Kino-Empfehlung| ZWISCHEN WELTEN

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ein Film von

Feo Aladag

mit

Ronald Zehrfeld, Mohsin Ahmady,

Saida Barmaki, Abdul Salam Yosofzai, Felix Kramer

und Burghart Klaußner

Inhalt

Bundeswehrsoldat Jesper (Ronald Zehrfeld) meldet sich erneut zum Dienst in das krisengeschüttelte Afghanistan und erhält mit seiner Truppe den Auftrag, einen Außenposten in einem kleinen Dorf vor dem wachsenden Einfluss der Taliban zu schützen. Dabei wird der junge Afghane Tarik (Mohsin Ahmady) als Dolmetscher zur Seite gestellt. Jesper versucht mit Tariks Hilfe, das Vertrauen der Dorfgemeinschaft und der verbündeten afghanischen Milizen zu gewinnen – doch die Unterschiede zwischen den beiden Welten sind groß. Er steht immer wieder im Konflikt zwischen seinem Gewissen und den Befehlen seiner Vorgesetzten. Als Tarik, der von den Taliban bedroht wird, weil er für die Deutschen arbeitet, seine Schwester in Sicherheit bringen will, geraten die Dinge außer Kontrolle.

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Bundeswehrsoldat Jesper (Ronald Zehrfeld) versucht mit der Hilfe des Dolmetschers Tarik (Mohsin Ahmady) ein afghanisches Dorf vor dem Einfluss der Taliban zu schützen.

 

Die Deutsche Filmpreisgewinnerin Feo Aladag erzählt mit dem Drama ZWISCHEN WELTEN, ihrem zweiten Kinofilm nach dem Aufsehen erregenden Kinodebüt DIE FREMDE, die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft im Krisenland Afghanistan.

Feo Aladagrealisierte den Film als Drehbuchautorin, Regisseurin und Produzentin an Originalschauplätzen in Afghanistan. Jahrelang hat sie darauf hingearbeitet, zahllose Hindernisse und Bedenken aus dem Weg geräumt, um den Film direkt im Krisengebiet zu drehen und nicht, wie für westliche Produktionen üblich, auf ähnlich wirkende Länder auszuweichen. Die Geschichte der ungewöhnlichen Freundschaft zwischen einem Bundeswehrsoldaten und seinem afghanischen Übersetzer hat während der Produktionsphase eine aktuelle Brisanz gewonnen: 2014 ziehen die deutschen Schutztruppen nach mehr als 10 Jahren aus Afghanistan ab und hinterlassen ein unbefriedetes Land und zahllose lokale Mitarbeiter, die von den Taliban als Kollaborateure der Besatzungsmächte gesehen werden.

Die Hauptrolle in ZWISCHEN WELTEN spielt einer der angesehensten Schauspieler Deutschlands: Ronald Zehrfeld (BARBARA). An seiner Seite sind Schauspielgrößen wie Felix Kramer (Deutsches Schauspielhaus Hamburg) und Burghart Klaußner (NACHTZUG NACH LISSABON) zu sehen. Sämtliche afghanischen Darsteller wurden aus der Gegend um Mazar-i-Sharif und Kabul besetzt: unter ihnen Mohsin Ahmady, Saida Barmaki und Abdul Salam Yosofzai (DRACHENLÄUFER).

Und auch hinter der Kamera konnte Feo Aladag wiedereine ganze Reihe ausgezeichneter Filmschaffender gewinnen: die vielfach prämierte Kamerafrau Judith Kaufmann, die Set-Designerin und zweifache Deutsche Filmpreisträgerin Silke Buhr, sowie Gabriela Reumer, die für das Kostüm verantwortlich zeichnet. Die Montage des Films übernahm Andrea Mertens, die Musik komponierte Jan A.P. Kaczmarek, mit zusätzlichen Kompositionen von Karim Sebastian Elias. Berater der Produktion waren der Afghanistan-Experte Matthias Kock sowie der Sicherheitsberater Martin Lang.

ZWISCHEN WELTEN ist eine Independent Artists Filmproduktion in Ko-Produktion mit Geißendörfer Film- und Fernsehproduktion und ZDF/ ARTE (Redaktion: Daniel Blum, Andreas Schreitmüller, Olaf Grunert), gefördert mit Mitteln von Filmförderungsanstalt, Medienboard Berlin-Brandenburg, Film- und Medienstiftung NRW, Nordmedia und Deutscher Filmförderfonds. Die Entwicklung wurde gefördert mit Mitteln des MEDIA-Programms der EU. The Match Factory hat den internationalen Vertrieb übernommen. Logistisch wurde der Film durch die Bundeswehr unterstützt, die auch in militärischen Fragen beratend zur Seite stand.

