RBB| Ein afghanisher Flüchtling und sein ehrenamtlicher Vormund

Der afghanische Flüchtling Qasem und sein ehemaliger Vormund Nils Rogel lernen zusammen Physik. (Quelle: rbb/Nina Amin)

Audio: Inforadio | 12.01.2015 | Nina Amin

Qasem träumt von einer KfZ-Mechaniker-Lehre

Mit den steigenden Flüchtlingszahlen kommen auch immer mehr minderjährige Asylbewerber ohne Eltern nach Berlin. Bis sie achtzehn sind bekommen sie eigentlich einen Vormund, der die nötigen Unterschriften leistet. Nina Amin hat einen jungen Afghanen getroffen, für den sein ehrenamtlicher Vormund zur Ersatzfamilie wurde. Mit ihm versucht er jetzt erstmal, seinen Schulabschluss zu schaffen.

Qasem muss Physik pauken. Der ehrenamtliche Vormund Nils Rogel hilft ihm dabei. Die beiden sitzen in der bescheiden eingerichteten Ein-Zimmer-Wohnung des jungen Afghanen vor einem Laptop. Im Frühjahr sind die Prüfungen für den Mittleren Schulabschluss (MSA). Es bleibt nicht viel Zeit für den zierlichen Qasem, der gerade volljährig geworden ist. Er ist seit zwei Jahren in Berlin und er hat ein Ziel: „Wenn ich meinen MSA schaffe, mache ich eine Ausbildung zum KFZ-Mechaniker.“

Bis zum KFZ-Mechaniker ist es noch ein weiter Weg. Der 32-jährige Rogel war über ein Jahr lang Qasems Vormund. Seit ein paar Monaten darf der junge Afghane selbst Bankangelegenheiten regeln oder die Mitgliedschaft im Fitnessclub unterschreiben. Bis dahin hat Rogel das gemacht. Der Vertriebsleiter und seine Freundin haben ehrenamtlich die Vormundschaft für den damals noch 17-Jährigen übernommen. Offiziell beurkundet vom Familiengericht. Qasem haben sie damit den Alltag erleichtert: „Zum Beispiel als ihm die Weisheitszähne heraus operiert wurden, mussten wir noch unterschreiben“, sagt Rogel. Und in der Schule habe es natürlich auch immer einiges zu unterschreiben gegeben.

„Hier habe ich eine neue Familie“

Rogel ist sogar Elternsprecher in Qasems Klasse. Er unterstützt den jungen Afghanen, der nach einer langen Flucht in Berlin ein Leben aufbauen will. Über seine Familie in Afghanistan will er nicht sprechen. Es schmerzt ihn zu sehr. Er habe keinen Kontakt mehr zu ihnen. Sie seien irgendwo mit seinen sechs Geschwistern auf dem Land.

Qasem hat nur zwei Jahre eine Koranschule besucht und dann den Eltern bei der Feldarbeit geholfen. Den MSA an einer Moabiter Gesamtschule zu machen, ist deshalb eine Riesenherausforderung. Ohne die Hilfe seiner beiden Vormünder wäre er nicht so weit gekommen, sagt Qasem. Auch seit er 18 ist – und offiziell nicht mehr ihr Mündel – bleiben sie sehr wichtig für ihn: „Ich habe zwar meine Familie in Afghanistan, aber hier habe ich eine neue Familie.“

Vor der Ausbildung steht der positive Asylbescheid

Qasems Asylantrag läuft seit zwei Jahren. Er hat eine Aufenthaltsgestattung. Damit kann er seine Schule beenden. Um eine Ausbildung in einem KFZ-Betrieb zu beginnen, braucht der hochmotivierte junge Mann aber einen positiven Asylbescheid. Wer weiß, ob er den so bald bekommt. Rogel hilft dem Afghanen deshalb schon, sich nach anderen Möglichkeiten umzusehen: „Die Alternative wäre eine schulische Ausbildung“, sagt Rogel. Möglich sei das zum Beispiel an einem Oberschulzentrum, die beiden hätten sich schon zusammen eins angesehen.

Ein Grund mehr, ordentlich Physik zu üben. Und den MSA zu bestehen. Ein erfolgreicher Abschluss könnte ihm helfen, dauerhaft in Deutschland bleiben zu dürfen. Qasem konzentriert sich deshalb auschließlich auf die Schule. Um seinem Traum vom KFZ-Mechaniker in Berlin ein Stück näher zu kommen.

Beitrag von Nina Amin

Quelle: RBB

Veröffentlicht am 12. Januar 2015 in Afghanistan, Asyl, Berlin und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Kommentare deaktiviert für RBB| Ein afghanisher Flüchtling und sein ehrenamtlicher Vormund.

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