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Banning of Films Continues under Rouhani Administration, 14 Movies Now Forbidden

Banning of Films Continues under Rouhani Administration

Despite repeated statements made by President Rouhani regarding the need to allow more cultural freedoms in Iran, the banning of films in the Islamic Republic has continued unabated during his two-year administration.

The latest film added to the list of forbidden cinema came just last month, in July 2015, when the Ministry of Culture and Islamic Guidance, which is under the direct authority of President Rouhani,banned Rastakhiz. This brought to 14 the number of films that have not received permission for public screening in Iran since 2007.

Although most of these films were prevented from screening during Mahmoud Ahmadinejad’s presidency (2005-2013), they have yet to be seen by the public two years after Hassan Rouhani replaced him.

The most frequent reasons for the bans include references in the films to the mass peaceful protests that followed the disputed 2009 presidential election in Iran, a highly sensitive subject in the Islamic Republic that hardliners continue to refer to as the “sedition,” and issues with what is perceived as actresses’ “poor” hijab (female attire).

On June 5, 2013, during his presidential election campaign, Rouhani promised he would “hand over the monitoring of cultural matters to the people,” and he questioned how any individual censor could fairly judge a film’s religious violations. Such remarks increased hopes that banned films would make their way to the cinemas if Rouhani was elected.

Statements in support of cultural freedom continued during Rouhani’s presidency. In a meeting with artists and cultural figures on January 8, 2014, he stated, “Viewing the arts as a security concern is the biggest mistake.” He went on to say, “If there is no freedom, true artistic creations would not be produced. We cannot create and produce arts on order. Any type of security atmosphere can nip arts in the bud.”

In June 2015, at a press conference marking the second anniversary of his election to office, in response to a question by a reporter about the widespread cancellation of concerts over the past year, Rouhani said, “In the cultural domain, we believe cultural affairs should be relinquished to the people of culture, and the atmosphere must be facilitated so that consumers and producers of cultural works can meet.”.

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RBB| Ausstellung „Tehran 94“ in Berlin – „Wir sind Iraner und wir sind friedlich“

Graffiti-Künstler Oham One (Quelle: rbb/ Anna Corves)

Audio: Inforadio | 20.07.15 | Beitrag: Anna Corves

Graffiti – bei diesem Wort schwillt so manchem Hausbesitzer die Halsschlagader an. Aber was die einen als Schmiererei ansehen, ist in manchen Ländern ein wichtiges Instrument kritischer Meinungsäußerung. Eine Gruppe junger Iranerinnen hat nun für eine Ausstellung Graffiti-Kunst aus ihrer Heimat nach Berlin gebracht. Von Anna Corves

Graffiti sind eigentlich auf der Straße zuhause, auf Fassaden, Mauern und Brücken. Drei junge Iranerinnen haben sie aber an Galeriewände in Berlin-Kreuzberg gebracht. Persische Schriftzüge wurden auf Leinwände gebannt, figürliche Motive wie Köpfe und Körper mit Hilfe von Schablonen gesprüht – so hastig, wie es illegale Kunst oft nötig macht. Graffiti hat viele Gesichter, so wie die iranische Gesellschaft auch, sagt Kuratorin Sadaf Saie: „Im Iran gibt es so viele junge Menschen, die in vielen unterschiedlichen Kunstbereichen tätig sind. Die möchten etwas anderes zeigen als das, was die Europäer aus dem Iran schon kennen.“

Sadaf Saie (links) und Sonia Saie veranstalten die Graffiti-Ausstellung von Iranischen Künstlern in Berlin (Quelle: rbb/ Anna Corves)
Sadaf Saie (li.) und Sonia Saie kuratieren die Berliner Ausstellung

Kein Visum für die Künstler

Graffiti und Hip-Hop also statt Perserteppiche und Orient-Romantik aus Tausendundeiner Nacht. Einige Werke spannen trotzdem den Bogen zur Tradition, vor allem jene, die verschiedene Medien mischen. Ein Siebdruck fällt auf, auf dem das urbane Motiv einer U-Bahn-Rolltreppe mit einem Mosaik-Dekor überzogen ist. Oder das schwarz-weiße Foto-Porträt einer Frau, deren eine Hälfte des Gesichts von feinen Kalligraphie-Zeichnungen verdeckt ist. Die meisten Arbeiten sind per Post nach Berlin gelangt, seine vier Mitstreiter haben kein Visum bekommen, erzählt Oham, der einzig anwesende Künstler: „Als Iraner ein Visum zu bekommen ist sehr schwierig, 90 Prozent der Anträge werden abgelehnt. Es wird gedacht, dass junge Leute hier sofort einen Asylantrag stellen.“

Oham selbst lebt seit zwei Jahren in Deutschland  – als Angehöriger einer religiösen Minderheit wurde er im Iran verfolgt. Sprayen war für den 23-Jährigen ursprünglich kein politischer Protest, sondern schlicht Hip-Hop. „Iranische Künstler wollen kein politisches Graffiti machen. Aber die Regierung denkt, dass es politisch ist.“

„Hoffnung“ ist suspekt

Zwar sorgt die Regierung in Iran selbst für jede Menge bemalte Wände. Doch auf ihnen sind iranische Märtyrer dargestellt, die im Krieg mit dem Irak gefallen sind. Oder Motive gegen den Nach-wie-vor-Erzfeind-USA, wie die Freiheitsstatue mit Totenkopf-Antlitz. Wild gesprühte Graffiti aber, selbst schlichte Schriftzüge wie „Hoffnung“, wie sie auch in der Ausstellung zu sehen sind, sind dem Regime suspekt, werden schleunigst übermalt.

