DW| Die klugen Köpfe verlassen den Iran

Die iranische Makrobiologie-Studentin Sarah arbeitet am Freitag (05.08.2011) in Golm im Gewächshaus des Max-Planck-Instituts für Molekulare Pflanzenphysiologie an der Auswertung eines Zuchtversuchs. Das Institut beschäftigt sich in seinen Forschungsthemen unter anderem mit der Nutzung von Pflanzen als nachwachsende Rohstoffe und mit den Möglichkeiten der Pflanzenzüchtung zur Verbesserung der Energiebilanz. Foto: Bernd Settnik

 

Exil-Iraner beschreiben die Stimmung in ihrer Heimat vor den Präsidentschaftswahlen. Die schlechte Wirtschaftslage sorgt für Resignation. Und immer mehr gut ausgebildete Iraner suchen ihr Glück im Ausland.

Nachrichten aus dem Iran werden für die Islamwissenschaftlerin Parisa Tonekaboni immer bedrückender, und dass nicht erst seit der Wahlkampf um die Präsidentschaft begonnen hat. Vor fast 15 Jahren hat sie die Heimat verlassen, um in Deutschland zu studieren. Den Kontakt zu Freunden in der Hauptstadt Teheran hält sie über soziale Netzwerke, wie Facebook oder Twitter. So erfährt sie wie der Alltag im Iran aussieht. Die Geschichten werden von Tag zu Tag schlimmer: „Da zeigen sich immer mehr die Folgen der Wirtschaftssanktionen – und die treffen leider vor allem die einfache Bevölkerung“, beschreibt die 32-jährige. Das fängt bei den Lebensmittelpreisen an, die immer weiter steigen. „Der Staat spricht von 30 Prozent Inflation, aber inoffiziell sind es mehr als 50 Prozent. Das ist unglaublich. Eine Freundin dachte neulich, ein Straßenverkäufer will sie reinlegen, als er für ein bisschen Obst ganze 15.000 Toman, umgerechnet drei Euro, haben wollte. Das klingt für uns in Deutschland nicht viel, aber das ist das Doppelte vom früheren Preis. Da frage ich mich, wie die einfache Bevölkerung überleben kann“, erzählt Tonekaboni.

Wirtschaftslage hoffnungslos

Eine Iranerin steht vor einem Obststand (Foto:Mehr)
Die Preise für Obst haben im Iran im vergangenen Jahr deutlich angezogen.

Der Islamwissenschaftlerin ist aufgefallen, dass die Sanktionen auch immer mehr die Mittelschicht treffen. Das zeigt sich sowohl in der Freizeit, als auch in der Arbeitswelt. Traditionell laden Iraner häufig Freunde und Familie zu sich nach Hause. Da der öffentliche Raum streng kontrolliert wird, sind private Feiern eine Rückzugsmöglichkeit. „Aber wegen der hohen Lebensmittelpreise kann sich das kaum noch jemand leisten. Freunde erzählen mir, dass es immer weniger Einladungen gibt“, sagt Parisa Tonekaboni. Noch schlimmer sei aber, dass viele Fabrikbesitzer aus dem Mittelstand ihren Arbeitern monatelang keinen Lohn auszahlen konnten. Die Stimmung im Land ist im Blick auf die Wirtschaftslage hoffnungslos, beschreibt die Deutsch-Iranerin, auch weil mit den aktuellen Präsidentschaftskandidaten keine Veränderung in Sicht ist.

Journalisten in Bedrängnis

„Die Regierung hat es geschafft, dass sich die Iraner nur noch um Arbeit und Essen Gedanken machen – kaum einer fordert noch politische Freiheit“, sagt auch Shabnam Azar nachdenklich. Die Journalistin musste nach der umstrittenen Wiederwahl von Ahmadinedschad vor vier Jahren das Land verlassen. Wegen ihrer kritischen Berichte stand sie kurz vor der Verhaftung. Gemeinsam mit ihrem Ehemann ist die 35-jährige nach Deutschland geflohen. Er studiert in Köln weiter an einer Filmhochschule, sie hatte die Hoffnung journalistisch arbeiten zu können. Aber es gibt nicht viele iranisch-sprachige Medien, für die man aus dem Ausland berichten kann. Zudem ist es schwer über Ereignisse im Iran zu berichten, wenn man selbst so weit weg ist. Aber Shabnam Azari hatte keine andere Wahl, und sie weiß, dass sie im Vergleich zu anderen Glück hatte. Viele Journalisten und Blogger wurden nach den Unruhen 2009 verhaftet. „Die Arbeit von denen, die noch in Freiheit sind, wird staatlich streng überwacht“, erklärt Azar. Jetzt vor den Wahlen haben ihre früheren Kollegen von staatlicher Seite Briefe bekommen, in denen sie ermahnt wurden, nicht über die Kandidaten der Reformer zu berichten.

