Standard| 2000 Euro für den Schlepper

REPORTAGE | KRASIMIR YANKOV AUS SOFIA, KAZANLAK, DORTMUND UND GELNHAUSEN

Viele syrische Flüchtlinge nutzen Bulgarien als Sprungbrett ins Herz Europas – obwohl sie laut EU-Verordnung dort bleiben müssten

Die letzten Worte des Rufes zum Gebet gingen im Straßenlärm unter, als das Taxi an einem warmen Abend anhielt. Ali Najaf blickte sich um und trat auf die gepflasterte Straße. Seine tiefbraunen Augen glitten über die Stände und Geschäfte des Frauenmarkts, eines quirligen Orts in der bulgarischen Hauptstadt Sofia.

Die Gegend ist bei Migranten aus dem Nahen Osten sehr beliebt, und Ali brauchte nicht lange, um jemanden zu finden, der seine beiden Muttersprachen, Kurdisch und Arabisch, beherrschte.

„Werden von hier aus Flüchtlinge nach Deutschland gebracht?“, fragte Ali leise zwei Männer, die auf der Treppe eines Secondhandladens herumstanden. Sie nickten in Richtung Tür, und Ali trug sein Gepäck in das Haus. Die gesamten Habseligkeiten seiner Familie waren in zwei Rucksäcken, einem kleinen Koffer und einer Einkaufstasche verstaut. Ali, seine Mutter, sein Bruder und seine zwei Schwestern machten sich wieder einmal auf den Weg.

Ali ist ein magerer, 25-jähriger kurdischer Student. Sein Vater starb, als er noch ein kleiner Bub war und in Rojava lebte, wie die Kurden den syrischen Teil ihres Heimatlandes nennen. Seine Englischkenntnisse haben ihn zum Oberhaupt der Familie gemacht, und er ist bemüht, zuversichtlich und kontrolliert zu wirken.

  • Ali ist ein kurdischer Student, den seine Englischkenntnisse zum Chef der Familie machten.fotos: krasimir yankov

    Ali ist ein kurdischer Student, den seine Englischkenntnisse zum Chef der Familie machten.

  • Aisha und Farid Hajjar sind tiefgläubige Syrer, die ebenfalls nicht zurückwollen.fotos: krasimir yankov

    Aisha und Farid Hajjar sind tiefgläubige Syrer, die ebenfalls nicht zurückwollen.

In Syrien studierte Ali Erdöltechnik in der Stadt Homs. Im Sommer 2013 wollte er nach Abschluss der Semesterprüfungen in seine Heimatstadt zurückkehren, als maskierte Kämpfer seinen Bus aufhielten.

„Sie befahlen allen Männern auszusteigen und drohten damit, unsere Kehlen durchzuschneiden, wenn wir ihnen nicht sagten, was sie wissen wollten. Aber ich konnte mit ihren Fragen nichts anfangen“, erinnerte sich Ali.

Nach fünf Tagen in Gefangenschaft wurden die jungen Männer freigelassen. Später wurde das Versteck der Kämpfer von Flugzeugen bombardiert und ihr Anführer getötet. Die Gruppe verdächtigte Ali und die anderen, dem syrischen Regime verraten zu haben, wo es zuschlagen sollte.

„Sie setzten ein Kopfgeld auf uns aus. Deshalb mussten wir fortgehen“, erzählte Ali.

Fluchtartig verließ die Familie Syrien mithilfe eines Freundes, der sie über die Grenze in die Türkei und dann mit dem Bus nach Istanbul brachte, wo sie etwa einen Monat verbrachten. Ende 2013 führte ein Schlepper die Familie zur bulgarischen Grenze und zeigte ihnen eine alte Holzfällerroute durch den Wald – ein Weg in die EU.

Stacheldraht

Zu jener Zeit, als sich die Lage für Flüchtlinge in der Türkei zusehends verschlechterte, überquerten tausende Syrer und andere Asylsuchende denselben 30 Kilometer langen Landstrich. Das Gebiet nahe dem bulgarischen Grenzposten Lesowo ist hügelig und bewaldet, was eine Personensuche mit Wärmebildkameras schwierig macht.

Der Zustrom aber verebbte, als mehr als 1000 Polizeibeamte zur Bewachung der Grenze eingesetzt wurden. Im Juli 2014 ließ die Regierung dort außerdem einen Stacheldrahtzaun errichten. Innerhalb weniger Wochen wurde die Situation so schlimm, dass alle Zentren überfüllt waren, bis zu 20 Menschen schliefen in einem Raum.

Nachdem sie ihre Asylanträge gestellt hatten, wurden Ali und seine Familie in das Flüchtlingslager Harmanli überstellt, eine etwa 60 Kilometer von der Grenze entfernt gelegene, verlassene Kaserne, die man zur Entlastung der überfüllten anderen Lager hastig instand gesetzt hatte.

Da die Gebäude schmutzig, feucht und desolat waren, wurden die Flüchtlinge zunächst in Militärzelten und umfunktionierten Containern ohne Toiletten, Wasser oder Strom untergebracht.“So lebten wir zwei Wochen“, erzählte Ali und zeigte Fotos und Videos auf seinem Handy.

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Veröffentlicht am 18. Januar 2015 in Asyl, Flüchtlinge, Fluchthelfer, Syrer und mit , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Kommentare deaktiviert für Standard| 2000 Euro für den Schlepper.

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