Archiv für den Tag 26. Januar 2013

Ich klage die Geschichte an

Ich klage die Geschichte an

von Sina Mohtadi*

Heute Nachmittag, ich hatte gerade Besuch, reichte mir meine Mutter das Telefon.

„Ja, bitte?“, frage ich.

„Iraj Eslahi von der Staatsanwaltschaft, Abteilung für Strafvollzug. Ich
fordere sie auf, sich umgehend zum Strafvollzug zu melden!“ tönt eine
Stimme.
Ich frage: „Ist das Urteil denn bestätigt?“
Die Stimme sagt: „Ja, Ihre Akte liegt vor.“
Ich frage: „Wann soll ich kommen?“
Die Stimme sagt: „Unverzüglich!“
Ich sage: „Ich kann erst in einer Woche, vorher geht es nicht.“
Die Stimme hält kurz Rücksprache und sagt dann: „Kommt nicht in Frage,
spätestens Dienstag nächster Woche.“
Ich sage: „Das geht nicht.“
Nach einer kurzen Verhandlung einigen wir uns schließlich auf den
Samstag, 18. Shahriwar (9. September).
Alina1 steht neben mir. Sie war während des Gesprächs dazugekommen.
Nach Beendigung des Telefonats fragt sie: „Wer war das?“
Ich sage: „Mein Urteil ist rechtskräftig.“
Alina weint laut auf und schreit: „Nein, du darfst nicht gehen, du musst
fliehen! Warum du? Warum wieder einer aus unserer Familie? Was soll ich
nur machen? …“
Ich versuche sie zu beruhigen und spreche mit ihr, um ihre Fragen zu
beantworten.
Nach einer Viertelstunde beruhigt sie sich ein wenig. In ihrer Hilfslosigkeit
sagt sie nur: „Papa, bitte, ich bitte dich, gehe nicht.“
Noch hilfloser als sie antworte ich: „Meine Liebe, ich will nicht gehen, aber
es geht nicht anders!“
Auf ihr wiederholtes Flehen antworte ich nicht mehr. Ich halte ihre Hand
und streichele ihren Kopf …

1 Alina ist die Tochter von Sina.

* Zum Schutz aller Beteiligten, die ohnehin gefährdet genug sind, wurden alle Namen geändert.


Ich erinnere mich, wie ich vorgestern raus gegangen bin, um bei der Bank
etwas zu erledigen. Nach einer halben Stunde kam ich zurück und sah, dass
Kamran geweint hatte. Alina erklärte: „Er hat geweint und immer wieder
nach dem Onkel gefragt, warum er nicht komme. Ob er auch im Evin2 sei.“
Im letzten Monat fragte mich Kamran immer, wenn ich das Haus verließ:
„Onkel, kommst du zurück?“ Bis heute habe ich immer gesagt: „Ja, mein
Lieber, ich komme zurück.“ Ich weiß nicht, was ich jetzt sagen soll. Soll
ich ihm die Situation erklären oder nicht?
Ich denke, möglicherweise wird sich morgen die Nachricht über mein
Urteil über E-Mails und auf Internetseiten verbreiten. Das Gefängnis
bekommt die Mitteilung, dass ich mich am 18. Shahriwar dort zu melden
habe. Eine weitere Seite in der Geschichte dieses Landes, eine Seite in der
Geschichte der Bahá’í-Religion: „Sina Mohtadi wurde wegen seines
Glaubens inhaftiert – wie sein Bruder, wie seine Schwägerin, wie viele
andere.“
Ich erinnere mich an den Artikel von Dr. Dawodi „Die Geschichte klagt
an“ an die iranische Bevölkerung und die Obrigkeit von 1980, der Zeit als
die Unterdrückungen und Grausamkeiten gegen die Bahá’í-Gemeinde
anfingen, täglich zuzunehmen. Ich selbst war damals ein junger Mann. Der
Stil und der Inhalt des Artikels, der die Gräuel und Gewalttaten gegen die
Bahá’í darstellte, hatten mich sehr berührt. Aber jetzt will ich sagen: „Ich
klage die Geschichte an“, weil sie lediglich die Ereignisse und Vorfälle
aufzeichnet, nicht die Ängste, die Hoffnungslosigkeit und die Sorgen. Die
Gefühle der Menschen finden keine Beachtung.
Shahin3 weinte, als er den „Brief des Himmels“ las. So reagierte er auf
diesen Brief, den ich nach der Verhaftung von Hekmat4 geschrieben hatte.
Er schrieb mir die folgenden Worte, von denen ich glaube, dass sie sehr gut
meine Gedanken wiedergeben. Ich gebe diese Worte weiter in der
Hoffnung, dass diese Zeilen ihren Platz in der Geschichte finden werden
und Historiker auch diese Sicht berücksichtigen. Vielleicht ist es auch die
Aufgabe von Künstlern – etwas, das wir schon in den 1970er Jahren
erfolglos versucht hatten.


