ZUR DEBATTE ÜBER DIE “PEGIDA”-DEMONSTRATIONEN ERKLÄRT DER RAT FÜR MIGRATION:

“Es geht ein Riss durch die Gesellschaft: Jeder Zweite befürwortet die wachsende
Vielfalt, aber jeder Dritte fordert mehr Mut zu einem stärkeren Nationalgefühl und
schließt dabei Eingewanderte aus. Wir brauchen deshalb eine Leitbild-Kommission
für das Einwanderungsland, die ein Konzept entwickelt, das die gesamte Gesellschaft
einbezieht. Migration und Integration dürfen nicht tages aktuell verhandelt werden.”

Deutschland ist einerseits zum Einwanderungsland geworden: Vor allem in den Metropolen hat
sich das Selbstverständnis verankert, eine pluralistische und multi ethnische Gesellschaft zu sein.
Dies zeigen Untersuchungen wie die Studie “ZuGleich” der Universität Bielefeld, wonach jeder
Zweite (47 Prozent) die wachsende Vielfalt in Deutschland befürwortet und 36 Prozent der
Bevölkerung eine “stärkere Willkommenskultur für Migranten” wollen. Das wäre vor einigen
Jahrzehnten undenkbar gewesen. Auch die parteipolitischen Grabenkämpfe um Ausländerpolitik,
wie sie in den 90er Jahren üblich waren, sind abgeschlossen. Parteienübergreifend hat sich ein
Konsens eingestellt, der die Tatsache der Einwanderung nicht mehr in Frage stellt. Die Politik
sucht zu Recht nach Wegen, Einwanderung sinnvoll zu gestalten.

Andererseits wird dieser Konsens immer wieder durch rechtspopulistische Argumente in Frage
gestellt, wie sie derzeit von der ,,Alternative für Deutschland” oder .Pegida” propagiert werden.
Es ist bemerkenswert, dass der Unmut gegen Einwanderung immer wieder von denjenigen
getragen wird, die an dieser kulturellen Entwicklung kaum teilhaben und mit Einwanderung am
wenigsten zu tun haben. Das zeigt, dass das Bekenntnis zur Willkommenskultur nicht weit genug
geht, sondern immer noch in der problematischen Rollenzuschreibung von Gastgeber und Gast
verhangen bleibt.

Eine emotionale Aufwertung nationaler Identität führt besonders oft zu ausgrenzenden

Einstellungen gegenüber der größten religiösen Minderheit in Deutschland – den Muslimen. Vor
wenigen Wochen hat die Studie “Deutschland Postmigrantisch” des Berliner Insituts für
empirische Integrations- und Integrationsforschung (BIM) nachgewiesen: Bei Menschen, bei
denen die nationale Identität einen hohen Stellenwert einnimmt, ist die Bereitschaft signifikant
höher, Muslimen kulturell-religiöse, sozialräumliche oder symbolische Rechte vorzuenthalten. 68
Prozent würden die Beschneidung verbieten, 56 Prozent das Kopftuch bei Lehrerinnen und 55
Prozent den Moscheebau einschränken.

Bewegungen wie Pegida sind integrationsfeindlich. Sie zeigen einen Riss auf, der durch die
Gesellschaft geht. Die bei den Demonstrationen derzeit durchscheinende Sehnsucht nach einem
völkisch-homogenen Nationalstaat wäre nur gewaltsam umzusetzen. Auch eine
Einwanderungspolitik, die sich ausschließlich an neo liberalen Nützlichkeitsideologien orientiert,
gehört nicht zum Selbstverständnis, das sich Deutschland im Grundgesetz gegeben hat. Unsere
Verfassung bildet den Rahmen, der nicht verhandelbar ist und auch durch die derzeit
proklamierten Positionen nicht in Frage gestellt werden kann.

Laut Bevölkerungsumfragen des Instituts für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung von
2014 fmden 36 Prozent der Bevölkerung, “wir sollten endlich wieder Mut zu einern stärkeren
Nationalgefühl haben”. Dieselben Befragten neigen zu anti-demokratischen und
menschenfeindlichen Einstellungen. Auch darauf brauchen wir politische Antworten und
Konzepte. Deswegen brauchen wir ein Integrationskonzept für die gesamte Gesellschaft, das auch

die Integrationsdefizite in der Mitte der deutschen Gesellschaft thematisiert und gegen
Feindlichkeiten gegenüber Muslimen, Flüchtlingen, Roma und anderen Minderheiten angeht.

