SRF| «Manuscripts don’t burn»: Mord und Folter im Gottesstaat Iran

Regisseur Mohammad Rasoulof hat in Cannes einen Film gezeigt, der im Iran aufgrund der Zensur nie ins Kino kommen wird: Er handelt von der Verfolgung regimekritischer Schriftsteller in den 90ern. Aktuell wählt Iran einen neuen Präsidenten – vier Jahre nach den blutigen Protesten von 2009.

Mann läuft durch dunklen KorridorBild in Lightbox öffnen.Bildlegende:Regisseur Rasoulof schildert die Überwachungsmechanismen einer Diktatur; Szene aus dem Film «Manuscripts don’t burn». OUTNOW.CH

«Manuscripts don’t burn – Dast-Neveshtehaa Nemisoosand» ist einer jener Filme, bei denen man sich fragt, wie sie überhaupt entstehen konnten. Wie ist es möglich, die Droh-, Mord- und Überwachungsmechanismen einer Diktatur dermassen klar und offen zu schildern, wie es Mohammad Rasoulof hier tut?

PorträtBild in Lightbox öffnen.Bildlegende:Regisseur Mohammad Rasoulof in Cannes. KEYSTONE

Wie sein Kollege, Freund und Landsmann Jafar Panahi kam Rasoulof wiederholt in die Mühlen der iranischen Staatsjustiz. Er war im Gefängnis, man verbot Filme von ihm und er erhielt Ausreisesperren. Und wenn er ausreisen durfte, wie etwa 2011 ans Filmfest in Hamburg, dann musste er sehr vorsichtig sein in seinen Äusserungen gegenüber den Medien.

Das galt auch für seine Pressekonferenz am Filmfestival in Cannes im Mai. Während «Manuscripts don’t burn» kaum etwas zu interpretieren offen liess, waren seine öffentlichen Aussagen zurückhaltend.

Mord im Auftrag der Regierung

«Manuscripts don’t burn» beginnt mit einem Auftragsmord oder zumindest mit den Auftragsmördern. Die beiden Männer, denen wir in den ersten fünf Minuten dabei zusehen, wie sie sich routiniert aus dem Staub machen, arbeiten für einen Geheimdienstmann, oder Zensoren, oder was auch immer er ist. Sie machen die Dreckarbeit. Und die ist wirklich dreckig: In diesem Moment sind sie gerade mit ein paar renitenten Schriftstellern beschäftigt. Die waren vor Jahren dabei, als ein ganzer Bus voll regimekritischer Denker in einen Abgrund gesteuert werden sollte – was eben der zuvor genannte Geheimdienstmann veranlasst hatte. Aber die Aktion schlug fehl und nun soll ein Manuskript existieren, das die ganze Geschichte aufrollt.

Das Erschreckende an der erzählerischen Anlage des Films ist der Umstand, dass eigentlich alle Beteiligten jederzeit darüber im Bild sind, was geschieht. Die Schriftsteller kennen ihren Widersacher, verhandeln mit ihm. Der eine will bloss noch ausreisen, um bei seiner Tochter in Frankreich zu sterben. Der andere ist so krank, dass er auf jeden Fall noch publizieren will.

Ein Alltag, der wie eine parallele Welt wirkt

Die beiden Handlanger sind einfache Männer. Einer hat einen kranken Sohn im Spital, telefoniert dauernd mit seiner Frau und rennt immer wieder zum Bankomaten, um zu sehen, ob das Geld für seinen letzten Auftrag endlich eingezahlt wurde – weil das Spital auf eine Vorauszahlung für die Behandlung des Kindes wartet. Und seine Frau erklärt ihm schliesslich, dass sein Sohn wahrscheinlich für die Sünden des Vaters büsse.

Zwischen Einbruch, Einschüchterung, Entführung, Folter und Mord spielt sich ein Alltag ab, der wie eine parallele Welt wirkt. Denn daneben leben ja noch alle anderen Menschen im Iran. Jene, die so tun, als ob nichts wäre. Oder wirklich nichts begreifen.