2 Evin: das Gefängnis in Norden von Tehran.
3 Shahin ist der Bruder von Sina, der früher als er inhaftiert worden ist.
4 Hekmat ist die Frau von Shahin und Schwägerin von Sina. Ihr Sohn Kamran war nach der Verhaftung
seiner Eltern unter der Obhut von seinem Onkel, Sina.

„Du hast geschrieben, dass niemand die Leiden von Alina und
Kamran aufschrieb; niemand weiß, wie oft sie geweint haben und
noch weinen. Ja, wir sind so vom Verlauf der Ereignisse und den
traurigen Vorfällen betroffen, dass kein Platz für die Gefühle der
Menschen mehr bleibt. Ich glaube, wir werden nicht klug aus der
Erfahrung. Das gebrannte Kind muss sich erst erneut verbrennen.
Entweder vergessen wir diese Vorfälle oder wir protokollieren sie
lediglich; Aufzeichnung von Erlebnissen ohne Gefühl. Wir vergessen
den Schmerz des Brennens. Wir glauben, wir könnten diese
Ereignisse ungeschehen machen oder sie schwänden mit der Zeit
immer mehr, bis sie sich im Leben verlieren und nichts mehr davon
bleibt.
Wenn aber diese Ereignisse verallgemeinert werden, dann
entwickeln sie sich zur Geschichte – der Geschichte meines und
unseres Lebens und der unserer Stadt und schließlich zu einer
einfachen Aneinanderreihung von Vorfällen und Geschehnissen.
Statistiken und Ereignissen ohne Gefühl. Wir nehmen sie dann nur in
Gedanken auf. Wir halten sie sogar für erlogene, übertriebene oder
lückenhafte Berichte.
Keines unserer Urteile berücksichtigt die Einsamkeit, die
Empfindungen und die Ängste. So bleibt das Leben oder die
Menschlichkeit verborgen. Wir lernen nicht daraus und unsere
Vergangenheit kann nicht als Lampe dienen, die uns den Weg der
Zukunft erhellt.
Vielleicht hätten wir anders gelebt, wenn wir die Vorfälle und
Geschehnisse in Verbindung mit dem Leben und der Menschlichkeit
gesehen hätten. Dann wäre die Geschichte ein Mahnspiegel, in dem
wir uns – den Menschen – sehen würden. Ich denke, wenn heute ein
Mensch diese tragischen Ereignisse betrachtet, kann er sich in
diesem Spiegel nicht sehen. Auf der einen Seite stehen die Gefühle
und Hoffnungen, auf der anderen Seite Statistiken, Zahlen und
Vorfälle. Beide Seiten sind wie zwei Welten, jede davon steht für
sich.
Wenn diese beiden Welten miteinander verbunden wären, und man
bei der Aufzeichnung der Geschichte auch die Gefühle aufzeichnen
würde, wie das Weinen von Alina und Kamran, wie das Zittern
meiner Knie und deiner Knie und viele andere solcher Dinge,
bräuchte sich die Geschichte nicht zu wiederholen.
Diese Wiederholung trifft unsere Familie: die Hinrichtung des Vaters
im Jahre 1984/85, unsere Verhaftung als Jugendliche, Deine
Verhaftung mit Parvaneh und der vierjährigen Alina im Jahre

