NZZ| Afghanische Flüchtlinge in Iran-Keine Spur von islamischer Solidarität

Afghanische Flüchtlinge werden diskriminiert und leiden unter Irans regionaler Interessenpolitik.
Afghanische Flüchtlinge werden diskriminiert und leiden unter Irans regionaler Interessenpolitik. (Bild: Shahpari Sohaie / Redux / Laif)
In der Hoffnung auf Frieden zog es Millionen von Afghanen nach Iran. Doch die anfängliche Gastfreundschaft ist verflogen, Diskriminierung und Ausbeutung prägen ihren Alltag. Nun will die iranische Regierung, dass sie das Land definitiv verlassen.
Carole Helbling

Im Bus ist es totenstill. Ab und zu wagt ein Insasse einen Blick durch die zugezogenen Vorhänge und versucht anhand der Umgebung abzuschätzen, wie lange die Fahrt noch dauern wird. Das Ziel ist die iranisch-afghanische Grenze, wo die iranische Sicherheitspolizei die Passagiere der afghanischen Grenzwache übergeben wird. Es ist einer der unzähligen Busse, die afghanische Migranten ausser Landes bringen. Die Ausschaffungen sind mittlerweile so normal, dass die Chauffeure der Busse bei freien Plätzen sogar ausländische Touristen zusteigen lassen, um sich einen kleinen Zustupf zu verdienen.

Schiitisches Bruderland

Afghanen in Iran stellen die zweitgrösste Flüchtlingsgruppe weltweit. Das Uno-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) hat im Oktober 2011 rund 840 000 Personen registriert, laut einem im November erschienenen Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Right Watch (HRW) halten sich zudem weitere 1,4 bis 2 Millionen Afghanen illegal im Land auf.

Im Vergleich zu den offiziell registrierten Flüchtlingen besitzen sie weder eine gültige Aufenthaltsgenehmigung noch eine Arbeitserlaubnis. Dennoch prägen sie das Bild auf den iranischen Baustellen. Als Taglöhner verrichten sie in den Grossstädten Schwerstarbeit, oftmals mehr als zehn Stunden pro Tag, unter härtesten, zum Teil lebensgefährlichen Bedingungen. Viele von ihnen sind Jugendliche, die von ihren Familien weggezogen sind ins Nachbarland in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Da die Mehrheit der Migranten der Volksgruppe der Hazara angehört, verbindet sie mit den Iranern nicht nur die gemeinsame Sprache Farsi, sondern auch ihr schiitischer Glaube.

Als die ersten Flüchtlinge während der sowjetischen Besetzung Afghanistans 1979 die Grenzen überquerten, empfing die Islamische Republik noch alle, die dem gottlosen kommunistischen Regime zu entfliehen versuchten, mit offenen Armen. Bis Anfang der neunziger Jahre strömten über drei Millionen Flüchtlinge ins Land. Eine neue Migrationswelle lösten schliesslich Mullah Omar und seine Taliban aus, die 1996 Kabul eroberten. Trotz dem repressiven Charakter des theokratischen Regimes stellte Iran für viele Afghanen einen Ort des Friedens dar, wo ein selbständiges Leben möglich war.

Doch obwohl die billigen afghanischen Arbeitskräfte bald schon zu einem wichtigen und unentbehrlichen Pfeiler der iranischen Wirtschaft wurden, verschlechterte sich die Situation der illegal Anwesenden. Auch die Beziehungen zur iranischen Bevölkerung wurden zunehmend gespannt und erreichten schliesslich unter Ahmadinejads Präsidentschaft den bisherigen Tiefpunkt. Weil die Regierung offiziell um die Sicherheit im eigenen Land fürchtete, wurde es Migranten verboten, Mietverträge zu unterschreiben oder ihre Stadt zu verlassen.

Menschen zweiter Klasse

Vollständiger Artikel

Veröffentlicht am 1. Februar 2014 in Asyl, Dokumentation, Gesetze, Human Rights, Iran Election 2013, Medien, Politik und mit , , , , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Kommentare deaktiviert für NZZ| Afghanische Flüchtlinge in Iran-Keine Spur von islamischer Solidarität.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: