Filmfestival „Cinema Vérité“ in Teheran

„On Underground“ – ein iranischer Film über Breakdance im Iran? Eine Sensation. Tanzen in der Öffentlichkeit ist untersagt und wird von den Sittenwächtern streng bestraft.

Mahan Khamamipour, Regisseur

»Ich hab‘ mir gedacht, über dieses Thema muss ich einen Film machen. Es ist ein Thema, das im Iran nicht so gerne gesehen wird. Ich war dann selbst überrascht, als ich angerufen wurde und man mir sagte, dass mein Film für das Festival angenommen ist. Ich hab mich sehr gefreut, weil viele Leute nicht wissen, dass es so etwas auch im Iran gibt.«

Umso erstaunlicher ist dieser Film, der eine Breakdance Gruppe in Teheran porträtiert. Er erzählt davon, wie die Jugendlichen ihr Leben für den Tanz geben, sich im Geheimen treffen und „Breakdance“ als Sport legalisieren wollen. Denn Sport ist erlaubt.

Geteilte Meinung zum offenen Umgang mit westlichen Themen

Ein Besucher des Filmfestivals kommentiert: „Woanders ist es normal, wenn die Leute tanzen und singen, nur im Iran ist es das nicht.“ Ein weiterer meint hingegen: „Ich denke, wir brauchen hier so etwas nicht.“ Und der nächste sieht es aus einer ganz anderen Perspektive: „Eigentlich finde ich, das Problem ist das Wort ‚Dance‘. Es ist doch aber mehr ein Sport als ein Tanz.“

Iran – eine geschlossene Gesellschaft im Spiegel ihrer Filme

Blick auf Teheran

Blick auf Teheran

Das 8.Teheraner Dokumentarfilmfestival hat sich ein mutiges Motto gesucht: „Wahrheit“ – im Sinne von zeigen, was ist. Nach einem Jahrzehnt unfreiwilliger Stille unter Präsident Ahmadinedschad, spürt man den Aufbruch. 100 Neuproduktionen überwiegend junger Regisseure. Auch der fundamentalistische Terror des IS ist Thema. Ein kleines Mädchen erzählt in einem der Filme minutenlang vom Mord an ihrer Familie.

Mohammad Schahin, Regisseur

»Als ich in das Dorf kam, waren die Kämpfer von ISIS nur noch acht Kilometer von uns entfernt. Ich ging in das Zimmer und da kamen auf  einmal alle Kinder herein und wollten vor der Kamera reden. Krieg ist etwas ganz Schreckliches. Es ist ein Geschehen, das alles mit sich reißt: die Erinnerungen, die Zukunft, die Vergangenheit, die Hoffnung. All das zerstört der Krieg.«

Nach Jahren der Gängelung und der Verbote ist dieses Festival wie eine Selbstvergewisserung. Außerdem treffen die iranischen Dokumentarfilmer hier auf einen Festivaldirektor, der vor allem ihre Interessen vertritt.

Mohammad Mehdi Tabatabainedjad, Festivaldirektor

»Diesmal gab es keine inhaltlichen Einschränkungen. Unsere Gesellschaft muss dafür offen sein, sich auch kritischen Themen zu stellen. Manche im Land sind dafür noch nicht bereit.«

Aber auch das erstaunt: Über zehn Prozent der Filme sind von Frauen. So “Café Tehran”. Das Kaffeehaus als Ort des ungezwungenen Redens. Für einige im Iran ist das bereits ein Schritt zu weit in Richtung Verwestlichung.

Niloufar Saidi, Regisseurin

»Das Kaffeehaus ist im Iran ein Symbol für Modernität. Wir übernehmen Elemente aus dem Westen und bauen sie in unsere Kultur ein. Für die jungen Leute ist das Café wie ein geschützter Raum. Dort können sie sich ungestört mit ihren Freundinnen und Freunden treffen und miteinander reden, ohne dass sie sich dafür rechtfertigen müssen. «

Im Film erzählt ein junger Mann: „Das Kennenlernen meiner Freundin, das Sich-Verlieben, ein Teil meines Lebens – Freuden und Enttäuschungen – finden hier statt.“ Ein anderer sagt: „Ich brauche einfach Leute um mich“ und fügt hinzu: „Über 20 Cafés wurden wegen Nichteinhaltung islamischer Verhaltensregeln in den letzten Wochen in Teheran geschlossen.“ Regisseurin Saidi allerdings hat Hoffnung:

»Zuerst einmal denkt man, über solche Probleme darf im Iran nicht geredet werden. Aber inzwischen ist eine neue Ära angebrochen.«

Das “Kino der Wahrheit” war trotz aller neuen Freiheiten eine Gratwanderung, der Versuch einer moderaten Regierung, sich gegen die Allmacht der Fundamentalisten durchzusetzen. Auch wenn manche engagierte Filme nach dieser Woche so bald nicht mehr zu sehen sein werden, es ist kein iranischer Frühling. Aber ein Tauwetter.

Autor: Rüdiger Lorenz

Quelle: ARD

Veröffentlicht am 8. Dezember 2014 in Filmfestival "Cinema Vérité", Zensur und mit , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Kommentare deaktiviert für Filmfestival „Cinema Vérité“ in Teheran.

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