Archiv für den Tag 18. Juni 2015

Dawud Gholamasad| Zur Psychogenese von Islamismus und Islamophobie als gegenseitige Eskalation der de-zivilisierenden Aspekte der Demokratisierung in Europa.

Dawud Gholamasad

 

Zur Psychogenese von Islamismus und Islamophobie als gegenseitige Eskalation der de-zivilisierenden Aspekte der Demokratisierung in Europa.

 

„Man unterwirft sich dem Großen, um über Kleine Herr zu sein: diese Lust überredet uns zur Unterwerfung“ (Friedrich Nietzsche)

 

In diesem Beitrag möchte ich – aus aktuellem Anlass – auf die interdependenten sozio- und psychogentischen Aspekte des Islamismus und der Islamophobie als De-Zivilisierungsschübe in Europa hinweisen, die ich als Nachhinkeffekt des sozialen Habitus der involvierten Menschen in Demokratisierungsprozessen diskutieren möchte. Damit soll eine Überwindungsperspektive des Problems erörtert werden, indem die Ungleichzeitigkeit der drei komplementären und reversiblen Aspekte der Demokratisierungsprozesse sowie ihre Richtung und Richtungsbeständigkeit berücksichtigt werden. Denn in der Regel werden die funktionellen, institutionellen und sozial-habituellen Aspekte der Demokratisierung auf ihre institutionellen Aspekte zustandsreduziert. Vernachlässigt werden:

 

  1. die gerichtete funktionelle Demokratisierung im Sinne der Verschiebung der Machtbalance zwischen den Machtstärkeren und Machtschwächeren zugunsten der letzteren im Zuge der inner- und zwischenstaatlichen Differenzierungs- und Integrationsprozesse, ohne zu institutioneller Demokratisierung zu führen. Dabei müssen die Menschen mit ihren Funktionseinschränkungen und Funktionsverlusten bzw. Funktionserweiterungen neben der Entstehung neuer Funktionen erhebliche soziale Auf- und Abstiegserfahrungen machen, die zuweilen emotional nicht verkraftbar sein können. Hinzu kommen Brüche in der Kontinuität der Lebenszusammenhänge, die mit erheblichen Identitätskrisen begleitet sind.
  2. der gerichtete und reversible Transformationsprozess des sozialen Habitus der involvierten Menschen im Sinne ihrer Zivilisierung und De-Zivilisierung, die deren ganzes Wollen, Denken, Fühlen und Handeln prägen.

 

Aus diesem Grunde möchte ich zunächst kurz auf den Zusammenhang von Demokratisierung, Zivilisierung und De-Zivilisierung als komplementäre und reversible Prozesse eingehen. Damit sollen Islamismus und Islamophobie als sich gegenseitig hochschaukelnde de-zivilisierende Aspekte der Demokratisierung in Europa verstanden werden.

 

Zum Zusammenhang von Demokratisierung, Zivilisierung und De-Zivilisierung als komplementäre und reversible Prozesse

 

Zu den demokratisierungsrelevanten Hauptkriterien des Zivilisierungsprozesses gehören u. a. Veränderungen des sozialen Habitus bzw. der Persönlichkeitsstruktur der Menschen in Richtung auf ebenmäßigere, allseitigere und stabilere Selbstkontrollmuster. Ohne sich je von Fremdzwängen völlig loszulösen, gewinnen außerdem ihre Selbstzwänge den Fremdzwängen gegenüber größere Autonomie. Das Gleichmaß der Selbstregulierung im Verhältnis zu allen Menschen und in fast allen Lagen nimmt zu. Im Zusammenhang mit der zunehmenden Verselbständigung der individuellen Selbstregulierungsinstanzen, zu denen Verstand wie Gewissen, Ich wie Über-Ich gehören,  erweitert sich auch die Reichweite des Vermögens eines Menschen, sich mit anderen Menschen in relativer Unabhängigkeit von deren Gruppenzugehörigkeit zu identifizieren, also auch Mitgefühl mit ihnen zu empfinden. Ein De-Zivilisierungsschub bedeutet dann eine Veränderung in entgegengesetzte Richtung, d.h. eine Erhöhung der Irritabilität sowie eine Verringerung der Reichweite der Identifizierung und des Mitgefühls.[1]

 

Daher erlaubt eine angemessene Berücksichtigung dieser zivilisatorischen Aspekte der Demokratisierungsprozesse im Zusammenhang mit ihren funktionellen und institutionellen Dimensionen den gewalttätigen Islamismus und Islamophobie in Europa als einen Nachhinkeffekt des sozialen Habitus zu diskutieren, unter Berücksichtigung entsprechender Konsequenzen: vor allem der Notwendigkeit der Förderung der Zivilisierung des sozialen Habitus der Menschen in einem gezielten humanistisch geprägten institutionellen Bildungsprozess. Denn Menschen sind im Unterschied zu manchen anderen sozialen Lebewesen auf die Mobilisierung ihrer natürlichen Anlage zur Selbstregulierung durch das persönliche Lernen von Trieb- und Affektkontrolle im Sinne gesellschaftlicher Zivilisationsmuster angewiesen, um mit sich selbst und mit anderen Menschen leben zu können.[2]

 

Ohne derartige Förderungsmaßnahmen kann sich die Balance zwischen Kooperation und Konflikt zwischen den Menschen als Einzelne und Gruppen zugunsten ihrer Konfliktsbereitschaft verschieben und die Entstehung solcher sozialen Bewegungen wie Islamismus und Islamphobie Vorschub leisten, die sich als interdependente De-Zivilisierungsschübe gegenseitig eskalieren.

 

Islamismus und Islamphobie als sich gegenseitig zur Eskalation  bringende De-Zivilisierungsschübe.