Graffiti-Werke des Künstlers Bam Bam aus dem Iran (Quelle: rbb/ Anna Corves)
Besucherin in der Galerie SomoS in Neukölln

„Ein Graffiti ist vielleicht nur für wenige Stunden zu sehen. Dann sind die Wände sofort wieder weiß.“ Sprayer riskieren in Iran hohe Haftstrafen. Auch Oham wurde festgenommen. Er gehörte zum harten Kern der etwa 20 Profi-Sprayer. Neben ihnen gibt es im ganzen Land zahlreiche Hobby-Sprayer, auch ein paar Frauen gehören dazu. Die Szene wächst seit Jahren rasant. Sie nutzt Graffiti als Sprachrohr. Auch Oham. In jedem seiner Werke taucht das „Peace“-Zeichen auf: Friede. „Ich will damit sagen wir sind Iraner und wir sind friedlich. Wir sind nicht radikal, wir sind keine Islamisten oder Terroristen.“

Er wünscht sich, dass sich sein Land nach dem Atom-Abkommen nun auch innenpolitisch, gesellschaftlich öffnen wird. Hoffnung, eines Tages in seine Heimat zurückkehren zu können, hat er allerdings keine.

Quelle: RBBonline – Inforadio

Kurier| Vea Kaiser: Meine faszinierende Reise nach Teheran

„Wenn das so weitergeht, werden in fünfzehn Jahren die Frauen vom persischen Golf sagen: Macht Platz ihr Idioten. Wir wollen durch.“

Die KURIER-Kolumnistin erlebte bei ihrem Besuch die unbekannte Seite des Mullah-Staates.

Am Ende des Abends sitzen wir zu zweit in seinem Wohnzimmer im 17. Stock. Eins nach dem anderen erlischen die Lichter der Hochhäuser. In welchem Teil Teherans wir uns befinden, weiß ich nicht. Seit ich in dieser Stadt bin, vertraue ich darauf, dass mich die Taxifahrer zur richtigen Adressen bringen und zittere während der Fahrt vor Unfällen auf den verstopften, im Chaos versinkenden Straßen, wo nur eine einzige Verkehrsregel gilt: Irgendwie durchkommen. Jemanden nach dem Weg zu fragen, ist sinnlos, denn die Iraner sind so hilfsbereit und freundlich, dass sie einen, selbst wenn sie keine Ahnung haben, trotzdem irgendwohin schicken. Ein räumliches Genie, wer in der zu rasch gewachsenen 11-Millionen-Metropole den Überblick behalten kann. Die Wohnzimmermöbel sind noch immer an die Wand geschoben. Die Sessel, auf denen noch kurz zuvor Gäste aus aller Welt zusammensaßen, speisten, Whiskey tranken und diskutierten, recken ihre leeren Sitzflächen in den Raum. Ich bin der letzte Gast bei Mahmoud Dowlatabadi, dem renommiertesten iranischen Schriftsteller. Er sitzt neben mir, den Knöchel auf dem Knie abgelegt, als wären seine Gliedmaßen aus Gummi, und zündet eine lange dünne Zigarette an. An der Wand hängen Bilder, die ihn mit ausländischen Politikern zeigen, mit seinem soeben verstorbenen Freund Günther Grass, und ich schiebe es auf die Fotographie aus seiner Ballett-Zeit, dass er mit fünfundsiebzig Jahren, schlohweißes Haar, schlohweißer Schnauzbart, beweglicher und dehnbarer ist als ich mit meinen sechsundzwanzig.

„Verstumme niemals“

Vea Kaiser mit Ahoo, Negar und Monir, zwei iranisc…
Vea Kaiser (2. v. li.) mit Ahoo, Negar und Monir – Foto: /Vea Kaiser

„Das schlimme am Alter ist die Einsamkeit, mich trifft sie doppelt, immerhin bin ich hier ohnehin isoliert“, sagt er, und blickt durch die Balkontür in den dunklen, durch orangem Dunst gefilterten Teheraner Himmel. Sterne sieht man im Smog nicht. Die Stadt, an den Hängen des Elburs-Gebirges gebaut und von vier Millionen Autos durchrast, hat eine Luftqualität, als wäre sie mit einer Käseglocke überstülpt. Wer es sich leisten kann, zieht in den Norden, so weit wie möglich die Berghänge hoch.

taz| Filmzensur im Iran: Da sind Haare unterm Kopftuch

Die Kulturpolitik im Iran hat sich gelockert. Doch die Strukturen der Zensur sind weiterhin undurchsichtig und heimtückisch.

Eine junge Frau mit Kopftuch und ein junger Mann in der Ubahn. Er flüstert ihr etwas zu.

Offene Worte oft nur hinter vorgehaltener Hand: Still aus Rakhshan Bani-Etemads Film „Tales“. Foto: Archiv

Filmpremieren könnten für eine berühmte und beliebte Regisseurin wie Rakhshan Bani-Etemad eigentlich Routine sein. Das Schicksal von „Tales“, ihrem jüngstem Werk, illustriert allerdings alle Widersprüche eines Landes, in dem die Kultur immer schon ein Kampfplatz politischer Auseinandersetzungen gewesen ist.

Im Februar 2014 feierte „Tales“ (Ghasse-ha) beim wichtigsten iranischen Filmfestival „Fajr“ Premiere. In die Kinosäle allerdings kam er nicht, auch nicht nachdem „Tales“ bei der Biennale in Venedig im September 2014 den Preis für das beste Drehbuch erhalten hatte. Erst Anfang Mai dieses Jahres ist „Tales“ schließlich in den Kinos von Teheran und anderen iranischen Städten erfolgreich angelaufen.

