Irans Frauen hoffen auf bessere Zeiten

GLEICHBERECHTIGUNG

Irans Frauen hoffen auf bessere Zeiten (Beitrag hören)

Hohe Erwartungen nach Wahl Rohanis

Von Reinhard Baumgarten

Iranische Frauen auf einem Basar in Teheran

Iranische Frauen auf einem Basar in Teheran (picture alliance / dpa / Abedin Taherkenareh)

Hassan Rohani ist im Sommer zum iranischen Präsidenten gewählt worden. Es waren vor allem Frauen, die dem Geistlichen ihre Stimme gegeben haben. Viele hoffen nun, dass sich ihre Lage verbessert.

„Ich weiß, dass die Umsetzung der Verfassung die Rettung ist. Ich werde § 3 der Ver­fassung über die Rechte der Bürger als Grundlage eines neuen Gesetzes dem Parlament vorlegen. Mann und Frau genießen die gleichen Bürgerrechte.“

Männer, Frauen, Gleichheit – auf allen Ebenen. Das ist es, was unzählige Frauen vom neuen iranischen Präsidenten erwarten. In großer Zahl haben sie seine Wahlveranstaltungen besucht. Sie haben den als mo­de­rat geltenden Geistlichen sagen hören:

„Unsere Regierung der Besinnung und Hoffnung hat sich eine wichtige Aufgabe ge­setzt. Sie will die Leiden und Sorgen der iranischen Nation lindern, sie will Freude  in das Leben der Iraner zurückbringen.“

Irans Frauen hören die Worte wohl – allein, vielen fehlt daran der Glaube. Hassan Ro­hanis sanfte Töne nach acht Jahren der gesell­schaft­lichen Polarisierung unter Präsident Mahmoud Ahme­di­nejad mögen gut klingen. Doch viele Iraner und vor allem Iranerin­nen bleiben skeptisch, wenn der neue Präsident sagt:

„Die Menschen verlangen die Einhaltung der Bürgerrechte sowie die Wahrung der Rechte aller Minderheiten und aller Kleinkulturen, Ruhe und Rationalität bei den politischen Entscheidungen, Wahrung der gesetzmäßigen Freiheiten der Gruppen, Par­teien und Personen und Wahrung der Privatsphäre aller Bürger.“

Er werde sich für die Belange der Frauen einsetzen, hat Hassan Rohani im Wahlkampf versprochen. Was das konkret bedeutet, hat er bislang noch nicht ausgeführt. Fereshteh ist 24. Sie studiert in Teheran Videodesign.

„Ich erwarte die wahre Gleichberechtigung. Am Anfang wird viel versprochen. Sie sagen zum Beispiel, sie würden die Jugend in Ruhe lassen, aber dann halten sie uns an wegen unserer Mäntel; er ist zu kurz oder zu lang, oder sie sagen: warum sieht ihre Hose so und so aus.“

Schirin, schmales Gesicht, kräftige Augenbrauen, hohe Wangenknochen. Sie nickt zu­stimmend zu dem, was ihre Freundin sagt. Dann kommt sie unerwartet deutlich auf den Punkt. Sie habe keine Erwartungen an den neuen Präsidenten, sagt die 23-jährige Kunststu­dentin.

„Wir haben unsere Identität ver­loren“

 Wenn ich Erwartungen hätte, dann würde ich mein eigenes Denkvermögen beleidigen. Der Präsident hat hier im Iran nicht genügend Befugnisse. Ich möchte lieber sa­­gen, welche Erwartungen ich an die Gesellschaft habe, in der ich lebe. Gesetze über Frauen sollten auch von Frauen gemacht werden. Die Gesetze über Frauen wer­den von Männern gemacht, so dass die Frauen nicht mehr wissen, welche Erwartungen sie haben sollten. Sie haben sie einfach vergessen.“

Offen gestanden, sagt die 23-jährige Elham, eigentlich haben wir gar nicht gelernt, Er­wartungen zu haben.

„Meine wichtigste Erwartung ist, wie schön es wäre es, wenn wir ein wenig Freude und Hoff­nung in unserer Gesellschaft hätten. Die Men­schen stehen unter großem Druck. Ich glaube, wir haben unsere Identität ver­loren. Wir haben nichts mehr, worauf wir stolz sein können.“

Der Präsident könne gegen den Widerstand an­derer Machtzirkel nur wenig ausrichten. Minas Lippen sind rot geschminkt, ihr Kopftuch sitzt locker auf dem vollen schwarzen Haar. Viele Iraner sehnen sich nach Verände­rung, sagt sie. Dass Präsident Rohani deren Wünsche erfüllen kann, hält sie für eher unwahrscheinlich.

