Iranischer Dokumentarfilm „No Land’s Song“ : Wiedergefundene Stimme

Es klingt nach einem kühnen Unterfangen: Im Iran, einem Land, in dem Solo-Gesänge von Frauen in der Öffentlichkeit nicht mehr erlaubt sind, beabsichtigt eine Frau, ein Konzert zu organisieren, auf dem ausschließlich Frauen auftreten. Der Dokumentarfilm „No Land’s Song“ zeigt, was bei diesem Experiment herausgekommen ist. Von Richard Marcus

Unter der Regie ihres Bruders Ayat Najafi legt die iranische Komponistin Sara Najafi in dem Dokumentarfilm „No Land’s Song“ Zeugnis ab von ihrem Kampf gegen die Bürokratie, die Intoleranz und die Angst der Regierung ihres Landes, um ihren Traum eines Konzertes von Frauen zu verwirklichen.

Der Film ist auch eine Geschichtsstunde über die längst vergagenen Tage des Kabaretts und der großen Gesangsveranstaltungen in Teheran. Begleitet von Parvin Namazi, einem Sänger, der bereits vor der Islamischen Revolution aktiv war, führt uns Najafi durch die iranische Hauptstadt und zeigt uns das, was von dem ehemaligen Kabarettbezirk übrig ist. Was dort aussieht wie marode Lagerhallen, erweist sich als Überbleibsel schöner Rokoko-Theater, die sich auch in Paris befinden könnten.

Der Film führt uns in Cafés und Musikgeschäfte, wo wir ältere Männer treffen, die über die Tage vor der Revolution sprechen, als sie noch die Kabaretts besucht und den Sängern und der Musik zugehört hatten.

Es ist in diesem Zusammenhang wohl unmöglich, von Sängerinnen im Iran zu sprechen, ohne dabei Qamar-ol-Moluk Vaziri zu erwähnen. Denn in den 1920er Jahren war sie die erste Frau, die öffentlich vor einem gemischten Publikum und ohne Hidschab gesungen hat. Sie war es auch, die Najafi zu ihrem Projekt inspirierte, um den Stimmen der Frauen im Iran wieder Gehör zu verschaffen.

Zwischen erlaubten und verbotenen Klängen

Filmplakat "No Land's Song"

Rote Linien durchbrechen: Der Dokumentarfilm „No Land’s Song“ handelt von Sara Najafis Bemühungen, ihre Welt zu verändern und den Frauen ihres Landes ihre Stimme wiederzugeben.

Als Komponistin kennt sich Sara Najafi in der iranischen Musikgeschichte und mit den Verboten nach der Revolution sehr gut aus. Ironischerweise beginnen trotz der Einschränkungen und der begrenzten Möglichkeiten für Frauen jedes Jahr viermal mehr junge Frauen eine musikalische Ausbildung als Männer. Najafi spricht über einige der Schwierigkeiten, vor denen Frauen als Musikschülerinnen und -lehrerinnen stehen. Sie berichtet darüber, wie sie Unterrichtsstunden auf ausschließlich theoretischer Basis geben musste – ohne dabei tatsächlich zu singen, da sich Männer im Raum aufhielten.

Angesichts solcher Hindernisse scheint ihr Ziel, die offizielle Erlaubnis dafür zu erhalten, Sängerinnen vor einem gemischtgeschlechtlichen Publikum singen zu lassen, vergeblich und zum Scheitern verurteilt zu sein. Noch komplizierter wird ihre Mission durch ihre Entscheidung, französische Musiker teilnehmen zu lassen, darunter drei Sängerinnen aus Paris: Elise Caron, Jeanne Cherhal und Emel Mathlouthi. Die Umstrittenste von den dreien Musikern ist zweifelsohne Mathlouthi, deren Lied „Kelmti Horra“ (Meine Welt ist frei) zur Hymne der Frauen im Arabischen Frühling avancierte.

Es ist gewiss kein Zufall, dass die alten Theater in Teheran an die in Paris erinnern. Denn zwischen der französischen und der iranischen Musikszene gab es einmal starke kulturelle Verbindungen. Eines der Projektziele Najafis besteht deshalb darin, diese Verbindungen wiederzubeleben.