Der Film wurde an Originalschauplätzen in Kunduz und Mazar-i-Sharif sowie an verschiedenen Drehorten in Deutschland auf Deutsch, Englisch, Dari und Paschtu gedreht.

Auszug aus dem Drehtagebuch von Feo Aladag

 

Von draußen dringt das Zirpen der Grillen in den Wagen. Ich sitze hinten. Wir fahren vorbei an bunten Eingangstoren hinter sorgsam begrünten Baumreihen auf das Haus zu, in dem wir wohnen. Das Ende eines weiteren heißen Drehtags. Ein junger Afghane mit einem Steirer Hut auf dem Kopf und Rollerblades unter den Füßen kreuzt auf der Wohnstraße. Ein surreales Bild. Abends liege ich im Bett und höre die drei Kamele unseres Hausmeisters im Garten unter mir grunzen. Wenig später, nachts, fliegen die Blackhawks und die Apache Hubschrauber der Amerikaner endlose Platzrunden über unserem Wohngebiet. Oft stundenlang. Auf Nachfrage heißt es: Unter anderem werden Co-Piloten der US Kräfte für die nächsten Einsätze, in anderen Ländern, fit geflogen. Man sammelt Flugstunden. Die nächsten „Afghanistans“ warten schon lange. Ob im Golf von Aden, in Mali oder im Sudan. Die Hubschrauber verschwinden. Draußen ist es wieder still. Nur das Zirpen der Grillen.

 FILMTAGEBUCH von FEO ALADAG

Afghanistan. Mai 2013.

Wir drehen mit unserem afghanisch-deutschen Team den Kinospielfilm ZWISCHEN WELTEN in Mazar-i-Sharif, Afghanistan. Ich selbst wohne außerhalb des deutschen Lagers der Bundeswehr. Die deutsche Politik, vor allem jedoch der ein oder andere General im Einsatzführungskommando in Potsdam, sind am Bild deutscher Zivilisten mit familiärem Umfeld im Einsatzland Afghanistan absolut nicht interessiert. Es passt nicht ins Programm, schon gar nicht in diesem Jahr, 2013. Die Abwehrhaltung gegen ein anderes Bild als jenes der Gefahren, des Krieges, des militärischen Einsatzes und erfolgreichen Abzugs aus diesem Land erinnert an Sublimierung. Das Bild Afghanistans soll im wesentlichen Kern das bekannte bleiben. Mit allen Mitteln.

Nun lebe ich mit meiner Tochter und unserem kulturellen Berater Matthias Kock also diesen afghanischen Alltag, den „wohlsituierten“ wohlgemerkt, hier „draußen“, vor den Mauern des Camp Marmal – in den Augen des Verteidigungsministeriums und der Bundeswehr sozusagen „in freier Wildbahn“. Das macht mich per se erstmal suspekt. Der deutsche Teil unseres Teams hat seine Basis im Camp Marmal. Die meisten der dort stationierten Bundeswehrsoldaten verlassen während ihres mehrmonatigen Aufenthalts kein einziges Mal dieses Camp. Unser Team steigt vor den Toren des riesigen Camps jeden Tag in Busse und fährt von dort aus zu unseren Drehorten. Unsere afghanischen Kollegen wohnen alle gemeinsam in unserem großen Produktionshaus, ein paar Meter von mir entfernt um die Ecke.

Jeden Tag, sechs Tage die Woche, Freitags ist hier Sonntags, treffen diese Welten zusammen an einem unserer Motive, um eine Geschichte über Divergenzen und Gemeinsamkeiten, Widersprüche und Brücken, Einsatz und Wirklichkeit, Freundschaft und Verantwortung zu erzählen.

Gestern haben wir unser Bergfest gefeiert. Unsere afghanischen Teammitglieder haben zum Abschluss gesagt, jeder Moment mit uns sei für immer in ihrem Herzen. Jeder Moment sei kostbar. Noch nie habe ich mit einem so engagierten, so mutigen und vor allem so herzlichen Team arbeiten dürfen. Jeden Tag, mit allen seinen Widrigkeiten, Schwierigkeiten und Herausforderungen – und derer gibt es hier täglich ausnahmslos viele – empfinde ich als Geschenk. In vielerlei Hinsicht.