 

Wenn man diese Verschiebung der Balance zwischen Konflikt und Kooperation der Menschen zugunsten der zuweilen blutigen Konfliktaustragungen begreifen will, muss man wissen, dass Menschen von Natur aus gegenseitig aufeinander angewiesen und voneinander abhängig sind. Aus diesem Verflechtungsprozess interdependenter Menschen gestalten sich Figurationen, wie Familien, Stämme, und Interessengruppen oder Staaten mit entsprechender Machtbalance und mehr oder weniger offenen Machtkämpfen. Dabei geht es immer um die Chance, das Verhalten der anderen gegen ihren Willen zu beeinflussen und zu steuern. Darum sind diese Konflikte immer auch selbstwertrelevant. Denn mehr Macht bedeutet im Rahmen der durch Konkurrenz geprägten Kulturen mehr Selbstwert. In diesem Sinne sind die Menschen getragen von einer mehr oder weniger starken Tendenz, sich mit anderen zu vergleichen und zu messen. Dabei steuert diese Tendenz, als eine Art Selbstzwang, das Verhalten und Erleben der involvierten Menschen. Deswegen bekommen wir nur aus dieser Interdependenz ihrer Beziehungen heraus einen Einblick in ihr Seelenleben bzw. in die Psychogenese ihrer zielgerichteten Verhaltens- und Erlebensmuster; denn Menschen sind überhaupt nicht in der Lage zu denken, zu fühlen, zu wollen und zu handeln, ohne dass ihnen ein Ziel vorschwebt. Das ist nur nachvollziehbar, wenn man berücksichtigt, dass die Existenz des „Seelischen Organs“ der Menschen  genauso zielgerichtet ist wie alle seine anderen Organe: ohne die Sonne gäbe es keine Augen, ohne die Erdanziehungskraft gäbe es keine Füße, ohne die Luft gäbe keine Lungen und ohne Handlungsziele bzw. Finale  gäbe es auch kein  Seelenleben.

Aber diese Zielgerichtetheit des Seelenlebens der Menschen verleiht dem „fiktiven Endziel“ bzw. dem als fix gedachten oder empfundenen Finale, unter deren Herrschaft alle im Einzelnen sichtbaren Ziele geraten, die entscheidende Bedeutung. Und wegen dieser Zielgerichtetheit des Seelenlebens der Menschen ist das Leben ein Sollen[3], mit entsprechenden zivilisatorisch geprägten moralischen Maßstäben.

 

Demzufolge ist das, was Seelenleben genannt wird, nur verständlich als ein Kommunikationssystem in einem dynamischen Netz von kommunikativen Beziehungen in Raum und Zeit, das als Figurationen bezeichnet werden kann. Folglich ist das Sprechen, Fühlen, Denken und Verhalten von Menschen, kurz ihr individualisierter sozialer Habitus nur begreifbar als selbstwertrelevante Stellungnahmen zum Leben, zu sich selbst und zu den Mitmenschen, als ihre Antworten in den jeweils spezifischen Figurationen.

 

Mit der funktionellen Demokratisierung ihrer Beziehungen, als Reduktion der Machtdifferentiale zwischen Individuen und Menschengruppen, können sich eine institutionelle Demokratisierung und entsprechende Zivilisierungen der Verhaltens- und Erlebensmuster der involvierten Menschen in Richtung der Erhöhung ihrer Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung, im Sinne der emotionalen Verankerung der demokratischen Normen, vollziehen. Daher geht  mit der funktionellen Demokratisierung, früher oder später, eine Verschiebung der Selbstwertbeziehungen zugunsten der früher machtschwächeren Menschen als Einzelne und Gruppen einher; da ihre interdependenten Beziehungen zugleich ihre Selbstwertbeziehungen sind: Denn das, was sich auf der funktionellen Ebene als Machtdifferentiale bzw. als Verringerung derselben vollzieht, wird in der Regel von den in diesen Prozessen involvierten Menschen auch mit mehr oder weniger zeitlicher Verzögerungen erfahren und empfunden. Diese interdependenten Selbsterfahrungen und damit einhergehend auch Selbstbewertungen manifestieren sich in ihren Selbstwertbeziehungen. Was auf der funktionellen Ebene also die Machtbeziehungen bzw. Machtdifferentiale sind, sind auf der habituellen Ebene die selbstwertrelevanten Erfahrungen dieser Machtbeziehungen: ihre Selbstwertbeziehungen.

 

Allerdings kann die Transformation des sozialen Habitus der involvierten Menschen hinter der funktionellen und institutionellen Demokratisierung hinterherhinken. Dies manifestiert sich in Erniedrigung und Diskriminierung der Machtschwächeren als Kompensation der Machstärkeren von ihrer eigenen Machtreduzierung. Denn je höher man sich auf der Selbstwertlinie fühlt, desto tiefer fällt man. Je höherer der Geltungsanspruch ist immer verbunden mit größerer Angst vor sozialem Abstieg. Mit dem höheren Spannungsbogen reduziert sich die Toleranzgrenze, die sich in Reduzierung der Reichweite der Identifizierung mit Mitmenschen manifestiert.

 

In dieser Konstellation wird das Minderwertigkeitsgefühl der Machtschwächeren, angesichts ihrer gesteigerten Aspirationen, schmerzhafter empfunden, weil das Minderwertigkeitsgefühl als eine Gefühlslage dann entsteht, wenn  der angestrebte Geltungsanspruch nicht aus eigenen Kräften erreichbar ist. Diese Gefühlslage ist dann der Ausgangspunkt für ein kompensatorisches Streben, da sich im Minderwertigkeitsgefühl ein den Selbstwert verneinendes Empfinden manifestiert.[4] Dies wird als eine existentielle Gefahr empfunden, weil der eigene Selbstwert und dessen Anerkennung existentiell notwendig sind.