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Iranischer Dokumentarfilm „No Land’s Song“ : Wiedergefundene Stimme

Es klingt nach einem kühnen Unterfangen: Im Iran, einem Land, in dem Solo-Gesänge von Frauen in der Öffentlichkeit nicht mehr erlaubt sind, beabsichtigt eine Frau, ein Konzert zu organisieren, auf dem ausschließlich Frauen auftreten. Der Dokumentarfilm „No Land’s Song“ zeigt, was bei diesem Experiment herausgekommen ist. Von Richard Marcus

Unter der Regie ihres Bruders Ayat Najafi legt die iranische Komponistin Sara Najafi in dem Dokumentarfilm „No Land’s Song“ Zeugnis ab von ihrem Kampf gegen die Bürokratie, die Intoleranz und die Angst der Regierung ihres Landes, um ihren Traum eines Konzertes von Frauen zu verwirklichen.

Der Film ist auch eine Geschichtsstunde über die längst vergagenen Tage des Kabaretts und der großen Gesangsveranstaltungen in Teheran. Begleitet von Parvin Namazi, einem Sänger, der bereits vor der Islamischen Revolution aktiv war, führt uns Najafi durch die iranische Hauptstadt und zeigt uns das, was von dem ehemaligen Kabarettbezirk übrig ist. Was dort aussieht wie marode Lagerhallen, erweist sich als Überbleibsel schöner Rokoko-Theater, die sich auch in Paris befinden könnten.

Der Film führt uns in Cafés und Musikgeschäfte, wo wir ältere Männer treffen, die über die Tage vor der Revolution sprechen, als sie noch die Kabaretts besucht und den Sängern und der Musik zugehört hatten.

Es ist in diesem Zusammenhang wohl unmöglich, von Sängerinnen im Iran zu sprechen, ohne dabei Qamar-ol-Moluk Vaziri zu erwähnen. Denn in den 1920er Jahren war sie die erste Frau, die öffentlich vor einem gemischten Publikum und ohne Hidschab gesungen hat. Sie war es auch, die Najafi zu ihrem Projekt inspirierte, um den Stimmen der Frauen im Iran wieder Gehör zu verschaffen.

Zwischen erlaubten und verbotenen Klängen

Filmplakat "No Land's Song"

Rote Linien durchbrechen: Der Dokumentarfilm „No Land’s Song“ handelt von Sara Najafis Bemühungen, ihre Welt zu verändern und den Frauen ihres Landes ihre Stimme wiederzugeben.

Als Komponistin kennt sich Sara Najafi in der iranischen Musikgeschichte und mit den Verboten nach der Revolution sehr gut aus. Ironischerweise beginnen trotz der Einschränkungen und der begrenzten Möglichkeiten für Frauen jedes Jahr viermal mehr junge Frauen eine musikalische Ausbildung als Männer. Najafi spricht über einige der Schwierigkeiten, vor denen Frauen als Musikschülerinnen und -lehrerinnen stehen. Sie berichtet darüber, wie sie Unterrichtsstunden auf ausschließlich theoretischer Basis geben musste – ohne dabei tatsächlich zu singen, da sich Männer im Raum aufhielten.

Angesichts solcher Hindernisse scheint ihr Ziel, die offizielle Erlaubnis dafür zu erhalten, Sängerinnen vor einem gemischtgeschlechtlichen Publikum singen zu lassen, vergeblich und zum Scheitern verurteilt zu sein. Noch komplizierter wird ihre Mission durch ihre Entscheidung, französische Musiker teilnehmen zu lassen, darunter drei Sängerinnen aus Paris: Elise Caron, Jeanne Cherhal und Emel Mathlouthi. Die Umstrittenste von den dreien Musikern ist zweifelsohne Mathlouthi, deren Lied „Kelmti Horra“ (Meine Welt ist frei) zur Hymne der Frauen im Arabischen Frühling avancierte.

Es ist gewiss kein Zufall, dass die alten Theater in Teheran an die in Paris erinnern. Denn zwischen der französischen und der iranischen Musikszene gab es einmal starke kulturelle Verbindungen. Eines der Projektziele Najafis besteht deshalb darin, diese Verbindungen wiederzubeleben.

Leider wurden im iranischen Klima nach der Unterdrückung der „Grünen Bewegung“ Ideen, die den konservativen Status Quo erschüttern, nicht sehr gern gesehen. Wie kann man Gesetze überwinden, die auf der Idee beruhen, Frauen seien für die Handlungen von Männern verantwortlich? Najafi besucht einen religiösen Gelehrten, um die Gründe dafür herauszufinden, warum den Frauen das Singen schwer gemacht wird. Sie bekommt die Antwort, die Singstimme einer Frau könne die Gedanken der Männer vom Pfad der Tugend ablenken.

Orwellscher Alptraum

Als wäre dies nicht schlimm genug, sind ihre Gespräche mit dem Kultusministerium über das Konzert auch noch von einer bürokratischen Doppelzüngigkeit geprägt, die wohl selbst George Orwell Alpträume bereitet hätte. Diese Treffen durfte Najafi zwar nicht filmen, aber sie konnte zumindest Tonaufnahmen von dieser Begegnung machen, die die Hindernisse deutlich machen, vor die sie gestellt wurde. Zuerst sieht es so aus, als hätte ihr Projekt keine Chance. Ihr wurde gesagt, sie solle die nächste Präsidentschaftswahl abwarten: „Vielleicht werden die Dinge dann besser sein“, heißt es aus dem Off.

Und nach der nächsten Präsidentschaftswahl, die von der momentanen gemäßigten Regierung gewonnen wurde, hieß es: „Nun, das ist ein schwieriges Thema, und wir wollen den konservativen Elementen keinen Grund geben, Unruhe zu stiften“. Sie wird gebeten, Kompromisse einzugehen. Sogar ihr bereits die Erlaubnis erteilt wurde, die französischen Musiker für ein öffentliches Konzert in den Iran einzuladen, wird sie in letzter Minute ins Kultusministerium bestellt. Nachdem die Beamten eine Konzertprobe gesehen haben, ändern sie schließlich ihre Meinung darüber, das Konzert öffentlich stattfinden zu lassen. Erst als die französischen Musiker damit drohen, ohne Auftritt wieder nach Hause zu fahren, machen die Tugendwächter einen Rückzieher und lassen sie gewähren.