Leider wurden im iranischen Klima nach der Unterdrückung der „Grünen Bewegung“ Ideen, die den konservativen Status Quo erschüttern, nicht sehr gern gesehen. Wie kann man Gesetze überwinden, die auf der Idee beruhen, Frauen seien für die Handlungen von Männern verantwortlich? Najafi besucht einen religiösen Gelehrten, um die Gründe dafür herauszufinden, warum den Frauen das Singen schwer gemacht wird. Sie bekommt die Antwort, die Singstimme einer Frau könne die Gedanken der Männer vom Pfad der Tugend ablenken.

Orwellscher Alptraum

Als wäre dies nicht schlimm genug, sind ihre Gespräche mit dem Kultusministerium über das Konzert auch noch von einer bürokratischen Doppelzüngigkeit geprägt, die wohl selbst George Orwell Alpträume bereitet hätte. Diese Treffen durfte Najafi zwar nicht filmen, aber sie konnte zumindest Tonaufnahmen von dieser Begegnung machen, die die Hindernisse deutlich machen, vor die sie gestellt wurde. Zuerst sieht es so aus, als hätte ihr Projekt keine Chance. Ihr wurde gesagt, sie solle die nächste Präsidentschaftswahl abwarten: „Vielleicht werden die Dinge dann besser sein“, heißt es aus dem Off.

Und nach der nächsten Präsidentschaftswahl, die von der momentanen gemäßigten Regierung gewonnen wurde, hieß es: „Nun, das ist ein schwieriges Thema, und wir wollen den konservativen Elementen keinen Grund geben, Unruhe zu stiften“. Sie wird gebeten, Kompromisse einzugehen. Sogar ihr bereits die Erlaubnis erteilt wurde, die französischen Musiker für ein öffentliches Konzert in den Iran einzuladen, wird sie in letzter Minute ins Kultusministerium bestellt. Nachdem die Beamten eine Konzertprobe gesehen haben, ändern sie schließlich ihre Meinung darüber, das Konzert öffentlich stattfinden zu lassen. Erst als die französischen Musiker damit drohen, ohne Auftritt wieder nach Hause zu fahren, machen die Tugendwächter einen Rückzieher und lassen sie gewähren.

Allen Widrigkeiten zum Trotz

Der Dokumentarfilm erzählt nicht nur die persönliche Geschichte Najafi, sondern bietet auch tiefe Einblicke in den Iran, wie wir sie nur selten zu sehen bekommen. Ja, es gibt Unterdrückung und Angst, aber ebenso lässt sich auch eine Atmosphäre der Hoffnung erkennen. Man wird gewahr, dass der Iran keine monolithische Einheit darstellt, wo alle die gleiche Meinung haben. Vielmehr handelt es sich um eine Gesellschaft unterschiedlicher Menschen mit einem feinen Gespür für ihre Identität und die Geschichte ihres Landes.

Najafi selbst ist ein wunderbares Beispiel dafür. Wenn es scheint, als seien all ihre Hoffnungen vergeblich und die Bürokratie ihres Landes übermächtig, vergießt sie zwar Tränen. Unterkriegen lässt sie sich jedoch nicht. Ihre Lebensfreude und Willenskraft ist inspirierend, und diese schöpft sie auch aus ihrer Liebe zu ihrem Land.

Die Tatsache, dass Najafi das scheinbar Unmögliche erreicht und nicht nur das Konzert veranstaltet, von dem sie geträumt hat, sondern sogar die Erlaubnis bekommt, es zu filmen, ist an sich schon ein wunderbares Zeichen. Aber der Film zeigt auch, dass Najafi selbst eine bemerkenswerte Persönlichkeit ist. Er veranschaulicht, was ein fest entschlossener Mensch erreichen kann, wenn er sich nur genug dafür einsetzt.

Richard Marcus

Quelle: Qantara.de 2015

Veröffentlicht am 14. Mai 2015 in Frauen Frauenrechte, Iran censur, Kultur und mit , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Kommentare deaktiviert für Iranischer Dokumentarfilm „No Land’s Song“ : Wiedergefundene Stimme.

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