Umso erfreulicher waren die klaren Worte der Bundeskanzlerin, die sich in ihrer
Neujahrsansprache gegen menschenfeindliche Äußerungen positioniert hat. Gefährlich ist, wenn
die Politik auf die aktuellen Entwicklungen reagiert, indem sie die Bereitschaft signalisiert,
Migration und Integration wieder tagesaktuell zu verhandeln. Ein Rückfall in die Zeit der
politischen Grabenkämpfe um Nationalgefühle wäre fatal. Wir brauchen eine zukunftsorientierte
und nicht vergangenheitsorientierte Politik mit einer langfristigen Strategie, um Migrations- und
Integrationsprozesse zu gestalten.

Handlungsempfehlungen:

1. Einführung einer “Leitbild-Kommission”: Wie schafft man Zusammenhalt in einer
pluralistischen Gesellschaft? Eine Einwanderungsgesellschaft ist kompliziert, sie ist nicht
selbsterklärend und nimmt nicht alle Bürger automatisch mit. Es gilt daher, die
Selbstverständlichkeit einer postrnigrantischen Gesellschaft und einer entsprechenden Identität
aktiv zu verankern. Nach dem Vorbild traditioneller Einwanderungsländer brauchen wir dafür ein
republikanisches Leitbild, an dem sich ausnahmslos alle Bürger orientieren können. Um ein
entsprechendes Konzept in dieser Legislatur-Periode zu erarbeiten, braucht es eine fachlich und
politisch überparteilich besetzte Kommission, etwa unter der Federführung der
Integrationsbeauftragten der Bundesregierung.

2. Die historische Rolle von Migration stärker ins Bewusstsein rücken: Migration gehört seit
der Gründung der Bundesrepublik (und auch davor) zu Deutschland, etwa durch die Millionen
Weltkriegsflüchtlinge, Gastarbeiter, Aussiedler und Spätaussiedler. Hier sind vor allem Schulen
und außerschulische Bildungseinrichtungen gefragt, die diese Tatsache in die “Narrative” des
Deutschseins einbinden und völkisches Gedankengut als rassistische Geschichtsklitterung
entlarven.

3. Wissensförderung über das Einwanderungsland: Deutschland bekennt sich zwar zu der
Tatsache, eine Einwanderungsgesellschaft geworden zu sein. Dies gilt es jedoch nicht nur
kognitiv, sondern auch informativ und kulturell zu verankern. Studien zeigen, dass die
Bevölkerung ihr Wissen über Minderheiten überwiegend aus den Medien erlangt. Zur
Versachlichung der Debatte ist es daher wichtig, Wissenschaft und Medien besser zu vernetzen
und empirische Sachverhalte und wissenschaftliche Erkenntnisse im Themenfeld Migration und
Integration zugänglich zu machen.

Prof. Dr. Andreas Zick, Vorstandsmitglied RfM; Konfliktforscher und Leiter des Instituts für
interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) an der Universität Bielefeld:

Das Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld (IKG)
hat eine Reihe von Studien zur Frage der politischen Ansichten und v.a. der Vorurteile und
Feindseligkeiten gegenüber Gruppen in der BRD und Europa durchgeführt:

GMF-Studie: “Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit” in Deutschland 2002-
2011; jährliche Umfragen unter ca. 2.000 repräsentativ ausgewählten Bundesbürgern sowie
Längsschnittstudie (identische Personen befragt über einen Zeitraum 2002-2010).
Publiziert in Reihe “Deutsche Zustände” bei Suhrkamp.

Mitte-Studie 2014: Umfrage einer repräsentativ ausgewählten Stichprobe (2.000) zu den
rechtsextremen Einstellungen in der BRD, gefördert von Friedrich-Ebert-Stiftung;
publiziert als “Fragile Mitte – Feindselige Zustände” im Dietz- Verlag.