Allen Widrigkeiten zum Trotz

Der Dokumentarfilm erzählt nicht nur die persönliche Geschichte Najafi, sondern bietet auch tiefe Einblicke in den Iran, wie wir sie nur selten zu sehen bekommen. Ja, es gibt Unterdrückung und Angst, aber ebenso lässt sich auch eine Atmosphäre der Hoffnung erkennen. Man wird gewahr, dass der Iran keine monolithische Einheit darstellt, wo alle die gleiche Meinung haben. Vielmehr handelt es sich um eine Gesellschaft unterschiedlicher Menschen mit einem feinen Gespür für ihre Identität und die Geschichte ihres Landes.

Najafi selbst ist ein wunderbares Beispiel dafür. Wenn es scheint, als seien all ihre Hoffnungen vergeblich und die Bürokratie ihres Landes übermächtig, vergießt sie zwar Tränen. Unterkriegen lässt sie sich jedoch nicht. Ihre Lebensfreude und Willenskraft ist inspirierend, und diese schöpft sie auch aus ihrer Liebe zu ihrem Land.

Die Tatsache, dass Najafi das scheinbar Unmögliche erreicht und nicht nur das Konzert veranstaltet, von dem sie geträumt hat, sondern sogar die Erlaubnis bekommt, es zu filmen, ist an sich schon ein wunderbares Zeichen. Aber der Film zeigt auch, dass Najafi selbst eine bemerkenswerte Persönlichkeit ist. Er veranschaulicht, was ein fest entschlossener Mensch erreichen kann, wenn er sich nur genug dafür einsetzt.

Richard Marcus

Quelle: Qantara.de 2015

Morgenpost| Was ein Styling-Video über den Iran verrät

Nur 60 Sekunden ist das Video lang, das gerade Hunderttausende fasziniert: Darin werden 100 Jahre iranische Kulturgeschichte anhand von Modetrends erzählt. Was das Ganze über das Land heute sagt.

Von Sonja Gillert

Mit viel Schminke, Haarspray, Kopftüchern und Lockenwicklern klärt ein Fashion-Video ganz nebenbei über die iranische Geschichte auf. Ein Model wird in dem kurzen Film mit dem typischen Make-up und der beliebtesten Frisur des jeweiligen Jahrzehnts gestylt. Spannend wird es im Kommentarbereich: Die Einlassungen unter dem YouTube-Video offenbaren, wie stark die islamische Führung bereits Einfluss genommen hat – denn freizügigere Darstellungen von Frauen überraschen vor allem die Leser im Ausland.

„Ich war geschockt, die Frauen unverschleiert zu sehen … komisch, dass sie sich zurückentwickelt haben“, wundert sich nicht nur einer der Zuschauer in einem Kommentar unter dem Video. Gemeint sind wohl die vielfältigen Frisuren, die nicht durch einen Schal oder ein Kopftuch versteckt sind und im Iran zwischen 1930 und 1980 ein modebewusstes Statement waren. „Warum hat sich über die Jahre die Kopfbedeckung geändert?“, fragt ein anderer YouTube-Nutzer. Schnell bekommen er und andere verdutzte Zuschauer von Kommentatoren Geschichtsnachhilfe.

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„Blau ist eine warme Farbe“: Übersetzung im Iran zugelassen

Die iranische Regierung wird von konservativen Medien kritisiert, weil sie die Übersetzung des Comic-Romans „Blau ist eine warme Farbe“ von Julie Maroh zugelassen hat. „Wie kann das Kultusministerium die Übersetzung dieses Buches erlauben?“, schrieb das Webportal „Salehin“ am Freitag.

Ein Roman, der Werbung für Homosexualität mache, sei gegen alle religiösen und moralischen Werte der iranischen Gesellschaft, hieß es in einem Leitartikel. In der Graphic Novel geht es um die Beziehung zweier Frauen. Die Verfilmung von Abdellatif Kechiche gewann 2013 in Cannes die Goldene Palme.

Auch das erzkonservative Webportal „Chamrannews“ kritisierte Kultusminister Ali Dschannati wegen der Erlaubnis, den französischen Comic-Roman zu übersetzen und zu veröffentlichen. Dschannati ist seit geraumer Zeit wegen liberalerer Kulturpolitik Zielscheibe von Hardlinern im Iran. Der Roman wurde von der im Ausland lebenden Autorin und Künstlerin Sohejla Dschodejri ins Persische übersetzt. Ihr wird nun im Iran vorgeworfen, für Homosexualität zu werben.

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Deutschlandradio| MAHDIEH MOHAMMADKHANI: Verbotene Stimme aus dem Iran

Von Bamdad Esmaili

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Die iranische Musikerin Mahdieh Mohammadkhani mit dem Dastan Ensemble
Die iranische Musikerin Mahdieh Mohammadkhani mit dem Dastan Ensemble während ihres Kölner Konzerts. (Foto: Bamdad Esmaili)

Frauen dürfen im Iran nicht in der Öffentlichkeit singen. Das strikte Gesangsverbot gilt sogar für traditionelle Musik. Mahdieh Mohammadkhani ist im Iran durch das Internet trotzdem zum Star geworden. Die Newcomerin ist das neue Gesicht der traditionellen iranischen Musik.

Mahdieh Mohammadkhani ist grade mal 28 Jahre jung, doch als Sängerin erlebte sie schon nach zwei Jahren ihren Durchbruch. Im Iran ist die Newcomerin die zur Zeit wohl angesagteste Sängerin für traditionelle iranische Musik. Und das obwohl es in dem Land Frauen verboten ist, öffentlich zu singen, seitdem die islamische Religionsführer vor gut 36 Jahren die Macht übernahmen.

