Kurier| Vea Kaiser: Meine faszinierende Reise nach Teheran

„Wenn das so weitergeht, werden in fünfzehn Jahren die Frauen vom persischen Golf sagen: Macht Platz ihr Idioten. Wir wollen durch.“

Die KURIER-Kolumnistin erlebte bei ihrem Besuch die unbekannte Seite des Mullah-Staates.

Am Ende des Abends sitzen wir zu zweit in seinem Wohnzimmer im 17. Stock. Eins nach dem anderen erlischen die Lichter der Hochhäuser. In welchem Teil Teherans wir uns befinden, weiß ich nicht. Seit ich in dieser Stadt bin, vertraue ich darauf, dass mich die Taxifahrer zur richtigen Adressen bringen und zittere während der Fahrt vor Unfällen auf den verstopften, im Chaos versinkenden Straßen, wo nur eine einzige Verkehrsregel gilt: Irgendwie durchkommen. Jemanden nach dem Weg zu fragen, ist sinnlos, denn die Iraner sind so hilfsbereit und freundlich, dass sie einen, selbst wenn sie keine Ahnung haben, trotzdem irgendwohin schicken. Ein räumliches Genie, wer in der zu rasch gewachsenen 11-Millionen-Metropole den Überblick behalten kann. Die Wohnzimmermöbel sind noch immer an die Wand geschoben. Die Sessel, auf denen noch kurz zuvor Gäste aus aller Welt zusammensaßen, speisten, Whiskey tranken und diskutierten, recken ihre leeren Sitzflächen in den Raum. Ich bin der letzte Gast bei Mahmoud Dowlatabadi, dem renommiertesten iranischen Schriftsteller. Er sitzt neben mir, den Knöchel auf dem Knie abgelegt, als wären seine Gliedmaßen aus Gummi, und zündet eine lange dünne Zigarette an. An der Wand hängen Bilder, die ihn mit ausländischen Politikern zeigen, mit seinem soeben verstorbenen Freund Günther Grass, und ich schiebe es auf die Fotographie aus seiner Ballett-Zeit, dass er mit fünfundsiebzig Jahren, schlohweißes Haar, schlohweißer Schnauzbart, beweglicher und dehnbarer ist als ich mit meinen sechsundzwanzig.

„Verstumme niemals“

Vea Kaiser mit Ahoo, Negar und Monir, zwei iranisc…
Vea Kaiser (2. v. li.) mit Ahoo, Negar und Monir – Foto: /Vea Kaiser

„Das schlimme am Alter ist die Einsamkeit, mich trifft sie doppelt, immerhin bin ich hier ohnehin isoliert“, sagt er, und blickt durch die Balkontür in den dunklen, durch orangem Dunst gefilterten Teheraner Himmel. Sterne sieht man im Smog nicht. Die Stadt, an den Hängen des Elburs-Gebirges gebaut und von vier Millionen Autos durchrast, hat eine Luftqualität, als wäre sie mit einer Käseglocke überstülpt. Wer es sich leisten kann, zieht in den Norden, so weit wie möglich die Berghänge hoch.

Veröffentlicht am 12. Juli 2015 in 2015, Civil Rights, Human Rights, Iran, Kultur, Tourismus, Women Rights und mit , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Kommentare deaktiviert für Kurier| Vea Kaiser: Meine faszinierende Reise nach Teheran.

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