WDR| Sitzplätze reserviert für Deutsche

Sitzplätze reserviert für Deutsche

Von Stephanie Grimme

Ein Linienbus des Essener Verkehrsunternehmens EVAG war präpariert: Nur Menschen mit deutschem Ausweis dürfen vorne sitzen. Unglaublich! Und auch nicht wahr: Es handelte sich um ein Sozial-Experiment des WDR – mit versteckter Kamera.

Sendung zum Thema

Quarks & Du | Dienstag, 25. August 2015, 21.00 Uhr | WDR-Fernsehen

Ein WDR Team von „Quarks & Du“ hat heute in einem Bus der EVAG einen Test gegen Rassismus gemacht. Viele haben das provokante Projekt kommentiert. Das Ergebnis gab es gerade in der Lokalzeit Ruhr und jetzt hier: https://www.facebook.com/wdrlokalzeitruhr

Posted by WDR Lokalzeit Ruhr on Dienstag, 23. Juni 2015


Aufkleber im Bus: Diese Plätze sind für Deutsche reserviert
äuschend echt, aber nur ein Experiment

„Diese Plätze sind für Inhaber eines gütligen deutschen Personalausweises reserviert.“ Diese Aufkleber waren an den Fenstern eines Busses der Linie 160 zu sehen, die von Essen-Borbeck über Rüttenscheid bis nach Essen-Stoppenberg führt. Sie waren so authentisch im typisch gelb-blauen Design der EVAG, dass sie kaum bemerkt wurden. Diejenigen, die sie bemerkten, waren aber empört. Eine Frau riss den Aufkleber ab und wollte sich bei der EVAG beschweren. Es gingen auch mehrere Beschwerde-Anrufe von anderen Fahrgästen bei der EVAG ein.

„Hier steht keiner auf!“


Menschen sitzen in einem Bus und schauen in die Kamera. Sie sind zum Teil dunkelhäutig. Daneben hängt ein Schild, dass Ausländer hinten sitzen müssen.
Alles nur ein Fake: Ausländische Fahrgäste müssen hinten sitzen

Aber das Fernsehteam der neuen Sendung „Quarks & Du“ trieb es noch weiter auf die Spitze. Ein angeblicherEVAG-Kontrolleur forderte ausländische Fahrgäste auf, sich nach hinten zu setzen. Da wurden die restlichen Fahrgäste dann wach und setzten sich heftig für die Ausländer ein. „Hier setzt sich keiner weg„, sagte ein jüngere Frau, stand auf und stellte sich schützend vor die Ausländer. „Ich habe die Nazi-Zeit erlebt. Das darf nie wieder sein,“ erregte sich eine ältere Dame. „Hier steht keiner auf!“

Extrem engagierte Fahrgäste

Bevor die Situationen komplett eskalierten, gab sich das Kamerateam dann aber zu erkennen und lobte die Fahrgäste für ihr mutiges Einschreiten. „Ich bin wirklich überrascht, wie engagiert die Fahrgäste reagiert haben„, sagt Regisseur Dirk Gion. Und lobte auch die EVAG. Das Fernseh-Team habe viele verschiedene Organisationen für dieses Sozial-Experiment angefragt: Supermärkte, Mensen in Universitäten und andere Verkehrsunternehmen. Alle hatten Angst, dass ein negatives Image haften bleibt. Die EVAG hat aber mitgemacht: „Wir sehen darin die Chance, unseren Mitarbeitern, die aus allen möglichen Nationen kommen, und unseren Fahrgästen klar zu machen, dass es so einen Rassismus bei uns nicht gibt,“ begründet Unternehmenssprecher Olaf Frey das Ja zu der Aktion.

Weniger Rassismus?


Eine versteckte Kamera in einem Kaffeebecher
Kameramann Klaus Reinelt: Seine Kamera ist versteckt in einem Kaffeebecher

Empirischen wissenschaftlichen Methoden entspricht das Experiment nicht. Dafür wurden zu wenig Reaktionen dokumentiert. Aber wissenschaftlich begleitet wurde die Fahrt dennoch. Mit im Bus war die Rassismusforscherin Madeleine Preuß vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung in Bielefeld. „Ich bin positiv erstaunt, wie heftig die Fahrgäste reagiert haben. Das ist eine sehr extreme Situation, in der natürlich auch reagiert werden muss, weil man weiß, welche Reaktion erwartet wird.“ Das hieße allerdings nicht, dass diese Menschen nicht doch auch in anderen Situationen rassistisch sein können. „Latenten Rassismus an Schulen oder am Arbeitsplatz zu erkennen und einzugreifen ist viel schwieriger.“ Dennoch scheint sich in der Gesellschaft etwas bewegt zu haben. Vor 21 Jahren wurde in der Mensa der Uni Münster ein ähnliches Experiment gemacht. Ausländer und Deutsche sollten unterschiedliche Wege benutzen. Damals wurde diese Aufforderung von den meisten Deutschen klaglos akzeptiert.

Das Sozial-Experiment wird am 25. August um 21 Uhr im WDR-Fernsehen in der neuen Fernsehsendung „Quarks & Du“ ausgestrahlt.

Quelle. WDR

Veröffentlicht am 24. Juni 2015 in Deutschland, Flüchtlinge, Rassismus, WDR und mit , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Kommentare deaktiviert für WDR| Sitzplätze reserviert für Deutsche.

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