Archiv für den Tag 4. April 2012

Henryk M. Broder: Günter Grass – Nicht ganz dicht, aber ein Dichter (Die Welt)

Günter Grass hatte schon immer ein Problem mit Juden, aber so deutlich wie in einem neuen „Gedicht“ mit dem Titel „Was gesagt werden muss“ über Israel und den Iran hat er es noch nie gesagt. Von Henryk M. Broder

Günter Grass hat ein Gedicht geschrieben. Es soll am Mittwoch in drei großen Tageszeitungen zugleich erscheinen. Der „New York Times“, der „La Repubblica“ und der „Süddeutschen Zeitung“. Das Gedicht heißt: „Was gesagt werden muss“ und beginnt mit diesen Worten:

„Warum schweige ich, verschweige zu lange …“

Der unbefangene Leser könnte auf die Idee kommen, Grass wolle endlich erklären, warum er sein Gastspiel bei der Waffen-SS so lange verschwiegen hat. Aber dem ist nicht so. Über diese Phase seines Lebens ist der dichtende Moralist längst hinaus. Diesmal geht es ihm um mehr, um das nackte Überleben:

„Warum schweige ich, verschweige zu lange, was offensichtlich ist und in Planspielen geübt wurde, an deren Ende als Überlebende wir allenfalls Fußnoten sind.“

Das „behauptete Recht auf den Erstschlag“

Grass will nicht mehr schweigen. Was ist der Anlass der logorrhoeischen Explosion? Das „behauptete Recht auf den Erstschlag“ eines namenlosen Landes, das den Iran bedroht, der seinerseits von einem „Maulhelden“ regiert wird.

„Doch warum untersage ich mir, jenes andere Land beim Namen zu nennen, in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten – ein wachsend nukleares Potential verfügbar aber außer Kontrolle und keiner Prüfung zugänglich ist?“

Grass hat sich Schweigen verordnet, weil er nicht riskieren möchte, als „Antisemit“ gebrandmarkt zu werden.

„Dieses allgemeine Verschweigen eines Tatbestandes, dem sich mein Schweigen untergeordnet hat, empfinde ich als belastende Lüge, auch als Zwang, der Strafe in Aussicht stellt, sobald er mißachtet wird; das Verdikt ‚Antisemitismus‘ ist geläufig.“

Verbales Vorspiel zu einem Tabubruch

Es ist also das übliche verbale Vorspiel zu einem Tabubruch, der mit der Verantwortung des Dichters, eine Katastrophe zu verhindern, begründet wird. Bei Grass hört sich das so an:

„Jetzt aber, weil aus meinem Land, das von ureigenen Verbrechen, die ohne Vergleich sind, mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird, wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert, ein weiteres U-Boot nach Israel geliefert werden soll, dessen Spezialität darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe dorthin lenken zu können, wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist, doch als Legende von Beweiskraft sein will, sage ich, was gesagt werden muß.“

Grass hat schon immer zu Größenwahn geneigt, nun aber ist er vollkommen durchgeknallt. Ganztätig mit dem Verfassen brüchiger Verse beschäftigt, hat er keine der vielen Reden des iranischen Staatspräsidenten mitbekommen, in denen er von der Notwendigkeit spricht, das „Krebsgeschwür“, das Palästina besetzt hält, aus der Region zu entfernen. Denn das ist nur „Maulheldentum“, das man nicht ernst nehmen muss, so wie die Existenz einer einzigen Bombe „unbewiesen“ ist, bis sie zum Einsatz kommt. In dem Falle würde Grass um die Opfer trauern und den Überlebenden Trost spenden, denn er fühlt sich dem Land Israel „verbunden“.

Kompletter Artikel

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Gedicht zum Iran-Konflikt: Was gesagt werden muss

Von Günter Grass
Warum schweige ich, verschweige zu lange,

was offensichtlich ist und in Planspielen

geübt wurde, an deren Ende als Überlebende

wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,

der das von einem Maulhelden unterjochte

und zum organisierten Jubel gelenkte

iranische Volk auslöschen könnte,

weil in dessen Machtbereich der Bau

einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,

jenes andere Land beim Namen zu nennen,

in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten –

ein wachsend nukleares Potential verfügbar

aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung

zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,

dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,

empfinde ich als belastende Lüge

und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,

sobald er mißachtet wird;

das Verdikt ‚Antisemitismus‘ ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land,

das von ureigenen Verbrechen,

die ohne Vergleich sind,

Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,

wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch

mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,

ein weiteres U-Boot nach Israel

geliefert werden soll, dessen Spezialität

darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe

dorthin lenken zu können, wo die Existenz

einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,

doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,

sage ich, was gesagt werden muß.