Das Gesangsverbot ist eigentlich untypisch für den Iran, denn historisch gab es vor der islamischen Revolution immer wieder Frauen, die als Sängerinnen in Erscheinung traten. Für Mahdieh Mohammadkhani bedeutete das Verbot, dass sie sich erst mit 22 Jahren entschloss, eine Karriere als Sängerin einzuschlagen.

„Das Singen war schon immer meine große Liebe. Es hat mich seit meiner Kindheit unbewusst begleitet. Ich erinnere mich, dass es mein erster Berufswunsch als Kind war, vielleicht mit vier oder fünf Jahren, Sängerin zu werden. Mit 20 habe ich mich nochmal an meinem Kindheitstraum erinnert und dachte, vielleicht kann ich ja diesen Traum verwirklichen.“

Die Musterschülerin studiert aber zunächst Architektur. Erst als Mahdieh Mohammadkhani das Studium abschließt, beginnt sie in Teheran damit, Gesangsunterricht zu nehmen.

„Ich hätte nicht gedacht, dass es auch Kurse für Frauen gibt, die dort traditionelle persische Musik singen. Aber in der Akademie entdeckte ich einen Kurs. Von der ersten Stunde an fühlte ich mich magisch angezogen. Diesen Gesangskurs besuche ich bis heute.“

In der Gesangslehre von Mohammad Reza Shajarian

Dort wurde Mahdieh Mohammadkhani mit allen „Dastgah´s“ – den Modi der traditionellen iranischen Musik – vertraut gemacht. Zudem erkannte der renommierten Sänger und Musiklehrer Mohammad Reza Shajarian ihr Talent . Er nahm sie in seinen begehrten Gesangs-Kursen auf. Im vergangenen Jahr schaffte Mohammadkhani mit ihrem Debütalbum „Darya Del“ und den Song „Khooshe chin“ den Durchbruch und wurde prompt zum Liebling von Fans der traditionellen iranischen Musik.

Öffentliche Konzerte darf Mahdieh Mohammadkhani wegen des Gesangsverbots im Iran bis heute nicht geben. Dennoch sorgte kürzlich ein Video im Netz für Aufregung. In dem Film war ein Auftritt der Sängerin mit dem Ensemble „Mah“ und dem Komponisten Majid Darakhshani in Teheran zu sehen. Im Beisein des iranischen Kulturministers. Die Nachricht verbreitete sich in den sozialen Netzwerken wie ein Lauffeuer: Zum ersten Mal seit 36 Jahren, traute sich eine Sängerin, das Tabu zu brechen. Mahdieh Mohammadkhani wurde im Netz als Heldin gefeiert. Doch die Meldung erwies sich schnell als falsch.

„Ich frage mich immer noch, wer dieses Gerücht verbreitet hat. Denn es war nicht so. Wir haben für eine gemeinnützige Organisation ein kostenloses, privates Konzert gegeben. Da wurde auch das Video aufgenommen. Danach wurde dieses Gerücht verbreitet“

Kritiker werden eingeschüchtert

Über das Gesangsverbot spricht Mahdieh Mohammadkhani noch immer nur sehr vorsichtig. Denn die Regierung in Teheran nutzt jede Gelegenheit, um ihre Kritiker einzuschüchtern. Erst vor Kurzem wurde Mohammadkhanis Förderer, der Musiker Majid Derakhshani, am Flughafen an der Ausreise gehindert. Sein Pass wurde ihm abgenommen. Eine offizielle Begründung gab es nicht, aber der Verdacht liegt nahe, dass das Regime Derakhshanis Engagement für iranische Sängerinnen bestraft.

Immer wieder hat er sich kritisch in ausländischen Medien über die Lage weiblicher Musikerinnen im Iran geäußert. Derakhshani hat außerdem eine Band gegründet, in der nur Frauen spielen. Tar-Spieler Hamid Motebassem, der lange in Deutschland gelebt hat, ist zur Zeit mit seinem Ensemble Dastan gemeinsam mit Mahdieh Mohammadkhani auf Europatour.

Hamid Motebassem: Sie hat eine sehr saubere Stimme, die Intonationen sind perfekt. Und das ist eine Schande für eine Nation, dass die Frauen still bleiben müssen. Aber indem wir mit einer Sängerin arbeiten, fördern wir auch die Frauen im Iran.“

Mahdieh Mohammdkhani ist trotz des Gesangsverbotes zum neuen Star der persischen Musikszene geworden. Weil sie keine CDs verkaufen darf und ihre Musik auch nicht im Radio gespielt wird, wurde sie vor allem dank des Internets und ihrer Musikvideos im Iran bekannt. Um ein weiteres Zeichen gegen die Unterdrückung iranischer Künstlerinnen zu setzen, hat die junge Frau vor kurzem das Frauen Ensemble „Shahnava“ gegründet. Ihr größter Wunsch? In ihrer Heimat aufzutreten.

„Ich glaube, jede Frau wünscht sich das. Dass sie frei und ungehemmt das, wofür ihr Herz schlägt, was ihre größte Leidenschaft im Leben ist, ausüben kann. Mir geht es genauso. Ich wünsche mir, dass ich eines Tages im Iran singen darf und jeder diese klassische iranische Musik hören kann.“

Am Sonntag, dem 18. Januar 2015, singt Mahdieh Mohammadkhani mit dem Dastan Ensemble ab 18:00 Uhr live in Münster.

Quelle: Deutschlandradio

Afghanische Redensarten und Volksweisheiten: „Die Ankunft des Königs führt zum Untergang des Dorfes“

Afghanistan ist ein Vielvölkerstaat und ein Land voller Redensarten und Volksweisheiten. Sie sind ein fester Bestandteil der Kultur, die jedoch vielen jungen Afghanen immer weniger geläufig ist. Der Deutsch-Afghane Noor Nazrabi hat viele Redewendungen gesammelt und jetzt ein Nachschlagewerk auf Deutsch und Dari veröffentlicht. Kathrin Erdmann stellt es vor.