Druck vor den Wahlen

Mittlerweile ist unter den acht Präsidentschaftskandidaten ohnehin nur einer dem Reformlager zuzuordnen. Trotzdem übt die islamische Regierung großen Druck aus, die Gründe dafür liegen für Abbas Salimi auf der Hand: „Sie wollen nicht noch einmal von so großen Protesten überrascht werden, wie vor vier Jahren.“ Dabei sind solche Unruhen diesmal sehr unwahrscheinlich, glaubt der IT-Spezialist, der vor fast 30 Jahren den Iran verlassen musste. „Die Menschen haben gesehen, dass das Regime nicht davor zurückschreckt, gewaltsam gegen das eigene Volk vorzugehen. Das wird viele davon abhalten, noch mal auf die Straße zu gehen“, schätzt der Deutsch-Iraner. Er sieht als einzige Möglichkeit für die Iraner ihren Unmut zu äußern, dass sie die Wahl boykottieren. Darüber diskutiert auch Shabnam Azar viel mit befreundeten Journalisten im Iran: „Ich finde, sie sollten die Menschen nicht zur Wahl aufzurufen. Eine niedrige Wahlbeteiligung würde deutlich zeigen, dass das iranische Volk nicht hinter dieser Regierung steht.“ Doch Azar weiß, dass viele Iraner aus Angst vor möglichen Konsequenzen dennoch zu den Urnen gehen werden. „Seit der Islamischen Revolution 1979 sind die Wahlen im Iran eine Farce“, meint auch Abbas Salimi. Mit Kandidaten verschiedener Lager wolle die Staatsführung Demokratie vortäuschen, aber das Volk habe das Spiel längst durchschaut. „Ich weiß auch keine Lösung für die Zukunft des Landes. Ich hoffe nur, dass es im Atomstreit mit dem Westen nicht zu einer militärischen Intervention kommen wird. Das ist die größte Sorge, die wir Iraner im Exil haben.“

Welle von Auswanderern

Arbeitsloser Akademiker mit Verkaufstand am Rande der Strasse. (Foto:FARS)Dieser arbeitslose Akademiker schlägt sich mit einem Verkaufsstand an einem Teheraner Straßenrand durch.

„Selbst Freunde, die immer gesagt haben, dass sie trotz aller Schwierigkeiten im Iran bleiben wollen, suchen jetzt nach Möglichkeiten das Land zu verlassen,“ erzählt die Islamwissenschaftlerin Tonekaboni. Es gibt in der Politik keine Hoffnungsträger mehr. Aber noch mehr als die politische Lage, ist es die wirtschaftliche, die viele gut ausgebildete Iraner nach Europa, Amerika oder Australien treibt. Die Auswanderungswellen gibt es seit über 30 Jahren, seitdem die Mullahs den Staat regieren, beschreibt Journalistin Azar. Sie beschäftigt sich intensiv mit dem Thema, arbeitet an einem Film über einen iranischen Schriftsteller, der im Pariser Exil verstorben ist. Die iranische Geschichte scheint sich zu wiederholen, resümiert Shabnam Azar: „Immer mehr kluge Köpfe verlassen den Iran, und das nicht freiwillig. Ich weiß nicht, wie sich dieser ‚Brain Drain‘ auf die Gesellschaft auswirken wird. Es ist traurig, aber die Menschen wollen eben in Freiheit leben. Wem kann man das verdenken?“

  • Autorin/Autor Shanli Anwar

 

Veröffentlicht am 5. Juni 2013 in Empfehlungen, Gesetze, Iran Election 2013, Medien, Meinungen, Politik und mit , , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Kommentare deaktiviert für DW| Die klugen Köpfe verlassen den Iran.

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