ARD| Zuwanderer

Massenunterkünfte und Arbeitsverbot: Das war lange das Schicksal vieler Zuwanderer. Damit wird Potenzial verschenkt und Frustration bei Zuwanderern wie Einheimischen geschürt. Dass es auch anders gehen kann zeigt unser Beispiel aus Hessen.

Vier Jahre sind seit seiner Flucht aus Eritrea vergangen. Damals hätte Soltan B. nicht im Traum daran gedacht, dass er einmal in Osthessen Maler und Verputzer lernen würde. Jetzt ist der 27-Jährige schon im zweiten Ausbildungsjahr. Und es läuft besser als gedacht.

Soltan B. hat das nicht zu 100 Prozent geglaubt und hatte zuerst ein bisschen Angst vor den Leuten und der Sprache. Und wie das in der Kolonne wird. Aber er hat gesehen: Da sind viele Leute, die ihm auch helfen.

Den Ausbildungsplatz hat er über einen Vorbereitungskurs der Lehrbaustelle in Bebra bekommen. Seit zwei Jahren werden dort Asylbewerber mit den verschiedenen Gewerken beim Bau vertraut gemacht. Das Angebot richtet sich an Flüchtlinge, die gerade erst angekommen sind. Und die nehmen das dankbar an.

Ausbildung und Integration, statt in Gemeinschaftsunterkünften zu versauern. Ein Leuchtturmprojekt, sagt der Kreis-Handwerksmeister. Und kann nicht nachvollziehen, warum es nicht viel mehr so machen wie in Bebra.

Klaus Stöcker, Kreishandwerksmeister Hersfeld-Rotenburg:

»Gerade im Bauhandwerk haben wir zahlreiche Betriebe, die händeringend nach jungen Leuten suchen. Und es ist von daher auch so, dass von den Asylbewerbern keinem ein Ausbildungsplatz weggenommen wird, sondern dass im Wesentlichen unbesetzte Ausbildungsplätze besetzt werden können.«

Ein großes Problem ist die Sprache. Vor der Anerkennung gibt es keinen Deutschkurs. Deshalb werden wenigstens die wichtigsten Fachbegriffe vermittelt. Sonst wäre es auf dem Bau lebensgefährlich.

Karl Heinz Richardt hat Soltan und einem weiteren Kollegen aus dem Kurs eine reguläre Lehrstelle angeboten.

Karl-Heinz Richardt, Seniorchef, Maler und Putzbetrieb Richardt:

»Diese Entscheidung war eine richtige Entscheidung. Eine sehr gute Entscheidung für den Betrieb. Und auch das Verhältnis zu den Arbeitskolleginnen und -kollegen ist mit diesen Mitarbeitern aus Afrika sehr gut. Es wächst da was zusammen.«

Fachkräfte sichern kontra Abschiebung

Bisher wurde die Maßnahme von der EU und dem Kreis mit rund 90.000 Euro gefördert. Von den bisher 30 Teilnehmern absolvieren schon neun eine betriebliche Ausbildung. Das spart pro Jahr rund 60.000 Euro Sozialausgaben. Bei drei Jahren Ausbildung: 180.000 Euro. Fünf weitere Teilnehmer haben bereits eine Arbeitsstelle gefunden. Auch da spart der Kreis.

Und das ist nicht alles. Asylbewerber, die Arbeit haben, zahlen ja auch Steuern, Kranken- und Rentenversicherung. Die Lehrbaustelle in Bebra möchte gerne mehr ausbilden und mehr Berufe anbieten. Der Bedarf ist da. Aber die Angst vor Abschiebung hängt wie ein Damoklesschwert über den Lehrlingen, den Ausbildern und den Betrieben.

Klaus Stöcker:

»Unsere Forderung ist ganz klar, der Schutz vor Abschiebung während der Ausbildungszeit und aber auch im Anschluss an die Ausbildungszeit zumindest für zwei Jahre meinetwegen, nochmal die Abschiebung auszusetzen, um den Leuten die Möglichkeit zu geben, sich zu bewähren …. und zu zeigen, dass sie sich integrieren wollen und bereit sind, hier für uns mitzuarbeiten und in das gesellschaftliche Leben einzusteigen.«

Alle Teilnehmer hoffen, dass sie nach einer Ausbildung in Deutschland bleiben können. Für sie ist es die Chance ihres Lebens.

Alle profitieren, sagt die Sozialdezernentin. Die Teilnehmer und die Betriebe. Aber die EU-Fördermittel sind zeitlich begrenzt. Und ohne diese Anschubfinanzierung geht es nicht. Da muss eine dauerhafte Lösung her, fordert sie:

Elke Künholz, Sozialdezernentin Kreis Hersfeld-Rotenburg: „Wir können nicht nur vom Facharbeitermangel sprechen, … sondern wir müssen auch sämtliche Voraussetzungen dafür schaffen, dass tatsächlich eine Vermittlung in Arbeit möglich ist.“

Schon merkwürdig: Die Menschen sind da und wollen arbeiten. Sie helfen, den Bevölkerungsschwund zu bremsen. Und es gibt Jobs für sie, ohne einheimische Bewerber zu verdrängen. Soltan B. büffelt jeden Tag nach Feierabend für die Zwischenprüfung. Fast alle anderen sind immer noch zur Untätigkeit verdammt. Warum eigentlich?

Quelle: PLUSMINUS-ARD

Veröffentlicht am 4. Juni 2015 in Deutschland, Flüchtlinge und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Kommentare deaktiviert für ARD| Zuwanderer.

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