 

Und je höher das angestrebte fiktive Ich- und Wir-Ideal angesichts der Verfügbarkeit der Machtchancen ist, desto destruktiver das kompensatorische Streben. Denn je stärker ihr Spannungsbogen ist – d.h. je größer der Differenz zwischen Minderwertigkeitsgefühl und Geltungsstreben ist – desto egozentrischer und emotional engagierter das Verhalten und Erleben der Menschen.  Damit einher geht eine Verringerung der der Reichweite der Identifikation der Menschen mit Menschen und des Mitgefühls mit ihnen.

 

Worin die Überwindung dieser negativen Ausgangslage gesehen und mit welchen Mitteln sie angestrebt wird, ergibt sich nicht nur aus der individuellen Situation der Menschen als Einzelne und Gruppen. Hier kann sich auch der Nachhinkeffekt des sozialen Habitus manifestieren: Die früher eingeübte Art und Weise, in der die Menschen als Einzelne und Gruppen auf das Minderwertigkeitsgefühl geantwortet haben, verfestigt sich in ihrem Lebensplan. Während aber die individuell fixierte Prestigepolitik vorsprachlich ist, wird das zugrunde liegende gruppenspezifische Muster zumeist sprachlich tradiert. Diese als Geschichte gefeierten Überlieferungen werden wiederum individualisiert rezipiert.

 

Wenn man daher begreift, dass die Sprache die Welt ist, wie Menschen sie erfahren, wird die Bedeutung der sozialen Vererbung der Verhaltens- und Erlebensmuster und entsprechender Regulationsprinzipien durch die Sprachvermittlung verständlich.

Die virulente Gewaltbereitschaft und die unbarmherzig gewalttätigen, blutrünstigen Kommunikationsmittel der Islamisten, als Ausdruck eines De-Zivilisierungsschubes, deuten auf diese Überlieferung der Erfahrungen der anfänglich kriegerisch geführten Expansion der Herrschaft Mohammads und seiner Nachfolger hin. Sie werden aber, je nach dem Zivilisierungsgrad der Muslime, unterschiedlich rezipiert. Die Islamistische Rezeption reduziert sich, entsprechend ihres   niedrigeren Grades der Trieb- und Affektkontrolle, auf Zivilisationsstandards der beduinischen Stämme vor 14 Jahrhunderten, wenn sie ihre blutigen Taten subjektiv rechtfertigen wollen. Diese sind ihre stets allgegenwärtigen Vorbilder. Deswegen darf man sie nicht danach beurteilen, was sie sagen sondern danach, was sie tun und wozu sie das tun, was sie tun. Denn das, was sie sagen, sind lediglich subjektive Rechtfertigungen ihrer barbarischen Taten für sich und die Ausbeutung der Glaubensaxiome und Werthaltungen der Muslime, welche deren Hautopfer sind. Wie sollen sie denn sonst ihren barbarisch gewaltsamen Versuch der Befriedigung ihrer unersättlichen Geltungssucht mit allen Mitteln, subjektiv rechtfertigen, während sie aus ihrer Unsicherheit und ihrem Minderwertigkeitsgefühl heraus unaufhörlich nach einer „göttlichen Herrschaft“ über ihre Mitmenschen zu gelangen streben. Diese eigene Vergöttlichung und ihre angestrebte „göttliche Herrschaft“ sollen sich ja in einem „Islamischen Staat“ manifestieren, der einer subjektiven Rechtfertigung bedarf; dabei bleiben ihnen selbst ihre eigenen wahren Motive verkannt und unbewusst.

 

Aber gerade was diese subjektive Rechtfertigung und als Gegenpart auch die Islamophobie ermöglicht, ist die Identifizierung des Islamismus mit dem zustandsreduzierten Vorstellungsgebilde „Islam“, welches jedoch nur als ein Wandlungskontinuum erschlossen werden kann[5]. Denn die Subsumierung der lückenlosen Wandlungszusammenhänge von Ereignissen über Jahrhunderte unter den Begriff „Islam“ als einer „symbolischen Fiktion“ führt zu seiner Hypostasierung, als ob es diesen unabhängig von den Muslimen und ihren unterschiedlichen Lesarten geben würde. Diese Vergegenständlichung eines Vorstellungsgebildes des „Islam“ unabhängig von den islamisch geprägten Menschen vollzieht sich in der Regel durch die fiktiven Abstraktionen in der  Sprache: indem man aus bequemen Abstraktionen Wirklichkeiten macht, „als ob sie etwas Besonderes, selbständig Existierendes wären ohne die Objekte, an denen wir sie faktisch finden.“[6] Somit werden die über Jahrhunderte überlieferten Glaubensaxiome und Werthaltungen der Muslime mit unterschiedlicher Lesart, die sich in verschiedenen islamisch geprägten Territorialstaaten manifestierten, auf einen Zustandsbegriff „Islam“  reduziert.

Obwohl Fiktionen als Vorstellungsgebilde Produkte der Einbildungskraft sind, können sie als Substitutionen im weiteren Sinne betrachtet werden, indem an die Stelle der Wirklichkeit irgendetwas Unwirkliches gesetzt wird. Problematisch wird es, wenn man diese symbolischen Repräsentanten der Wirklichkeit mit der Wirklichkeit verwechselt; einer Wirklichkeit, die „an sich“ nicht erkennbar ist, sondern nur eine erfahrene Wirklichkeit ist. Von daher ist die Sprache die Welt, wie Menschen sie erfahren. Vor allem im Alltagsleben, in dem Menschen nicht danach fragen, was Dinge „an sich“ bedeuten, sondern was sie „für mich“ bedeuten. In diesem Zusammenhang also wird danach gefragt, welche selbstwertrelevante Bedeutung sie „für mich“ haben: erhöhen oder erniedrigen sie meinen Wert. Mit dieser egozentrischen Brille, durch die die Welt angeschaut wird, wird allerdings eine selbstwertrelevant gerichtete Aufmerksamkeit bedingt; denn „man muss eine gerichtete Bereitschaft zum Sehen besitzen“[7], um sehen zu können.