Warum aber schwieg ich bislang?

Weil ich meinte, meine Herkunft,

die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,

verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit

dem Land Israel, dem ich verbunden bin

und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst,

gealtert und mit letzter Tinte:

Die Atommacht Israel gefährdet

den ohnehin brüchigen Weltfrieden?

Weil gesagt werden muß,

was schon morgen zu spät sein könnte;

auch weil wir – als Deutsche belastet genug –

Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,

das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld

durch keine der üblichen Ausreden

zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,

weil ich der Heuchelei des Westens

überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,

es mögen sich viele vom Schweigen befreien,

den Verursacher der erkennbaren Gefahr

zum Verzicht auf Gewalt auffordern und

gleichfalls darauf bestehen,

daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle

des israelischen atomaren Potentials

und der iranischen Atomanlagen

durch eine internationale Instanz

von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,

mehr noch, allen Menschen, die in dieser

vom Wahn okkupierten Region

dicht bei dicht verfeindet leben

und letztlich auch uns zu helfen.

 

Quelle: Süddeutsche Zeitung

Iran: Using talks to buy time

The next round of talks between Iran and six world powers — the US, China, Russia, France, UK and Germany (P5+1) – is scheduled to take place mid-April, 2012. [1] While the international community hopes to resolve its concerns about Iran’s nuclear activities, [2] experts and officials fear that, once again, Iran’s leaders will use the talks merely to play for time as they continue to advance their nuclear weapons program.

Sanctions persuade Iran to accept negotiations proposal

Negotiations have been frozen since January 2011, when talks in Istanbul ended in failure.

Iran was invited to rejoin the talks in October 2011, but only responded in February 2012, [3] after the EU and the US had passed unprecedented sanctions against the regime.

Over the years, Iran has rejected the IAEA and the P5+1’s proposals designed to allow for the resumption of negotiations, including “Double Time Out” in 2007 and “Freeze for Freeze” in 2008. The regime has not responded positively to the Obama administration’s overtures and it rejected a 2009 proposal meant as a confidence-building measure to transfer most of its 3% enriched uranium stockpile to a foreign country in return for the provision of 20% enriched uranium fuel rods for the Tehran reactor. [4] Lies den Rest dieses Beitrags

tehranbureau: Daughters of Afghanistan: Literary Voices of Change

by ARIA FANI

DaughtersofAfghanistan1.jpg

Every one calls you to his own / I call you only to yourself 

–Rumi

Classical Persian verse constantly evokes Afghanistan and its glorious history. Poets such as Rumi (from Balkh), Sanai (from Ghazni), and Jami (from Ghor) are still celebrated today. In the province of Balkh alone, there are several literary groups that serve poets and poetry enthusiasts alike, including the Partow Cultural Foundation, the Poets and Writers Organization of Balkh, and the Parwaz Literary Association. Zuzanna Olszewska, a translator of contemporary Afghan verse, writes that „poetry composition and recitation has been and continues to be the most highly prized and widely practiced art form among Afghans of all walks of life, both literate and illiterate.“ Honoring and emulating the traditions of their culture, young Afghans are establishing their own distinct voices.

Contemporary Afghan poetry reflects the country’s sociopolitical circumstances. It echoes the anxieties and realities of a postwar society and the ambitions and aspirations of a generation that attempts to follow the world in the midst of a long, violent struggle colored by religious fanaticism and foreign occupation. Verse after verse, the quest for human dignity and long-enduring peace is heartfelt. Lies den Rest dieses Beitrags

The Latest from Iran (3 April): Protesting Discrimination

Young Iranian men criticise racism against Afghans, with one of the signs declaring, „I am also an Afghan“ (see 0610 GMT)


1840 GMT: Political Prisoner Watch. Student activist Peyman Aref has been released from prison.

Aref, held on six occasions since the disputed 2009 Presidential election, was released in October 2011 after serving a year and receiving 74 lashes, but he was seized again in mid-March.