ZuGleich-Studie 2014: Umfrage zur Zugehörigkeit und Gleichwertigkeit von
Immigrantinnen in einer repräsentativ ausgewählten Stichprobe an (2.000) Bundesbürgern,
gefördert durch die Stiftung Mercator,

Auswertung der Untersuchungen mit Blick auf das Phänomen
menschenfeindlich motivierter Demonstrationen

  • Die These von der Abstiegsangst, die islamfeindliche Stimmungen erzeugt, ist fragwürdig.
  • Oft handelt es sich vielmehr um Gefühle von Machtlosigkeit und Skepsis über die Sinnhaftigkeit
    von Demokratie (GMF, Mitte). Über 70 % der Bürger meinen z.B.: “Politiker nehmen sich mehr
    Rechte heraus als normale Bürger” (Mitte 2014). Personen, diean der Funktionsfähigkeit der
    Politik zweifeln, äußern die stärksten Vorurteile. Politische Kampagnen, die die
    Funktionsfähigkeit der Demokratie in Frage stellen, sind besonders dann gefährlich, wenn sie an
    subjektive Gefühle der Ohnmacht anknüpfen können.
  • “Überfremdungsängste” sind eher ein Anzeichen für Vorurteile und weniger ein Indikator für
    reale Ängste.
  • Die Meinung: “Durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie einer Fremder im
    eignen Land” ist Teil einer allgemeinen muslimfeindlichen Einstellung. Umgekehrt fällt auf:
  • Personen, die islamfeindlichen Einstellungen nicht zustimmen, empfinden auch keine
    Überfremdungsängste. (Mitte-Studie 2014). Angst ist eine Komponente von Vorurteilen und selten
    ein Erklärungsfaktor.
  • Die Distanzierung von Gewalt täuscht: Menschenfeindliche Parolen haben eine aggressive
    Komponente.
  • Insbesondere rechtspopulistische Orientierungen gehen mit einer erhöhten Gewaltbilligung und –
    bereitschaft einher. Es zeigt sich, dass Menschen, die rechtspopulistische Überzeugungen teilen,
    stärker gewaltbereit und -billigend sind, als jene, die diese Überzeugungsmuster nicht aufweisen.

Beispiel: Bei der Aussage: “Manchmal muss ich Gewalt einsetzen, um nicht den Kürzeren zu
ziehen”, stimmen 29 % der Rechtspopulisten und 9,6 % der anderen zu (Mitte-Studie).

Die Protestgruppen gegen eine Islamisierung knüpfen an Stimmungen an, die in der
Bevölkerung stark verbreitet sind.

Feindseligkeiten gegenüber Minderheiten sind weiter verbreitet, als es die lokalen Aufmärsche
gegen eine Islamisierung der Gesellschaft vermuten lassen. In der jüngsten Mitte-Studie meinen
z.B.

  • 42 %: “Die meisten Asylbewerber werden in ihrem Heimatland gar nicht verfolgt.”
    38 %: “Sinti und Roma neigen zur Kriminalität.”
  • 46 %: “Die meisten Langzeitarbeitslosen sind nicht wirklich daran interessiert, einen Job
    zu finden.”

Der Wunsch nach Macht und Autorität ist weit verbreitet.

Die Mitte-Studie von 2014 zeigt, dass viele Menschen sich autoritäre Strukturen wünschen:

  • • 23 % der Befragten stimmten zu: “Was Deutschland jetzt braucht ist eine einzige starke
    Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert.”
  • • 11%: “Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand
    regiert.”
  • • 36%: “Wir sollten endlich wieder Mut zu einem starken Nationalgefühl haben.”
  • • 18 %: “Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß
    überfremdet” (22% unentschieden)

Nach der Überwindung der Wirtschafts- und Finanzkrise steigt die Zustimmung zu
chauvinistischen und nationalorientierten Einstellungen.

  • • So meinen 36% in der Mitte-Studie: “Wir sollten endlich wieder Mut zu einem starken
    Nationalgefühl haben”
  • • 61 % meinten nach der ZuGleich-Studie: “Ich fände es gut, wenn unsere Traditionen
    zunehmend wiederbelebt würden.”

Als Erklärungsfaktoren für menschenfeindliche und rechtsextreme Einstellungen setzen sich laut
Mitte-Studie vor allem folgende Erklärungsfaktoren durch:

  • • Autoritäre Orientierungen,
  • • der Glaube, dass die Deutschen den anderen überlegen sind,
  • • konservative Einstellungen,
  • • eine Orientierungslosigkeit in Werten und Regeln
  • • sowie das Empfinden, nicht in die Gesellschaft eingebunden und machtlos zu sein.

