StZ| Früher Flüchtling, heute Chefarzt

Von  27. Dezember 2014 

Mit 16 Jahren ist Farzam Vazifehdan aus dem Iran nach Deutschland gekommen, wo er zur Hauptschule gehen sollte. Eine Geschichte über bürokratische Hürden und viel Willensstärke.

Mit Hartnäckigkeit, Durchhaltevermögen und Fleiß  hat sich Farzam Vazifehdan in Deutschland sein Abitur  und seine gesellschaftliche Anerkennung erkämpft. Foto: Lichtgut/Horst Rudel
Mit Hartnäckigkeit, Durchhaltevermögen und Fleiß hat sich Farzam Vazifehdan in Deutschland sein Abitur und seine gesellschaftliche Anerkennung erkämpft.Foto: Lichtgut/Horst Rudel

Stuttgart – Farzam Vazifehdan hat es vom Flüchtling aus dem Iran zumChefarzt in Deutschland gebracht. „Es ist wie im Märchen, von der Putzfrau zur Prinzessin. Die Menschen mögen solche Geschichten vor allem um Weihnachten herum“, bemerkt der 47-Jährige trocken, die mitschwingende Ironie ist nicht zu überhören. Farzam Vazifehdan sitzt in seinem Chefarztbüro im Diakonie-Klinikum im Stuttgarter Westen. Am Fenster steht ein Ausschnitt einer Wirbelsäule, auf dem Regal reihen sich Fotos seiner Kinder, der weiße Arztkittel hängt im Schrank. Der 47-jährige Deutsch-Iraner sprüht vor Lebenslust. Hat er sich erst einmal in Fahrt geredet, ist er kaum zu bremsen. Und das tut er gerne, wenn es umFlüchtlinge und um die eigene und die bundesdeutsche Vergangenheit geht.

Ein Asylantrag kam für ihn nicht in Frage

Farzam Vazifehdan ist 1984 mit 16 Jahren nach Deutschland gekommen, in Begleitung seines Vaters und mit einem Dollarkonto im Rücken. Im Iran war der erste Golfkrieg auf seinem Höhepunkt und die Familie wusste, mit 17 würde er nicht mehr legal ausreisen können, weil der Militärdienst drohte. Eigentlich sollte Deutschland nur eine Zwischenstation auf dem Weg nach Kanada sein. Vazifehdan aber bekam kein Visum und beschloss, in Deutschland zu bleiben. „Ich bin nicht mit dem Boot gekommen, sondern geflogen, von Teheran nach Frankfurt. Und dann mit dem Zug nach Hamburg, wo wir iranische Freunde hatten“, erzählt der Wirbelsäulenspezialist und macht den Unterschied zu vielen Flüchtlingen von heute deutlich.

Tatsächlich war Vazifehdan privilegiert, die Familie war wohlhabend, gebildet und auslandserfahren, ein Asylantrag kam für ihn überhaupt nicht in Frage. „Wenn ich einen Asylantrag stelle, verliere ich alle Freiheit, und jede Möglichkeit, mich offen zu informieren, mich zu bilden und frei zu entscheiden.“ Der junge Iraner erkämpfte sich mit Hilfe eines Anwalts ein humanitäres Visum für die Zeit des Golfkrieges. Sein Vater kehrte nach drei Monaten in den Iran zurück und Farzam Vazifehdan machte seine ersten Erfahrungen mit deutschen Behörden, die alles andere als erfreulich waren. „Ich bin zum Schulverwaltungsamt und dort sagte man mir, ich solle zur Hauptschule, ohne mir irgendetwas zu erklären.“ Flüchtling gleich Hauptschüler, diese Verbindung besteht nach Ansicht des Iraners in vielen Köpfen bis heute. Das Urteil des 47-Jährigen über deutsche Behörden fällt bis heute vernichtend aus: „Es ist überhaupt keine Bereitschaft spürbar, zu helfen. Man fühlt sich vielmehr als Last.“

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