 

In einem selbstwertrelevanten Apperzeptionsschema[8] der egozentrischen Menschen als Einzelne und Gruppen, die mit einer egozentrisch „tendenziösen Brille“ alle Eindrücke als „grundsätzlich“ und polargegensätzlich im Sinne von „Oben-Unten“, „Sieger-Besiegter, „Männlich-Weiblich“, „Mächtig-Ohnmächtig“, „Nichts-Alles“ usw. bewertet, liegt die Bedingung der Möglichkeit des Islamismus genauso wie der Islamophobie als ideologisch unterschiedlich gefärbte egozentrische  Schema des Selbstwertes. Dabei wird Oben als Wertvoll bzw. Vollwertig und Unten als Minderwertig empfunden. Mittels diesem egozentrischen Apperzeptionsschema, mit dem man den Abstand der Wirklichkeit von einem tendenziös verstärkten Ideal misst, kann man immer Menschen als Einzelne und Gruppen, gemessen an diesem Ideal, verdammend beliebig entwerten.[9]

Dieses Schema des Selbstwertes  führt zur „Islamophobie“, weil sie mit einer „Pars-pro-toto“-Verzerrung der Realität einhergeht. Dabei werden die besten Charaktereigenschaften der Minderheit der eigenen Gruppe für die „Wir-Gruppe“ verallgemeinert und der De-Zivilisierungsschub einer Minderheit der Muslime als Zivilisationsstandard „der Muslime“ generalisiert. Damit kann die eigene selbstwertrelevante feindliche Haltung ihnen gegenüber subjektiv legitimiert werden.

 

In dieser feindseligen Haltung den Muslimen gegenüber und ihrer Entwertung und Marginalisierung manifestiert sich ebenfalls einer der Aspekte der De-Zivilisierung: die Verengung der Reichweite des Vermögens der Identifizierung der Menschen mit Menschen relativ unabhängig von ihrer Gruppenzugehörigkeit.

 

Die Islamophobie als eine Entwertungstendenz ist also eine, durch das selbstwertrelevante fiktive Ziel der Überlegenheit angetriebene, feindliche Haltung neurotischer Europäer, deren ganzes Wollen, Denken, Fühlen und Handeln durch ihr Minderwertigkeitsgefühl angestachelt ist. Sie sind geprägt durch eine durch den Kolonialismus überlieferte neurotische Kultur der Überlegenheit. Denn sie schauen zwar mit den eigenen Augen, sie sehen aber mit den Augen des Kollektivs.[10] Ihre nachhinkenden Glaubensaxiome und Werthaltungen sind neurotisch, weil „das neurotische und psychotische Seelenleben als das Haften an der »leitenden Fiktion« im Gegensatz zum Gesunden (…)“[11] zu begreifen ist. Fiktiv ist ihr starres „Ideales Leitbild“ der Überlegenheit als Orientierungsmittel, weil es nicht nur der Wirklichkeit widerspricht, sondern auch in sich widerspruchsvoll ist.[12] Diese Widersprüche bleiben ebenfalls unverstanden durch ihre tendenziöse Erinnerung und Aufmerksamkeit, die eine „Pars-Pro-toto“-Verzerrung der Realität ermöglichen. Auf diese Weise wird der Entzug des Mitgefühls für die Muslime emotional verträglich gemacht und die Einengung der eigenen Reichweite des Vermögens der Identifizierung mit Menschen relativ unabhängig von ihrer Gruppenzugehörigkeit im Sinne eines De-Zivilisierungsschubes stolz nach außen demonstriert.

Mit diesem tendenziösen Apperzeptionsschema wird „der Islam“ sowohl gleichgesetzt mit Islamismus als einer gewalttätigen demonstrativen Hervorhebung der als eigen definierten Werte der „Rechtgläubigen“, die mit der „Scharia“ – als Inbegriff des „Islams“ im Sinne der überlieferten göttlichen Regulationsprinzipen der gesellschaftlichen Beziehungen – zur Herstellung der „paradiesischen Glückszustände auf Erden“ streben. Indem dem Islamismus als einer chiliastisch geprägten nativistischen Bewegung[13] zugleich der eigene Chauvinismus gegenübergestellt wird, wird zu einem Teufelskreis der Feindseligkeit beigetragen, womit die gewalttätigen Islamisten weitere Anhänger rekrutieren können.

 

Förderung der Gleichwertigkeit als notwendiger Präventionsmaßnahme gegen  Islamismus und Islamophobie

 

Nur durch die Anerkennung der Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Migranten als Einzelne und Gruppen fühlt sich der potentielle Islamist dazugehörig und findet produktiv seinen Platz in der Gesellschaft, wo er als Staats- und Wirtschaftsbürger respektvoll behandelt wird. Auf diese Weise ist er in der Lage aus den erinnerten „Wir-Bezügen“ herauszuwachsen und seine Verschmelzungsphantasien von einem „Ur-Wir“ zu überwinden und als ein, mehr oder weniger emanzipiertes, Individuum in eine entwickeltere „Wir-haftigkeit“ – als „Wirtschaftsbürger“, „Staatsbürger“ und im Zeitalter der Globalisierung als „Weltbürger“ – hineinzuwachsen.