Rund ein Drittel der Bürger ist in Sozialfragen stark nutzwert-orientiert und anfällig für
menschenfeindliche Einstellungen

Das Ideal der ökonomisch orientierten Leistungsgesellschaft erzeugt eine Abwehr von Solidarität
und Menschlichkeit. Gut ein Drittel der Bürger (GMF, Mitte) ist extrem marktliberal orientiert
(“Wir können uns keine Verlierer leisten. Nur wer etwas leistet, ist was wert”). Diese Ideologie,
der man selbst vielleicht gar nicht entspricht, macht anfällig für menschenfeindliche Meinungen.

Die stärksten neoliberalen wie menschenfeindlichen und rechtsextremen Einstellungen in der
Mitte-Studie 2014 haben Menschen, die mit den Meinungen der AfD sympathisieren und solche,
die nicht wählen. Menschenfeindliche und rechtsextreme Einstellungen sind am stärksten unter
den Personen verbreitet, die mit den Überzeugungen der AfD sympathisieren sowie unter
Nichtwählern (Mitte-Studie).

Analyse der Einstellungsuntersuchungen mit Blick auf die Einwanderungsgesellschaft

Feindseligkeiten werden durch die Integration von Eingewanderten nicht’ abgebaut.

Die These, dass die Integration von Zuwanderern die Vorurteile aus dem Weg räumt, ist falsch. Es
ist nicht haltbar anzunehmen, dass die Vorurteile der einen von der Integration der anderen
abhängt. Menschen, die meinen, dass der Zusammenhalt der Gesellschaft gefährdet sei, meinen
das, weil sie an eine homogene kulturelle Einheitsnation glauben und Vielfalt ablehnen (49 %
GMF 2011). Anders: Diejenigen, die Vielfalt in der Gesellschaft positiv empfinden, meinen auch
viel seltener, dass die Gesellschaft auseinanderbricht. Die GMF-Längsschnittstudie zeigt eher:

  • WenD. Bürger hartnäckige und starke Vorurteile haben, dann sinkt ihre Integrationsbereitschaft und
    Solidarität für Menschen aus Einwandererfamilien.
  • Überfremdungsängste bleiben eher abstrakt und haben wenig mit der eigenen Identität zu tun.
  • 18 % meinen: “Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maße
    überfremdet”. Aber nur 9 % der Befragten fühlen sich durch die Anwesenheit von Migranten
    weniger zu den Deutschen zugehörig. (ZuGleich)
  • Die Meinungen über eine vermeintliche Überfremdung sind besonders dort verbreitet, wo
    interkulturelle Kontakte fehlen.

Wenn Menschen direkte oder indirekte Kontakte zu Migranten und anderen haben, sind die
Vorurteile geringer. Das ist ein universales Phänomen wie die Kontaktforschung zeigt. Die
illusorische Korrelation, dass zu viele Ausländern, Muslime etc. in Deutschland leben und das zu
Problemen führt, ist vor allem dort ausgeprägt, wo Menschen über keine Kontakte verfügen.

Die Haltung zu Integration ist ambivalent: Einerseits ist Zuwanderung willkommen,
andererseits sollen sich Migranten nicht unbedingt zu Hause fühlen.

  • • 36% befürworten eine stärkere Willkommenskultur, 31 % möchten das nicht.
  • • Die Mehrheit befürwortet Vielfalt (47%), ca. 25% weist das zurück.
  • • 54,7 % finden es gut, wenn sich “Migranten in Deutschland zu Hause fühlen”, doch nur
    35,9 % gefällt es, dass sich “so viele Migranten für Deutschland als neue Heimat
    entscheiden” . (ZuGleich-Studie)

Integration wird von vielen Bürgern als einseitige Leistung von Migranten betrachtet.

  • • 26 % der Bürger meinen, Migranten seien “allein für ihre Integration verantwortlich”
    (weitere 26 % sind unentschieden).
  • • 25 % meinen, “ob Migranten hier zurechtkommen, liegt nur an ihnen selbst” (30 % sind
    unentschieden)
  • • 42 % meinen: “Wir Deutschen haben genug dafür getan, dass sich Migranten gut
    einleben. “
  • • 46 % meinen: “Es ist nicht unsere Schuld, wenn sich Migranten nicht integrieren.”
    (ZuGleich-Studie)

Der Islam gehört zu Deutschland.