Als ich 2002/2003 in den Recherchen zu meiner Arbeit für die Amnesty Kampagne „Gegen Gewalt gegen Frauen“ versucht hatte, mir so viel Wissen wie möglich über die Scharia anzueignen, beschäftigte ich mich damals zwangsläufig auch mit Afghanistan. Je mehr ich las, je mehr Bildmaterial ich sah, desto weniger ließ mich dieses Land, seine Menschen und ihre Themen los. Direkt im Anschluss, ich recherchierte damals für das Drehbuch von DIE FREMDE, hing über meinem Schreibtisch das Pressefoto eines deutschen Soldaten im Auslandseinsatz in Afghanistan. Ich hatte es aufgehängt, weil die Lichtstimmung auf dem Bild so gut war, einfach weil es ein gelungenes Foto war. Und: Weil es mich irritierte. Es hatte etwas auf eine Art ungewohnt Verstörendes, einen deutschen Bundeswehrsoldaten in voller Kampfmontur in der Einsatzrealität des Kriegsschauplatzes Afghanistan zu sehen. Das Bild hing lange über meinem Arbeitstisch. Die Herstellung und Herausbringungsphase von DIE FREMDE dauerte ebenfalls sehr lange. Irgendwann hing dann über diesem Tisch ein anderes Bild. Aber die Gespräche und meine Gedanken darüber waren in vollem Gange. Was tut Deutschland in Afghanistan? Politische Karrieren wuchsen, rieben sich und scheiterten an der Reflexion über diesen Einsatz. Ist es Krieg? Dürfen wir das? Wollen wir das? Können wir das? Alles mehr als zulässige Fragen. Am Ende eines langen Abends, unter meist klugen Menschen, blieb dann aber unterm Strich oft nur die Absage an die Sinnhaftigkeit des Einsatzes in seiner Gesamtheit. Und somit auch die Negierung des tatsächlichen „Einsatzes“ jener Menschen, die ihm, legitimiert durch uns Bürger, dienten. Daraus wuchs in mir das Bedürfnis von der Leistung dieser Menschen, unserer Soldaten, jenseits jeder Kritik oder Legitimierung des konkreten Einsatzes, des politischen Auftrags und des Warums zu erzählen. Bei der Art und Weise der Berichterstattung schien es mir in Deutschland über einen langen Zeitraum an ehrlichem Respekt zu mangeln, das Interesse am individuellen Schicksal fehlte, die Empathie für die Schwierigkeit der Aufgaben, im Kleinen wie im Großen. Vieles davon schien durch eine Generalkritik am Einsatz in den Hintergrund gerutscht. Wie sollte in aller Selbstverständlichkeit damit umgegangen werden, dass auf einmal war, was nie wieder sein sollte – der kämpfende deutsche Soldat?

Je mehr ich im Rahmen meiner Drehbucharbeit recherchierte, vor allem durch meine Recherchereisen nach Afghanistan, umso stärker wurde mein Gefühl, dass so vieles in diesem Einsatz um ein scheinbar kaum lösbares und unendlich komplexes Dilemma kreist. Sowohl auf Seiten der deutschen Einsatzkräfte als auch auf Seiten der afghanischen Bevölkerung: Es geht um fast unüberwindlich scheinende Ängste, kulturelle Unterschiede, Vorurteile. Es geht um genauso unüberwindlich scheinende religiöse Unterschiede und es geht um Arm und Reich, um Haben oder nicht Haben. Je mehr ich von der afghanischen Realität in Teilausschnitten miterleben durfte, desto spürbarer wurden die Ängste und Nöte der Menschen in diesem Land für mich und desto mehr Gewicht bekam in der Entwicklung meiner Geschichte und des Drehbuchs die afghanische Seite. Es kristallisierte sich immer mehr eine konkrete Fragestellung im inhaltlichen Ansatz heraus: Wie ist es möglich, im Spannungsfeld der in solch einem Einsatz bestehenden Widersprüche der eigenen Verantwortung nachzukommen?

Ein universelles Thema, das an vielen Orten der Welt zum Tragen kommt, aber an nur wenigen Orten so komplex erscheint wie in Afghanistan und der Einsatzrealität in diesem Land.

 

Deutsche Bundeswehrsoldaten stehen in Afghanistan vor Bewährungsproben, für die es keine in irgendeinem Handbuch vorgegebenen Musterlösungen gibt. Sie tragen als Soldaten, als „Bürger in Uniform“, nicht nur Verantwortung für ihre Kameraden, sondern auch für ihre afghanischen Partner, also konkret für ihre Mitarbeiter, ihre Fahrer, ihre Köche, ihre Dolmetscher und für deren Familien. Allein durch ihre Präsenz und die Interaktion vor Ort. Und um eben diesen Menschen zu helfen, hat der Bundestag die Bundeswehr dorthin geschickt. Ein Bundestag, der in letzter Konsequenz und nicht zuletzt legitimiert durch uns Bürger, dieser Verantwortung konsequent ebenfalls nachzukommen hat. Auch wenn dies innenpolitisch zuweilen unbequem sein mag.