Seine ganzen Ersparnisse hat Noor Nazrabi in sein Buch „Afghanische Redensarten und Volksweisheiten“ gesteckt. „Und meine ganze Liebe, deshalb habe ich auch keine Freundin“, sagt er breit lächelnd, während er in einem Hamburger Unicafé über sein erstes eigenes Werk erzählt. Der 30 Jahre alte Nazrabi arbeitet als interkultureller Trainer, hat Marketing und Kommunikation studiert und für die Buchreihe eigens den Afghanistik Verlag gegründet.

„Viele Menschen interessieren sich in Deutschland für Afghanistan, aber sie hören immer nur von Krieg und Konflikten. Doch es gibt noch viele andere Seiten, von denen ich eine der schönsten zeigen wollte“, sagt er.

Die 200 Seiten des Nachschlagewerks sind in insgesamt acht Kapitel aus den unterschiedlichen Lebensbereichen unterteilt. Es geht um Gott und den Glauben, den Menschen und die Gesellschaft, ebenso wie um den Zyklus des Lebens. Alle Sprichwörter sind alphabetisch geordnet, in Dari und lateinischer Umschrift sowie Übersetzung aufgeführt. Weil nicht alle Sprichwörter selbsterklärend sind, liefert der Autor jeweils eine Interpretation dazu.

Redensarten als pädagogische Maßnahme

Illustration von Moshtari Hilal in "Afghanische Redensarten und Volksweisheiten" von Noor Nazrabi

Anhaltend hoher Stellenwert von Sprichwörtern und Volksweisheiten in Afghanistan: „Viele Menschen glauben an die Weisheiten, handeln nach ihnen. Sie geben auch Auskunft über innerliche Befindlichkeiten“, erklärt der Autor.

So erfährt der Leser, dass die Redensart „Die Ankunft des Königs führt zum Untergang des Dorfes“ im übertragenen Sinne meint, das nicht jeder zum Regieren geeignet sei. Und er entdeckt – wenn auch erst auf den zweiten Blick – so manche Parallele zu deutschen Sprichwörtern. So sagt der Afghane zum Beispiel „Die Welt vergeht in Hoffnung essen“, was so viel bedeutet wie: Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

„Redensarten werden in Afghanistan oft auch als pädagogisches Mittel eingesetzt“, fährt Noor Nazrabi fort, blättert durch das Buch und zeigt auf den Spruch „Eigentum ist wie Salzwasser“. „Das bedeutet, wenn man Geld hat, strebt man nach immer mehr, aber das ist nicht gut. Man sollte von Habgier Abstand nehmen.“

Dass Sprichwörter und Volksweisheiten in Afghanistan vor allem in der älteren Bevölkerung immer noch einen enormen Stellenwert haben, liegt aus Sicht des Autors vor allem an der schlechten Bildungssituation vieler Menschen. 70 Prozent könnten nicht schreiben und lesen, bei den Frauen seien es sogar noch mehr. „Viele Menschen glauben an die Weisheiten, handeln nach ihnen. Sie geben auch Auskunft über die innerliche Befindlichkeit einer Person“, erklärt Nazrabi.

Die gebackene Frau

Interessant sind unter anderem die Kapitel über die Männer- und Fraueneigenschaften. Dem Mann werden Eigenschaften wie Stärke und Mut zugeschrieben, den Frauen eher Schwatzhaftigkeit.  Manches lässt einen auch schmunzeln wie zum Beispiel die Zuschreibung „gebackene“ Frau, was Nazrabi mit „kluge und intelligente“ Frau übersetzt. Im Deutschen würde man vielleicht eher sagen: eine „gestandene“ Frau.

Diskriminierende Floskeln sowie Plattitüden hat der Autor bewusst ausgeschlossen, wie es im Vorwort heißt. Dennoch gibt es einige geschlechterabwertende Sprichworte wie „Treue dem Hund, Untreue den Frauen“, ein Sprichwort über die Untreue der Frauen. Der Autor hat Redensarten wie diese entsprechend gekennzeichnet.

Für sein Werk ist der Autor extra in seine alte Heimat gereist. Er war in alten Bibliotheken, hat Professoren in Afghanistan kontaktiert und viel mit Bekannten und Verwandten gesprochen. Sein Nachschlagewerk sei in dieser Ausführlichkeit einzigartig, ist er sicher. Es ist das erste von insgesamt vier Bänden, je zwei in Deutsch-Dari und in Deutsch-Paschtu sind geplant.

„Die Kultur auch im Exil zu erhalten“

Noor Nazrabi möchte seinem Volk, das so lange im Krieg gelebt hat, damit ein Stück Identität zurückgeben. „Afghanistan ist ein Vielvölkerstaat, der sich gerade findet. Die Redensarten können dazu beitragen, sich der eigenen, gemeinsamen Kultur und Herkunft bewusst zu werden“, hofft er.

Buchautor Noor Nazrabi; Foto: Afghanistik Verlag

„Afghanistan ist ein Vielvölkerstaat, der sich gerade findet. Die Redensarten können dazu beitragen, sich der gemeinsamen Kultur und Herkunft bewusst zu werden“, hofft Noor Nazrabi.

Zugleich ist das Buch für junge Afghanen und Afghaninnen in Deutschland gedacht. „Viele haben keinen richtigen Bezug mehr zur Kultur und Heimat ihrer Eltern, weil sie selbst in Deutschland geboren und aufgewachsen sind“ und vielleicht könne sein Buch ihnen ja Lust darauf machen, sich wieder mehr damit zu beschäftigen, hofft der Deutsch-Afghane.