Noch im Juni 2014 meinen 61 % der Befragten der Islam sollte “als Religionsgemeinschaft
genauso anerkannt werden wie die christlichen oder katholische Kirche”. Nur 15% meinen, die
Zahl der Muslime in Deutschland sollte begrenzt werden. Lediglich 14% meinten, die
muslimische Kultur hätte einen gefährlichen Einfluss auf die deutsche Jugend. (ZuGleich)

Dr. Naika Foroutan, Vorstandsmitglied RfM; Stellv. Direktorin des Berliner Instituts für
empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) und Sozialwissenschaftlerin an der
Humboldt Universität zu Berlin

Erkenntnisse aus der Studie “Deutschland postmigrantisch” (2014)

Die Studie “Deutschland postmigrantisch” wurde durch die Forschungsgruppe “Junge Islambezogene
Themen in Deutschland (JUNITED)” an der Humboldt-Universität zu Berlin im Berliner Institut für
empirische Integrations-und Migrationsforschung (BIM) erstellt. Bei JUNITED handelt es sich um ein
interdisziplinär aufgestelltes Team aus den Fachbereichen Soziologie, Ethnologie, Islamwissenschaft,
Politikwissenschaft und der Psychologie. Die Forschungsgruppe unter der Leitung von Dr. Naika
Foroutan untersucht aus einer transdisziplinären Perspektive das Reaktionsspektrum auf das sich
wandelnde Einwanderungsland Deutschland in Bezug auf die Themen Islam und Muslime. JUNITED
ist ein Förderprojekt der Stiftung Mercator.

Nationale Identitätsbezüge sind ambivalent: Einerseits positiv und offen, andererseits eine
Abwehr gegen sichtbare Minderheiten

1. Patriotismus und emotionale Verbundenheit sind in Deutschland hoch. Die Bevölkerung in
Deutschland hat ein positives Gefühl zu ihrem Land. Eine deutliche Mehrheit (85 Prozent) sagt:

“Ich liebe Deutschland”, Ausgangspunkt dieses positiven Selbstbildes ist die Wiedervereinigung.
Sie stellt für 49 Prozent der Bevölkerung das zentrale historische Ereignis dar, welches
Deutschland heute am besten beschreibt. Ereignisse im Zusammenhang mit dem Zweiten
Weltkrieg sind hingegen kaum mehr prägend für das Selbstbild (16 Prozent), und der Holocaust
wird nur von 0,5 Prozent der Befragten genannt. Das widerspricht der jahrelang zementierten
Wahrnehmung, Deutschland würde sich nur in einer negativen Identität wahrnehmen und
könne dadurch nicht positiv mit seiner nationalen Identität umgehen.

2. Kriterien des Deutschseins sind offen und exklusiv zugleich. Deutschsein kann heutzutage erlernt
und erworben werden, im Vergleich dazu spielen angeborene Merkmale eine geringere Rolle:

Wichtig ist vor allem die Fähigkeit, deutsch sprechen zu können (97 Prozent), sowie der Besitz
der deutschen Staatsangehörigkeit (79 Prozent). Trotzdem finden immerhin 37 Prozent der
Bevölkerung weiterhin, dass deutsche Vorfahren wichtig sind, um Deutscher sein zu können.
Und über 40 Prozent der Bevölkerung sind der Meinung, man müsse dafür akzentfrei deutsch
sprechen. Dieses sehr enge Verständnis von ,korrekter Sprache’ als nationalem Kriterium
offenbart eine fehlende Anerkennung der Realitäten einer Einwanderungsgesellschaft, in der die
Dynamik der Veränderungen auch die Sprache vielfältiger werden lässt. Die Narrationen des
Deutschseins bleiben an zentralen Punkten also immer noch exklusiv. Dies zeigt sich auch
deutlich daran, dass 38 Prozent der Bevölkerung der Meinung sind, wer ein Kopf tuch trage,
könne nicht deutsch sein.

