Archiv für den Tag 1. November 2014

Teheran ist die Hauptstadt für Nasenkorrekturen

von Dina Nayeri

Als ich vorletztes Halloween entschied, mich als moderne Teheranerin zu verkleiden, hatte ich mehrere Monate unter frisch emigrier­ten Iranern zugebracht. Meine neuen Freundinnen-alle moderne Frauen aus Teheran-berieten mich dabei. Für mein Kostüm benötigte ich eine Mischung aus offensichtlichen und überraschenden Requisiten: ein Kopftuch, dessen Enden im Jackie-Kennedy-Stil nach hinten geworfen werden, mehrere Schichten Make-up (die kreischende Eitelkeit der Teheranerinnen und all das), ein hautenges schwarzes Kleid (iranische Frauen lieben es, die Gesetze der Islamischen Republik auszuloten), besonders große Volumeneinsätze fürs Haar (aufgebauschtes Haar ist eine Art kultureller Spleen, ähnlich wie enge Hosen bei europäischen Männern. Im Iran gilt eine hohe Wölbung unter dem Kopftuch als echter Antörner.) Und zum Schluss brachte mein Expertinnenteam noch ein kleines, aber entscheidendes Detail ins Spiel, das meiner Figur der authentischen vornehmen Teheranerin den letzten Schliff verleihen sollte. Sie musterten mich und eine von ihnen meinte, „Dir fehlt noch ein Pflaster auf der Nase.“

„Die Nase hab ich ja schon“, sagte ich und zeigte auf mein einziges gekauftes Körperteil. Seit meinem 18. Lebensjahr weist sie elegant nach oben. Ich mag Amerikanerin sein, aber ich bin auch Perserin, wollte ich damit sagen. Natürlich habe ich mir die Nase machen lassen.

Auf einem Spaziergang durch Teheran trifft man überall auf glamouröse Frauen mit Hijabs und teuren Sonnenbrillen, deren Nasen an markanter Stelle „Ehrenpflaster“ zieren, oft lange, nachdem die Wunden abgeheilt sind. Die Befürchtung, damit die Obrigkeit vor den Kopf zu stoßen, haben sie nicht.

Für viele junge Perserinnen ist diese Art der Zurschaustellung durchaus sinnvoll, vor allem wenn es darum geht, einen guten Ehemann zu finden. Das Pflaster ist ein Zeichen dafür, dass die Frau aus einer Familie kommt, die für sie sorgt und es sich leisten kann-was allemal besser ist, als lediglich die genetischen Anlagen für ein kleines Näschen zu haben.

Im Iran werden im Vergleich weltweit die meisten Nasenkorrekturen durchgeführt. Schätzungen zufolge lassen sich dort viermal so viele Leute die Nase machen wie in Amerika. Gerade für ein islamisches Land ist das bemerkenswert, und laut einerGuardian-Story vom März 2013 beschränkt sich diese Praxis nicht nur auf die Reichen; auch Verkäuferinnen, Büroangestellte, Studentinnen und Teenager geben ihre Ersparnisse für die OP aus oder verschulden sich dafür. Obwohl Schönheitsoperationen innerhalb der Kultur mittlerweile absolut gängig sind, hat die Islamische Republik bislang kaum Missfallen daran geäußert. In den 1980ern billigte Ajatollah Khomeini die Nasenkorrektur unter Verweis auf Hadith: „Gott ist schön und liebt die Schönheit.“ Und doch, wie BBC im Juni 2014 berichtete, zeigt der staatliche Fernsehsender Tehran TV in seinem Programm keine Schauspieler oder Schauspielerinnen mehr, die sich einer Schönheitsoperation unterzogen haben.