Ohne eine emotionale Entbindung im Sinne der „Ausreifung“ aus den früheren Integrationseinheiten, die bisher die überlagerten Schichten seines sozialen Habitus geprägt haben, wäre keine produktive Integration im Sinne der „Einreifung des Charakters“ möglich. Diese „Formung des Charakters“ bedarf es allerdings einiger Generationen. Diese Transformationen der Grundeinstellungen bzw. des sozialen Habitus ist aber scheinbar bei vielen islamisch geprägten Jugendlichen versagt geblieben, die nun als Außenseiter durch den IS rekrutiert werden können. Diese Rekrutierung vollzieht sich durch die Aktivierung ihres nativistisch geprägten Chiliasmus, ihrer Aufbruchsbereitschaft zur Herstellung der „paradiesischen Glücksumstände auf Erden“. Damit wird unbewusst, die Aufhebung der Spannung angestrebt, die sich aus der erheblichen Abstand ihres wirklichen Selbstwertgefühls und ihres Geltungsanspruches ergibt und mit einem überwältigenden Gefühl der Minderwertigkeit verbunden ist.

Der IS repräsentiert in diesem Sinne eine Art „Scheingemeinschaft“, ein Art „Ur-Wir“, welches auf einer Verschmelzungsphantasie der „Wir-brüchigen“ basiert und auf das frühkindliche Erlebnis der Dyade bzw. „symbiotische Einheit“ zurückzuführen ist. Ihr Nativismus drückt sich aus in der demonstrativen Hervorhebung des auf die Scharia reduzierten „Islam“ als eigen definierter Werte, die als normative Struktur des „Islamischen Staates“ wiederbelebt werden sollen (Revivalismus).

Würden die emotionalen Entbindungen der Migranten nicht gefördert und die Chance neuer beruflicher und affektiver Bindungen durch ihre Ermutigung verweigert – indem man ihnen das Gefühl der Selbstachtung und Leistungsfähigkeit vorenthält – entstehen die entmutigten Islamisten. Diese Transformation der islamisch geprägten Menschen in gewaltbereite Islamisten ist dann die Folge einer Umfinalisierung der versagenden Menschen, bei denen sich die Balance zwischen ihrer Kooperations- und Konfliktsbereitschaft zugunsten der letzteren verschiebt. Dies geht aber einher mit der Verschiebung der Balance zwischen ihren überlagerten Schichten des sozialen Habitus zugunsten älterer Schichten. Vor allem zugunsten der vorsprachlichen und unbewussten Ebene, welche dann dominierend handlungssteuernd wirken.

Wenn sie ihre bisherigen Ziele, dazu zu gehören und ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, nicht durch nützliche Mitarbeit erreichen können; wenn sie sich nicht dazugehörig fühlen und sich ihres Wertes nicht sicher sind, finden sie andere Ziele; Ziele, die ihnen größere Möglichkeiten zu bieten scheinen, sich wichtig und bedeutend zu empfinden. Mit der Erlebnis des Versagens und dem sich daraus ergebenden Abwehrprozess der Regression, die zu einer mehr oder weniger starken Infantilisierung führt, bemächtigen sie sich vor allem „Ziele des störenden oder versagenden Kindes“.[14] Jeder dieser Ziele stellt aber ihre Überzeugung dar, unter welchen Umständen sie sich wichtig, bedeutend und dazugehörig fühlen können.

Das erste Ziel ist in der Regel, sich um jeden Preis Beachtung zu verschaffen, weil sie ihr Gefühl der Zusammengehörigkeit von der Beachtung der anderen abhängig machen. Wenn aber die positive Methoden versagen, versuchen sie mit störenden Mitteln die ersehnte Beachtung herbeizurufen.

Wenn der dadurch entstandene Machtkampf mit den Etablierten verstärkt wird, dann versuchen sie ihren Platz in der Gesellschaft durch verschiedene Formen der Machtkämpfe zu gewinnen.

Wenn die Machtkämpfe zu brutalen und gewalttätigen Reaktionen der Etablierten zu ihrer Unterdrückung führen, dann können sie versuchen, andere so zu verletzen, wie sie sich von ihnen verletzt fühlen: Rache ist dann das dritte Ziel, das einzige Mittel, bei dem sie sich zur Geltung bringen können. Deswegen kann der blutrünstige Islamist, der vor laufender Kamera unschuldige Menschen enthauptete, in einem Interview behaupten, erst hier habe er den Sinn seines Lebens gefunden.

Der Islamismus ist deswegen der destruktive Ausdruck des Versagens der islamisch geprägten Menschen, ihren Platz produktiv in der Gesellschaft zu finden. Die bisher bekannt gewordenen Informationen über die rekrutierten Islamisten aus Europa demonstrieren exemplarisch, wie die Verweigerung der Produktivität zur Destruktivität führt.

Allerdings bleiben noch mehr entmutigte Muslime, die jeden Versuch der Beitragsleistung und Anteilnahme aufgeben, da sie keine guten Ergebnisse ihres Bemühens erwarten. Ihre  Passivität und Lethargie manifestiert sich deswegen in ihrem „chiliastischen Quietismus“ in Gestalt der „friedlichen“ Muslime, die ihren „paradiesischen Glückszustand“ nicht unbedingt auf der Erde suchen.

Um aber ihre schlummernde „Aufbruchsbereitschaft zur Herstellung der paradiesischen Zustände“ nicht zu aktivieren, muss eine Deeskalation der gegenseitigen Feindseligkeit und der sie begleitenden Gewaltakte angestrebt werden.

