Zwei Monate im Leichenschauhaus – Wie die Baha’i im Iran unsichtbar gemacht werden sollen

Shamal Bina verstarb am 28. Oktober 2014 in der südiranischen Stadt Ahvaz. Seitdem liegt sein Leichnam im Leichenschauhaus aufgebahrt, weil die örtlichen Beamten die Durchführung seiner Beerdigung unterbinden. Binas Familie und andere haben mehrfach an zahlreiche Beamte, vom Generalgouverneur bis hin zum Leiter des Freitagsgebets, appelliert, ohne jeglichen Erfolg.

Das Leid der Familie wird durch die Tatsache verstärkt, dass Anfang 2014 der Baha’i-Friedhof in Ahvaz von den Behörden auf grausame Art und Weise geschlossen wurde: die Eingangstür zum Friedhof wurde zunächst zugeschweißt und anschließend zugemauert.

Diese Episode ist bislang die letzte in einer Reihe von Vorkommnissen, bei denen iranische Beamte in den vergangenen Monaten die Beisetzung von Baha‘i aufgehalten oder verhindert oder die Zerstörung ihrer Friedhöfe genehmigt haben. Allem Anschein nach ist dies Teil einer Kampagne, in der die Baha’i dazu gezwungen werden sollen, ihre eigene religiöse Identität zu verleugnen.

In Semnan wurde den dort ansässigen Baha’i mitgeteilt, dass man ihnen nur dann die Genehmigung erteilt, ihre verstorbenen Verwandten zu beerdigen, wenn sie eine Verpflichtungserklärung unterschreiben. Außer ihrem Namen, dem Geburts-und Sterbedatum werden laut diesem Dokument keine weiteren Inschriften auf dem Grabstein gestattet. Auch darf um die jeweilige Grabstätte herum nichts gepflanzt werden, da dies alles als Verbreitung ihres Glaubens angesehen wird. Ähnliche Anordnungen wurden Anfang 2014 für den Baha‘i-Friedhof in Sangsar in der Provinz Semnan ausgestellt.

Diane Ala’i, Sprecherin der Internationalen Baha’i-Gemeinde bei den Vereinten Nationen in Genf sagte, dass „in den vergangenen Jahren mehr als 40 Baha‘i-Friedhöfe angegriffen, durch Vandalismus verunstaltet oder geschlossen wurden. In zahlreichen Fällen wurde die Beisetzung von Baha’i von den Behörden entweder gestoppt oder behindert. Das Gesamtmuster, das entsteht, ist eine von der Regierung koordinierte Anstrengung, Baha’i im Iran unsichtbar zu machen, indem eine der wenigen verbliebenen öffentlichen Zeichen ihrer Existenz – ihre eigenen, unverwechselbaren Friedhöfe – vernichtet und sie gezwungen werden, sich an muslimische Riten zu halten. Dies stellt ein weiteres Mittel dar, um die Baha’i zu zwingen, ihren Glauben zu leugnen”, so Ala’i.

Der bekannteste dieser Vorfälle ist die Zerstörung des historischen Baha‘i-Friedhofes in Schiras. Auf dem Friedhof sind rund 950 Baha’i begraben. Vergangenen September forderten drei UN-Menschenrechtsexperten, die Abrissarbeiten des historischen Friedhofs zu beenden und sprachen von einer „inakzeptablen Verletzung der Religionsfreiheit“. Laut aktuellen Berichten wurden die Bauarbeiten jedoch fortgesetzt und inzwischen 5.000 – 6.000 Quadratmeter Land ausgehoben oder bebaut. An Stelle des Friedhofs soll ein Kultur-und Sportkomplex entstehen.

„Die Baha’i im Iran sind ihr ganzen Leben lang nicht nur breitgefächerter Diskriminierung ausgesetzt – Bildung, Arbeit und die freie Religionsausübung werden ihnen vorenthalten. Ihnen wird auch die Würde einen anständigen Begräbnisses verweigert“, sagte Ala’i.

Weitere Vorfälle dieser Kampagne:

● Ziba Rohani verstarb im Oktober 2014 in Tabriz. Mindestens acht Tage lang würde ihr Begräbnis von den örtlichen Behörden untersagt werden, es sei denn, man würde sie ohne Sarg beisetzen. Dieses hätte jedoch gegen die Vorschriften der Baha‘i-Bestattung verstoßen.

● Die 11-jährige Mahna Samandari war ein talentiertes junges Mädchen, das invalid wurde und vor kurzem in Tabriz verstarb. Laut Berichten vom vergangenen November wurde ihren Angehörigen die Bestattung auf dem Friedhof von Tabriz verweigert.

● Im November 2014 schlossen Regierungsbehörden den Baha‘i-Friedhof in Mahmoudiyeh in der Provinz Isfahan. Den Baha‘i würde nicht mehr erlaubt, dort begraben zu werden, so die Mitteilung der Behörden.

● Im Juni 2014 wurde aus Tabriz berichtet, dass Beamte das Begräbnis von Tuba Yeganehpour und zwei anderen Baha’i auf dem öffentlichen Friedhof verhinderten.

● Im April 2014 wurde das Grabmal eines bekannten Baha‘i auf dem Baha’i-Friedhof in Sabzevar von einem Unbekannten mit einem Bulldozer zerstört. Wie auch bei anderer solcher Ereignisse in den letzten Jahren ist klar, dass diese Art von schweren Geräten ohne Genehmigung der Behörden nicht hätte eingesetzt werden können.

● In einem Zeitraum von acht Monaten wurde die Beisetzung von mindestens 15 verstorbenen Baha’i auf dem öffentlichen Friedhof von Tabriz verweigert. Die Familien wurden damit gezwungen, ihre verstorbenen Verwandten in eine andere Stadt überstellen zu lassen.

Quelle: Bahai Deutschland

Veröffentlicht am 5. Januar 2015 in Bahai, Civil Rights, Human Rights, Menschenrechte, Religionsfreiheit und mit , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Kommentare deaktiviert für Zwei Monate im Leichenschauhaus – Wie die Baha’i im Iran unsichtbar gemacht werden sollen.

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