Deutschland, der deutsche Bundestag, und damit wir Bürger haben uns eingelassen auf diesen Einsatz. Wir tragen die Verantwortung. Sie endet nicht mit einem vermeintlichen militärischen Abzug. Vielmehr beginnt sie nun von Neuem, in nicht zu negierender Wucht.

Ich wollte eine Geschichte erzählen, die das Dilemma vor Ort spürbar macht. Eine Geschichte, die uns leise erinnert – an die Verantwortung unserem eigenen Gewissen gegenüber.

Es sind bekanntlich selten die Worte, es sind Entscheidungen und Taten, die zählen.

Meine Hauptfigur Jesper muss sich in einer schwierigen Lage entscheiden. Es geht um Leben und Tod. Es gibt keine Kompromisse. Und es gibt keine Musterlösungen.

Er macht sich seine Entscheidungen nicht leicht. Es sind Entscheidungen unter Risiko. Aber Jesper findet den Mut. Er tritt für die Grundwerte ein, auf die er verpflichtet ist. Und er trägt die volle Wucht der Verantwortung, für das, was er tut.

Auch bei meinem zweiten Spielfilm wollte ich meinem Team und mir die größtmögliche künstlerische Freiheit garantieren und so fungiere ich auch bei diesem Film als Produzentin, Drehbuchautorin und Regisseurin. Meine Arbeitsweise gleicht über weite Strecken sehr der Arbeit an DIE FREMDE. Eine intensive Beschäftigung und eine lange Recherchephase mit einigen Aufenthalten in Afghanistan erschien mir eine Grundvoraussetzung zu sein, diesem Einsatz, der Welt unserer Soldaten im Einsatz vor Ort und der Welt der afghanischen Bevölkerung ein Stück näher zu kommen.

Es stand von Anbeginn an fest, dass ich einen Film drehen möchte, der meinem Anspruch an Authentizität gerecht wird. Daher war klar, dieser Film kann und darf nicht in Marokko mit deutsch-türkischen Darstellern als Afghanen entstehen. Er muss vor Ort in Afghanistan gedreht werden. Die Authentizität, die ich anstrebe, der soziale Konflikt, die zwischenmenschlichen Probleme, der Alltag in einem Land, das sich seit Generationen in einem Ausnahmezustand befindet, lässt sich nicht nachstellen. Selbst wenn ich einen enormen finanziellen Mehraufwand betrieben hätte, der an Hollywood-Dimensionen herankommt, könnte ich das, worum es mir geht, nicht nachstellen. Ich würde es auch nicht wollen.

Bereits zu Beginn der Entwicklung des Stoffes war die erste wichtige Fragestellung, die es zu beantworten galt: Kann man in Afghanistan einen Film drehen? Und unter welchen Bedingungen geht das? Der mögliche Rahmen hierfür ist wahrscheinlich in nur wenigen Ländern ähnlich eng gesteckt. Sicherheit für alle Beteiligten ist das oberste Gebot.

 

Den Anfang dieser Arbeit machten zahllose politische Gespräche über einen sehr langen Zeitraum. Mein Ziel war es, die Möglichkeit zu schaffen, eine Kooperation mit der Bundeswehr herzustellen, ohne dabei im Gegenzug und zu welchem Zeitpunkt auch immer von irgendeiner Seite politisch instrumentalisiert werden zu können. Diese sehr zeitintensive erste Phase empfand ich als hochinteressant aber anfänglich auch als sehr fremd, weit weg von meinen eigentlichen Berufen. Ich betrat für mich völlig neues Terrain: Die deutsche Politik und die Welt der Bundeswehr. Unbekannte Wesen mit, wie ich erfahren durfte, offensichtlich gänzlich eigenen Regelwerken.

Durch die schließlich doch zustande gekommene Zusammenarbeit mit der Bundeswehr und dem Verteidigungsministerium, aber vor allem auch durch die internationale Unterstützung der afghanischen Politik und die gute und effiziente Zusammenarbeit mit den afghanischen Behörden, ist es in einem sehr langwierigen Prozess, der von zahlreichen Rückschlägen begleitet war, gelungen, den Rahmen zur Umsetzung des Films zu definieren. Die Bereitschaft auf allen Seiten, uns zu unterstützen, uns den Raum zu schaffen, künstlerisch zu arbeiten, beeindruckt mich immer noch und jeden Tag aufs Neue. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht überlege, was ich vor allem den Unterstützern, gerade auch auf afghanischer Seite – außer unserem Film – zurückgeben kann, um dafür zu danken.

Auf meiner ersten Reise, in der ich hauptsächlich „embedded“ mit Truppen der Bundeswehr im Raum Kunduz, Archi, Nawabad und nördlich von Kunduz auf Patrouillen unterwegs war, sammelte ich Eindrücke, die das Grundgerüst meiner Geschichte stark beeinflusst haben.

