mdr| Dolmetscher der Bundeswehr hofft auf Asyl: „Ich habe mein Leben für die Deutschen riskiert“

Sayed Rohullah riskierte sein Leben als Dolmetscher für die Bundeswehr in Afghanistan. Beim Abzug der Truppen bot ihm Deutschland keinen Schutz. Der junge Mann machte sich allein auf den Weg und lebt jetzt in einer Massenunterkunft in Gerstungen – ohne jede Perspektive.

von Johanna Hemkentokrax und Axel Hemmerling

Ein junger Mann mit schwarzen Haaren, dunkler Jacke und weißem T-Shirt steht auf einem Weg vor einem Baum und schaut besorgt.

Sayed Rohullah beim Gespräch mit MDR THÜRINGEN in Gerstungen.

„Die hier ist von meinem Bataillon, die andere haben wir zu Weihnachten bekommen.“ Im Morgennebel vor der Gemeinschaftsunterkunft in Gerstungen hält Sayed Rohullah zwei Medaillen in die Kamera. Sie sind ihm geblieben von seinem riskanten Job als Ortskraft der Bundeswehr in Afghanistan – die Medaillen und eine Plastiktüte voll mit Dokumenten. Urkunden, Arbeitsverträge, Zeugnisse und Fotos, die ihn mit seinen deutschen Kollegen im Einsatz zeigen, sind darunter.

Ein grauer Wohnblock mit drei Etagen. Davor ein Weg und eine Wiese.

Die Gemeinschaftsunterkunft in Gerstungen.

Der 27-jährige Afghane war fünf Jahre lang Dolmetscher bei den deutschen Truppen im Rahmen des ISAF-Einsatzes. „Englisch hatte ich in der Schule und in Kursen gelernt“, sagt der junge Mann. Er hatte Abitur gemacht, ein Studium begonnen. Als die deutschen Streitkräfte Übersetzer suchten, brach er es ohne zu zögern ab. „Meine Hauptaufgabe war, die Deutschen bei den Außeneinsätzen zu begleiten“, erzählt Sayed Rohullah. „Wir fuhren in die Dörfer. Ich stellte den Kontakt mit den Menschen her, übersetzte.“ Ein lebensgefährlicher Job im unruhigen Norden Afghanistans rund um Kundus und Masar-i-Sharif, seiner Heimatstadt. Als sich die Einsatzkräfte nach und nach aus dem zerstörten Land zurückzogen, blieb er zurück und musste um sein Leben fürchten.

Keine Stelle ist zuständig

Schon 2011 geriet Sayed Rohullah ins Visier von Aufständischen – als vermeintlicher Kollaborateur, als Spion. „Sie kamen zwei Mal zu meiner Familie, als ich gerade im Einsatz war und fragten nach mir.

Auf einer Männerhand liegen ein Pass und eine Medaille.

Sayed Rohullah zeigt seinen Pass und eine Medaille aus der Zeit in Afghanistan.

Beim zweiten Mal brachten sie ein Foto mit, dass mich mit den deutschen Soldaten zeigte“, erzählt der junge Mann. Wäre er zuhause gewesen – sie hätten ihn mitgenommen, da ist er sich sicher. Ortskräfte der ISAF werden von den Taliban als Verräter angesehen, bedroht und ermordet. Er habe sich an den Militärischen Abschirmdienst, den MAD, gewandt und um Hilfe gebeten. „Sie sagten: Wir haben kein Verfahren, um dich aufzunehmen und aus dem Land zu bringen, aber du kannst im Camp bleiben. Ich habe sechs Monate im Camp verbracht. Das war wie ein Käfig für mich.“ Als er begriffen habe, dass es keine Pläne gab, die Ortskräfte aus dem Land zu holen, habe er entschieden, Afghanistan auf eigene Faust zu verlassen.

Hilfe für die Helfer?

Mittlerweile gibt es Programme für Helfer der Bundeswehr. Rund 580 afghanische Ortskräfte, die für das deutsche Ressort, also auch die Bundeswehr tätig gewesen seien, hätten eine Aufnahmezusage bekommen, teilt das Bundesinnenministerium auf Anfrage von MDR THÜRINGEN mit.

Ein junger Mann mit dunkelbraunen Haaren steht in Solidatenuniform vor einem Panzer.

Johannes Clair beim Einsatz in Afghanistan.

Bis Mitte Februar seien aber nur rund 330 von ihnen mit ihren Familien nach Deutschland gekommen. 13 lebten mit ihren Angehörigen in Sachsen, neun in Sachsen-Anhalt und acht in Thüringen, teilt die Behörde mit.

Die Flüchtlingsorganisation Pro Asyl antwortet auf Anfrage von MDR THÜRINGEN, es hätte immer schon Ortskräfte gegeben, die auf eigene Faust, als Asylsuchende nach Deutschland gekommen seien. Ihre Chancen hier anerkannt zu werden, stünden „recht gut“, erklärt Bernd Mesovic, stellvertretender Geschäftsführer von Pro Asyl. Problematisch aber sei die Intransparenz der Prüfverfahren: Ähnliche Fälle würden zum Teil unterschiedlich entschieden.