Exklusives Deutschsein – Muslime fungieren als Gegenüber und Gegenbild

3. Gleichwertigkeit und Zugehörigkeit werden in Frage gestellt. Exkludierende Vorstellungen fin­
den ihren Ausdruck beispielhaft in Stereotypen gegenüber Muslimen als der größten re­
ligiösen Minderheit in Deutschland: Mehr als ein Viertel (27 Prozent) der Befragten denkt,
dass Muslime aggresslverselen als sie selber, fast ein Drittel (30 Prozent) glaubt nicht, dass
Muslime genauso bildungsorientiert seien wie ihre eigene Gruppe. Als eigene Gruppe wird
auf Nachfrage auffallend oft (ca. 40 Prozent) “wir Deutschen”, “die deutsche Bevölkerung”,
“die deutsche Gesellschaft” oder ähnliches genannt. Muslimisch und deutsch werden dabei
überwiegend als Gegenkategorien wahrgenommen und Musliminnen und Muslimen somit
aus dem “deutschen Wir” herausdefiniert. Es sind jedoch nicht immer dieselben Befragten,

die ausgrenzend antworten, was dafür spricht, dass die Anzahl der Menschen, die zumindest
einzelne negative Stereotype von Muslimen hat, noch deutlich größer ist. Zwar kann man
hieraus kein konsistent islamfeindliches Weltbild ableiten, es verdeutlicht aber ein breites
Spektrum an negativen Einstellungen gegenüber Musliminnen und Muslimen. Selbst wenn
diese Einstellungen nicht notwendigerweise zu Handlungen führen müssen: Die Teile der
Bevölkerung, die über solche Einstellungen verfügen, stellen einen Resonanzboden und
wahrgenommenen gesellschaftlichen Rückhalt für die in letzter Zeit zunehmenden Anschläge
auf Moscheen und Hassattacken auf muslimische Entscheidungsträgerinnen dar.

4. Abstrakte Anerkennung hoch – aber wenn es konkret wird, dann fehlt die Bereitschaft zur
Gewährung von Anerkennung, Teilhabe und Partizipationsrechten. Die nicht-muslimische
Bevölkerung hat eine ambivalente Haltung zu Muslimen als sichtbareren politischen
Akteuren: Eine deutliche Mehrheit (67 Prozent) findet, dass es das gute Recht von Muslimen
in Deutschland ist, Forderungen zu stellen, und fast ebenso viele sagen, man sollte Muslimen
mehr Anerkennung entgegenbringen. Ein Fünftel (20 Prozent) der Bevölkerung aber ist der
Meinung, wenn Muslime Forderungen stellten, dann sei dies ein Zeichen von
Unverschämtheit, und 17 Prozent empfinden dies als Zeichen von Undankbarkeit. Die
Ambivalenz findet ihren Ausdruck vor allem in den Haltungen zu politisch diskutierten
Themen um strukturelle, kulturelle, sozial-räumliche und symbolische Anerkennung und
Partizipation: So sind 69 Prozent der Bevölkerung für den islamischen Religionsunterricht.
Gleichzeitig wollen aber 60 Prozent der Befragten die Beschneidung von Jungen verbieten.
Beinahe die Hälfte aller Deutschen (49 Prozent) findet, dass Lehrerinnen das Tragen des
Kopf tuch nicht erlaubt sein sollte, und 42 Prozent möchten den Bau von Moscheen
einschränken.

5. Je relevanter die nationale Verbundenheit, desto deutlicher die Abwehr von Muslimen. Dort,
wo die nationale Identität einen hohen Stellenwert einnimmt, ist die Bereitschaft, Muslimen
kulturell-religiöse, sozialräumliche oder symbolische Rechte vorzuenthalten, signifikant
höher. So möchten jene 46 Prozent, für die es besonders “wichtig ist, als Deutsche/r gesehen
zu werden”, zu 68 Prozent die Beschneidung verbieten, zu 55 Prozent den Moscheebau und
zu 56 Prozent das Kopf tuch einschränken. Bei jenen, bei denen die Wahrnehmung als
deutsch keine Rolle spielt (53 Prozent), sind es hingegen wesentlich geringere Werte: gegen
Beschneidung 54 Prozent, gegen Kopf tuch 43 Prozent und gegen Moscheebau 35 Prozent.
Der Ausschluss aus dem kollektiven deutschen Narrativ findet somit nicht nur auf einer
diskursiv-emotionalen Ebene statt, sondern hat Auswirkungen auf die Anerkennung, die
Teilhabe und die Partizipationsmöglichkeiten von religiösen Minderheiten – in dem Falle von
Musliminnen und Muslimen.