Die allererste Patrouille, die ich mitlief, fand in einem Dorf nördlich von Kunduz statt. Spätsommer. Brütende Hitze. Mit Schutzweste und alles in allem guten 40 Kilogramm auf dem Körper. Wie dankbar war ich für das Training, das ich im Vorfeld mit meinem Trainer Karsten Schellenberg absolviert hatte, der mich und meine 50 Kilogramm für diese erste Reise im Vorfeld drei Monate fit trainiert hatte. „Wenn du nicht mehr kannst, immer nur den nächsten Schritt fühlen – und weitergehen“ – so der Rat, den er mir mit auf den Weg gab.

Wir sitzen ab. Die Dingos hinter uns. Wir gehen ins Dorf. Ich blicke mich um. Uniformen, brauner Lehm, nur ganz wenige Männer am Dorfeingang. Stille. Schutzbehelmte, bebrillte Stahlfestungen schieben sich durch eine durchlässige, transparente Welt. Ab und an huscht eine blaue Burka in einen Compound-Eingang. Unter der Burka blitzen H&M-Hose und Plateauschuhe hervor. Keine Interaktion zwischen den Soldaten und den wenigen Menschen am Straßenrand. Ein paar Kinder treten hinter dem Baum hervor. Ich verlangsame. Sie laufen parallel mit mir mit. Ich bleibe stehen. Das hat man mir anders beigebracht. Gehe auf die Kinder zu. Sie zeigen auf meine Kamera. Ich stehe vor ihnen, gehe in die Hocke. Sie zeigen auf meinen blonden Zopf unter dem Helm. Ich nehme meine Schutzbrille ab. Dunkle Kinderaugen strahlen mich an. Ich halte eine Kinderhand. Sie rufen mich. Weiter. Nicht stehen bleiben. Ich stecke die Schutzbrille in meine Weste. Mein Blick auf die Soldaten, sie laufen weiter.

Meine Brille bleibt ab jetzt in der Weste.

Ohne schwarze Schutzbrille beginne ich zu begreifen, was mich reizt. Das Aufeinanderzugehen, das Hinschauen, die Interaktion – und die Verwunderung darüber, wie wenig dieses genaue Hinsehen, dieses Sich-Einlassen im militärischen Umfeld stattfinden darf, oder stattfinden kann.

Diese Situation in Afghanistan in einem Mikrokosmos von wenigen handelnden Personen deutlich sichtbar zu machen, beide Seiten gleichberechtigt in die Handlung zu involvieren und gleichzeitig einen Weg zu finden, Verständnis und Empathie für alle Beteiligten zu generieren, wurde das Ziel einer komplexen und langwierigen Suche während der Drehbucharbeit, die bis kurz vor Drehbeginn andauerte. Und selbst jetzt beim Dreh inspiriert uns jeden Tag die Realität, die Menschen hier, das Umfeld, in dem wir arbeiten und leben.

Wir, das sind unter anderem: Judith Kaufmann, Kamera, als auch Silke Buhr, Produktions-Design, die mit mir schon bei DIE FREMDE eng zusammen gearbeitet haben, und die auch bei diesem Filmprojekt dabei sein wollten, waren früh involviert. Wir sind zusammen nach Afghanistan gereist und mit beiden sowie mit unglaublich wertvollen Beratern und Unterstützern konnte die Grundlage für diesen Film entstehen. Die Mitarbeit von Judith Kaufmann und Matthias Kock, der lange Jahre als interkultureller Berater in Afghanistan tätig war, ging soweit, dass ich sie ab einem gewissen Punkt in die Drehbucharbeit involviert habe, worüber ich sehr dankbar bin. Beide waren mir eine Stütze, ohne die ich dieses Projekt nicht hätte umsetzen können.

Ich hatte auch schon sehr früh meinen deutschen Hauptdarsteller Ronald Zehrfeld vor Augen, als ich am Drehbuch arbeitete. Ronald bringt jene darstellerische Authentizität mit, nach der ich suchte und ich war sehr glücklich, dass er zugesagt hat.

Unseren afghanischen Hauptdarsteller habe ich auf einer Location Recce gefunden, er lief auf einmal hinter mir. Mohsen, genannt Mosi, ist großartig. Als ich ihn gecastet habe, musste ich mich hinter dem Minidisplay meiner kleinen Kamera verstecken. Ich wollte nicht, dass mein Regieassistent meine Tränen sieht. Mohsen weiß nicht genau, wie alt er ist. Achtzehn, vielleicht neunzehn. Er hat keine Geburtsurkunde und keinen Pass. Noch nicht. Wir sind dran. Sein Vater war, naiv ausgedrückt, ein Talib. Er wurde vor zehn Jahren von den Amerikanern ermordet. Mohsen hat zwei Schwestern und eine Mutter. Sie leben in zwei Zimmern zur Untermiete. Sie haben wenig. Sehr wenig. Sie haben meiner Tochter beim ersten Besuch ein Stofftier geschenkt, uns alles serviert, was sie im Haus hatten. Wenn es Probleme beim Dreh gibt, schickt Mohsen mir Textnachrichten auf mein afghanisches Handy, um mich aufzumuntern. Er leistet Unglaubliches beim Drehen, er, der Laie, der niemals gespielt hat, niemals vor einer Kamera stand. Nie beklagt er sich. Am Ende eines langen Drehtages ist es Mohsen, der uns hilft, das Set aufzuräumen. Nur einmal, am fünften Drehtag, setzt er sich neben mich, schüttelt den Kopf unter der brütenden Mittagshitze in unserer Safe House-Location und sagt zu mir, völlig erschöpft: „It´s harrrd work“.

Sein Englisch wird immer besser, sein Deutsch irgendwann unfassbar, denn er besitzt das Talent für die immer richtigen Worte im richtigen Moment. Sein Lieblingswort ist „Super“ – das hat er mir geklaut und „Who´s not ready?“. Ein junger Mann mit einem echt guten Gefühl für Timing. Im Leben wie in der Arbeit.

Seine Schwester Nala, gespielt von Saida, habe ich beim Besichtigen der Universität unter den Studentinnen entdeckt. Sie spielt im nationalen Team Afghanistans Ping-Pong. Saida studiert IT. Sie ist klug, unglaublich präzise in ihrer Arbeit und ein großer Gewinn für unser Ensemble.

Während der Dreharbeiten spiegelt die Realität allzu oft das, was wir mit unserem Film erzählen wollen: die Schwierigkeit des „Sich aufeinander Einlassens“ auf beiden Seiten. Die Gefahr, die damit einhergeht.

Wenn zum Beispiel ein Übersetzer, wie unsere Hauptfigur Tarik, für die Schutztruppen arbeitet. Damit geht ein Afghane ein lebensgefährliches Risiko ein. Und zwar lebenslang. Und es kann lebensgefährlich sein, mit einem solchen Menschen verwandt zu sein. Die Übersetzer helfen nicht nur bei Sprachproblemen, sie unterstützen auch und ganz besonders dabei, alltägliche Unterschiede und alltägliche Missverständnisse aufzuklären, und sind deshalb vielleicht diejenigen, deren Tätigkeit die wichtigste ist, um ein friedliches Zusammen- und Überleben überhaupt erst zu ermöglichen.

 

Wenn wir als internationale Gemeinschaft dieses Land und seine Menschen moralisch, ökonomisch und politisch alleine lassen, wenn wir wegschauen und froh sind, dass wir 2014 zu guten und mehr oder eben weniger großen Teilen „raus“ sind aus der Sache, dann machen wir meines Erachtens einen folgenschweren Fehler. Wir ergeben uns einer doppelten, einer dreifachen Täuschung. Die Verantwortung endet nicht hier. Im Gegenteil, jetzt und hier beginnt unsere eigentliche Verantwortung. Die Verpflichtung, die wir haben, geht weit über einen Truppenabsatz oder eine Truppenreduktion 2014 oder eine Umstrukturierung des militärischen Engagements hinaus. Sie ist und bleibt eine grundsätzliche, die nicht endet, solange der Gedanke einer Weltgemeinschaft trägt. Deutschland kann und darf sich an dieser Stelle keinen Egoismus leisten.

 

Dies gilt meines Erachtens für unsere Verantwortung allen Beteiligten gegenüber. Wenn wir übernächste Woche in Kunduz drehen werden, wird Ronald Zehrfeld auf dem Ehrenhain stehen. Dort, wo die Tafeln jener im Einsatz gefallenen Soldaten stehen, deren Familien und Freunde die wahren Kosten dieses, unseres Einsatzes tragen. Es darf und kann nicht umsonst gewesen sein. Es muss wohin führen. Im Kleinen wie im Großen. Make it count.

Wenn wir stehen bleiben, wenn wir den Weg, der mit Sicherheit ein langer sein wird, vermutlich Generationen lang, wenn wir ihn nicht weitergehen mit der Überzeugung auf einem durchaus guten Weg zu sein, dann hat Deutschland seinen erstmals nach 1945 öffentlich als solchen deklarierten Kriegseinsatz umsonst geführt. Wenn wir unseren Partner jetzt alleine lassen, dann werden wir auch jenen Menschen nicht gerecht, die alles in diesem Einsatz gegeben haben, geschweige denn einer Bevölkerung, die jede Unterstützung durch eine Weltgemeinschaft verdient hat.