Keine offene Kritik am aktuellen Regime

Wenn man weiss, dass im Iran für jeden Dreh in der Öffentlichkeit eine Genehmigung der Zensurbehörde vorgeschrieben ist und dass diese jeweils zuerst das Drehbuch studieren wollen, dann kann man sich die Entstehung eines solchen Films nur als raffinierte Abfolge strategischer Täuschungen und logistischer Winkelzüge vorstellen. Drehgenehmigungen kann man schliesslich auch bekommen für Szenen, die eigentlich in ein anderes Drehbuch geschrieben wurden. Und was ein Film am Ende tatsächlich erzählt, entscheidet sich erst beim Schnitt.

Was aber passiert in der Heimat, wenn der Filme seine Premiere in Cannes hinter sich hat? Wenn die Medienberichte klar zusammenfassen, was auf der Leinwand zu sehen war? Konkret folgt Rasoulofs Film Geschehnissen aus den 90er Jahren, stellt damit also eigentlich historische Zusammenhänge dar und ist damit ostentativ keine Kritik am aktuellen Regime. Mohammad Rasoulof lebt derzeit offenbar in Deutschland und sein Film wird im Iran kaum je zu sehen sein. Es sei denn über den blühenden Schwarzhandel mit klandestin gebrannten DVDs.

Des Staates Aufträge sind göttlicher Natur

Und dafür stehen die Chancen gut, weil «Manuscripts don’t burn» nicht einfach ein politischer Thriller ist, sondern ein meisterhaft erzählter und gebauter Film über Menschen mit unterschiedlichen Denk- und Motivationssystemen. Die beiden Häscher, mit denen er einsetzt, stellen sich zwar schon hin und wieder die Frage nach der Richtigkeit ihres Tuns. Aber lange über die Antwort nachdenken müssen sie nicht: Denn im Gottesstaat ist der staatliche Auftrag immer auch ein göttlicher.

Warum sein Sohn trotzdem leiden muss, versteht Khosro allerdings nicht wirklich. Und es führt bei ihm immer wieder zu Skrupeln, welche sein Vorgesetzter Morteza beiseite wischt. Morteza lässt den Kollegen denn auch mal rücksichtsvoll beim Auto warten, während er einen Dorfjungen ertränkt, der zufällig Zeuge einer Hinrichtung wurde.

Aktuell: Präsidentschaftswahlen im Iran

Aktuell stehen im Iran Präsidentschaftswahlen an. Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad kann nach zwei vierjährigen Amtszeiten (2005, 2009) nicht erneut zum Präsidenten gewählt werden. Die erste Runde der Präsidentschaftswahl findet am 14. Juni statt. Es wird voraussichtlich zu einer Stichwahl am 21. Juni kommen.

Bei den letzten Wahlen 2009 wurde Präsident Ahmadinedschad offiziell wiedergewählt, doch die Anhänger von Gegenkandidat Mussawi gaben nicht auf. Hunderttausende protestierten in Teheran und forderten Neuwahlen. Das Regime reagierte mit Gewalt und zensierte Berichte über den Aufstand.

Im Film «Irans grüner Sommer» dokumentiert der deutsch-iranischen Regisseur Ali Ahadi Samadi diese Bevölkerungsproteste und deren blutige Niederschlagung aus der Innensicht. Der mit dem deutschen Menschenrechts-Filmpreis 2010 ausgezeichnete Film kann hier bis am 28. Juni 2013 nachgeschaut werden.

 

Veröffentlicht am 15. Juni 2013 in Empfehlungen, Gesetze, Iran Election 2013, Kultur, Medien, Meinungen, Politik, Wirtschaft und mit , , , , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Kommentare deaktiviert für SRF| «Manuscripts don’t burn»: Mord und Folter im Gottesstaat Iran.

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