„Ich denke, die Situation hier im Iran ist einfach katastrophal. Für jemanden mit viel Kraft und Willen würde es wahrscheinlich mehr als 30 Jahre dauern, hier etwas zu ändern. Wenn ich 80 bin, werde ich vielleicht, vielleicht eine Veränderung erleben. Aber selbst daran glaube ich nicht.“

Erste Anzeichen für leichte Veränderungen gibt es. Die Zahl der Sittenwächterinnen  beispielsweise ist seit Hassan Rohanis Amtsantritt sichtbar zurückgegangen. Die Sittenwacht obliegt jetzt nur noch dem Innenministerium. Seit sie denken und fühlen könne, klagt Mina, die im Jahr der Revolution geboren wurde, mussten Frauen  in der Islami­schen Republik mit Kon­trollen und Zurechtweisungen rechnen.

„Abends habe ich einen Sportklub besucht. Es war sehr umständlich, dahin zu gehen und mich ständig entsprechend anzuziehen. Ich hab’s aufgegeben. Ich gehe sehr gern spazieren. Wenn ich aber spazieren gehen möchte, muss ich stän­dig damit rechnen, von der Polizei angehalten zu werden. Ich ziehe es als Frau des­halb vor, zuhause zu bleiben. Allmählich überkommt mich ei­ne Depression und ich fühle mich nicht mehr jung. So werde ich Schritt ich für Schritt alles verlieren. Das ist das Problem.“

Männer und Frauen erfahren im Iran eine sehr unterschiedliche Behandlung, hält dem die Ingenieurin Mina entgegen. Söhne erben doppelt so viel wie Töchter; männliche Zeugen gelten mehr als weibliche Zeugen. Chancengleichheit im Büro ? -Männer be­kom­men als staatlich anerkannte Ernährer und Familienhäupter oft Zuschläge, von denen Frauen nur träumen können. 60 Prozent der Studierenden und fast zwei Drittel der Hochschulabsolventen sind Frauen. Doch an manchen Unis werden Frauen für Stu­dien­­fä­cher, die Männer für Männer-spezifisch halten, nicht mehr zugelassen. Geht eine Ehe in die Brüche, kann das für Frau­en sehr pro­ble­matisch werden, erklärt Mina.

Sittenwächterinnen sorgen für die Einhaltung der Kleiderordnung

„Das Problem ist nicht zwischen mir und meinem Mann. Das Problem sind die Gesetze, und dass alles zu seinem Vorteil ist. Vielleicht ist er der beste Ehemann der Welt. Aber wenn es ein Problem gibt, dann steht das Gesetz auf seiner Seite. Ich bin zwar keine Mutter, aber meine Freundinnen sind Mütter. Sie müssen sogar ihre eigenen Kinder ver­lassen, wenn es zur Scheidung kommt. Eine finanzielle Sicherheit fehlt komplett.“

Seit knapp 35 Jahren müssen alle weib­li­chen Wesen im Iran, die älter als neun Jahre sind, in der Öffentlichkeit ihre Haare be­decken. Für die Einhaltung der Kleiderordnung sorgen Ghasht-e Ershad genannte Sit­tenwächterinnen.

„Ihr Mantel ist eng und hat einen langen Schlitz. Glauben sie nicht, dass das gegen unse­re gesellschaftlichen Normen verstößt? Sie leben in einem islamischen Land, rich­tig? Ihr Kopf ist völlig unbedeckt und sie haben zu viel Make Up auf­ge­tragen .“

Seit 35 Jahren werden Frauen im Iran in der Öffentlichkeit zurechtgewiesen.

„Sie tragen einen ärmellosen Mantel. In der islamischen Kleiderordnung ist das keine or­dentliche Bedeckung. Von hinten sieht man ihr Haar. Ihr Mantel und ihre Hose sind zu kurz. Kommen sie bitte mit zu dem Bus dort. Wir müssen ein paar Sachen mit ihnen besprechen .“

Nicht immer folgen die Frauen, sondern leisten Widerstand. Die Zahl der Tscha­dor-Trägerinnen schwindet. Vor allem in den großen Städten be­vorzugen Frauen modische Kopftücher und leichte Mäntel. Viele Frauen im Iran stehen zur Verhüllung, sie sei die Zierde der Frau, betonen sie.

„Das Problem der Unbedecktheit muss gelöst werden. Oh, ihr Frauen, von Fatima, der Tochter des Propheten, kommt diese Botschaft: Der beste Schmuck der Frau ist ihre Bedeckung.“

Wie viele dafür und wie viele dagegen sind, weiß niemand, denn dazu gibt es keine re­präsentati­ven Umfragen oder Untersuchungen.

Action-Dreh in Teheran. Geprobt wird eine Geiselbefreiung.

„Wenn wir so was machen, fühle ich mich perfekt. Adrenalin ist auf 100.“

Das sagt der 39-jährige Ali Reza Gharekhani aus Köln. Der gebürtige Iraner ist Chef der Stunt­men-Truppe Action Crew in Te­he­ran. Etwa zwei Dutzend Männer und Frauen bilden den harten Kern des Teams.

Nasrin Iranmanesh ist seit sechs Jahren dabei.