1805 GMT: Tough Talk of the Day. Masoud Jayazeri, the deputy head of the Joint Chiefs of Staff, has declared, „In the face of any attack, we will have a crushing response. In that case, we will not only act in the boundaries of the Middle East and the Persian Gulf, no place in America will be safe from our attacks.“

Jayazeri added that Iran would not strike any country first. Lies den Rest dieses Beitrags

taz: EINE GESCHICHTSVERGESSENE FRIEDENSERKLÄRUNG- Hört nicht die Signale

KOLUMNE VON MICHA BRUMLIK

Um erst gar keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Der Autor dieser Zeilen ist entschieden gegen einen von den USA geduldeten, von Israel ausgeführten Luftangriff auf die im Bau befindlichen iranischen Atomanlagen!

Genau deshalb aber, weil Sanktionen der einzige Weg sind, dies zu verhindern, ist die in der Süddeutschen Zeitung vom 31. 4. veröffentlichte, von inzwischen 1.767 Personen unterzeichnete „Erklärung aus der Friedensbewegung und der Friedensforschung“ als das namhaft zu machen, was sie ist: als zwar argumentativ auftretender, gleichwohl beschämender Ausdruck von Geschichtsvergessenheit und politischer Dummheit.

Hauptargument der Erklärung, die sich gegen alle Sanktionen wendet, ist die Annahme, dass sich „militaristische Strömungen in der Islamischen Republik“ dadurch legitimiert fühlen könnten, mit der Schließung der Straße von Hormus zu drohen.

Micha BrumlikMicha Brumlik

ist Professor für Erziehungswissenschaft in Frankfurt am Main, Publizist und Autor der taz.

Foto: taz

Die Erklärung unterstellt, dass sich das iranische Volk gegen jede Bedrohung von außen wehrt: „Israels Atomarsenal und die militärische Einkreisung Irans durch die USA, die inzwischen in nahezu allen seinen Nachbarländern Militärbasen errichtet haben“, so der Wortlaut, „sind wichtige Ursachen für die Rüstungsanstrengungen Irans.“

Dass sich diese Nachbarländer durch die revolutionäre Außenpolitik der Islamischen Republik bedroht fühlen, erwägt die „Erklärung“ ebenso wenig, wie sie den einzigen Grund für die israelische Atomwaffen, die Verweigerung der Anerkennung durch einige seiner Nachbarn, auch nur andeutet.

Dröhnendes Schweigen

Um auch hier keine unnützen Debatten auszulösen: Der Hinweis, dass Präsident Ahmadinedschads Holocaustleugnung und sein Wunsch, Israel von der Landkarte zu löschen, ob seiner Schwächung bei den sogenannten Wahlen gegenstandslos geworden sei, ist unerheblich. Die unbestritten höchste Instanz des Landes, Revolutionsführer Chamenei, hat Israel undementiert als „Krebsgeschwür“, das zu beseitigen sei, bezeichnet. Dass die „Erklärung“ diesen Umstand mit dröhnendem Schweigen übergeht, beweist nur, wie geschichtsvergessen ihre Verfasser sind.

Sechs Millionen Juden Europas mussten mit ihrem Leben dafür bezahlen, dass schwammige Andeutungen dieser Art nicht ernst genommen wurden. Ende Januar 1939, mehr als ein halbes Jahr vor dem Überfall auf Polen, gab Hitler zu Protokoll: „Wenn es dem internationalen Finanzjudentum (…) gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen (…), dann würde das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.“

Eine die Tragik der Situation ernst nehmende Stellungnahme hätte wenigstens einräumen können, dass derlei Ankündigungen, hier die der Mullahs, schon allein deshalb exekutiert werden können, weil sie bereits einmal exekutiert worden sind.

Mindestens so beschämend ist, wie die „Erklärung“ die ins Exil getriebene, auf Demokratie hoffende iranische Emigration verunglimpft: Warnt sie doch davor, dass in den USA „maßgebliche Kräfte und ihre exiliranischen Mitläufer den Atomkonflikt für einen Regimechange zu missbrauchen suchen“.

„Exiliranische Mitläufer“! Kaum anders hatten dem Nationalsozialismus hörige Intellektuelle, etwa Gottfried Benn, die deutsche Emigration in Frankreich nach 1933 verhöhnt. „Regimechange! als Gefahr – was in aller Welt spricht in den Augen einer „Friedensbewegung“ gegen die Ablösung einer klerikalfaschistischen Diktatur?

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