass ich es nicht übers Herz bringe, Dir zu erzählen, von wo ich Dir gerade schreibe. Wie könnte ich auch, wo Du doch keine Vorstellung hast, was ein Gefängnis bedeutet, oder eine Verhaftung. Verurteilung, Gerichtshof, Ungerechtigkeit, Zensur, Unterdrückung oder aber Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit für alle? Wie könnte ich, wenn all dies in Deinen unschuldigen Gedanken nicht existiert?

Wie kann ich zu Dir sprechen, zu Dir, als Kind und nicht als ob Du ein Erwachsener wärest? Wie kann ich Dir erklären, dass es nicht in meiner Hand liegt, zu entscheiden, zu Dir zurückzukehren. Könnte ich, würde ich sofort losfliegen, um bei Dir zu sein. Du hast Deinem Vater aufgetragen, mir zu sagen, dass ich nun meine Arbeit beenden und nach Hause kommen soll. Wie kann ich Dir sagen, dass es nicht meine Arbeit ist, die mich nicht in Deiner Nähe sein lassen wird? Das ist richtig, Nima, keine „Arbeit“ erlaubt es, mich solange von Dir fern zu halten. Keine „Arbeit“ der Welt hat das Recht, mich an den Punkt zu bringen, die Rechte meiner Kinder nicht mehr zu sehen. Keine „Arbeit“ der Welt hat das Recht zu entscheiden, dass ich in den letzten sechs Monaten meine Kinder nur ein einziges Mal für eine Stunde sehen durfte. Was soll ich Dir sagen, mein liebes Kind? Als Du mich in der letzten Woche fragtest, „Maman, wann kommst Du nach Hause?“, musste ich antworten während die wachhabenden Gefängniswärter mir gegenüber standen, „Meine Arbeit dauert noch etwas länger, ich bin erst später zurück“. Dann hast Du zum Einverständnis Deinen kleinen Kopf geschüttelt, meine Hände genommen und mit Deinen kleinen Lippen meine Hände geküsst.

Mein lieber kleiner Nima,

während dieser letzten sechs Monate habe ich zweimal aus tiefstem Inneren geweint. Meine ersten Tränen waren in Trauer um meinen Vater; es wurde mir nicht erlaubt, an seiner Beerdigung dabei zu sein. Das zweite Mal war an dem Tag, als ich Dich sehen durfte und nicht mit Dir nach Hause gehen konnte. Als ich in meine Zelle zurück musste, habe ich geschrien vor Schmerzen und Trauer.

Lieber Nima,

in Sorgerechtsverfahren verbieten Richter häufig ein Besuchsrecht für Väter von Kindern unter 3 Jahren für mehr als 24 Stunden, da kein Kind in diesem Alter den Schmerz einer Trennung von seiner Mutter überstehen könnte, ohne seelischen Schaden zu nehmen. Doch die gleiche Justiz ignoriert die Rechte eines Kindes, dessen Mutter verurteilt ist, gegen die nationale Sicherheit gehandelt zu haben.

Ich versuche gerade nicht zu beweisen, dass ich nie involviert war oder den Gedanken hatte, „ihre“ nationale Sicherheit in Frage zu stellen und nicht in ihrem Sinne zu handeln. Ich war nur immer einer Gegner der ungerechten Gerichtsurteil meinen Mandanten gegenüber, welches die Pflicht eines jeden Rechtsanwaltes ist, der die Interessen seiner Mandanten wahrt.

Ich versuche nicht einmal zu beweisen, dass mein Gerichtsurteil von 11 Haft nur basiert auf der Kritik ungerechter Urteile ohne fundierte Anklage, so wie eigentlich jeder verantwortungsbewusste Anwalt agieren sollte. Dies ist nicht notwendig; alles was ich je gesagt und getan habe, beweist, dass ich mich nie falsch verhalten habe.

Wie auch immer, ich möchte Dir sagen, dass ich nicht der erste Mensch bin, der so ungerecht verurteilt wurde, aber ich hoffe, der letzte zu sein, auch wenn dieser Wunsch von der Realität wahrscheinlich sehr weit entfernt ist.

Auch muss ich gestehen, dass ich zufrieden bin, zusammen mit meinen Mandanten verhaftet zu sein, denen ich während der Prozesse nicht mehr helfen konnte. Es hilft mir sehr viel und tut mir gut, diese Gedanken zu haben.

Als Frau, bin ich in der Tat stolz, dass ich so viele Menschenrechtsaktivisten und Demonstranten gegen das Wahlergebnis verteidigen durfte. Als Ihre Anwältin akzeptiere ich es mit Würde und Freude, dass meine Haftstrafe länger ist als ihre. Now, women’s ceaseless struggle has proven that they cannot be ignored by neither regime nor opposition.

Ich habe eine Bitte an Dich, die mir sehr schwer fällt. Würdest Du betten für meinen Richter, den Staatsanwalt und für den Gerichtshof. Bete für sie, dass sie Gerechtigkeit in ihren Herzen und Gedanken bewahren, die ihnen Seelenfrieden bringen wird; so können wir vielleicht eines Tages auch in Frieden leben, wie viele andere Länder auf dieser Welt.

Mein lieber Sohn, Fälle wie meiner haben nichts mit der Qualität der Rechtsanwälte zu tun. Meine Rechtsanwälte haben ihr Bestes gegeben. Es sind unsere Verletzbarkeit und Menschlichkeit, die unter der bizarren Maschinerie von Gerichtsbarkeit hier in diesem Land zerstört werden. Diese Verletzbarkeit, Menschlichkeit und Unschuld sind unser Faustpfand auf einen Sieg in diesem Spiel. Dies ist der Grund, weshalb ich Dich bitte, mit Deiner kindlichen Unschuld zu beten für all die unschuldigen Gefangenen und nicht nur die politischen Gefangenen, die zu Unrecht im Gefängnis sind.

Ich hoffe, dass bessere Tage kommen werden.

Maman Nasrin
März 2011

deutschsprachige Quelle: https://www.facebook.com/notes/nasrin-sotoudeh/nasrin-sotoudehs-brief-an-ihren-sohn-nima-geschrieben-auf-papiertaschent%C3%BCchern-m/225506377475355

Originalquelle: http://www.feministschool.com/

Veröffentlicht am 20. Mai 2011 in Empfehlungen, Politik und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Kommentare deaktiviert für Nasrin Sotoudeh’s Brief an ihren Sohn Nima.

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