Melika Foroutan: „Ich fühlte mich völlig aufgehoben – bis es zum Zusammenbruch kam“

Melika Foroutan
© Yves Borgwardt
VON NANA HEYMANN

In einem wiederkehrenden Traum bin ich auf der Flucht. Ich muss weglaufen, weil ich etwas getan habe, für das ich verfolgt werde. Ich muss mich verstecken und habe Angst, entdeckt zu werden. Bevor es dazu kommt, wache ich auf.

Ich denke, dieser Traum hat mit einem Erlebnis in meiner Kindheit zu tun. Ich erinnere mich daran nur noch schemenhaft, vielleicht setzt sich meine Erinnerung auch nur aus den Erzählungen meiner Familie zusammen, aber unbewusst prägt sie mich bis heute.

Ich war vier Jahre alt, als der Krieg zwischen dem Irak und dem Iran ausbrach. Unsere Familie lebte damals in Teheran. Es war September, und auf einmal fingen meine Mutter und meine Großmutter an, die Fenster unseres Hauses mit Zeitungen abzukleben. Abends gingen wir in den Keller, wobei ich nicht mit Bestimmtheit sagen kann, ob Teheran zu diesem Zeitpunkt bereits bombardiert wurde. Wir hatten auf jeden Fall Angst davor. Mir war nicht klar, was geschah, aber ich merkte, dass die Menschen um mich herum sehr angespannt waren und wir oft in den Keller gehen mussten. An einem dieser Abende gab es einen Kuchen mit Kerzen, es war mein fünfter Geburtstag.

Als ich sieben war, mussten wir den Iran verlassen und zogen nach Deutschland. Nach unserer Ankunft hatte ich dann häufig das Gefühl, erklären zu müssen, warum ich hier bin. Es waren nicht mal feindselige Fragen, die mir gestellt wurden, oft kamen sie aus einem wirklichen Interesse heraus. Trotzdem vermittelten sie mir, dass hier zu leben für mich keine Selbstverständlichkeit war. Besonders schlimm fand ich die Bilder von meinem Land, die in den Köpfen der Menschen um mich herum existierten. Sie kannten aus den Nachrichten nur verschleierte Frauen, Revolutionswächter, finstere Männer mit Bärten. Diese Bilder standen in totalem Gegensatz zu meinen Erinnerungen. Es waren Erinnerungen, wie sie ein Kind eben hat, wenn es beschützt in einer großen Familie aufwächst. Ich fühlte mich völlig aufgehoben – bis es zum Zusammenbruch kam.

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Veröffentlicht am 16. November 2014 in Melika Foroutan und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Kommentare deaktiviert für Melika Foroutan: „Ich fühlte mich völlig aufgehoben – bis es zum Zusammenbruch kam“.

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