Die Deeskalation hat nur eine Chance, wenn wenigstens die eher distanziertere Seite des Konfliktes in Europa das zunehmende emotionale Engagement bremst. Denn jedes weitere Gefühl der Bedrohung (des Selbstwertes) steigert das emotionale Engagement und führt zu weiterer Eskalation der Gewalt und Gewaltbereitschaft.

In diesem Sinne haben alle Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft sich ihrer Verantwortungsethik bewusst zu werden und sie als einer der Aspekte der Zivilisierung des Verhaltens und Erlebens zu pflegen. Damit soll die Balance zwischen Kooperation und Konflikt zugunsten der ersteren verschoben werden, durch Herstellung und Erweiterung des Mitgefühls mit Mitmenschen relativ unabhängig von ihrer Gruppenzugehörigkeit. Hinzu kommen die allseitige Förderung der beruflichen und staatlichen Bindungen der Menschen als Voraussetzung der Bildung der verantwortungsbewussten „Wirtschaftsbürger“ und „Staatsbürger“ als unverzichtbare Integrationsmaßnahmen. Außerdem ist die Förderung der Identität dieser Bürger als „Weltbürger“, angesichts der zunehmenden Globalisierung zu unabdingbarer Notwendigkeit geworden. Dies wäre aber ohne Förderung des Ethos der Menschenrechte und einer praktischen Verteidigung derselben undenkbar. Vor allem muss mit einem praktischen Diskriminierungsverbot zur Förderung der „Logik des menschlichen Zusammenlebens“ beigetragen werden. Nur mit dieser aktiven Humanisierung der Gesellschaft, in der jeder seinen Nebenmenschen als Gleichwertig anzusehen und mit Respekt zu behandeln lernt, wird sich die Balance zwischen Kooperation und Konflikt zugunsten zunehmender Kooperationsbereitschaft verschieben können.

 

Hannover, 22.10.2015

P.S.: Für weitere Beiträge über Islamismus und Demokratisierungsprobleme in islamisch geprägten Gesellschaften verweise ich auf meine Webseite: http://gholamasad.jimdo.com

 

 

[1] Vgl. Norbert Elias, Zivilisation, in: Bernhard Schäfers (Hrsg.), Grundbegriffe der Soziologie, Opladen 1986, S. 382ff.

[2] ibid.

[3] Vgl.  Alfred Adler, Praxis und Theorie der Individualpsychologie, München 1930/ Köln 2012, S. 14

[4] Vgl. Henry Jacoby, Alfred Adlers Individualpsychologie und dialektische Charakterkunde, Ffm., 1983, S.48

[5] So wie bei Juristen ein Einzelfall unter einen „Allgemeinbegriff“ subsumiert wird, dem er eigentlich nicht angehört wie z.B.  Mord, Diebstahl als  „analogische Begriffe“ bzw. „symbolische Fiktionen“ (vgl. Hans Vaihinger, die Philosophie des Als Ob, Volksausgabe, 1924/2014, S. 32). Somit sind die Kategorien wie Dogmen analogische Fiktionen:  Nach Analogie menschlicher, subjektiver Verhältnisse wird das Wirkliche gedacht. (Ibid., S. 28)

[6] Hans Vaihinger, ibid., S. 205

[7] Ludwig Fleck, Erfahrung und Tatsache, Ffm. 1983, S. 154.

[8] Apperzeption bedeutet, im Unterschied zur Perzeption, die klare und bewusste Aufnahme des jeweiligen Inhalts eines Erlebnisses, einer Wahrnehmung oder eines Denkens.

[9] Vgl. Alfred Adler, Praxis und Theorie der Individualpsychologie, München 1930/ Köln 2012, S. 153

[10] „Wir schauen mit den eigenen Augen, wir sehen mit den Augen des Kollektivs. ( Ludwig Fleck, a.a.O, S. 154)

[11] Alfred Adler, a.a.O, S. 117

[12]  „Als eigentliche Fiktionen im strengen Sinne des Wortes stellen sich Vorstellungsgebilden dar, welche nicht nur der Wirklichkeit widersprechen, sondern auch in sich selbst widerspruchsvoll sind.“ (Hans Vaihinger, die Philosophie des Als Ob, Volksausgabe, 1924/2014, S. 15

[13] Vgl. Dawud Gholamasad, Zur Sozio- und Psychogenese der Selbstmordattentate der Islamisten, unter: http://gholamasad.jimdo.com  Und ders., Iran – Die Entstehung der „Islamischen Revolution“, Hamburg 1985, S. 461ff.

[14] Vergl. Rudolf Dreikurs, Grundbegriffe der Individualpsychologie,  Stuttgart, 19906,   S. 73f. & 99f.

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UNHCR-Report| Weltflüchtlingszahlen 2014

Die Zahl der Menschen, die vor Krieg, Konflikten und Verfolgung fliehen, war noch nie so hoch wie heute. Ende 2014 waren knapp 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Im Vergleich dazu waren es ein Jahr zuvor 51,2 Millionen Menschen, vor zehn Jahren 37,5 Millionen Menschen. Die Steigerung von 2013 auf 2014 war die höchste, die jemals im Laufe eines Jahres von UNHCR dokumentiert wurde.

Die Zahl der Menschen, die vor Krieg, Konflikten und Verfolgung fliehen, war noch nie so hoch wie heute.

15 Konflikte in fünf Jahren treiben Zahlen nach oben

Der massive Anstieg wurde vor allem durch den Krieg in Syrien verursacht. 7,6 Millionen Syrer sind Binnenvertriebene, Flüchtlinge im eigenen Land, und knapp 3,9 Millionen suchten Schutz in den Nachbarländern.

Aber auch in vielen anderen Ländern kam es zu tausendfachem Flüchtlingselend. Allein in den letzten fünf Jahren sind mindestens 15 neue Konflikte ausgebrochen oder wieder entflammt. Darunter Syrien, Irak, Südsudan, Zentralafrikanische Republik, Burundi, Jemen, Ukraine und Myanmar.

