Basler Zeitung| Der Gottesstaat ist bankrott

Von Tomas Avenarius, Teheran. Aktualisiert vor 24 Minuten

Der iranische Präsident Hassan Rohani kommt ans WEF, um neue Wirtschaftskontakte zu knüpfen. Denn sein Vorgänger hat ihm ein Land am Rande des Ruins hinterlassen: wirtschaftlich, politisch, moralisch.

Beim Kosmetikkonsum stehen die Iranerinnen trotz einem anderen Frauenbild ihrer geistlichen Führer weltweit an siebter Stelle. Foto: Atta Kenare (AFP)

Beim Kosmetikkonsum stehen die Iranerinnen trotz einem anderen Frauenbild ihrer geistlichen Führer weltweit an siebter Stelle. Foto: Atta Kenare (AFP)

Fünf Jahre Arbeit. «Für nichts.» Nadia Shams hat ihre Freundinnen viele Monate beobachtet. Betrachtet, wie die jungen Frauen sich schminken, die Augenbrauen zupfen, Eyeliner auftragen, im Spiegel die ersten Falten beäugen. In den Jahren danach hat Nadia die Mädchen aus der Wohngemeinschaft gemalt. Ein Zyklus aus 15 grossformatigen Bildern: Minuten aus dem Leben junger Iranerinnen, sehr intim. Der Teheraner Galerist ist begeistert, die Porträts hängen zwei Tage. Dann kommt der Anruf. Die Zensurbehörde lässt Nadia wissen, dass das dargestellte Frauenbild nicht zu dem passe, was die Islamische Republik propagiert: «Du wirbst für eine Kultur, die nicht die unsere ist.»

Eine Kultur, die nicht die unsere ist. In einem Land, in dem Frauen und Mädchen am frühen Morgen aussehen, als träten sie aus dem Beautysalon. Als seien sie nicht auf dem Weg zur Arbeit, zur Bäckerei, sondern zum Ball. Beim Kosmetikkonsum steht der Iran weltweit an siebter Stelle, im Mittleren Osten verbrauchen nur die saudischen Frauen mehr Lippenstift: Der eingeschüchterte Galerist hat die Bilder dennoch sofort von der Wand genommen.

So ist der Iran: voller Hoffnungen, voller Misserfolge, Frustrationen. Bis zu den Atomgesprächen in Genf vor ein paar Wochen: ein grosses Drama. Zentrifugen, die sich immer schneller drehten, Kriegsdrohungen aus Israel, immer neue, aus dem Hut gezauberte Wunderwaffen im Iran. Die Aussenminister der Grossmächte flogen schliesslich in Genf ein, sprachen mit den Persern, reisten zornig wieder ab, schüttelten ihnen nach weiteren Tagen des Geschachers am Ende doch die Hände: der diplomatische Durchbruch. Zeitungen weltweit jubelten, eine neue Ära breche an. Der Iran und der Westen würden den alles lähmenden Atomstreit beilegen, sich annähern, die Wirtschaft des Landes werde sich erholen, Frieden für den ganzen Nahen Osten sei greifbar.

Die Vertreter der amerikanischen Ölkonzerne, die Autobosse in Frankreich, die deutschen Maschinenbauer nahmen Witterung auf. Sie hoffen auf das grosse Geschäft. Nach 30 Jahren Isolation sind die persischen Pipelines löchrig, die Fabriken marode. Der Markt eines 75-Millionen-Volks schreit nach Fliessbändern, Walzwerken, Fertigprodukten. Ein deutscher Wirtschaftsvertreter sagt: «Der Iran ist das Filetstück weltweit – viele Rohstoffe, eine grosse Bevölkerung, hoher Nachholbedarf.»

«Sie stecken dich in einen Sack»

Saeed verkauft Obst, an der Strasse Isfahan–Teheran, der Wind ist beissend kalt in der Wüstenlandschaft: «Granatäpfel, Orangen, Zitronen. Was ich anbiete, richtet sich nach der Saison.» Saeed hat Sorgen, seine Tochter heiratet bald. Er muss das Geld für die Aussteuer zusammenkratzen. Für den Kühlschrank, die Waschmaschine, den Fernseher, den Mixer. «Die Preise sind ins Unermessliche gestiegen. Alles kostet das Vierfache.» Saeed hat kein Geld, kein Talent. Warum er so leben muss, wie er lebt, das begreift er. Er dreht den Kopf nach hinten, blickt auf die Teppichfabrik zwischen den Feldern. Da hat er früher gearbeitet, bevor sie ihm vor sechs Jahren gekündigt haben: «Die stammt noch aus der Zeit des Schahs. Jetzt ist sie pleite.» Viel will Saeed nicht sagen. Er kennt sein Land: «Die holen dich. Die stecken dich in einen Sack.» Der Obstverkäufer ist einer der ewigen Habenichtse, für welche die Islamische Revolution angeblich ausgekämpft wurde vor 30 Jahren. So wie für die Intellektuellen, die Künstler, die Jugend. Saeed kann nicht lesen, nicht schreiben. Aber er kann sich erinnern. «Als ich Kind war, zu Zeiten des Schahs, da ging es uns Iranern besser. Wir hatten zu essen, wir waren nicht traurig. Heute sind wir traurig.»

 

 

Veröffentlicht am 18. Januar 2014 in Gesetze, Human Rights, Iran Election 2013, Kultur, Medien, Meinungen, Politik, Wirtschaft und mit , , , , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Kommentare deaktiviert für Basler Zeitung| Der Gottesstaat ist bankrott.

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