Minderheiten im Iran: Von der Uni ins Gefängnis

Wie Anhänger religiöser Minderheiten im Iran an Bildung und beruflichem Fortkommen behindert werden, beschreibt Adib Reyhani aus der Wiener Bahai-Gemeinde, am Beispiel eines jungen Iraners.

An einem Sonntag im vergangenen Mai wird Naim, ein junger iranischer Student, plötzlich und ohne Vorwarnung von zu Hause verschleppt und gemeinsam mit 15 weiteren Studenten und Professoren in ein Gefängnis nahe Teheran gebracht. Das berüchtigte Evin-Gefängnis ist jenen vorbehalten, die das iranische Mullah-Regime am meisten fürchtet. Üblicherweise sind es politische Gegner und kritische Journalisten, die hier eingesperrt werden. Familienmitgliedern oder Anwälten wird selten der Zugang zu den Gefangenen gewährt. Folterungen sind an der Tagesordnung. Um herauszufinden, was Naim und seine Kollegen falsch gemacht haben, um hierher gebracht zu werden, muss man einige Jahre zurückblicken. Nach der islamischen Revolution 1979 machte sich der totalitäre Gottesstaat, unter der Führung der Ayatollahs, umgehend daran, die persönlichen Freiheiten der Bevölkerung stark einzuschränken. Allen voran litt die freie Religionsausübung unter dem Joch der Machthaber.

Ausschluss aus der Gesellschaft

Nachdem zahlreiche Hinrichtungen von Andersgläubigen in den frühen 80er-Jahren für internationales Aufsehen sorgten, hat das Regime mit den Jahren gelernt, subtiler zu agieren. Systematischer Ausschluss aus öffentlichen Ämtern, das Verbot der selbstständigen Geschäftstätigkeit oder Einschränkungen der Reisefreiheit gehören zu den Werkzeugen der Regierung. Wie keine andere Gruppe sind die Anhänger der Bahai-Religion, der größten religiösen Minderheit des Landes, Opfer dieser Maßnahmen. In einem muslimischen Land, in dem religiöse Organe eine Vielzahl von gesellschaftlichen und sozialen Funktionen übernehmen, ist es ihnen verboten, sich zu organisieren, Vertretungsorgane zu wählen oder Versammlungen abzuhalten. Razzien und Verhaftungen sind für die Bahai zum Alltag geworden.

Verbot zu studieren

Für die Bahai, die an die Gleichberechtigung von Wissenschaft und Religion glauben und somit den größten Wert auf die Erziehung und Bildung von Kindern und Jugendlichen legen, beinhalten diese Diskriminierungen eine noch viel tiefer greifende Komponente. Seit 1981 ist es ihnen nämlich verboten, eine Universität zu besuchen. Die herrschende Staatsdoktrin im Umgang mit den über 300 000 Bahai-Anhängern im Land sieht vor, dass die Bahai von Universitäten verwiesen werden, entweder im Aufnahmeverfahren oder während des Studiums, sobald bekannt wird, dass sie Bahai sind. Dies belegt das sogenannte Golpaygani-Memorandum, das auf Antrag des Obersten Führers, Ali Khamenei, und des damaligen Präsidenten Rafsanjani durch den Obersten Rat der Iranischen Kulturrevolution formuliert wurde. Es dient als Grundlage für zahlreiche Entscheidungen, Bahai aus Universitäten zu entfernen. Um die Folgen einer solch verheerenden Einschränkung abzumildern, gründete eine Reihe von Professoren 1987 das »Bahai Institute for Higher Education« (bihe).

Universität 2.0

So ist auch Naim kein Student an einer öffentlichen Universität, sondern machte seinen Abschluss in Informatik am bihe, was ihm schließlich zum Verhängnis wurde. Seit seiner Gründung arbeiten das bihe und seine Mitarbeiter in einem gefährlichen und unterdrückenden Umfeld. Obwohl sie ohne viel Aufsehens und an diskreten Orten ihren Unterricht abhalten, wurden sie bisher Opfer zahlreicher Razzien, Verhaftungen und Konfiszierungen. Die iranische Regierung weigert sich strikt, die vom bihe verliehen Abschlüsse anzuerkennen und blockiert somit den Zugang der Studenten zum Arbeitsmarkt.

Über 200 Professoren und Wissenschaftler, die Aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Bahai-Religion von den Universitäten entlassen wurden, bilden das Rückgrat des bihe. Ergänzt wird das Kollegium durch eine immer größer werdende Zahl von Professoren aus der ganzen Welt, die sich anhand  einer Reihe moderner Kommunikationsmittel wie Online-Lernplattformen oder Skype beteiligen. Was die Professoren in den vergangen zweieinhalb Jahrzehnten geschafft haben, nämlich unter den schwierigsten Bedingungen ein Bildungssystem aufzubauen, ist bemerkenswert. Mehr als 700 Lehrveranstaltungen aus Bereichen wie Persischer Literatur oder angewandter Chemie werden angeboten. Rund 250 Erstsemester können jedes Jahr aus 17 Bachelor-Studien und nach ihrem Abschluss aus 10 Masterstudiengängen wählen. Dass das Studium am bihe höchsten internationalen Qualitätsstandards entspricht, beweisen die mehr als 60 internationalen Universitäten, die die bihe-Abschlüsse anerkennen. Eine davon ist ab diesem Semester auch eine Universität in Österreich [Uni der Redaktion bekannt]. Naim, der während seines Master-Studiums unter anderem auch von einem Informatik-Professor dieser Universität betreut wurde, bekommt jetzt die Möglichkeit, hier sein Doktoratsstudium zu absolvieren. Viele seiner Kollegen haben jedoch weniger Glück. Ein Revolutionsgericht verurteilte sieben der 15 im Mai verhafteten Bahai zu Haftstrafen von jeweils vier bis fünf Jahren.

Internationaler Aufschrei

Anfang Oktober protestierten über 40 anerkannte Philosophen und Theologen aus sechzehn Ländern gemeinsam in einem offenen Brief gegen die Verweigerung des Rechts auf Bildung im Iran. Während der Prozesse gegen die inhaftierten Akademiker forderten die beiden Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu und Ramos-Horta die iranische Regierung auf, die Inhaftierten umgehend freizulassen. Der österreichische Vizekanzler und Außenminister Michael Spindelegger hatte bereits Anfang Juni an den Iran appelliert, die Diskriminierung der Bahai zu beenden und ihre Rechte zu respektieren. Das iranische Regime zeigt sich bisher jedoch wenig beeindruckt und es gilt abzuwarten, ob es die Tore der Universitäten für die Bahai öffnet.

Quelle: Training

Veröffentlicht am 11. Februar 2012 in Gesetze, Medien, Meinungen, Politik und mit , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

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