„Es ist erschreckend zu beobachten, dass jene straflos bleiben, die Konflikte auslösen. Gleichzeitig scheint die internationale Gemeinschaft unfähig zur Zusammenarbeit, um Kriege zu beenden sowie Frieden zu schaffen und sichern,“ konstatiert UN-Flüchtlingskommissar António Guterres.

So dauern jahrzehntelange Instabilität und Konflikte in Afghanistan, Somalia und anderswo weiter an. Dies bedeutet, dass Millionen von Menschen weiterhin nicht zurückkehren können und immer häufiger als Flüchtlinge und Binnenvertriebene mit ungewisser Zukunft an den Rändern der Gesellschaft leben müssen. Insgesamt konnten im vergangenen  Jahr nur 126.800 Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren – die niedrigste Anzahl seit 31 Jahren.

Die meisten Flüchtlinge in armen Ländern

Selbst in Zeiten stark ansteigender Zahlen sind Flüchtlinge global sehr ungleich verteilt. Reichere Länder nehmen weit weniger Flüchtlinge auf als weniger reiche. Knapp neun von zehn Flüchtlingen (86 Prozent) befanden sich 2014 in Ländern, die als wirtschaftlich weniger entwickelt gelten. Ein Viertel aller Flüchtlinge war in Staaten,  die  auf  der  UN-Liste  der  am  wenigsten  entwickelten  Länder  zu  finden sind.

UN-Flüchtlingskommissar António Guterres mahnt deshalb: „In einer Zeit der beispiellosen Massenflucht und -vertreibung brauchen wir eine ebenso beispiellose humanitäre Unterstützung und ein erneuertes globales Bekenntnis zu Toleranz  und Schutz für Menschen auf der  Flucht vor Krieg und Verfolgung.“

UNHCR Global Trends 2014

Ausgewählte Fakten

  • Ende 2014 waren 59,5 Millionen Menschen auf der Flucht. Dies ist die höchste Zahl, die jemals von UNHCR verzeichnet wurde.
  • Wären alle Menschen auf der Flucht Bürgerinnen und Bürger eines einzigen Landes, wäre dies die 24.-größte Nation der Welt.
  • 2014 flohen im Durchschnitt pro Tag 42.500 Menschen.
  • Einer von 122 Menschen ist entweder Flüchtling oder Binnenvertriebener.
  • 50 Prozent der Flüchtlinge weltweit sind Kinder.
  • 2014 konnten nur 126.800 Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren – die niedrigste Anzahl seit 31 Jahren.
  • 9 von 10 Flüchtlingen (86%) leben in Entwicklungsländern.
  • Die Türkei ist das Land, das weltweit die meisten Flüchtlinge (15,9 Millionen – Ende 2014) aufgenommen hat.

Den kompletten Report, aus dem diese Zahlen stammen, gibt es hier zum Download: Global Trends 2014

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon: Erklärung zum Weltflüchtlingstag 20. Juni 2015

Lassen Sie uns diesen Weltflüchtlingstag zum Anlass nehmen, um an die Not der Millionen von Menschen zu erinnern, die durch Konflikte und Verfolgung gezwungen wurden, ihre Heimat zu verlassen. Ende 2014 befanden sich weltweit 59,5 Millionen Personen als gewaltsam Vertriebene außerhalb ihrer Wohnorte. Das ist die höchste, jemals verzeichnete Anzahl überhaupt. Heute ist einer von 122 Menschen entweder Flüchtling, Binnenflüchtling innerhalb des eigenen Landes, oder Asylsuchender.

Der andauernde Konflik in Syrien, ebenso wie die Krisen im Irak, in der Ukraine, im Nord-Osten Nigerias, dem Südsudan, der Zentralafrikanischen Republik, und in Teilen Pakistans, haben zu einem überwältigenden Wachstum und einer stärker steigenden Zahl weltweiter Zwangsvertreibungen geführt. 2014 wurden täglich 42.500 Menschen zu Flüchtlingen, Asylsuchenden oder Binnenflüchtlingen. Diese Rate hat sich damit in nur vier Jahren vervierfacht. Gleichzeitig bleiben viele langjährige Konflikte ungelöst und die Zahl von Flüchtlingen, die im letzten Jahr in ihre Heimat zurückkehren konnten, war die niedrigste seit über 30 Jahren. Langwierige Anträge auf Asyl erstrecken sich auf bis zu 25 Jahre, bis sie zum Abschluss kommen.

Eine wachsende Anzahl entwurzelter Menschen befindet sich auf der Suche nach Schutz vor Verfolgung und Gewalt. Viele von ihnen haben keine Alternative, als zu versuchen, über gefährliche Wege in Sicherheit zu gelangen. Dies wird durch die wachsende Zahl von Flüchtlingsbooten im Mittelmeer, in Süd-Ost-Asien und andernorts deutlich. In Zeiten wie diesen ist es unerlässlich, dass sich Regierungen und Gesellschaften rund um die Welt wieder verstärkt dafür einsetzen, diejenigen, die in Konflikten oder durch Verfolgung alles verloren haben, Schutz und Sicherheit zu bieten. 86 Prozent aller Flüchtlinge leben in Entwicklungsländern und die internationale Gemeinschaft ist in diesen humanitären Notlagen immer stärker belastet. Daher ist internationale Solidarität und Lastenteilung unbedingt notwendig, um die Bedürfnisse der Vertriebenen, genau wie die ihrer Gastgeber, zu erfüllen.