Seit der Revolution 1979, die den Schah zu Fall und die Islamische Republik an die Macht brachte, gilt Teheran als die Nasenkorrekturhauptstadt der Welt. Warum kam es ausgerechnet in einem muslimischen Land zu dieser Entwicklung? Es steht außer Frage, dass die iranische Kultur auf das Verhalten der Menschen stärkeren Einfluss hat als der Islam, und für diese hat körperliche Schönheit in all ihren Formen seit Jahrhunderten einen hohen Stellenwert. Unter dieser Voraussetzung scheint folgende Erklärung plausibel: Weil der obligatorische Hijab nur den kleinen runden Ausschnitt des Gesichts als Darstellungsfläche für Schönheit und Ausdruck offen lässt, sind iranische Frauen völlig besessen von ihrem Gesicht. Sie wünschen sich feine, symmetrische und europäische Züge. Und weil so viele junge Frauen bereit sind, sich dafür unters Messer zu legen und zu verschulden, ist die Nasenkorrektur zu einer Art iranischem Initiationsritus geworden. Heute, nach ein paar Jahrzehnten, hat sich dieser Trend auch in der iranischen Diaspora verbreitet. Für viele persische Frauen und einige Männer ist die Operation ein Indikator, nicht nur für körperliche Schönheit, sondern auch für Reichtum und gesellschaftliche Stellung. Im Vordergrund steht weniger die Eitelkeit als der Wunsch, einer Schicht von Iranern anzugehören, die europäisch aussehen, amerikanische Bücher lesen, reisen und einen westlichen Lebensstil pflegen. So wurde die Beseitigung eben jenes persischen Nasenhöckers, der die unverwechselbare iranische Hakennase ausmacht, ironischerweise zu einem identitätsstiftenden Merkmal. Das Schönheitsideal des iranischen Gesichts hat sich offenbar gewandelt, und obwohl die Operation den eindeutig orientalischen Teil des Gesichts verändert, ist dies letztendlich eine sehr iranische Entscheidung.

Wenn dieser Trend jedoch von dem restriktiven Dresscode der Islamischen Republik herrührt, warum hat er sich dann auch in der iranischen Diaspora so ausgebreitet? Und warum begann er sich schon vor 1979 zu entwickeln? Meine Mutter, Großmutter und Tante ließen sich ihre Nasen in jungen Jahren richten, und alle drei sind konservative Frauen. Meine Großmutter, die sich der Operation in den späten 1960er Jahren unterzog, hatte sich die Nase zuvor bei einem Sturz verletzt-was allerdings eine beliebte Ausrede ist. Sie erzählte, der Arzt habe, bevor er den Bruch richtete, gemeint: „Wenn wir schon mal dabei sind, könnten wir Ihre Nase doch auch ein wenig verkleinern.“ Meine Mutter und meine Tante taten es ihr in den frühen 1970er Jahren gleich. „Damals hatten das nur sehr wenige andere Mädchen“, sagte meine Mutter, um deren Nase ich sie seit meiner Kindheit beneidet habe. „Das war Luxus. Weil ich aber an der medizinischen Fakultät war, konnte ich es umsonst machen lassen.“ Wenn auch eine Seltenheit zur damaligen Zeit, war die Entscheidung dennoch ein Nebenprodukt der iranischen Normen in Bezug auf Ehe und Brautwerben. „Nach ihrer Nasen-OP wollten alle deine Tante heiraten“, erzählte meine Mutter. „Ihre alte Nase … war sehr najoor.“ Für dieses tolle Wort gibt es leider keine adäquate Übersetzung. Es bezeichnet jedenfalls etwas tragisch Unschönes.

Dr. Benjamin Rafii, ein persischer Halsnasenohrenchirurg in Los Angeles, hält das Phänomen nicht für eine Reaktion auf den Islam. „Die Iraner verbindet seit 50 Jahren eine enge kulturelle Beziehung mit Europa“, sagt er. „Nach dem europäischen Schönheitsideal haben persische Frauen viele wünschenswerte Schönheitsmerkmale-mandelförmige Augen, volle in einem hohen Bogen verlaufende Augenbrauen, ausgeprägte Wangenknochen; nur die Nase, die häufig auch noch ein auffälliger Höcker schmückt, sticht als zu groß und unförmig heraus. Sie ist das erste Ziel bei kosmetische Optimierungen.“

Als meine Mutter jung war, vor der Revolution und dem obligatorischen Kopftuch, trieb dieser europäische Einfluss viele berühmte Leute auf den Operationstisch. „Damals ließen sich viele iranische Prominente operieren“, erzählte meine Mutter.

In den frühen 1970er Jahren war das Verfahren noch nicht so ausgereift. Anstelle einer modernen Schiene musste meine Mutter eine Tamponade aus gut zweieinhalb Meter Verbandsmull über sich ergehen lassen; sie wurde ihr tief in die Nasenlöcher bis in den Rachen gestopft. In den 60er und 70er Jahren hatte außerdem jeder Arzt seinen eigenen Nasenkorrekturstil. „Wer zum Arzt meiner Schwester ging, hatte danach die gleiche Nase wie sie, flacher und weniger spitz. Wer zu meinem Arzt ging, hatte meine, dünn und spitz. Heute lassen die Ärzte die Patienten aus mehreren Modellen auswählen. Früher hatte jeder Arzt nur ein Modell.“

Auch ich war mit der „persischen Nase“ geschlagen. Als verpickelte 17-Jährige in Oklahoma, die ihre Nase am liebsten in Bücher steckte, begann ich mir langsam Gedanken darüber zu machen, wie ich wohl aussehen würde, wenn ich nach Princeton ginge. Meine Mutter wollte nicht, dass ich mich mit Jungs traf, Make-up trug oder sonstige Eitelkeiten auslebte, aber sie fuhr mit mir ohne Vorwarnung in die Praxis eines Schönheitschirurgen und meinte: „Du kannst sie dir machen lassen, wenn du willst.“ Ich nahm ihr Angebot dankend an.