2004/05, meine Verhaftung mit Hekmat und dem zweijährigen
Kamran.
Verwunderlich ist das so junge Alter der Kinder. Ich hoffe, dass die
Aufzeichnung der Fragen von Alina und vielleicht auch der Fragen
von Kamran das Rad der Wiederholung der Geschichte stoppt.“ 5
Außer meinem Vertrauen in Gottes Gunst und der Gewissheit, dass Er
seine Diener nicht allein lässt, der unverzüglichen Unterstützung und Hilfe
durch unsere Familie und unsere Freunde, die der Schatz unseres Lebens
sind, wofür ich aufrichtig dankbar bin, muss ich aber gestehen, dass ich
besorgt bin. Ich bin besorgt um Alina. Wer wird die Klage ihres Herzens
hören und ihre nächtlichen Tränen trocknen, ohne sie mit Ratschlägen zu
belasten und ihr zu sagen: „In die Nähe dieses Freudenfestes, bringt dich
der Kelch des Leides“, was ihren Kummer nur vergrößert? Wer wird jetzt
Kamran in die Arme nehmen und ihn anstelle seines Vaters und seiner
Mutter, seiner Tante und nun auch seines Onkels küssen? Etwas, was ich in
diesen zwei Monaten immer gemacht habe; er lässt sich doch von
niemandem liebkosen, nicht einmal von meiner Mutter.
Ich bin sehr traurig und resigniert und ich bedauere sehr, dass man in
meiner Heimat die besonderen Erfahrungen von Shahin, Hekmat und mir
nicht nutzt. Vielmehr wirft man uns vor, die Sicherheit dieser Nation zu
gefährden. Wegen unseres Glaubens wurden wir inhaftiert. Die Akten, die
über uns angelegt worden sind, hat der Richter nicht einmal gelesen. Die
Aussagen des Richters waren voller Fehler; er behauptete über mich, ich sei
nach Kanada gegangen und habe in iranischen Kliniken Beratungsdienste
geleistet. Das betrifft doch Shahin! Er hat in Kanada studiert … Auch der
Richter des Revisionsprozesses hat mit Sicherheit die Akten nicht gelesen.
Trotz all dem haben wir in diesen Jahren versucht, unsere Erfahrungen und
unsere Ausbildung zum Wohle aller Menschen zu nutzen – unabhängig von
Glauben und Überzeugung. Wir haben uns darum bemüht, dass die
Menschen Ruhe, Freude und Zufriedenheit finden; wir wollten ihnen eine
Unterstützung in ihrem Leben sein. Unsere Arbeiten zur Psychologie, über
die Erziehung der Bahá’í-Jugend an dem Bahá’í-Institut für Höhere
Bildung, über Lehrstoffe wie individuelle Beratung, gewaltfreie
Kommunikation, Ausbildung moralischer Normen vor der
Familiengründung, Sexualerziehung von Kindern und Jugendlichen,
positive Beziehungen in der Ehe – die Übersetzungen und der Satz solcher
Bücher – wurden alle vom Ershad-Ministerium [d.i. das Ministerium für