Dennoch: Kaum etwas in Afghanistan ist nicht ambivalent, nicht komplex. Nichts ist nur so, wie es scheint. Dieses Phänomen begegnet uns auch beim Dreh jeden Tag. Mir lag und liegt es sehr am Herzen, nicht nur eine Bilderwelt zu schaffen, in der wir die Kraft und den Reichtum einer archaischen, afghanischen Welt erzählen, sondern auch der jungen, aufbrechenden, teilweise ganz profanen Modernität einen visuellen Raum geben können.

Dazu gehört auch etwas über Bildung mitzuerzählen. Natürlich ist es mir, auch lange vor meinen Gesprächen mit Gouverneur Atta in Mazar ein Anliegen gewesen, studierende Frauen zu zeigen. Als wir dann an der Universität drehten, wurden wir, eben weil wir genau dies tun, von Islamisten bedroht. Als ich ihnen am Ende des Tages im Büro des Gouverneurs gegenüber saß, kam es zu einem sehr emotionalen Gespräch. Zu Entschuldigungen und Scham und rührenden Momenten – aber es gibt auch den jungen Mann mit dem langen Bart, der eine nicht enden wollende Diskussion über seine Haltung bzgl. Kultur und Scharia führen will. Eine Haltung, die unverrückbar scheint und die gewaltbereit in ihrer Symptomatik ist. Schock im Team, Unverständnis und meine tiefe Traurigkeit, dass so etwas zu einem Zeitpunkt passiert, an dem eigentlich alle im Team dabei waren ihre Ängste und ihre Vorurteile abzulegen. Alles in Afghanistan ist sehr rasch existentiell.

Wir stecken mitten drin – jetzt wo ich das schreibe, liegen noch zwölf Drehtage in Afghanistan vor uns. Jeden Tag entstehen neue Herausforderungen für uns, unter immer größerem Schlafmangel, aber es kommt auch viel Kraft zurück, von diesem Land und seiner Schönheit und vor allem von seinen Menschen. Jeden Tag tausend Eindrücke – und das Gefühl ein Stück Film gedreht zu haben, der in die für uns richtige Richtung geht. Jeden Tag neue Lehren, neue Erkenntnisse. Unsere Haushälterin ist 32 Jahre alt. Sie kann nicht lesen und nicht schreiben. Sie hat sieben Kinder. Als sie 15 war, hat man sie verheiratet. Sie hat so viele Kinder, weil man sie nicht fragt. Es hat zu geschehen. Nein, sie möchte nicht mitspielen, auch nicht für einen Tag. Egal, wie viel Geld es dafür gäbe. Ihr Mann, der könnte den Film eines Tages sehen. Sie verjagen. Sie töten. Sie hat zuviel Angst. Meiner Tochter hat sie den Kosenamen Nona gegeben. Ich kann ihr mein Tempo, meine Vorstellungen von Unabhängigkeit nicht aufdrücken. Und ich lerne, dass ich es auch nicht will. Der einzig gangbare Weg mit Zukunft geht über Bildung, über Mitsprache durch Verantwortungsübernahme.

Die Komplexität der Gesamtgemengelage in Afghanistan ist immens. Ich bin keine Politikerin. Ich bin Filmemacherin. Ich beobachte Menschen und versuche ihre Bedürfnisse, Ängste und Sehnsüchte zu begreifen. Sie für andere Menschen in Momente zu packen, die greifbar werden. Welten entstehen zu lassen, zu abstrahieren, zu destillieren und Einblicke in das Andere, das Gegenüber für einen kurzen Bruchteil von Kinomomenten fühlbar werden zu lassen.

Ich hoffe sehr, dass uns ein paar dieser Momente mit unserer Arbeit hier gelingen mögen und dass wir unsere Dreharbeiten wohlbehalten werden abschließen können.

Nona als Kosenamen nehmen wir mit. Und die Erinnerung an ein Afghanistan, das so voll von Widersprüchen ist, die tief verankert und systemimmanent sind, dass dieses Land dadurch in sich durch eine absurde Klarheit und Kraft besticht, die ihresgleichen sucht.

Ich hoffe vor allem, wir gehen alle mit der Herzlichkeit Afghanistans in unseren Herzen aus diesem Dreh. Nona und ich und mein neugeborener Sohn Mica werden wiederkommen.

Es geht weiter. Der Weg ist noch lang.

Es ist Zeit für den nächsten Schritt.