Postmigrantisches Deutschsein: Wissen noch gering – aber Alltagskontakt weitet sich aus

6. Das eigene Wissen über Muslime wird von der Mehrheit der Bevölkerung als gering
eingeschätzt. In postmigrantischen Gesellschaften kommt es zwischen unterschiedlichen
Bevölkerungsgruppen zu verstärktem Wissen übereinander, gegenseitige Wahrnehmung und
Interaktion. Trotzdem schätzen noch immer 67 Prozent der nicht-muslimischen Befragten ihr
eigenes Wissen über den Themenkomplex Islam und Muslime gering ein und 69 Prozent
überschätzen den Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung, der bei ca. 5 Prozent liegt.
23 Prozent von ihnen überschätzen ihn sogar stark und gehen davon aus, dass Muslime einen
Bevölkerungsanteil von 21 Prozent und mehr ausmachen. Das Wissen über Muslime wird aus
Fernsehen (44 Prozent) und Zeitungen/Zeitschriften (39 Prozent) gezogen, zu einem etwa
gleich hohen Anteil (43 Prozent) allerdings auch aus Gesprächen mit Muslimen.

7. Mehr Kontakträume und häufiger Kontakt zu Musliminnen und Muslimeri führen zu weniger
stereotypen Einstellungen. Kontakte zwischen muslimischer und nicht-muslimischer Bevöl­
kerung sind Teil des Alltags. Mehr als ein Drittel der Nicht-Muslime haben oft oder sehr oft
Kontakt zu Musliminnen und Muslimen im Bezugsraum Arbeit, ein Fünftel hat sehr viel
Kontakt im Freundes- und Bekanntenkreis. Es zeigt sich, dass Personen, die in mindestens
zwei Bezugsräumen (bspw. Arbeit und Freundes-jBekanntenkreis) oft oder sehr oft Kontakt,
zu Musliminnen und Muslimen haben, weniger stereotyp antworten als Personen, die
weniger oder gar keinen Kontakt haben.

8. Migrationsnarrative betreffen immer mehr Menschen – nicht nur jene mit Migrationshinter­
grund. Migrationsnarrative sind über familiale Bezugspunkte zunehmend in der deutschen
Bevölkerung präsent. 35 Prozent der Bevölkerung geben an, selbst oder in der Ver­
wandtschaft einen Migrationshintergrund zu haben. Das führt zu einer Ausweitung von
Migrationsbezügen in der deutschen Gesellschaft und zu der Frage, ob der
“Migrationshintergrund” als Kategorie noch Aussagekraft besitzt

Deutschland ist durch Migration demografisch vielfältiger geworden, und die Gesellschaft handelt
ihre kollektive Identität neu aus. .Postmigrantisch” ist eine Analyseperspektive, die den Blick auf die
Gestaltung der Gesellschaft nach erfolgter Einwanderung richtet: Wer gehört in der Wahrnehmung
der Bevölkerung zu dieser Gesellschaft, sozusagen zum nationalen Kollektiv dazu und wer nicht? Wer
darf mitgestalten und wer nicht? Welche Anerkennungsformen, Rechte, Teilhabe und
Partizipationsmöglichkeiten werden Minderheiten zugestanden? Welche Wissens- und
Kontaktbezüge gibt es in dieser Gesellschaft? Dies alles sind konflikthafte Aushandlungspunkte, die
derzeit offen ausgetragen werden und die postmigrantische Gesellschaft reflektieren.

Quelle: Der Rat für Migration (RjM) ist ein bundesweiter Zusammenschluss von rund 80 Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Disziplinen. Seine zentrale Aufgabe sieht der RjM unter anderem darin,
politische Entscheidungen und öffentliche Debatten über Migration, Integration und Asyl kritisch zu begleiten.

Veröffentlicht am 5. Januar 2015 in Deutschland, Pegida, Rat für Migration und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Kommentare deaktiviert für ZUR DEBATTE ÜBER DIE “PEGIDA”-DEMONSTRATIONEN ERKLÄRT DER RAT FÜR MIGRATION:.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: