Archiv für den Tag 3. Januar 2015

ARD| Jugend im Iran

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Von Bita Schafineya

Junge Iranerinnen in Jeans und bunten Tüchern gehen mit Einkaufstüten eine Straße entlang.

 Teherans Jugend hofft, dass durch den zunehmenden Tourismus ein anderes Bild ihres Landes im Westen entsteht. (ATTA KENARE / AFP)

Taillierte Mäntel, rot lackierte Fingernägel, farbige Kopftücher: Die iranische Hauptstadt Teheran ist bunt geworden. Seit Hassan Rohani im vergangenen Jahr zum Präsidenten gewählt wurde, hat sich einiges im Iran getan. Dennoch ist der Alltag iranischer Jugendlicher alles andere als einfach.

Teheran mitten im Feierabendverkehr. Auf der Vali-Asr-Straße bewegen sich die Autos nur langsam vorwärts – vom Süden in den höher gelegenen Norden. Eine beliebte Strecke bei den Jugendlichen, um sich näher kennenzulernen. Da es keine Diskotheken gibt, entsteht der erste Blickkontakt oft im Stau. Und dann werden Visitenkarten getauscht:

„Ja, der hat einfach die Karte gegeben und sie sollte ihn anrufen, dann hat sie gerade angerufen. Dann sagte er, lass uns heute Abend treffen und was zusammen unternehmen.“

Feiern kann man trotzdem

Strenge Regeln machen den Jugendlichen im Iran immer noch das Leben schwer: Junge Pärchen ohne Trauschein können wegen der islamischen Gesetze nach einem Treffen in einem Café auf einer Polizeiwache landen. Wer dennoch Spaß haben will, muss sich im Verborgenen amüsieren, denn das soziale Leben findet hinter verschlossenen Türen statt.

Etwa 30 junge Iraner feiern den Geburtstag ihres Freundes Ali-Reza, obwohl solche Feiern verboten sind. Sie singen ein Lied für ihn – im Norden der 15-Millionen-Hauptstadt Teheran, in einer Wohnung im dritten Stock. Vor allem die Iranerinnen können sich hier frei bewegen. Alle sehen aus wie aus einem Modemagazin entsprungen: Gertenschlank im Minikleid – ihre Kopftücher haben sie abgelegt – die Haare kunstvoll hochgesteckt.

Das Klima in der Öffentlichkeit ist etwas toleranter geworden, seit Präsident Hassan Rohani an der Macht ist. Unter seinem Vorgänger Mahmud Ahmadinedschad waren die Gesetze schärfer, die Sittenpolizei hatte großen Einfluss.

Der Wechsel kam im Sommer 2013. Die selbst ernannten Sittenwächter wurden in ihre Schranken gewiesen – sie dürfen nicht mehr so viel kontrollieren. Dennoch, in der Öffentlichkeit müssen Frauen Mantel und Schleier tragen, um ihre Körperkonturen zu verdecken.

Hohe Jugendarbeitslosigkeit

Etwa 70 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 30 Jahre, etliche von ihnen arbeitslos. Keyvan sucht seit einem Jahr eine feste Stelle:

„Viele haben keine Arbeit, auch viele Akademiker, obwohl sie lange studiert haben und schon fertig sind, ausgebildete Leute sind, aber trotzdem finden sie keinen Job. Ja, sie machen sich Sorgen und es ist sehr schwer, eine Arbeit zu finden.“

Abends trifft der 25-Jährige sich mit Freunden. Die meisten von ihnen hängen herum, ohne etwas Nützliches zu tun. Doch Keyvan hat Angst vor der Zukunft, mittlerweile nimmt er jeden Job an, den er bekommen kann:

„Ich bin Ingenieur, aber ich arbeite zurzeit bei der Bank. Und das, obwohl ich gar kein Interesse an meiner jetzigen Arbeit habe. Aber wegen des Geldes mache ich es eben.“

So wie Keyvan geht es vielen jungen Menschen in Iran. Die Statistik weist eine Arbeitslosigkeit von gut 15 Prozent aus. Doch nach Meinung von Experten dürfte sie in Wirklichkeit weitaus höher liegen.

„Es lässt sich hier auch sehr viel Spaß haben“

Um ihren Frust abzulassen, kommunizieren viele über Facebook. Doch die sozialen Netzwerke sind der iranischen Führung ein Dorn im Auge. Immer wieder wird das Internet einfach mal für ein paar Tage gesperrt. Die staatlichen Aufpasser versuchen, irgendwie die Kontrolle zu behalten. Kürzlich sind Fotos von einer illegalen Pool-Party bei Facebook gelandet. Daraufhin wurden drei Jugendliche festgenommen. Junge Leute finden immer Möglichkeiten, etwas zu unternehmen, erzählt Ramin:

„Sicherlich hat man hier andere Freizeitaktivitäten als in Deutschland, aber nicht weniger attraktiv. Also es lässt sich hier auch sehr viel Spaß haben. Die Jugendlichen nehmen sich einfach die Freiheit und tun hier, was sie wollen, was ihnen Spaß bringt hier. Sie treffen zum Beispiel sich zu Hause oder draußen in Cafés.“

Oder die Jugendlichen treffen sich in einem der vielen Parks von Teheran. Verliebte Pärchen schlendern trotz allem Hand in Hand durch die Grünanlagen oder sitzen in einem der Teehäuser. Andere machen Sport an den Fitnessgeräten, die in den Parks am Wegesrand zu finden sind.

Ein anderes Bild vermitteln

Dem Tourismus hat die neue politische Ordnung gutgetan: Iran hat sich inzwischen zu einem Trendreiseziel für westliche Besucher entwickelt, erzählt Ramin freudestrahlend:

„Ich bin froh, dass jetzt mehr Leute hierher kommen. Man wünscht sich natürlich, dass sich das Bild ändert, das die Menschen im Ausland haben, weil es nicht dem entspricht, was hier im Land abläuft. Gerade, was die jungen Leute denken ist nicht das, was die letzten acht Jahre nach außen getragen wurde, und deshalb wünscht man sich schon, dass jetzt andere Inhalte nach Außen dringen.“

Quelle: Deutschlandfunk

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Vorerst keine Verschärfung von Kopftuchzwang im Iran

Wächterrat schmettert Gesetz als verfassungswidrig ab

Im Iran ist ein umstrittenes Gesetz zur Verschärfung des Kopftuchzwangs im Wächterrat gescheitert. Es wurde zur Nachbesserung an das Parlament zurücküberwiesen.

Das einflussreiche konservative Gremium, das Gesetze auf ihre Übereinstimmung mit dem Islam und der Verfassung überprüft, wertete 14 der 24 Punkte des Gesetzes als verfassungswidrig, wie ein Sprecher der Nachrichtenagentur Irna sagte. Das Gesetz sollte der Bassidsch-Miliz mehr Rechte bei der Überprüfung und Durchsetzung der Kleiderordnung geben.

Seit der iranischen Revolution 1979 gilt für Frauen und Männer eine strenge Kleiderordnung, die für Frauen ein Kopftuch vorschreibt, das Haare und Hals bedeckt, sowie weite Kleidung, die bis zu den Füßen und den Handgelenken reicht. Diese Bestimmungen werden von einer Moralpolizei durchgesetzt, die Frauen ermahnen und bestrafen kann, wenn diese ihrer Ansicht nach falsch gekleidet und schlecht verhüllt sind. Die Kleidervorschriften treffen aber besonders in den größeren Städten seit Jahren auf Ablehnung und Widerstand.

Konservative Politiker und Geistliche fordern regelmäßig eine Verschärfung der Gesetze und der Kontrollen, um gegen bunte und lockersitzende Kopftücher oder zu enge oder zu kurze Mäntel vorzugehen. Der moderate Geistliche Hassan Ruhani versprach bei seiner Wahl zum Präsidenten im Juni 2013, sich für mehr soziale und kulturelle Freiheit einzusetzen. Im Oktober distanzierte er sich von der Gesetzesinitiative und betonte, beim Kampf gegen „Laster“ sollte sich die Gesellschaft nicht allein auf die Frage des Kopftuchs konzentrieren.

Quelle: AFP/Reuter/DPA

3sat| Iran – von Shiraz nach Teheran – Reisen in ferne Welten

Der Iran kommt einem bei der Urlaubsplanung nicht sofort in den Sinn. Doch geheimnisvolle Ruinen, schillernde Moscheen, prachtvolle Paläste und Gärten mach das Land der Ajatollahs zu einem spannenden und überraschenden Reiseland.
Der Iran gerät oft in Fokus der Weltöffentlichkeit: UN-Embargo, Urananreicherung und ein ehemaliger Staatspräsident Ahmadinedschad, der den Holocaust leugnet.
Demonstrationen sollte man meiden
© SR/Stephan DüfelLupe
Alte Beerdigungsstätten: die „Türme des Schweigens“ in Yazd.

„Reisenden wird grundsätzlich empfohlen, Kundgebungen oder Demonstrationen weiträumig zu meiden“, ist nur eine von vielen Sicherheitshinweisen auf der Homepage des Auswärtigen Amtes. Ferner existiert eine „Krisenvorsorgeliste“, auf die sich alle Deutschen die sich in Iran aufhalten, aufnehmen lassen sollten. Der Iran ist also nur etwas für die Touristen, die sich auf eine fremde Welt einlassen wollen, und die auch Alkoholverbot und andere kulturelle Vorgaben respektieren wollen. Obwohl das Land in der Krisenregion des Nahen und Mittleren Osten liegt, ist es für Touristen in den meisten Regionen recht sicher. So nimmt die Nachfrage nach Reisen in den Iran seit einiger Zeit stark zu.Seit im Herbst 2013 der als toleranter geltende Präsident Rohani die Wahlen gewann, wird der Gottesstaat im Ausland zunehmend liberaler wahrgenommen. Immer mehr kulturinteressierte Touristen gehen auf Spurensuche nach dem alten Persien und machen sich ein Bild vom Iran der Gegenwart.

An der Route der ehemaligen Seidenstraße liegt das verlassene Dorf Kharanaq. © Stephan DüfelLupeKharanaq
An der Route der ehemaligen Seidenstraße liegt das verlassene Dorf Kharanaq. © Stephan DüfelLupeKharanaq
Der Golestan Palast in Teheran - ein ehemaliger Regierungssitz © Stephan DüfelLupeTeheran
Isfahan © SWRLupeIsfahan
Isfahan © SWRLupeIsfahan
3.000 Jahre alt und zwei Millionen Einwohner

Vor allem Isfahan beeindruckt die Reisenden nachhaltig: Isfahan ist rund 3.000 Jahre alt und hat heute knapp zwei Millionen Einwohner. Schah Abbas I. aus der Dynastie der Safawiden erhob die Stadt im Jahr 1598 zu seiner Residenz. Er plante ein modernes Stadtbild, Vorbild war die Paradiesstädte des Koran. Auf einem Areal von einem halben Kilometer Länge entstand der „Meidān-e Schāh“, der Platz des Königs. Er entwickelte sich zum Zentrum für Handel und als Gerichtsort.Sein eigener Palast „Ali Kapu“ steht alles überragend in der Mitte. Links befindet sich die große Moschee, die „Schahmoschee“ und gleich gegenüber vom Palast das private Bethaus des Herrschers. Schah Abbas war ein Mensch mit Visionen und Fantasien. Ein europäischer Reisender, den die Faszination des Morgenlandes nach Isfahan führte, schreibt über den Königspalast: „Die Schönheit dieses Hauses besteht darin, dass alle Wände von oben bis unten an, mit Gold und köstlichen Gemälden gezieret seyn. Das Gewölb ist gleichfalls überall mit Gold und Farben überzogen, dass in Wahrheit nichts schöneres gesehen werden kann“.

Isfahan war zu dieser Zeit nicht nur die prächtigste, sondern auch die reichste Stadt des Orients. Jeder Zunft, jedem Handwerk wurde ein eigener Bereich zugewiesen. Bedeutende Handelswege zwischen China und Europa verliefen über Isfahan.

Jahrhundertealte Religion des Zoroastrismus
© Stephan DüfelLupe
Der Imam Platz in Isfahan, einer der größten Plätze der Welt.

Der Film von Stephan Düfel, den Sie am auf 3Sat sehen konnten, führt auf der touristischen Route von Shiraz aus nordwärts – nach Yazd, Isfahan und in die Hauptstadt Teheran. Zu den Stationen zählen das verlassene Wüstendorf Kharanaq, die Ruinen des antiken Persepolis, alte Moscheen und quirlige Basare. Unterwegs gibt es immer wieder Begegnungen mit Menschen. Darunter Männer, die einen Jahrtausende alten Sport betreiben, ein Künstler, der mit Katzenhaar auf Kamelknochen winzige Bilder malt, oder junge Iraner, die von ihrem Alltag in dem islamischen Staat erzählen.Stephan Düfel beschäftigt sich in dem Film auch mit dem Zoroastrismus.Die 3.000 Jahre alte Religion wird im Iran noch gepflegt. Sie beeindruckend besonders durch ihren Totenkult. Ihr Stifter war übrigens der durch Friedrich Nietzsche und Richard Strauss bekannt gewordene „Zarathustra“.

Quelle: 3sat

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