5 Antwort von Shahin auf Sinas Brief

Kultur und Islamische Rechtleitung, das für Zensuren zuständig ist]
bestätigt und veröffentlicht oder von der Organisation für Sozialwesen
bewilligt. Und wir haben alle dies mit reiner Absicht, aufrichtig und ohne
Vorbehalte getan. […]
Haben wir wirklich verdient wegen dieser positiven, hilfreichen Aktivitäten
in einer Zelle inhaftiert zu sein? Müssen Kamran und Alina die Wärme und
Liebe ihrer Eltern entbehren? Muss meine Mutter in ihrem hohen Alter, in
dem sie eigentlich den Ruhestand genießen und die Früchte jahrelanger
Erziehung und Opferbereitschaft genießen soll, ihre Kinder durch das
Gitter der Gefängniszellen sehen und ihre Enkel groß ziehen?
Ich hoffe, dass einer der Freunde eine Internetseite oder einen Link
einrichtet, um diese Dinge bekannt zu machen. Ich möchte lieber, diese
zehn Tage, die ich noch in Freiheit habe, mit Alina und Kamran
verbringen. Das ist sowohl für sie als auch für mich besser, denn ich werde
die nächsten fünf Jahre dieser Gnade beraubt sein.
Shahin hat vor seiner Verhaftung am 15. Shahriwar (6. September) einen
Brief an Kamran und das iranische Volk geschrieben, den er mir und einem
lieben Freund gab. Ich bewahre ihn jetzt seit einem Jahr auf. Nun möchte
ich diesen Brief hier anfügen. Vielleicht wird er für künftige Generationen
und für die Geschichte von Nutzen sein.
„An Kamran und das iranische Volk!
Heute Abend verkünde ich allen Menschen in meinem Haus, dass ich
Bahá’í bin. Ich habe am Bahá’í-Institut für Höhere Bildung studiert
und gelehrt. Meine Ausbildung als hochrangiger Berater habe ich in
Kanada bekommen. Seit 2004 habe ich mit etwa 2.000 Personen über
das Modell „Gewaltfreie Kommunikation“ beraten. Dieses Modell
habe ich unter der Bezeichnung: „Die Sprache des Lebens“
unterrichtet. Ich habe das Material übersetzt und mit der
Genehmigung des Ershad-Ministeriums veröffentlicht.
Mit Stolz schaue ich auf meine Vergangenheit. Ich freue mich über
das, was ich geleistet habe und dem iranischen Volk geben konnte.
Die Peitschenschläge, die mein Vater im Jahre 1983 im Gefängnis
erlitt, waren im Grunde die Trommelschläge, die in der Gesellschaft
widerhallten. Das Verbot, an der iranischen Universität zu studieren,


führte zum Gegenteil; ich absolvierte als hochrangiger Fachmann das
Studium der Psychologie in Kanada mit begleitenden
Ergänzungsfächern wie Theatertherapie, N.L.P. und Gewaltfreier
Kommunikation.
Schließlich trug die sechsmonatige Einzelhaft meines Vaters und
seine Hinrichtung die Frucht, als die ich meine Arbeit mit Menschen
in Beratungssitzungen und in der Lehrwerkstätte für die Sprache des
Lebens erachte. Dieses Kommunikationsmodell und die Sprache des
Lebens sind mein Geschenk und das Geschenk meiner Familie an
Iran und die lieben Iraner, und ich hoffe, dass sie es annehmen.“
Ich möchte darauf hinweisen, dass ich mit der Wahl, die ich für mein
Leben getroffen habe, zufrieden bin. Könnte ich noch einmal neu über
mein Leben entscheiden, würde ich mich für dasselbe Leben entscheiden.
Ich bin stolz auf meinen Glauben und meine Arbeit. Ich hoffe, dass was
meine Familie durch macht zur Gerechtigkeit, Freiheit und Fortschritt
unseres Landes beiträgt.
Wenn Schwerter blitzen im Lande des Geliebten,
fügen wir uns auf Gottes Geheiß.
8. Shahriwar 1391 (31. Oktober 2012), um 3:30 Uhr

Iran: Hinrichtung in Kerman, 26.01.2013 / Execution of One prisoner in Kerman city of Iran. 26.01.2013

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Heute früh wurde laut der staatlich gelenkten iranischen Nachrichtenagentur Fars in Kerman ein Mann öffentlich gehängt.

Der nur mit „Yaser K.“ bezeichnete Häftling sei der Vergewaltigung schuldig gewesen. Die Hinrichtung des Mannes, dessen Alter nicht bekannt gegeben wurde, fand demnach auf dem Khajou-Platz am Morgen des 26. Januar statt.

In den vergangenen zehn Tagen gab es acht öffentliche Hinrichtungen, eine öffentliche Amputation und vier öffentlich vollzogene Auspeitschungen.

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