Afghanische Redensarten und Volksweisheiten: „Die Ankunft des Königs führt zum Untergang des Dorfes“

Afghanistan ist ein Vielvölkerstaat und ein Land voller Redensarten und Volksweisheiten. Sie sind ein fester Bestandteil der Kultur, die jedoch vielen jungen Afghanen immer weniger geläufig ist. Der Deutsch-Afghane Noor Nazrabi hat viele Redewendungen gesammelt und jetzt ein Nachschlagewerk auf Deutsch und Dari veröffentlicht. Kathrin Erdmann stellt es vor.

Seine ganzen Ersparnisse hat Noor Nazrabi in sein Buch „Afghanische Redensarten und Volksweisheiten“ gesteckt. „Und meine ganze Liebe, deshalb habe ich auch keine Freundin“, sagt er breit lächelnd, während er in einem Hamburger Unicafé über sein erstes eigenes Werk erzählt. Der 30 Jahre alte Nazrabi arbeitet als interkultureller Trainer, hat Marketing und Kommunikation studiert und für die Buchreihe eigens den Afghanistik Verlag gegründet.

„Viele Menschen interessieren sich in Deutschland für Afghanistan, aber sie hören immer nur von Krieg und Konflikten. Doch es gibt noch viele andere Seiten, von denen ich eine der schönsten zeigen wollte“, sagt er.

Die 200 Seiten des Nachschlagewerks sind in insgesamt acht Kapitel aus den unterschiedlichen Lebensbereichen unterteilt. Es geht um Gott und den Glauben, den Menschen und die Gesellschaft, ebenso wie um den Zyklus des Lebens. Alle Sprichwörter sind alphabetisch geordnet, in Dari und lateinischer Umschrift sowie Übersetzung aufgeführt. Weil nicht alle Sprichwörter selbsterklärend sind, liefert der Autor jeweils eine Interpretation dazu.

Redensarten als pädagogische Maßnahme

Illustration von Moshtari Hilal in "Afghanische Redensarten und Volksweisheiten" von Noor Nazrabi

Anhaltend hoher Stellenwert von Sprichwörtern und Volksweisheiten in Afghanistan: „Viele Menschen glauben an die Weisheiten, handeln nach ihnen. Sie geben auch Auskunft über innerliche Befindlichkeiten“, erklärt der Autor.

So erfährt der Leser, dass die Redensart „Die Ankunft des Königs führt zum Untergang des Dorfes“ im übertragenen Sinne meint, das nicht jeder zum Regieren geeignet sei. Und er entdeckt – wenn auch erst auf den zweiten Blick – so manche Parallele zu deutschen Sprichwörtern. So sagt der Afghane zum Beispiel „Die Welt vergeht in Hoffnung essen“, was so viel bedeutet wie: Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

„Redensarten werden in Afghanistan oft auch als pädagogisches Mittel eingesetzt“, fährt Noor Nazrabi fort, blättert durch das Buch und zeigt auf den Spruch „Eigentum ist wie Salzwasser“. „Das bedeutet, wenn man Geld hat, strebt man nach immer mehr, aber das ist nicht gut. Man sollte von Habgier Abstand nehmen.“

Dass Sprichwörter und Volksweisheiten in Afghanistan vor allem in der älteren Bevölkerung immer noch einen enormen Stellenwert haben, liegt aus Sicht des Autors vor allem an der schlechten Bildungssituation vieler Menschen. 70 Prozent könnten nicht schreiben und lesen, bei den Frauen seien es sogar noch mehr. „Viele Menschen glauben an die Weisheiten, handeln nach ihnen. Sie geben auch Auskunft über die innerliche Befindlichkeit einer Person“, erklärt Nazrabi.

Die gebackene Frau

Interessant sind unter anderem die Kapitel über die Männer- und Fraueneigenschaften. Dem Mann werden Eigenschaften wie Stärke und Mut zugeschrieben, den Frauen eher Schwatzhaftigkeit.  Manches lässt einen auch schmunzeln wie zum Beispiel die Zuschreibung „gebackene“ Frau, was Nazrabi mit „kluge und intelligente“ Frau übersetzt. Im Deutschen würde man vielleicht eher sagen: eine „gestandene“ Frau.

Diskriminierende Floskeln sowie Plattitüden hat der Autor bewusst ausgeschlossen, wie es im Vorwort heißt. Dennoch gibt es einige geschlechterabwertende Sprichworte wie „Treue dem Hund, Untreue den Frauen“, ein Sprichwort über die Untreue der Frauen. Der Autor hat Redensarten wie diese entsprechend gekennzeichnet.

Für sein Werk ist der Autor extra in seine alte Heimat gereist. Er war in alten Bibliotheken, hat Professoren in Afghanistan kontaktiert und viel mit Bekannten und Verwandten gesprochen. Sein Nachschlagewerk sei in dieser Ausführlichkeit einzigartig, ist er sicher. Es ist das erste von insgesamt vier Bänden, je zwei in Deutsch-Dari und in Deutsch-Paschtu sind geplant.

„Die Kultur auch im Exil zu erhalten“

Noor Nazrabi möchte seinem Volk, das so lange im Krieg gelebt hat, damit ein Stück Identität zurückgeben. „Afghanistan ist ein Vielvölkerstaat, der sich gerade findet. Die Redensarten können dazu beitragen, sich der eigenen, gemeinsamen Kultur und Herkunft bewusst zu werden“, hofft er.

Buchautor Noor Nazrabi; Foto: Afghanistik Verlag

„Afghanistan ist ein Vielvölkerstaat, der sich gerade findet. Die Redensarten können dazu beitragen, sich der gemeinsamen Kultur und Herkunft bewusst zu werden“, hofft Noor Nazrabi.

Zugleich ist das Buch für junge Afghanen und Afghaninnen in Deutschland gedacht. „Viele haben keinen richtigen Bezug mehr zur Kultur und Heimat ihrer Eltern, weil sie selbst in Deutschland geboren und aufgewachsen sind“ und vielleicht könne sein Buch ihnen ja Lust darauf machen, sich wieder mehr damit zu beschäftigen, hofft der Deutsch-Afghane.

Lust auf Lesen macht das Buch allemal, auch weil es durch die Illustratorin Moshtari Hillal immer wieder Neues zu entdecken gibt. Mit ihren mal fein, mal fett gezeichneten Figuren, einzelnen hervorgehobenen Redewendungen in Deutsch und Dari hat das Buch etwas Uneinheitliches, so wie Afghanistan mit seinen vielen Völkern.

Ein Dankeschön an Deutschland

Der aufmerksame Leser wird an einzelnen Stellen feststellen, dass hier und da ein Wort fehlt oder vielleicht auch über den einen oder anderen Begriff stolpern, der so im Deutschen unüblich ist.

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Veröffentlicht am 14. November 2014 in Afghanistan, Kultur und mit , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Kommentare deaktiviert für Afghanische Redensarten und Volksweisheiten: „Die Ankunft des Königs führt zum Untergang des Dorfes“.

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