Jetzt habe ich nur noch eine Tante, die ihre ursprüngliche Nase behalten hat, und manchmal sehe ich sie und ihre Töchter neidisch an. Ein Teil von mir möchte gern wissen, wie ich wohl mit meiner Nase als Erwachsene ausgesehen hätte. Aber ich sage mir einfach, dass ich durch die OP iranischer geworden bin. Sie ist ein Initiationsritus, den ich mit meiner Mutter, Tante, Großmutter und Tausenden von anderen Frauen aus meinem Heimatland teile. Welche Version von mir ist also persischer? Die Antwort ist kompliziert. Ich kann viele Argumente und Fakten aufführen, aber emotional ist es ein ziemliches Durcheinander. Wann immer ich einen iranischen Freund oder Liebhaber hatte, dessen Nase wie meine alte war, habe ich mich ein wenig zu sehr in ihn verliebt. Heißt das etwa, dass ich mich nach meinem ursprünglichen Gesicht zurücksehne?

Irgendwie war es an jenem Halloween kein gutes Gefühl, dieses Pflaster auf der Nase zu tragen. Den ganzen Abend über fasste ich mir immer wieder an das Pflaster und ertappte mich dabei, wie ich mir vorsichtshalber Erklärungen zurechtlegte. Irgendwann riss ich es ab. Ich sah auch ohne Pflaster iranisch genug aus-ich habe die mandelförmigen Augen, die Augenbrauen, spreche die Sprache, werfe den Schal aufmüpfig nach hinten. Mein Gesicht ist mein Gesicht.

Source: VICE

Iran by rail: making tracks in Tehran

The arrival of the first private train from Europe to enter Iran underlines the country’s growing appeal to tourists

Iran by rail: Making tracks in Tehran

Tourists arrive in Iran this week Photo: GETTY

Fanfare and flash bulbs greeted the Golden Eagle Danube Express this week on its arrival at Tehran station. The passengers were showered with gifts and good wishes, and eagerly pressed for quotes or poses, as they disembarked at Iran’s capital into a welcoming scrum of tourism officials, residents and international news and television crews.

Ayatollah Khomeini, hard-line architect of Iran’s Islamic revolution, might not have approved. But the much-heralded arrival of this luxury period-style service, the first private European train permitted to enter the country, is being seen as headline evidence of the thaw in relations between the West and the Islamic Republic since the election last year of comparative moderate President Hassan Rouhani.

It especially marks a new beginning for tourism in a country that’s little visited despite being richer even than neighbouring Turkey in world heritage sites such as ancient Persepolis and Isfahan’s exquisite Naqsh-e Jahan Square.

“We’re on target to double the number of incoming visitors from 2.3 million in 2013 to 4.6 million this year,” says Ebrahim Pourfaraj of the Iran Tourism Operators’ Association.

The inaugural “Jewels of Persia” departure, carrying 62 mostly Australian, American and European passengers, left Budapest two weeks earlier for the 4,100-mile journey. The train first passed through Hungary, Romania and Bulgaria, its regular touring grounds, before crossing Turkey for the first time to make its historic entrance east of Lake Van into the Islamic Republic.

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WELT| „Möchte die Stimme derer sein, die sprachlos sind“

Die iranischstämmige Schriftstellerin Bahiyyih Nakhjavani lebt im Exil. Ihre Gedanken aber sind bei ihren verfolgten Glaubensbrüdern von den Bahai im Iran – um die macht sie sich derzeit große Sorgen.

Sie werden verfolgt, inhaftiert und in den Untergrund gezwungen – die etwa 300.000 Anhänger des Bahai-Glaubens im Iran leben unter extremem Druck. 120 Bahai sollen laut des UN-Sonderberichterstatters für Menschenrechte in iranischer Haft sitzen. Viele Anhänger des Glaubens verlassen das Land, denn auch unter der etwas moderater auftretenden Regierung von Präsident Hassan Ruhani hat sich ihre Lage bisher nicht verbessert. Die Schriftstellerin Bahiyyih Nakhjavani beobachtet die Situation der Bahai in ihrem Geburtsland mit großer Sorge. Die 66-Jährige gehört dem Glauben an, war allerdings erst drei Jahre alt, als ihre Eltern mit ihr den Iran verließen. Inzwischen lebt sie als Autorin in Frankreich. Im Jahr 2000 hat sie mit ihrem ersten Roman „Die Satteltasche“ einen internationalen Bestseller geschrieben, derzeit arbeitet sie an ihrem neuen Buch über die Diaspora. Mit der „Welt“ spricht sie über die Lage der Bahai im Iran, Heimatgefühle und den Einfluss ihres Glaubens auf ihre Arbeit.