 Wenn ich springe, wenn ich zwischen Himmel und Erde bin, dann fühle ich mich frei. Das ist einfach ein tolles Gefühl. Es ist ein Gefühl von Freiheit.“

28 Jahre ist die IT-Spezialistin alt. Ihren Lebensunterhalt ver­dient sie nicht als Action-Frau, sondern in einer Bank. Sie springe von Brücken, Häusern und Balkonen, sagt sie lachend. Sie klettere gerne, lasse sich über­fa­h­ren und trainiere Kampfsport.

„Es ist der Traum von iranischen Frauen, sich selbst zu zeigen. In den meisten Fil­men ist kein Platz für muslimische Frauen und schon gar nicht für Frauen aus dem Iran. Es war immer mein Traum, eine Action-Darstellerin zu werden. Etwas, was wir im Iran nicht haben.“

Letzte Absprachen vor dem Dreh. Nasrin spielt eine Polizistin. Sie muss ein Mädchen aus der Gewalt von Gei­selnehmern befreien. Eine ihrer Gegenspielerinnen ist die 29-jä­hrige Angestellte Samaneh.

„Ich mache das seit knapp einem Jahr. Alles kann gefährlich sein. Deshalb kriege ich ja auch das Training, um Gefahren zu vermeiden. Ich möchte erfolgreich sein und ich möchte zei­gen, dass iranische Frauen den Kopf hoch tragen.“

Der erste Stunt einer iranischen Frau in einem iranischen Film

Samaneh ist eine energische junge Frau mit viel Selbstvertrauen. Sie trägt den Kopf hoch. Angefangen hat die Truppe vor rund neun Jahren. Damals ging der auch in Deutsch­land bekannte Stuntmen Payman Abādi aus Köln zurück in seine Heimat. Er sah das Po­tenzial im Iran und gründete das erste Action Team. Payman Abādi setzte von Be­ginn an auch auf Frauen und vor allem auf Nasrin Iranmanesh.

„Meine erste Szene bestand darin, dass ich von einem Minibus angefahren wurde. Als der Regisseur begriffen hatte, dass ich dafür vorgesehen war, sagte er, nein, Payman, mach das nicht. Bitte, bring mich nicht in Schwierigkeiten, keine Frau. Lass das bloß einen Mann machen.“

Nasrin – ehrgeizig, sportlich, durchtrainiert – sie blieb Paymans Wahl. Es war der erste Stunt einer iranischen Frau in einem iranischen Film.

„Ich hatte dieses Verlangen. Ich hatte dieses Gefühl. Wir haben keine Ac­tion-Frauen hier. Vielleicht klingt das lustig, aber ich liebe Jacky Chan. Und deshalb habe ich immer davon geträumt, dass ich das mal selbst machen kann.“

Es gehe um Sport, sagt Nasrin, deren Mann Omid auch zur Action Crew gehört. Manch­mal, gibt sie zu, sei der Job tatsächlich gefährlich.

„Aber geht es auch darum, dass wir uns lebendig füh­len.“

Die Frauen im Team tragen Kopftuch – beim Training ebenso wie bei den Dreharbeiten. Für Samaneh und die zierliche Studentin Nazanin ist das kein Hinderungsgrund.

„Ich möchte immer wie­der was Neues lernen. Es ist gut für unsere Filmindustrie, und es ist auch gut für die Frauen. Es heißt, die Frauen hier im Iran seien sehr eingeschränkt. Ich kann zeigen, dass Frauen trotz der Kleiderordnung etwas tun. Ich spüre viel Kraft und Energie in mir und ich glaube durch diesen Stunt-Job kann ich sie abbauen. Gleichzeitig kann ich auch meine Stärke zeigen. Es kann schon gefährlich werden, vor allem dann, wenn ich den Anweisungen meines Trainers

nicht folge.“

Etwa eine halbe Minute wird die Befreiungsszene im Film lang sein. Jeder Tritt, jeder Griff, jede Bewegung, jeder Sturz muss sitzen und wird sehr lange geübt. Nasrin und die anderen Stuntwomen investieren viel Zeit und Energie. Geld gibt’s dafür nicht. Deswegen hat Nasrin ihren Job bei der Bank. Und sie hat ein großes Ziel.

„Noch bin ich keine Action-Schauspielerin. Ich versuch‘s. Man muss mir eine Chan­ce geben und ich muss härter arbeiten. Es kommt auf die Regisseure an: Habt Mut, setzt Frauen ein.“

Nasrin sagt das mit Blick auf das Filmgewerbe im Iran. Doch im Grunde, ergänzt sie, gelte das für alle Bereiche der von Männern dominierten iranischen Gesellschaft.

quelle: DeutschlandRadio

Veröffentlicht am 10. Dezember 2013 in Gesetze, Human Rights, Interview, Medien, Meinungen, Politik, Urteile und mit , , , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Kommentare deaktiviert für Irans Frauen hoffen auf bessere Zeiten.

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