 

Feo Aladag, 23. Mai 2013, Mazar-i-Sharif

Zeitgeschichtlicher Kontext:

Afghanistan gehört zu den Ländern, die auf der Schattenseite der globalisierten Welt liegen. Die jüngere Geschichte des Landes handelt von Armut und Hungersnöten, von Krieg und Gewalt. Die sowjetische Besetzung im Jahr 1979, gefolgt von der Herrschaft der Mujaheddin und der Taliban, seit 2001 die amerikanisch geführte Intervention – weder kommunistische, islamistische noch westliche Modelle führten bisher zu einer dauerhaften politischen Ordnung. Den Auseinandersetzungen mit den Russen folgte erneut ein blutiger Bürgerkrieg. 1994 traten erstmals die Taliban in Erscheinung, diese eroberten im September 1996 Kabul und errichteten mit der Proklamation des Islamischen Emirat Afghanistan ein Schreckensregime.

Die Al-Qaida-Anschläge vom 11. September 2001 in New York und Washington führen zur amerikanischen Militärintervention in Afghanistan. Die USA sehen sich im Krieg. Der NATO-Rat stellt am 12. September 2001 fest, dass die terroristischen Anschläge im Sinne der Beistandsverpflichtung des Artikels 5 des Nordatlantikvertrages als Angriff auf alle Bündnispartner zu betrachten sind. Die USA fordern von den Taliban in Afghanistan die Auslieferung des Al-Qaida-Anführers Osama Bin Laden. Nachdem diese Forderung zurückgewiesen wird, beginnen US-Streitkräfte am 7. Oktober mit der Bombardierung von Stützpunkten von Al-Qaida und Taliban. Bodentruppen folgen, diese kämpfen im Verbund mit einheimischen Milizen.

Am 20. Dezember 2001 beschließt der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen mit der Resolution 1386 „die Einrichtung einer internationalen Sicherheitsbeistandstruppe …“. Auf dieser Basis erteilt der Deutsche Bundestag am 22. Dezember 2001 das erste Mandat für die deutsche Beteiligung am ISAF-Einsatz (International Security Assistance Force). Am 2. Januar 2002 trifft das Vorauskommando der ISAF in Kabul ein. Bereits am 14. Januar 2002 beteiligen sich deutsche Soldaten erstmals an Patrouillen in Kabul. Es beginnt der bis heute größte Auslandseinsatz der Bundeswehr.

Seither wurden in Afghanistan über 120.000 deutsche Soldatinnen und Soldaten eingesetzt mit dem Auftrag, zum Wiederaufbau des Landes beizutragen. Insbesondere haben sie, so die offiziellen Berichte, die afghanische Bevölkerung vor vielfältigen Bedrohungen geschützt. Dabei starben bislang 54 deutsche Soldaten. Das aktuelle ISAF-Mandat besteht noch bis zum 28. Februar 2014. Bis Ende 2014 werden die ISAF-Truppen das Land verlassen, danach gibt es eine kleinere Nachfolgemission zur Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte. Deutschland will sich daran mit bis zu 800 Soldaten beteiligen.

Im April 2014 wählt Afghanistan zum dritten Mal einen neuen Präsidenten – der amtierende Hamid Karsai darf nach der Verfassung nicht erneut antreten. Zeitgleich werden in Doha Gespräche mit den Taliban geführt. Das Land steht vor einer ungewissen Zukunft. Die Gefahr ist groß, dass Afghanistan erneut im Chaos versinkt; Ungewissheit besteht insbesondere auch für die afghanischen Helfer der ISAF. Im Zuge des geplanten Abzugs der ISAF-Truppen kam es zu ersten Demonstrationen der afghanischen Übersetzer, diese gelten in den Augen der Taliban wegen ihrer Arbeit für die Schutztruppen als Verräter und müssen nun Vergeltungsmaßnahmen befürchten.

24. November 2013

Einen Monat nach dem Abzug der Bundeswehr aus Kunduz wurde ein früherer Dolmetscher in der nordafghanischen Provinzhauptstadt getötet. Er stand auf einer Liste, die ihm die Einreise nach Deutschland ermöglicht hätte. Ob sein Tod tatsächlich im Zusammenhang mit seiner Arbeit für die ISAF steht, konnte bisher nicht bewiesen werden.

300 Afghanen mit Sicherheitsbedenken haben um Ausreise nach Deutschland gebeten. Deutschland will mindestens 182 afghanische Ortskräfte mit ihren Familien zu deren Schutz nach Deutschland holen.

Quellen, weitere Informationen, Weblinks:

www.mgfa-potsdam.de/html/einsatzunterstuetzung/downloads/wwafghanistan3.aufl.pdf

Quelle: MAJESTIC Filmverleih

Veröffentlicht am 27. März 2014 in Aktionen, Empfehlungen, Film, Gesetze, Human Rights, Medien, Meinungen, Politik und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Kommentare deaktiviert für Kino-Empfehlung| ZWISCHEN WELTEN.

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