Lust auf Lesen macht das Buch allemal, auch weil es durch die Illustratorin Moshtari Hillal immer wieder Neues zu entdecken gibt. Mit ihren mal fein, mal fett gezeichneten Figuren, einzelnen hervorgehobenen Redewendungen in Deutsch und Dari hat das Buch etwas Uneinheitliches, so wie Afghanistan mit seinen vielen Völkern.

Ein Dankeschön an Deutschland

Der aufmerksame Leser wird an einzelnen Stellen feststellen, dass hier und da ein Wort fehlt oder vielleicht auch über den einen oder anderen Begriff stolpern, der so im Deutschen unüblich ist.

Vollständiger Artikel

Teheran ist die Hauptstadt für Nasenkorrekturen

von Dina Nayeri

Als ich vorletztes Halloween entschied, mich als moderne Teheranerin zu verkleiden, hatte ich mehrere Monate unter frisch emigrier­ten Iranern zugebracht. Meine neuen Freundinnen-alle moderne Frauen aus Teheran-berieten mich dabei. Für mein Kostüm benötigte ich eine Mischung aus offensichtlichen und überraschenden Requisiten: ein Kopftuch, dessen Enden im Jackie-Kennedy-Stil nach hinten geworfen werden, mehrere Schichten Make-up (die kreischende Eitelkeit der Teheranerinnen und all das), ein hautenges schwarzes Kleid (iranische Frauen lieben es, die Gesetze der Islamischen Republik auszuloten), besonders große Volumeneinsätze fürs Haar (aufgebauschtes Haar ist eine Art kultureller Spleen, ähnlich wie enge Hosen bei europäischen Männern. Im Iran gilt eine hohe Wölbung unter dem Kopftuch als echter Antörner.) Und zum Schluss brachte mein Expertinnenteam noch ein kleines, aber entscheidendes Detail ins Spiel, das meiner Figur der authentischen vornehmen Teheranerin den letzten Schliff verleihen sollte. Sie musterten mich und eine von ihnen meinte, „Dir fehlt noch ein Pflaster auf der Nase.“

„Die Nase hab ich ja schon“, sagte ich und zeigte auf mein einziges gekauftes Körperteil. Seit meinem 18. Lebensjahr weist sie elegant nach oben. Ich mag Amerikanerin sein, aber ich bin auch Perserin, wollte ich damit sagen. Natürlich habe ich mir die Nase machen lassen.

Auf einem Spaziergang durch Teheran trifft man überall auf glamouröse Frauen mit Hijabs und teuren Sonnenbrillen, deren Nasen an markanter Stelle „Ehrenpflaster“ zieren, oft lange, nachdem die Wunden abgeheilt sind. Die Befürchtung, damit die Obrigkeit vor den Kopf zu stoßen, haben sie nicht.

Für viele junge Perserinnen ist diese Art der Zurschaustellung durchaus sinnvoll, vor allem wenn es darum geht, einen guten Ehemann zu finden. Das Pflaster ist ein Zeichen dafür, dass die Frau aus einer Familie kommt, die für sie sorgt und es sich leisten kann-was allemal besser ist, als lediglich die genetischen Anlagen für ein kleines Näschen zu haben.

Im Iran werden im Vergleich weltweit die meisten Nasenkorrekturen durchgeführt. Schätzungen zufolge lassen sich dort viermal so viele Leute die Nase machen wie in Amerika. Gerade für ein islamisches Land ist das bemerkenswert, und laut einerGuardian-Story vom März 2013 beschränkt sich diese Praxis nicht nur auf die Reichen; auch Verkäuferinnen, Büroangestellte, Studentinnen und Teenager geben ihre Ersparnisse für die OP aus oder verschulden sich dafür. Obwohl Schönheitsoperationen innerhalb der Kultur mittlerweile absolut gängig sind, hat die Islamische Republik bislang kaum Missfallen daran geäußert. In den 1980ern billigte Ajatollah Khomeini die Nasenkorrektur unter Verweis auf Hadith: „Gott ist schön und liebt die Schönheit.“ Und doch, wie BBC im Juni 2014 berichtete, zeigt der staatliche Fernsehsender Tehran TV in seinem Programm keine Schauspieler oder Schauspielerinnen mehr, die sich einer Schönheitsoperation unterzogen haben.

Seit der Revolution 1979, die den Schah zu Fall und die Islamische Republik an die Macht brachte, gilt Teheran als die Nasenkorrekturhauptstadt der Welt. Warum kam es ausgerechnet in einem muslimischen Land zu dieser Entwicklung? Es steht außer Frage, dass die iranische Kultur auf das Verhalten der Menschen stärkeren Einfluss hat als der Islam, und für diese hat körperliche Schönheit in all ihren Formen seit Jahrhunderten einen hohen Stellenwert. Unter dieser Voraussetzung scheint folgende Erklärung plausibel: Weil der obligatorische Hijab nur den kleinen runden Ausschnitt des Gesichts als Darstellungsfläche für Schönheit und Ausdruck offen lässt, sind iranische Frauen völlig besessen von ihrem Gesicht. Sie wünschen sich feine, symmetrische und europäische Züge. Und weil so viele junge Frauen bereit sind, sich dafür unters Messer zu legen und zu verschulden, ist die Nasenkorrektur zu einer Art iranischem Initiationsritus geworden. Heute, nach ein paar Jahrzehnten, hat sich dieser Trend auch in der iranischen Diaspora verbreitet. Für viele persische Frauen und einige Männer ist die Operation ein Indikator, nicht nur für körperliche Schönheit, sondern auch für Reichtum und gesellschaftliche Stellung. Im Vordergrund steht weniger die Eitelkeit als der Wunsch, einer Schicht von Iranern anzugehören, die europäisch aussehen, amerikanische Bücher lesen, reisen und einen westlichen Lebensstil pflegen. So wurde die Beseitigung eben jenes persischen Nasenhöckers, der die unverwechselbare iranische Hakennase ausmacht, ironischerweise zu einem identitätsstiftenden Merkmal. Das Schönheitsideal des iranischen Gesichts hat sich offenbar gewandelt, und obwohl die Operation den eindeutig orientalischen Teil des Gesichts verändert, ist dies letztendlich eine sehr iranische Entscheidung.