Die Welt: Sie wurden im Iran geboren, sind in Uganda aufgewachsen und haben in den USA, Sierra Leone, Zypern, Großbritannien und Belgien gelebt. Mittlerweile wohnen Sie in Frankreich. Wie haben diese vielen Ortswechsel Ihre Arbeit als Autorin geprägt?

Bahiyyih Nakhjavani: Ich habe einige Dinge beobachtet, die mich schockiert haben. Solche Empörung treibt mich sehr stark an, und sie bringt mich dazu, schreiben zu wollen. Ein anderes Mal habe ich etwas gesehen, das Mitgefühl bei mir ausgelöst hat. Dann möchte ich die Stimme derer sein, die selbst sprachlos sind. Das ist ebenfalls ein starker Antrieb für mich, zu schreiben. Ich denke aber, im tiefsten Inneren sind all diese verschiedenen Erfahrungen, das Reisen, der Aufbruch und das Bestreben, irgendwo sesshaft zu werden, eine Metapher für jeden Versuch eines Autors, etwas zu schreiben. Jede weiße Seite ist wie ein neues Land.

Die Welt: Im Alter von drei Jahren haben Sie den Iran bereits verlassen. Fühlen Sie sich trotzdem als Perserin?

Nakhjavani: Die Auswanderung war keine bewusste Entscheidung. Obwohl wir im Ausland lebten, haben wir eine Art persischen Stempel aufgedrückt bekommen.Uganda, wo ich aufgewachsen bin, war britisches Protektorat. Die Hauptstadt Kampala war in drei Sektoren unterteilt: Es gab Inder, Afrikaner und Europäer, die Briten. Wir als persische Familie passten nicht in diese Struktur. Deswegen waren wir dann Perser. Ich will keine Klischees nennen, aber wenn man in einer persischen Familie aufgewachsen ist, dann hat man diesen Geruch in der Nase und dann ist da natürlich noch die Sprache.

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UN-Experte entsetzt über Hinrichtungen im Iran

Die UNO ist besorgt über die steigende Zahl von Hinrichtungen und die Verschlechterung der Menschenrechtslage im lran. Der Jahresbericht des UN-Sonderberichterstatters über die Menschenrechtslage im Iran zieht eine erschreckende Bilanz.

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Der UN-Sonderberichterstatter über die Menschenrechtslage im Iran, Ahmed Shaheed (Bild), hat der Presse am 27. Oktober seinen Jahresbericht vorgestellt. Seit der Wahl des Regime-Präsidenten Rohani im Juni 2013 wurden demnach 852 Menschen im Iran hingerichtet, darunter acht Minderjährige. Damit hat der Iran weltweit die höchste Hinrichtungszahl pro Kopf.

Shaheed äußerte sich schockiert über das Spektrum der Taten, für die im Iran Todesurteile verhängt werden. „Wir haben erlebt, dass ein Mensch hingerichtet wurde, weil er für eine ausländische Organisation gespendet hat“, sagte Shaheed.

Entsetzt zeigte er sich über die Erhängung der 26-jährigen Reyhaneh Jabbari, die am 25. Oktober im Iran hingerichtet wurde, obwohl sich weltweit Menschenrechtler und sogar Regierungen für die Rettung der jungen Frau eingesetzt hatten.

Der UNO-Sonderberichterstatter warf dem iranischen Präsidenten vor, sein Versprechen aus dem Wahlkampf zur Verbesserung der Menschenrechtslage nicht eingehalten zu haben. Seit seinem Amtsantritt 2011 hat der UNO-Experte keine Erlaubnis zum Besuch des Irans erhalten.

Shaheed kritisierte auch die Einschränkung der Pressefreiheit im Iran. Demnach sind derzeit 35 Journalisten in Haft. Mindestens 300 Menschen seien zudem wegen ihres Glaubens inhaftiert, darunter 120 Mitglieder der religiösen Gemeinschaft der Bahai.

Es wird erwartet, dass die UNO-Generalversammlung im November über einen von Kanada eingebrachten Resolutionsentwurf abstimmt, in dem die Verletzung der Menschenrechte im Iran verurteilt wird.

Pressekonferenz des UN-Sonderberichterstatters über die Menschenrechtslage im Iran (Video)

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