Flüchtlinge sind Menschen, wie jeder andere auch – Menschen, wie Sie und ich. Bevor sie vertrieben wurden, führten sie einfache Leben und ihr größter Wunsch ist es, wieder in dieses normale Leben zurückkehren zu können.

Lassen Sie uns an diesem Weltflüchtlingstag unserem gemeinsamen Menschsein gedenken, Toleranz und Vielfalt feiern und unsere Herzen den Flüchtlingen dieser Welt öffnen.

Morgenpost| Flüchtlingsheime: Landesamt hat Fehler gemacht

Von  Andreas Abel

Die Versäumnisse des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso) beim Abschluss von Verträgen mit Flüchtlingsheimbetreibern sind offenbar weitreichender als bislang bekannt. Nach Informationen der Berliner Morgenpost weisen alle von Wirtschaftsprüfern durchleuchteten Verträge gravierende Mängel auf. Das betreffe nicht nur Vereinbarungen mit den privaten Heimbetreibern Pewobe und Gierso, sondern auch solche, die mit freigemeinnützigen wie etwa der Arbeiterwohlfahrt (Awo) abgeschlossen wurden. Zudem gebe es Hinweise, dass diese Mängel auch bei älteren Verträgen auftreten. Bislang wurde von der Amtsführung stets erklärt, die wegen stark gestiegener Flüchtlingszahlen angespannte Personalsituation sei der Grund für mögliche Versäumnisse.

Sozialsenator Mario Czaja (CDU) äußert sich dazu nicht. Er verweist auf den Abschlussbericht der Wirtschaftsprüfer, der am Donnerstag vorgestellt werden soll. Czaja hatte die Kontrolleure beauftragt, nachdem im vergangenen Winter der Vorwurf laut geworden war, das Lageso würde private Heimbetreiber bevorteilen. Auch der Präsident des Landesamtes, Franz Allert, geriet unter Druck, als bekannt wurde, dass die Firma Gierso von seinem Patensohn geleitet wird. Eine interne Revision ergab zwar keine Hinweise auf Korruption oder rechtswidrige Entscheidungen, allerdings wurde eine mangelhafte Aktenführung kritisiert. Auch die Staatsanwaltschaft und der Landesrechnungshof ermitteln wegen der Vorgänge im Lageso.

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Activist’s Mother Decries 14-Year Sentence for Her Daughter’s Peaceful Activities

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Atena Daemi, a children’s rights and civil activist, was sentenced to 14 years in prison, receiving the combined maximum penalty for each of her charges, as a result of her peaceful activism.

In an interview with the International Campaign for Human Rights in Iran, Daemi’s mother, Massoumeh Nemati,  relayed that Daemi had been sentenced to seven years in prison for “assembly and collusion and propaganda against the state,” to three years for “insulting the Supreme Leader and the sacred,” and to four years for “concealing crime evidence.”

“Atena was taken to Judge Moghisseh’s office on Sunday, May 10, 2015, to be informed of her sentence. I went to court, too, to see her. I was feeling very bad that day, full of worry. When she came out of Judge Moghisseh’s office, to avoid upsetting me, she told me that she had been sentenced to seven years in prison. But a few days later, her lawyer was served with her sentence ruling and he informed us that my daughter has been sentenced to 14 years in prison,” Massoumeh Nemati told the Campaign.

Daemi, 27, was arrested on October 21, 2014, by the Islamic Revolutionary Guards and has been in detention in Evin Prison ever since. Her trial was held on March 7, 2015.

Atena Daemi and four other young individuals —Omid  Alishenas, Ali Nouri, Atena Feraghdani, and Aso Rostami—were separately interrogated in the same case. Atena Feraghdani’s case was later reviewed independently, and the three other individuals’ trial was held on March 4, 2015

Massoumeh Nemati told the Campaign that her daughter’s lawyer has appealed the court’s decision. “We hope that she would be acquitted from some of her charges, reducing her prison sentence. At any rate, following the appeal court’s decision, Article 134 of the New Islamic Penal Code will be observed through which Atena will be sentenced to the maximum punishment of [only] her most serious charge.”

Asked about Ms. Daemi’s physical and psychological conditions, her mother told the Campaign, “Atena is really stressed after hearing the verdict; she is not well at all. Last week she had stomach bleeding and high blood pressure and she was told at the prison infirmary that her treatment outside of the prison would need a request from the Prosecutor. We took the necessary steps and now we hope that she would be transferred to a hospital for treatment next week.”

“My request is that my daughter’s case is reviewed fairly at appeals level. Based upon which evidence was she sentenced to 14 years in prison? They say that her participation in the Kobani protest gathering represents ‘assembly and collusion.’ But it must be determined whether her presence at this gathering has jeopardized national security [or not]. It is not clear based on which instances my daughter has been charged,” said Massoumeh Nemati.

“Atena says herself that she doesn’t have any political knowledge to be considered a political prisoner! She was not a member of any political parties or groups, and has never engaged in political activities. My daughter is not a criminal who should be serving 14 or 7, or any other number of years in prison. She is now 27, and is in poor psychological condition. How much longer should she stay in prison? I request her release. If her case is reviewed with justice, she should not spend another day in prison,”  the activist’s mother added.

A source close to Atena Daemi’s case told the Campaign in May that, “She was accused of ‘insulting the Supreme Leader and the sacred’ because of some jokes and some Shahin Najafi [protest] songs found on her cell phone. Other than these, there is no other [evidence of] actions Atena may have taken [to support] these two charges. She has repeatedly apologized and explained that she meant no insult.”

The source also told the Campaign that all her charges are based on her posts on Facebook, information stored on her cellular phone, and her participation in gatherings against the death penalty and gatherings in support of the children of Kobani in Syria.

Source: International Campaign for Human Rights in Iran

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