Status: Ungeklärt

Für Sayed Rohullah gab es damals keine Chance auf ein Visum. Der 27-Jährige musste sich allein auf den gefährlichen Weg nach Deutschland machen. Die Flucht kostete ihn alle Ersparnisse. In Deutschland stellte er einen Asylantrag, landete in Gerstungen – und scheitert jetzt an der Bürokratie. Seit anderthalb Jahren lebt er hier, sein Asylstatus ist immer noch ungeklärt. „Ich habe ihnen alle Unterlagen vorgelegt“, sagt er und zeigt auf die Plastiktüte mit seinen Dokumenten. Er besucht einen Deutschkurs, träumt von einer Ausbildung, einem Beruf. „Ich bin noch jung. Ich will etwas lernen. Das ist gut für mein Leben.“ Schlimm sei die Situation im Lager, sagt er und meint den grauen Wohnblock der Unterkunft hinter sich. „Ich bin auf mich allein gestellt. Ich habe für deutsche Streitkräfte gearbeitet, mein Leben riskiert und jetzt gibt es keine Stelle, die zuständig ist, die sich kümmert.“

„Es ist einfach eine Schande“

Der einzige, der sich für Sayed Rohullah einsetzt, ist sein ehemaliger Kamerad Johannes Clair. Der Fallschirmjäger war zwei Mal in Afghanistan eingesetzt.

Eine Urkunde von Sayed Rohullah mit der Aufschrift: "Vielen Dank für die gute Zusammenarbeit. ISAF 24/25 Januar bis Juli 2011." Dazu ein Foto mehrerer Soldaten vom Zug Charlie.

Eine Urkunde zeigt, dass Sayed Rohullah von Januar bis Juli 2011 bei der ISAF war.

„Das Besondere an den afghanischen Sprachmittlern ist, dass sie während der Gefechte immer neben uns waren, aber natürlich keine Waffen hatten, das heißt, sie haben sich in aller größte Lebensgefahr begeben, um mit uns zusammen zu arbeiten“, erzählt der 29-Jährige. Zusammen hätten sie viele gefährliche Situationen erlebt. Abends nach den Einsätzen hätten sie zusammen gesessen. „Roh“, hätte ihm beigebracht, Afghanistan und seine Menschen zu verstehen. Johannes Clair nennt die Situation der ehemaligen afghanischen Ortskräfte, die gezwungen seien, illegal nach Deutschland zu fliehen, eine unverschämte Schande. „Es sind Leute, die für uns ihren Kopf hingehalten haben, nicht nur für die deutschen Soldaten, sondern im Auftrag der Bundesrepublik Deutschland und das er jetzt in diesem Flüchtlingsheim seit über anderthalb Jahren ist, und nichts mit seinem Fall gemacht wird, ist einfach eine Schande.“

Johannes Clair engagiert sich seit seinen Kriegseinsätzen für Flüchtlinge und die Menschen in Afghanistan. Er hat ein Buch über die Zeit in Afghanistan geschrieben, das zum Bestseller wurde, hat an einer Fernseh-Dokumentation über Flüchtlinge teilgenommen und wurde dafür mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Er klärt öffentlich über die Posttraumatische Belastungsstörung als Folge des Afghanistan-Einsatzes auf, wegen der er selbst in Behandlung ist. Nur seinem Freund Sayed konnte er bisher nicht helfen – zu hoch sind die bürokratischen Hürden.

„Ich kann an nichts anderes denken“

Eine Therapie gibt es für Sayed Rohullah in Gerstungen nicht. Einmal, während eines Einsatzes, fuhr das Fahrzeug, in dem er saß auf eine Mine. Der Anschlag hatte schwerwiegende Folgen. Seitdem leidet der junge Mann unter Herzproblemen. Die Ärzte rieten ihm, im Sinne seiner Gesundheit abzuschalten, an etwas anderes zu denken, sich nicht zu belasten. Mehr nicht. „Was soll ich machen?“, fragt Sayed Rohullah an diesem Morgen in Gerstungen, lächelt hilflos und zeigt auf das Heim hinter sich. „Ich sitze hier bloß herum, habe keine Aufgabe. Ich kann an nichts anderes denken. Hier ist nichts.“

Seine Familie musste in Afghanistan den Wohnort wechseln. Zu groß war die Gefahr. Er fühle sich im Stich gelassen, sagt er und hält dabei die Plastiktüte mit den Dokumenten fest. Sie sind seine Lebensversicherung, sein Beweis, dass er für deutsche Truppen sein Leben riskiert hat, auch, wenn ihm das in Deutschland nicht weiterhilft.

Quelle: MDR

Veröffentlicht am 15. März 2015 in afghanische Ortskräfte, Afghanistan, Deutschland und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Kommentare deaktiviert für mdr| Dolmetscher der Bundeswehr hofft auf Asyl: „Ich habe mein Leben für die Deutschen riskiert“.

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