Wenn dieser Trend jedoch von dem restriktiven Dresscode der Islamischen Republik herrührt, warum hat er sich dann auch in der iranischen Diaspora so ausgebreitet? Und warum begann er sich schon vor 1979 zu entwickeln? Meine Mutter, Großmutter und Tante ließen sich ihre Nasen in jungen Jahren richten, und alle drei sind konservative Frauen. Meine Großmutter, die sich der Operation in den späten 1960er Jahren unterzog, hatte sich die Nase zuvor bei einem Sturz verletzt-was allerdings eine beliebte Ausrede ist. Sie erzählte, der Arzt habe, bevor er den Bruch richtete, gemeint: „Wenn wir schon mal dabei sind, könnten wir Ihre Nase doch auch ein wenig verkleinern.“ Meine Mutter und meine Tante taten es ihr in den frühen 1970er Jahren gleich. „Damals hatten das nur sehr wenige andere Mädchen“, sagte meine Mutter, um deren Nase ich sie seit meiner Kindheit beneidet habe. „Das war Luxus. Weil ich aber an der medizinischen Fakultät war, konnte ich es umsonst machen lassen.“ Wenn auch eine Seltenheit zur damaligen Zeit, war die Entscheidung dennoch ein Nebenprodukt der iranischen Normen in Bezug auf Ehe und Brautwerben. „Nach ihrer Nasen-OP wollten alle deine Tante heiraten“, erzählte meine Mutter. „Ihre alte Nase … war sehr najoor.“ Für dieses tolle Wort gibt es leider keine adäquate Übersetzung. Es bezeichnet jedenfalls etwas tragisch Unschönes.

Dr. Benjamin Rafii, ein persischer Halsnasenohrenchirurg in Los Angeles, hält das Phänomen nicht für eine Reaktion auf den Islam. „Die Iraner verbindet seit 50 Jahren eine enge kulturelle Beziehung mit Europa“, sagt er. „Nach dem europäischen Schönheitsideal haben persische Frauen viele wünschenswerte Schönheitsmerkmale-mandelförmige Augen, volle in einem hohen Bogen verlaufende Augenbrauen, ausgeprägte Wangenknochen; nur die Nase, die häufig auch noch ein auffälliger Höcker schmückt, sticht als zu groß und unförmig heraus. Sie ist das erste Ziel bei kosmetische Optimierungen.“

Als meine Mutter jung war, vor der Revolution und dem obligatorischen Kopftuch, trieb dieser europäische Einfluss viele berühmte Leute auf den Operationstisch. „Damals ließen sich viele iranische Prominente operieren“, erzählte meine Mutter.

In den frühen 1970er Jahren war das Verfahren noch nicht so ausgereift. Anstelle einer modernen Schiene musste meine Mutter eine Tamponade aus gut zweieinhalb Meter Verbandsmull über sich ergehen lassen; sie wurde ihr tief in die Nasenlöcher bis in den Rachen gestopft. In den 60er und 70er Jahren hatte außerdem jeder Arzt seinen eigenen Nasenkorrekturstil. „Wer zum Arzt meiner Schwester ging, hatte danach die gleiche Nase wie sie, flacher und weniger spitz. Wer zu meinem Arzt ging, hatte meine, dünn und spitz. Heute lassen die Ärzte die Patienten aus mehreren Modellen auswählen. Früher hatte jeder Arzt nur ein Modell.“

Auch ich war mit der „persischen Nase“ geschlagen. Als verpickelte 17-Jährige in Oklahoma, die ihre Nase am liebsten in Bücher steckte, begann ich mir langsam Gedanken darüber zu machen, wie ich wohl aussehen würde, wenn ich nach Princeton ginge. Meine Mutter wollte nicht, dass ich mich mit Jungs traf, Make-up trug oder sonstige Eitelkeiten auslebte, aber sie fuhr mit mir ohne Vorwarnung in die Praxis eines Schönheitschirurgen und meinte: „Du kannst sie dir machen lassen, wenn du willst.“ Ich nahm ihr Angebot dankend an.

Jetzt habe ich nur noch eine Tante, die ihre ursprüngliche Nase behalten hat, und manchmal sehe ich sie und ihre Töchter neidisch an. Ein Teil von mir möchte gern wissen, wie ich wohl mit meiner Nase als Erwachsene ausgesehen hätte. Aber ich sage mir einfach, dass ich durch die OP iranischer geworden bin. Sie ist ein Initiationsritus, den ich mit meiner Mutter, Tante, Großmutter und Tausenden von anderen Frauen aus meinem Heimatland teile. Welche Version von mir ist also persischer? Die Antwort ist kompliziert. Ich kann viele Argumente und Fakten aufführen, aber emotional ist es ein ziemliches Durcheinander. Wann immer ich einen iranischen Freund oder Liebhaber hatte, dessen Nase wie meine alte war, habe ich mich ein wenig zu sehr in ihn verliebt. Heißt das etwa, dass ich mich nach meinem ursprünglichen Gesicht zurücksehne?

Irgendwie war es an jenem Halloween kein gutes Gefühl, dieses Pflaster auf der Nase zu tragen. Den ganzen Abend über fasste ich mir immer wieder an das Pflaster und ertappte mich dabei, wie ich mir vorsichtshalber Erklärungen zurechtlegte. Irgendwann riss ich es ab. Ich sah auch ohne Pflaster iranisch genug aus-ich habe die mandelförmigen Augen, die Augenbrauen, spreche die Sprache, werfe den Schal aufmüpfig nach hinten. Mein Gesicht ist mein Gesicht.

Source: VICE

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