WAZ| SAMSTAG: Gesichter des Iran

SAMSTAG: Gesichter des Iran

Hotellobby, Teheran
Da sitze ich nun in einer Hotellobby in Teheran und versuche Skype auf meinem Handy ans Laufen zu kriegen. Ein junger Mann mit Lederjacke hat sich behutsam in den schweren Sessel gegenüber gleiten lassen. Ich muss meinen Mann anrufen, um ihm zu sagen, dass ich heil angekommen bin – im Iran. Zuhause machen sich alle Sorgen. Was weiß man schon – ein Ex-Präsident, der gegen Israel gewettert hat, der Atomstreit, Steinigungen. Lederjacke rutscht unruhig auf dem Sessel hin und her, ich tippe wild aufs Handydisplay. „Excuse me“, sagt er. Er lacht verlegen, philosophiert in gebrochenem Englisch über deutschen Fußball, erzählt von seiner Theatergruppe, die gerade von der Aufführung kommt. Zwei seiner Freunde gesellen sich zu uns. Ein großer Kräftiger ruft seine Schwester an, drückt mir erwartungsvoll das Smartphone in die Hand und will, dass ich mit ihr rede. Dann meldet sich mein Skype-Anschluss. Zum Abschied sieht mir Lederjacke ernst in die Augen und meint: „Sag deinen Freunden und deiner Familie Zuhause: Wir sind ein friedliches Volk.“

Hafiz-Grabmal, Shiraz
Die Stadt der Liebe und des Weins hat mich gleich an Las Vegas erinnert – sie ist zumindest eine dezente iranische Variante davon. Bunte Lichterketten sind über die Straße gespannt, Graffitis zieren Hauswände und Mauern, um zehn Uhr abends ist der Nachtmarkt so voll wie eine deutsche Fußgängerzone am Samstagnachmittag. Zwischen die schwarz verschleierten Gestalten schieben sich Pärchen, die zaghaft Händchen halten. Junge Männer ziehen Boxen auf Rädern hinter sich her, aus denen laute Musik plärrt. Es wird gelacht, gefeixt, gegrüßt.

Jetzt sitze ich auf der Freitreppe vor dem Grabmal des berühmtesten aller persischen Dichter. Hafiz ist der Goethe des Iran – er liebte Wein, Weib und Gesang und wird von jedem verehrt. „Wie du zu lieben und zu trinken, das soll mein Stolz, mein Leben sein“, hat Goethe über seinen Freund im Geiste geschrieben. Sein Grab ist die beliebteste Sehenswürdigkeit des Landes, Paare verbringen seinetwegen ihre Flitterwochen in Shiraz. Die Kopftücher sollen hier lockerer sitzen, Verliebte wurden schon turtelnd gesehen. Vor dem Eingang hat mir ein Mann so etwas wie eine iranische Glückskeksvariante in die Hand gedrückt: „Genieße die Welt“, steht auf der Karte. Entsprechend gespannt beobachte ich jetzt die Leute. Junge Frauen tragen noch das Pflaster von der letzten Schönheits-OP auf der Nase, Kinder juchzen vor Freude als ihre Eltern sie von der Rutschpartie auf der Balustrade auffangen, ein Mullah und ein Soldat schlendern einträchtig plaudernd zum Park.

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Veröffentlicht am 13. November 2014 in Iran, Tourismus und mit , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Kommentare deaktiviert für WAZ| SAMSTAG: Gesichter des Iran.

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