RBB| Ausstellung „Tehran 94“ in Berlin – „Wir sind Iraner und wir sind friedlich“

Graffiti-Künstler Oham One (Quelle: rbb/ Anna Corves)

Audio: Inforadio | 20.07.15 | Beitrag: Anna Corves

Graffiti – bei diesem Wort schwillt so manchem Hausbesitzer die Halsschlagader an. Aber was die einen als Schmiererei ansehen, ist in manchen Ländern ein wichtiges Instrument kritischer Meinungsäußerung. Eine Gruppe junger Iranerinnen hat nun für eine Ausstellung Graffiti-Kunst aus ihrer Heimat nach Berlin gebracht. Von Anna Corves

Graffiti sind eigentlich auf der Straße zuhause, auf Fassaden, Mauern und Brücken. Drei junge Iranerinnen haben sie aber an Galeriewände in Berlin-Kreuzberg gebracht. Persische Schriftzüge wurden auf Leinwände gebannt, figürliche Motive wie Köpfe und Körper mit Hilfe von Schablonen gesprüht – so hastig, wie es illegale Kunst oft nötig macht. Graffiti hat viele Gesichter, so wie die iranische Gesellschaft auch, sagt Kuratorin Sadaf Saie: „Im Iran gibt es so viele junge Menschen, die in vielen unterschiedlichen Kunstbereichen tätig sind. Die möchten etwas anderes zeigen als das, was die Europäer aus dem Iran schon kennen.“

Sadaf Saie (links) und Sonia Saie veranstalten die Graffiti-Ausstellung von Iranischen Künstlern in Berlin (Quelle: rbb/ Anna Corves)
Sadaf Saie (li.) und Sonia Saie kuratieren die Berliner Ausstellung

Kein Visum für die Künstler

Graffiti und Hip-Hop also statt Perserteppiche und Orient-Romantik aus Tausendundeiner Nacht. Einige Werke spannen trotzdem den Bogen zur Tradition, vor allem jene, die verschiedene Medien mischen. Ein Siebdruck fällt auf, auf dem das urbane Motiv einer U-Bahn-Rolltreppe mit einem Mosaik-Dekor überzogen ist. Oder das schwarz-weiße Foto-Porträt einer Frau, deren eine Hälfte des Gesichts von feinen Kalligraphie-Zeichnungen verdeckt ist. Die meisten Arbeiten sind per Post nach Berlin gelangt, seine vier Mitstreiter haben kein Visum bekommen, erzählt Oham, der einzig anwesende Künstler: „Als Iraner ein Visum zu bekommen ist sehr schwierig, 90 Prozent der Anträge werden abgelehnt. Es wird gedacht, dass junge Leute hier sofort einen Asylantrag stellen.“

Oham selbst lebt seit zwei Jahren in Deutschland  – als Angehöriger einer religiösen Minderheit wurde er im Iran verfolgt. Sprayen war für den 23-Jährigen ursprünglich kein politischer Protest, sondern schlicht Hip-Hop. „Iranische Künstler wollen kein politisches Graffiti machen. Aber die Regierung denkt, dass es politisch ist.“

„Hoffnung“ ist suspekt

Zwar sorgt die Regierung in Iran selbst für jede Menge bemalte Wände. Doch auf ihnen sind iranische Märtyrer dargestellt, die im Krieg mit dem Irak gefallen sind. Oder Motive gegen den Nach-wie-vor-Erzfeind-USA, wie die Freiheitsstatue mit Totenkopf-Antlitz. Wild gesprühte Graffiti aber, selbst schlichte Schriftzüge wie „Hoffnung“, wie sie auch in der Ausstellung zu sehen sind, sind dem Regime suspekt, werden schleunigst übermalt.

Graffiti-Werke des Künstlers Bam Bam aus dem Iran (Quelle: rbb/ Anna Corves)
Besucherin in der Galerie SomoS in Neukölln

„Ein Graffiti ist vielleicht nur für wenige Stunden zu sehen. Dann sind die Wände sofort wieder weiß.“ Sprayer riskieren in Iran hohe Haftstrafen. Auch Oham wurde festgenommen. Er gehörte zum harten Kern der etwa 20 Profi-Sprayer. Neben ihnen gibt es im ganzen Land zahlreiche Hobby-Sprayer, auch ein paar Frauen gehören dazu. Die Szene wächst seit Jahren rasant. Sie nutzt Graffiti als Sprachrohr. Auch Oham. In jedem seiner Werke taucht das „Peace“-Zeichen auf: Friede. „Ich will damit sagen wir sind Iraner und wir sind friedlich. Wir sind nicht radikal, wir sind keine Islamisten oder Terroristen.“

Er wünscht sich, dass sich sein Land nach dem Atom-Abkommen nun auch innenpolitisch, gesellschaftlich öffnen wird. Hoffnung, eines Tages in seine Heimat zurückkehren zu können, hat er allerdings keine.

Quelle: RBBonline – Inforadio

Veröffentlicht am 23. Juli 2015 in 2015, Berlin, Iran, Kultur, Tehran 94 und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Kommentare deaktiviert für RBB| Ausstellung „Tehran 94“ in Berlin – „Wir sind Iraner und wir sind friedlich“.

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